9punkt - Die Debattenrundschau

Funzliges Licht billiger Stadtreklame

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.03.2015. Bei Carta fordern zwei Medienforscher mehr Demokratie in öffentlich-rechtlichen Sendern. Richard Herzinger meditiert in seinem Blog über die symbolische Dimension der Frankfurter Krawalle.  In der Welt verteidigt Onlinejournalist Frank Schmiechen Big Data. Die Berliner Zeitung ist entsetzt: Ausgerechnet Berlin will sich im Humboldt-Forum als "Weltstadt" darstellen.

Kulturpolitik

Das "funzlige Licht billiger Stadtreklame" sieht Harald Jähner in der Berliner Zeitung über dem Humboldtforum aufgehen, für das sich der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller jetzt die Ausstellung "Welt. Stadt.Berlin" ausgedacht hat: "Das achtseitige Konzept für die neue Schau, das Müller vor einer Woche dem Kulturausschuss vorgelegt hat, ist über die ganze Länge durchzogen von einem Propagandaton, der nur deshalb nicht sofort als indiskutabel erscheint, weil hier das sympathische Gut der Weltoffenheit gepredigt wird: "Fokussiert wird auf Austausch, Vernetzung, Migration." Propaganda bleibt es dennoch, die einem erstrangigen Kulturprojekt wie dem Humboldtforum unwürdig ist."

In der taz ist auch Nina Apin nicht überzeugt: "Klingt nach Stadtmarketing", meint sie, und provinziell noch dazu: "Im oft als Vorbild genannten Musée du quai Branly wäre eine Etage zur Pariser Geschichte undenkbar."

Angesichts der schleppenden Aufarbeitung des Gurlitt-Nachlasses fragen Catrin Lorch und Jörg Häntzschel in der SZ, ob die deutsche Politik wirklich Interesse daran hat, "eines der spannendsten Kapitel des Kunstraubs der Nationalsozialisten aufzuklären".

Internet

Daten bedeuten Freiheit, behauptet Frank Schmiechen, Cheftredakteur von gruenderszene.de, in der Welt. Und: "Eine ungeheure Menge Geld verpufft in Verwaltungen und Bürokratie, weil nicht effizienter gearbeitet wird. Auch Maschinen, Autos und Geräte ließen sich sehr viel effektiver bauen. Energieversorgung und Infrastruktur ließen sich dramatisch verbessern. Daten weisen uns den Weg. In einigen afrikanischen Städten wird der öffentliche Nahverkehr nach Bewegungsprofilen der Nutzer organisiert, die durch Handydaten erhoben werden. Dadurch gibt es so gut wie keine Staus und Wartezeiten mehr."

Weiteres: In der FAZ fragt sich Shoshana Zuboff in einer seitenlangen Abhandlung, ob der Taxi-Dienst Uber den Kritierien von Schumpeters "kreativer Zerstörung" entspricht und muss am Ende verneinen.
Archiv: Internet

Gesellschaft

Richard Herzinger denkt in seinem Blog über die symbolische Dimension der Frankfurter Krawalle nach, die sich gegen einen Turmbau richteten: "Die verschwörungstheoretische Fantasie des Antikapitalismus wird durch die Vorstellung von einem unsichtbaren Kapitalkreislauf befeuert, der sich politischer Steuerung und personaler oder institutioneller Verantwortung anarchisch zu entziehen scheint. Umso mehr irritiert dann aber, wenn sich dieses körperlose Kapital in architektonischen Monumentalwerken aus Stahl und Glas ästhetisch glanzvolle Heimstätten schafft."

Weiteres: In der Welt begibt sich Matthias Heine auf die Spur des Wortes "Gutmensch", das schon im 19. Jahrhundert zum ersten mal auftaucht und heute zum Lieblingswort rechtsextremer Autoren avanciert ist. In der FAZ am Sonntag beobachtet Helene Hegemann eine allgemeine, durch soziale Netze noch beschleunigte Tendenz zur Felix-Krullisierung unserer Gesellschaft.
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Geschichte

Bevor am Donnerstag die Gebeine von Richard III. feierlich begeisetzt werden, erzählt Alexander Menden in der SZ noch einmal, wie Philippa Langley sie gegen jede Wahrscheinlichkeit auf einem mit einem "R" markierten Parkplatz in Leicester fand: "Am ersten Grabungstag, dem 25. August 2012, stießen die Archäologen um 14.15 Uhr als Allererstes auf einen menschlichen Beinknochen. Das war zunächst nicht ungewöhnlich, im Zentrum mittelalterlicher Städte findet man bei Grabungen oft alte Knochen... Nach und nach kam fast ein ganzes Skelett zum Vorschein, nur die Füße fehlten: Ein etwa 30-jähriger Mann mit Rückgratverkrümmung - keinem Buckel! - und furchtbaren Kampfverletzungen."
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Stichwörter: Richard III.

Medien

Große Aufregung über das Spiegel-Cover vom Samstag, das Angela Merkel als eine Art Nazi-Besetzerin Griechenlands zeigt. Man hätte die Rede von der deutschen Übermacht auch ohne die Nazi-Analogie ganz gut bebildern können, meint Michael Hanfeld im FAZ.Net und belegt es mit einer Economist-Grafik. "Das provokante Titelbild drängt die eigentliche Geschichte in den Hintergrund", findet Fritz Ramisch bei turi2. Der neue Chefredakteur Klaus Brinkbäumer verteidigt das Titelbild im Spiegel-Blog. Selbst die huffpo.fr berichtet über den "Schock-Titel des Spiegel über deutsche Vorurteile". Im Internet kursieren Parodien, wie etwa die abgebildete von Peter Breuer. Alle Links bei turi2.

Im SZ-Interview spricht der Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer nicht über den aktuellen Titel, sondern über die geplante Paywall auch für Spiegel Online: "Wir planen, noch in diesem Jahr zu starten, und es wird sicherlich kein Vorhängeschloss vor der Homepage geben. Was im Bezahlangebot steht und was frei zugänglich bleibt, werden wir sorgfältig auswählen. Wie das konkret aussehen wird, kann ich Ihnen noch nicht beantworten."

Da eine eigentlich fällige grundsätzliche Reform der öffentlich-rechtlichen Sender nicht zu erwarten ist, schlagen die Medienforscher Hanno Beck und Christian Herzog auf Carta immerhin ein Experiment vor, das die Zuschauerakzeptanz wieder erhöhen könnte, die Beteiligung von Zuschauern an der Planung und Vorbereitung neuer Formate und Inhalte: "Die Anstalten stellen den Zuschauern Exposés von verschiedenen Beiträgen und Themen zur Auswahl, über die man berichten respektive aus denen man einen Beitrag machen könnte. Die Zuschauer können dann unter den verschiedenen Themen und Exposés auswählen, welches dieser Formate produziert und gesendet werden soll - das Format mit den meisten Stimmen wird dann umgesetzt."

Quartz, eines der interessantesten Medien-Startups, expandiert als erstes Medium nach Afrika und betrachtet den Kontinent nicht als Problemfall, sondern als Markt, berichtet Ken Doctor im Niemanlab. Er sieht das als Ausdruck eine generellen Tendenz zur Globalisierung von Medien, die er vor schon drei Jahren diagnostizierte: "Diese Bewegung ist seitdem nur gewachsen. Britische Medien (Guardian, Mail Online) haben globale Ableger entwickelt, und die New York Times und das Wall Street Journal sind beide in neue Märkte eingedrungen (und haben sie zum Teil auch wieder verlassen). BuzzFeed folgte Ariannas Beispiel und eröffnete Editionen in anderen Ländern. Spiegel und Die Zeit bieten immer mehr englischsprachigen Inhalt. Aber all diese Medien beschränken sich bisher auf die reichsten Nationen."

Weiteres: Für ihre Maschinenraum-Kolumne in der FAZ hat Constanze Kurz aus dem Varoufake die Erkenntnis mitgenommen, dass sich heute auch Bewegtbilder perfekt manipulieren lassen.
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