9punkt - Die Debattenrundschau

Für die Rentenansprüche angerechnet

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.03.2015. Das Kopftuchurteil bleibt umstritten. Es ist ein Sieg für die offene Gesellschaft, zumal der Schulfriede dem Kopftuch an der Schule auch Grenzen setzt, meint die FAZ. Die NZZ findet gerade diesen Aspekt des Urteils gefährlich vage. In der Welt findet Heinz Buschkowsky: Das Kopftuch hat im Staatsdienst nichts zu suchen. In der New York Times spricht Noam Chomsky über Rassismus. In der Welt beschreibt Alissa Ganijewa Russland auf den Weg in den kollektiven Wahnsinn.

Religion

Das Kopftuchurteil des Bundesverfassungsgerichts sei ein Sieg der offenen Gesellschaft - auch wegen seiner Einschränkungen, meint Christian Geyer in der FAZ: "Gerade weil der Schulfriede Vorrang genießt, mutet das Gericht den Lehrerinnen zu, im Konfliktfall das Kopftuch abzulegen, obwohl es nach ihrer religiösen Auffassung für sie eigentlich unbedingt verpflichtend ist."

Dass gerade diese Passage die fragwürdigste in dem Urteil ist, lernt man aus Uwe Justus Wenzels Zusammenfassung in der NZZ: "Auf der anderen Seite wird davor gewarnt, dass sich das Konfliktpotenzial in den Schulen nun erhöhe und die Konfliktbewältigung ganz auf die Schulen abgewälzt werde; zudem hätten die Verfassungsrichter keinerlei Kriterien formuliert, nach denen entschieden werden könne, ob der "Schulfrieden" gestört sei, und wonach bemessen werden solle, wer ihn denn störe: die kopftuchtragende Lehrerin oder die Schüler oder Eltern, die sich gegen eine solche Lehrerin wenden. Zwei abweichende Meinungen aus dem Richterkollegium belegen, dass auch in Karlsruhe Pluralismus herrscht." Werden so nicht Fakten durch Rechtsunsicherheit geschaffen?

Anders sieht es auch Heinz Buschkowsky, scheidender Bürgermeister von Neukölln, im Gespräch mit Andrea Seibel in der Welt: "Das Kopftuch sei eben kein modischer Schnickschnack, sondern der Ausdruck einer rückwärtsgewandten und angeblich gottgewollten Unterordnung der Frau, "sozusagen der Eigentumsbeleg eines Mannes". Im Staatsdienst habe das Kopftuch einfach nichts zu suchen. Mädchen stünden nun noch unter einem größeren Anpassungsdruck, wenn auch die Lehrerin Kopftuch trüge."
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Politik

Francesca Borri schickt eine Riesenreportage für die taz aus Syrien, für die sie mit vielen Terroristen des Islamischen Staats gesprochen hat: "Was alle Dschihadisten, ob aus Grosny oder Paris, verbindet, ist das tiefe Gefühl von Ungerechtigkeit, die Frustration, außen vor zu sein. Sie fühlen sich ausgeschlossen. Es ist von Fall zu Fall unterschiedlich, aber immer geht es um das Gefühl, nicht dazuzugehören."
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Gesellschaft

Die Femen-Aktivistin Anna Hutsol: erklärt im Gespräch mit Dmitry Shigaev in der taz, warum Femen für Befreiung für Sexualität, aber gegen Prostitution ist: "Das ausbeuterische System der Sexarbeit hat nichts mit der Freiheit der Frauen zu tun. Welche Frau setzt denn bitte "Prostituierte" auf den ersten Platz ihrer Traumberufsliste? In der Schweiz stammen die meisten Prostituierten aus Osteuropa - spiegelt die Legalisierung also wirklich die Freiheit der schweizerischen Frauen wider?"
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Geschichte

George Yancy unterhält sich für sein Blog The Stone bei der New York Times mit Noam Chomsky über Rassismus. Auf die Frage, ob an die Stelle des Rassismus gegen die Schwarzen ein antiarabischer Rassismus getreten sei, antwortet Chomsky: "Antiarabischer Rassismus hat eine lange Geschichte, und es gibt eine Menge Literatur darüber, Jack Shaheens Studien über Stereotype in visuellen Medien, zum Beispiel. Keine Frage, dass dieser Rassismus sich in den letzten Jahren ausgebreitet hat."

Weiteres: In der NZZ berichtet Joachim Güntner über die Eröffnung des neuen Berliner Kollegs Kalter Krieg, das vom Hamburger Institut für Sozialforschung, dem Institut für Zeitgeschichte, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie der Humboldt-Universität gegründet wurde.
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Europa

Liest man in der Welt die russische Autorin Alissa Ganijewa über die brodelnde Gerüchteküche in Russland nach dem Mord an Boris Nemzow, stellt sich so langsam die Frage, ob sich dieses Land auf den Weg in den kollektiven Wahnsinn begeben hat: "Die Lage ist absurd, aber an Absurdität gewöhnen wir uns allmählich. Seit Januar dieses Jahres kann Personen "mit Verhaltensstörungen im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Orientierung" der Führerschein entzogen werden. Denunzianten dagegen sollen ermuntert werden - die Tätigkeit als Informant für die Geheimdienste soll, so eine Gesetzesinitiative, als Arbeitszeit für die Rentenansprüche angerechnet werden."

Weiteres: In der NZZ schüttelt Ekkehard Kraft den Kopf über das ethnozentrische Weltbild der Griechen. In der Welt beschreibt Frank Maier-Solgk das neue Ratsgebäude in Brüssel als Symbolbau für die europäische Einigung.
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Ideen

In der SZ macht Lothar Müller unter Lektüre deutscher Historiker und Herfried Münklers (nämliches dieses Textes) darauf aufmerksam, dass nicht nur Wladimir Putin geopolitisch - also in Kategorien von Raum und Macht - denkt, sondern auch der Westen.
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Stichwörter: Geopolitik, Wladimir Putin

Kulturpolitik

Filmproduzent Martin Moszkowicz antwortet in der FAZ auf einen Artikel Lars Henrik Gass", der das deutsche System der Filmförderung kritisiert hat und lehnt anders als Gass und für einen Produzenten nicht überraschend jede Trennung von kommerzieller und künstlerischer Förderung ab: "Ein solches Schubladendenken erscheint nicht nur so vorgestrig wie Omas und Opas Trennung zwischen U- und E-Musik, sondern ist darüber hinaus völlig impraktikabel: Wo hätte Gass denn gerne Filme wie zum Beispiel "Das Leben der anderen", "Goodbye Lenin" oder "Wer früher stirbt ist länger tot" einsortiert?"

Medien

Auch die Medien der Krimtataren werden zusehends gleichgeschaltet, berichtet Friedrich Schmidt in einer Reportage für die Medienseite der FAZ: "Die neuen Machthaber auf der Krim streben danach, die Erinnerungen an das ukrainische "System" von der Halbinsel zu tilgen. Dazu gehört der Medschlis, die Exekutive der Krimtataren. Und dazu gehören etliche Medien. Man sei stolz darauf, dass die Krim in das "Informationsfeld" Russlands eingegangen sei, sagte das "Oberhaupt" der Krim, Sergej Aksjonow, bei einer Anschlussfeier in Simferopol."

Weiteres: Erdogan ist auf dem besten Weg, die freie Presse in der Türkei abzuschaffen, fürchtet der türkische Blogger Yavuz Baydar, Mitbegründer der preisgekrönten Plattform für unabhängige Medien P24, in einem Kommentar im Guardian. In der SZ freut sich Andrian Kreye über die Wiederkehr Monica Lewinskys in einer TED-Konferenz, wo sie sich gegen Mobbing im Internet aussprach. Gina Thomas meldet im FAZ.Net, dass mit Katharine Viner erstmals eine Frau an die Spitze der Guardian-Redaktion gewählt wurde (hier die Meldung im Guardian selbst). Sie hat nur elf Vorgänger seit 1821 - unter anderem weil C.P. Scott 57 Jahre lang an der Spitze der Redaktion stand, tweetet ihr unmittelbarer vorgänger Alan Rusbridger:

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