9punkt - Die Debattenrundschau

Flitterwochen mit der Zukunft

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.03.2015. Im Spectator beklagt Nick Cohen die mangelnde westliche Kritik an Saudi Arabien. Heute erscheint auf Deutsch eine Streitschrift von Raif Badawi: Seine Frau Ensaf Haidar schildert in Resonanzboden den Kampf um seine Freilassung. In der Berliner Zeitung berichtet Götz Aly über den Boom in Israel. In Indien rappen Uppekha Jain und Pankhuri Awasthi  gegen Vergewaltigungen in ihrem Land, das mit allen Kräften die Verbreitung einer BBC-Doku zum Thema behindert. Libération zitiert den Text eines niederländischen Piloten, der vor zwei Monaten genau das Horrorszenario beschrieb, das letzte Woche eintrat.

Politik

Heute erscheint bei Ullstein die Streitschrift "1000 Peitschenhiebe" des saudischen Bloggers Raif Badawi, der immer noch im Gefängnis sitzt, ohne dass zur Zeit die angedrohten wöchentlichen Peitschenhiebe exekutiert werden. Das Resonanzboden-Blog des Verlags bringt einen Text seiner Frau Ensaf Haidar: "Bei jedem Diskussionsforum, bei jedem Interview wiederhole ich meine Botschaften an die saudi-arabische Regierung von Neuem: dass sie doch sicher genau wissen, dass Raif kein Verbrecher ist, sondern ein Meinungshäftling. Und dass sie sich an alle internationalen Konventionen zur Freiheit der Meinungsäußerung zu halten haben. Ich weiß nicht, ob sie mich eines Tages erhören werden oder nicht."

Nick Cohen prangert im Spectator die mangelnde Solidarität westlicher Länder mit der schwedischen Außenministerin Margot Wallström an, die die Behandlung Raif Badawis kritisiert hatte und von Saudi Arabien und der Organisation für Islamische Zusammenarbeit beleidigte Rüffel erhielt. "Es ist ein Zeichen dafür, wie es in der modernen Politik drunter und drüber geht, wenn eine Politikerin, die Frauenrechte in Arabien und Meinungsfreiheit verteidigt, für eine "Neocon" oder gar eine Untersützerin der Rechtspopulisten gehalten wird, deren Menschenrechtsdiskurs nur eine Maske für Hass auf Muslime ist. Aber Margot Wallström ist eine Seltenheit, eine Linke, die für ihre Prinzipien einsteht." Und zum Beispiel auch dafür gesorgt hat, dass Schweden Palästina anerkannt hat. Inzwischen wurde sie auch in Schweden zurückgepfiffen, so Cohen, und zwar auf Druck der Lobby der Waffenindustrie.

In Bangladesch ist ein weiterer säkularer Blogger, Washiqur Rahman, erstochen worden, berichtet Libération mit AFP: "Nach mehreren Quellen schreibt Rahman unter dem Pseudonym Kutshit Hasher Chhana (hässliches Entlein). Zwei der drei Täter, die als Religionsstudenten vorgestellt wurden, sind festgenommen worden, ein dritter ist flüchtig."

In der SZ-Reihe zu afrikanischen Positionen proträtiert Tim Neshitov den Herausgeber der panafrikanischen Zeitschrift Chimurenga, Ntone Edjabe: "Er studierte Philosophie in Nigeria, noch unter der Militärherrschaft, und kam 1993 nach Südafrika, als hier die Hoffnung auf eine neue postkoloniale Zukunft keimte. "In Südafrika herrschte nach Mandelas Freilassung absolute geistige Freiheit. Alles wurde hinterfragt: Gott, Politik, Sex. Es waren Afrikas Flitterwochen mit der Zukunft", sagt Edjabe. Heute komme aus Südafrika nicht mehr viel an geistigen Impulsen. "Der Moment ist verpufft." Aber um panafrikanisch zu publizieren, bleibe Kapstadt dennoch der beste Ort.""

Weiteres: Israel früherer Botschafter in Berlin, Shimon Stein, erklärt in der SZ, warum er ein Problem mit dem drohenden Atomabkommen hat: "Es unterbindet nicht, wie ursprünglich vorgesehen, die Proliferation von Nuklearwaffen. Es managt sie nur."
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Gesellschaft

"Wie bekämpft man die Brutalität einer Kultur der Vergewaltigungen", fragt Greg Seals in The Daily Dot und präsentiert ein #RapAgainstRape-Video, das die Künstlerin Uppekha Jain und die Fernsehmoderatorin Pankhuri Awasthi gegen gegen den Machismo in Indien veröffenlicht haben. Der ganze Text steht bei Youtube. Leider ist Leslee Udwins BBC-Dokumentation "India"s Daughter" über Vergewaltigungen in Indien außerhalb Britanniens nach wie vor nicht zu sehen. "Die indische Regierung bedroht die BBC mit rechtlichen Schritten wegen der Ausstrahlung der Dokumentation und wird immer wieder bei Youtube vorstellig, damit Kopien des Films gelöscht werden", berichtet Seals. "Die BBC scheint langsam einzuknicken, denn eine Kopie, die noch auf Youtube zirkulierte, ist nun gelöscht worden."



Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz schreibt in der FAZ über die Ikonoklasten vom Islamischen Staat: "Die Aktionen des IS sollen vor allem eines erreichen: das letzte einigende Band des ethnisch und religiös heterogenen Iraks kappen, damit der Staat selbst zerfällt. Dieses Band ist das Wissen um die große historische Vergangenheit Mesopotamiens, der Wiege der Zivilisation, auch der westlichen."

Götz Aly schickt für die Berliner Zeitung Post aus Israel, wo er gerade arbeitet: "Das Land boomt. Überall werden neue Straßen und Bahnlinien und Tunnel durchs Gelände gebrochen. Man hört in Europa viel vom Siedlungsbau, dabei geht es jeweils um einige Apartmentblöcke, aufregender ist die tausendfältige Bautätigkeit innerhalb der international anerkannten Grenzen. Noch zwei Jahrzehnte und das Heilige Land ähnelt Singapur."

In der taz stellt Berit Schuck einige ägyptische Kunst- und Medienprojekte vor, die versuchen, unabhängig zu bleiben.
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Medien

(via turi2) In der EU werden Eingriffe ins Presserecht geplant, die "die Arbeit von Whistleblowern, Betriebsräten, investigativen Journalisten massiv behindern" könnten, berichtet der Standard. Die Regelungen betreffen die Weitergabe von "Firmengeheimnissen": "Von Whistleblowern enthaltene Informationen dürften nur noch verwendet werden, so sie einen Misstand im öffentlichen Interesse betreffen, der durch die Veröffentlichung von Unternehmensgeheimnissen aufgedeckt werden kann. Für Journalisten bedeute dies, dass sie künftig checken müssen, ob die Unterlagen dem Rechtsbegriff des "allgemeinen Interesses" unterliegen. Für investigative Journalisten hätte die Regelung weitreichende Folgen."

In einem Gastbeitrag bei Stefan Niggemeier erklärt der Medienrechtler Martin Vogel, warum er seit Jahren gegen die VG Wort durch die Instanzen geht, um zu erwirken, dass die VG Wort ihre Beträge nur noch an Urheber, aber nicht mehr an Verlage ausschüttet. Eines der Argumente: "Von Urhebern wird selbstverständlich (und mit Recht) verlangt, durch Meldung für jedes einzelne Werk die wahrzunehmenden Rechte an die VG Wort zu übertragen. Jeder Autor, der seine Rechte von der VG Wort wahrnehmen lässt, kennt die lästige Prozedur dieser Einzelmeldungen. Verleger genießen dagegen eine Sonderbehandlung. Von ihnen werden keine Einzelmeldungen verlangt, in denen sie bezogen auf konkrete Werke Rechte an die VG Wort übertragen würden."

Ein holländischer Pilot hat in einem Luftfahrtmagazin vor zwei Monaten genau das Szenario beschrieben, das letzte Woche eintrat, berichtet Libération und zitiert aus dem Interview des Piloten: "Ich frage mich immer wieder, wer neben mir sitzt. Wie soll ich sicher sein, dass ich ihm vertrauen kann? Vielleicht ist irgendetwas Schreckliches in seinem Leben passiert, das er nicht überwinden kann. Ich hoffe, dass ich mich nach eine Pinkelpause nicht vor einer verschlossenen Cockpittür befinde."

In der NZZ beklagt der Tamedia-Verleger Pietro Supino die Ausweitung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in der Schweiz: "Erfreulicherweise ist die Qualität der Medien in der Schweiz hoch, und dazu trägt auch das Angebot der SRG bei. Allerdings ist die SRG nicht wichtiger oder besser als die anderen Medienanbieter, obwohl sie aufgrund ihrer öffentlichen Finanzierung erhöhten Anforderungen genügen müsste."

Weiteres: Deniz Yücel hört bei der taz auf und wird darüber in seiner letzten Kolumne ein bisschen sentimental: "Man kann keine gute Zeitung machen ohne Lust. Dies ist nun mein letzter Text für die taz. Meine taz. Ich gehe in Demut vor einer Zeitung, die in ihren besten Momenten eine der besten der Welt sein kann." (Wohin er geht, verrät er nicht.) Eine Fotoagentur ist vom Landgericht Berlin mit Bezug auf das neue Leistungsschutzrecht für Presseverleger verurteilt worden, weil sie einen Screenshot veröffentlicht hat, berichtet heise.de. In der FAZ stellt Felix-Emeric Tota die putinistische Propagandawebsite Sputnik News vor.
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