Efeu - Die Kulturrundschau

Denkscharfe Realismuspranke

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30.03.2015. Große Oper in Salzburg mit Ruggero Leoncavallos "Pagliacci" und Pietro Mascagnis "Cavalleria Rusticana". Jonas Kauffmann singt beide Hauptrollen und Philipp Stölzl teilt das Bühnenbild sechsfach. Welt und Tagesspiegel sind hingerissen, während FAZ und Standard besorgt die Stirn kraus ziehen. An Dmitri Tcherniakovs Inszenierung des "Parsifal" in Berlin gefiel vor allem Daniel Barenboims musikalische Leitung. Zeit online ist bestrickt von VAN, einem neuen Tablet-Magazin für klassische Musik. Die FAZ feiert bei den Männerschauen in Paris die Rückkehr des Pfaus. Nur das E-Paper der SZ war heute leider nicht erreichbar.

Bühne


"Cavalleria rusticana" und "Pagliacci" bei den Osterfestspielen in Salzburg. Regie: Philipp Stölzl. Foto: (c) Andreas J. Hirsch

In Salzburg haben die Osterfestspiele mit der von Christian Thielemann dirigierten Doppel-Aufführung von Ruggero Leoncavallos "Pagliacci" und Pietro Mascagnis "Cavalleria Rusticana" begonnen. Mit seinem aufwändigen Bühnenbild hat der vom Film kommende Regisseur Philipp Stölzl dem Stardirigenten allerdings ziemlich die Schau gestohlen, meint Frederik Hanssen im Tagesspiegel: Stölzl "reißt mit einem spektakulären Konzept alle Aufmerksamkeit an sich. Auf der gigantisch breiten Bühne des Großen Festspielhauses betreibt er eine Sechs-Felder-Wirtschaft: In zwei Ebenen liegen je drei Spielflächen übereinander, wobei jede ihren eigenen Vorhang hat. So lassen sich wie bei einem Comic mehrere Handlungen parallel zeigen. Hoch virtuos löst Stölzl die eigentlich für ein Einheitsbühnenbild konzipierte "Cavalleria rusticana" in Dutzende Einzelszenen auf."

In der Welt zollt Manuel Brug erst mal dem Sänger Jonas Kauffmann Tribut, der in beiden Opern eine der Hauptrollen singt. Die Bühne von Stölzl findet er "ungemein raffiniert": "Stölzl entwickelt die theatralische Kraft des Verismo aus der Attitüde des italienischen Stummfilms und siedelt diese gleichzeitig ästhetisch in der schwarz-weiß schraffierten Bilderwelt des frühen Comiczeichners Otto Nückel an."

In der Presse ist Walter Weidringer eher zwiegespalten. Schon beeindruckt, aber: "Filmisch fragmentiert ist freilich auch Stölzls Erzählweise: Teils hervorragende Personenführung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Einheit von Zeit und Ort zerbröckelt; es schleichen sich vermeidbare wie unvermeidliche Ungereimtheiten zwischen Text und Szene ein." Und FAZ-Rezensent Gerhard R. Koch mahnt: "Die Verwendung technischer Medien [bedarf] stets dramaturgischer Plausibilität. Als schicke Zutat mag das immerhin effektvoll sein."


Parsifal, Staatsoper Berlin. Foto: Ruth Walz

Ortswechsel nach Berlin, wo sich die Kritik weitgehend einig ist: An der von Dmitri Tcherniakov inszenierten Aufführung des "Parsifal" an der Berliner Staatsoper überzeugt vor allem Daniel Barenboims Interpretation der Musik. In der taz ist Niklaus Hablützel geradezu ungläubig begeistert: "Menschen spielen ihre Instrumente meisterhaft und erzeugen eine Musik, die so noch nie zu hören war. ... Wer weiß, wie Wagner klingen muss, war enttäuscht. Wir wissen jetzt aber, wie Wagner klingen kann: aufregend, ein bisschen verrückt sogar, extrem und unglaublich lebendig." Und auch die Sangesleistungen wissen ihm bestens zu gefallen.

Peter Uehling (Berliner Zeitung) schlachtet den Regisseur geradezu: Diesem sei "schier gar nichts eingefallen. ... Der gesamte zweite Akt wird zu einer intellektuell peinlichen Verweigerung des Wagnerschen Anspruchs." Und er schlussfolgert: "Wir treten offenbar in eine Krise der Wagner-Regie, während die Aufführung von einer Krise des Wagner-Gesangs nichts mehr weiß." Wenig Freude auch bei Ulrich Amling (Tagesspiegel): "Gewitzt ist das nicht. Und auch keine allzu große Kunst."

Nur Eleonore Büning (FAZ) weiß mit der Regie einiges anzufangen: Mag sein, schreibt sie, dass Tcherniakows entzaubernder Realismus "banal" wirke: "Aber schon im Laufe des Handlungsstillstandes des ersten Aufzuges zeigt dieser Opernregisseur doch wieder seine denkscharfe Realismuspranke vor. Jede einzelne der Figuren ist lebensnah in ihrem Widerspruch, jede hat ihre eigne Geschichte, und selten hat einer diese mit Mythen und Metaphern so dicht befrachtete Story so schlicht und ergreifend erzählt."

Besprochen werden außerdem Brigitte Fassbaenders Inszenierung des "Rosenkavaliers" bei den Osterfestspiele Baden-Baden ("so wenig Lebenstiefe" klagt Christian Wildhagen in der NZZ, FAZ), eine "Giselle" im Opernhaus Zürich (NZZ), eine von Konrad Junghänel dirigirte "Entführung aus dem Serail" in Wiesbaden (FR), Michael Thalheimers Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" in Wien (FAZ) und Luk Percevals Inszenierung von "Die Blechtrommel" am Thalia Theater Hamburg (FAZ).
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Musik

Trotz einiger Anfängerfehler: Volker Hagedorn ist in der Zeit (nachträglich online gestellt) bestrickt von VAN, einem neuen Tablet-Magazin für klassische Musik: "Man genießt das Verspielte und Neugierige, das hier neben dem kritischen Impetus waltet, wie eine Lockerungsübung. Denn hat nicht die Bedeutungssuche, die das intellektuelle Establishment in der Klassik gern betreibt, auch etwas von Rechtfertigung und Deutungshoheit? Setzt man sich nicht zu oft unter Druck, die Relevanz von Musik nachzuweisen, an Namen und Themen, an steil durchziehbaren Thesen?"

Weitere Artikel: Marlene Halser und Jens Uthoff versuchen im taz-Gespräch mit der Deutschrock-Band Frei.Wild, die häufig rechter Tendenzen verdächtigten Band auf ihre Einstellung festzunageln, worauf deren Sänger Burger mit erwartbaren Ausweichmanövern reagiert. Christian Schlüter (Berliner Zeitung), Stefan Hentz (NZZ), Michael Pilz (Welt) und Jörg Wunder (Tagesspiegel) gratulieren Eric Clapton zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert von James Taylor (FR) und das neue Album von Sufjan Stevens (ZeitOnline).
Archiv: Musik

Literatur

Der Tagesspiegel dokumentiert die Dankesrede von Adam Zagajewski, der gerade mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet wurde. Darin denkt der polnische Autor über das Verhältnis zwischen den beiden Brüder Heinrich und Thomas Mann nach: "Im Streit und in der Spannung zwischen den beiden damals noch jungen Brüdern offenbarte sich die tiefe Gespaltenheit der europäischen Kultur, der Widerstreit zwischen zwei gegensätzlichen Traditionen, die mal liebevoll, mal hasserfüllt miteinander rangen und eigentlich bis heute miteinander ringen, auch wenn der Streit inzwischen heute weniger hitzig geführt wird."

Weitere Artikel: Hans Jürgen Balmes (NZZ), Anne Burgmer (Berliner Zeitung), Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Heinrich Detering (FAZ) schreiben zum Tod des Schriftstellers Tomas Tranströmer.

Besprochen werden Dave Eggers" neuer Roman "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" (Tagesspiegel), Rudolf Trefzers Essay "Schlaraffia" (NZZ), Sandra Gugićs "Astronauten" (ZeitOnline) und Jan Brandts "Tod in Turin" (ZeitOnline).
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Archiv: Literatur

Kunst

Sehr fasziniert beobachtet Hanno Rauterberg in der Zeit (nachträglich online gestellt) die enthusiastisch vorangetriebene Ausweitung des Städel Museums ins Digitale, das seine Archive der digitalen Kultur und den sozialen Netzen öffnet, zugänglich macht und zum individuellen Stöbern und Kuratieren einlädt. Einerseits berge das enorme Potenziale, gleichzeitig könne aber auch die Kunst darunter leiden und nicht zuletzt die Autorität des Museums selbst: "Nicht nur im erweiterten Städel werden künftig zwei Ideenwelten aufeinanderprallen: hier das Beharrende, Wägende, Wählende des alten Museums, dort das Vorläufige, Unbeschränkte, sich immerzu Weitende des Internets. Was bei diesem Zusammenprall passiert, ob da etwas freigesetzt wird oder alle nur schwere Blessuren davontragen, weiß niemand. Und schon deshalb ist das Städel zu bewundern. Es geht ein Wagnis ein. Es hat die Zukunft des Museums eröffnet."

Besprochen wird die Ausstellung "Monet, Gauguin, van Gogh - Inspiration Japan" im Kunsthaus Zürich (FAZ).

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Film

Besprochen werden Gianfranco Rosis Dokumentarfilm "Sacro GRA - Das andere Rom" (taz) und Jean-Paul Rouves "Zu Ende ist alles erst am Schluss" (FR).
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Design

Es tut sich was in der Männermode, die schmale, jungenhafte Silhouette, die Hedi Slimane 2001 für Dior Homme geschaffen hatte, wird langsam verabschiedet, notiert Carl Tillessen bei den Schauen in Paris. Statt dessen Layering, weite Hosen, Schmuck, Federn und prächtig bestickte Mäntel, kurz: der Pfau ist zurück. Mit am besten gelang das Dries van Noten, schreibt Tillessen in der FAZ: "Zu den ersten Takten eines alten Liebeslieds öffnet sich ein Tor, und dann läuft alles über den Laufsteg, was an Männerkleidung einmal schön und prächtig war, und was wir den Frauen überlassen haben: phantasievolle Seide der Krawatten und Halstücher, leuchtende Farben und goldene Posamenten der Husarenuniformen, exotisch bedruckte wattierte Hausjacken und -mäntel. Selbst der elfenbeinfarbene Smoking, den Marlene uns gestohlen hat. Dries stiehlt ihn für uns zurück."
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