9punkt - Die Debattenrundschau

Der Staat kann!

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.03.2015. Die Welt erinnert an Bismarck und sieht in seinem Kulturkampf den Sündenfall des deutschen Liberalismus. Die NZZ denkt über Selfie-Sticks und perfekte Fremdwahrnehmung nach. Die SZ lässt sich in Vancouver vom Fortschrittsglauben anwehen. Die FR fürchtet den 237-fach beleidigten Tayyip Erdogan. Und die FAZ rudert sich schon mal warm für die Facebook-Galeere.

Geschichte

Mit einem Spezial erinnert die Literarische Welt an den vor zweihundert Jahren geborenen Otto von Bismark. Alan Posener sieht im Kulturkampf gegen die - durchaus reaktionären und illoyalen - Katholiken den Sündenfall des deutschen Liberalismus und die Vorlage für die heutige Auseinandersetzung mit dem Islam: "Geht es Liberalen immer darum, die Staatsmacht einzuhegen, so handelte Bismarck immer nach dem Motto "Der Staat kann!". Der Kulturkampf weitete die Befugnisse des Staates aus, gewöhnte die Deutschen an die Vorstellung, dass sich der Staat in der Tat in Lebensbereiche einmischen kann, die bis dahin als sakrosankt galten: Ehe, Familie, Erziehung, Religion. Es sollte fortan keine Parallelgesellschaften - wie man sie heute nennen würde - geben, keine Loyalitäten, die über der Treue zum Staat standen. Diese zutiefst illiberale Haltung ist den Deutschen in Fleisch und Blut übergegangen; man findet sie bis heute bei vielen Menschen, die sich für fortschrittlich und demokratisch und liberal halten, auf die aber Moscheen und Kopftücher so aufreizend wirken wie Kruzifixe und Mönchskutten auf ihre liberal-illiberalen Ahnen."

Weiteres: In der NZZ schreibt der Historiker Christoph Jahr zu Bismarck und hält vor allem dessen Verachtung für Wilhelm Tell für heuchlerisch: "Das Taktieren aus dem Hinterhalt war Otto von Bismarck keineswegs fremd." Bernhard Lang erinnert ebenda an die vor fünfhundert Jahren geborene Mystikerin Teresa von Avila. Im Tagesspiegel plädiert Caroline Fetscher für Forschung, Aufklärung und Erinnerung, um gerade auch in Afrika die endlose Gewaltspirale aufzuhalten.
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Religion

In einem Vorabdruck aus ihrem neuen Buch wünscht sich Ayaan Hirsi Ali in der Welt einen entschlossenen Kalten Krieg gegen den Islamismus: "Der Westen hat den Kalten Krieg nicht nur durch wirtschaftlichen Druck oder die Entwicklung neuer Waffensysteme gewonnen. Von Anfang an erkannten die Vereinigten Staaten, dass der Kampf auch ein ideologischer Wettstreit war. Anders als einige "nützliche Idioten" an linken Universitäten, behaupteten wir nicht, dass das Sowjetsystem unserem moralisch ebenbürtig gewesen sei. Und wir sahen den Sowjetkommunismus auch nicht als eine Ideologie des Friedens an. Vielmehr ermunterten die Vereinigten Staaten über zahlreiche kulturelle Initiativen, die direkt oder indirekt von der CIA finanziert wurden, antikommunistische Intellektuelle dazu, dem Einfluss der Marxisten oder anderer Fellow Travellers auf dem Zug der radikalen Linken etwas entgegenzusetzen."
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Gesellschaft

Nach dem Verbot der Selfie-Sticks in etlichen Museen in Europa und den USA denkt Roman Bucheli in der NZZ mit Roland Barthes über die - rein mentale - Optimierung des Selbstbildes nach: "Die am Ende des künstlich verlängerten Armes montierte Kamera liefert darum die perfekte Fremdwahrnehmung, weil sie in vollkommene Deckungsgleichheit mit der Selbstwahrnehmung gebracht werden kann. Diesem Ich wird nie mehr die böse Entdeckung widerfahren, wie sie einst, nach Lichtenberg, jener Amerikaner machte, der Kolumbus zuerst entdeckte. Der Schock und die Kränkung, dass andere uns mit ihren eigenen Augen sehen und jedenfalls anders, als es unserem eigenen Bild entspricht, soll uns fortan erspart bleiben."

Der unbegrenzte Fortschrittsglaube ist nicht Andrian Kreyes Sache, aber bei der TED-Konferenz in Vancouver ließ er sich doch ganz gern davon anwehen, wie er in der SZ schreibt: "Mehr Optimismus geht nicht. Dies sind die Männer und Frauen, die mit dem Cyberspace so etwas wie die vierte Dimension erobert haben, und nun, da sie ihre Macht und ihren Reichtum gefestigt haben, suchen sie nach neuen Herausforderungen. Seuchen und Armut sind Probleme, für die es Lösungen geben muss. Weltraum, Ozeane und ewiges Eis sind Neuland, das es zu erobern gilt. Selbst der Tod verliert hier seinen Stachel."

Mit Grausen vernimmt Niklas Maak in der FAZ die Visionen aus Stuttgart, Autos zukünftig aufs selbstständige Fahren hin zu konstruieren: "Die Innenverkleidungen des F015 sind nicht ohne Grund riesige Internet-Displays, und spätestens hier verrät sich die kommerzielle Motivation der neuen Technologie: Wenn man die Autofahrer vom Lenkrad wegbekommt und ihren Blick während der Fahrt von der Straße ins Internet lenkt, eröffnet sich ein Milliardenmarkt. Komfort und Unterhaltung stechen das Ideal von Wachheit, Freiheit und Selbstbestimmung aus, wer nicht lenken, nichts entscheiden muss, lebt entspannter: Darin kann man auch ein deprimierendes Entmündigungsprogramm erkennen."
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Medien

Facebook will das Internet ersetzen, glaubt Mathias Müller von Blumencron und findet in der FAZ deswegen die Pläne, Zeitungsredaktionen künftig direkt für Facebook schreiben zu lassen, fatal: "Ein Teil der deutschen Verlage hat sich in einem zuweilen absurden Kampf gegen Google verschlissen. Dabei ist das Auffinden von Artikeln eine essentielle Hilfe für Leser und Redaktionen. Viel dramatischer wäre es, wenn eine ganze Branche zum Rudersklaven der Facebook-Galeere würde."

Außerdem erklärt Blumencron, warum die FAZ selbstverständlich den Namen des Piloten Andreas Lubitz nennen muss, der für den Tod von 150 Menschen verantworlich ist. In der SZ erklärte Kurt Kister bereits gestern, warum herostratische Wahnsinnstäter kaum Anspruch auf Anonymität haben können.

Frank Nordhausen weist in der FR auf den Report "Demokratie in Gefahr" des Wiener International Press Institutes hin, der die Pressefreiheit in der Türkei durch staatlichen Druck gravierend eingeschränkt sieht: "Gewissermaßen passend dazu war am Donnerstag bekannt geworden, dass Erdogan seit seinem Amtsantritt als Präsident im August gegen insgesamt 237 Personen juristisch vorgegangen ist, weil er sich von ihnen beleidigt fühlt, meist durch Kommentare in sozialen Internetmedien wie Facebook, Twitter oder Instagram."
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