9punkt - Die Debattenrundschau

Diese schönen, langsamen, halb müßigen Dinge

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.02.2015. In der Welt schlägt Adam Krzeminski vor, die Gedenkfeiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Berlin abzuhalten. Die NZZ fragt: Findet der Buchhandel doch noch eine Formel gegen Amazon? In Frankreich wird weiter über die Lage der Juden im Land diskutiert. Irights.info fragt: Wo bleibt bei all dem "Recht auf Vergessen" das Interesse der Öffentlichkeit?

Geschichte

Weder auf der Westerplatte noch in Moskau sollte in diesem Jahr des Endes des Zweiten Weltkriegs gedacht werden - sondern in Berlin, meint Adam Krzeminski in der Welt: "Den Sowjetsoldaten, die gegen die Wehrmacht kämpften und zu Hunderttausenden auf ihrem Marsch nach Berlin fielen, gebührt Respekt und den Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges das traditionelle Glas Wodka auf dem Roten Platz. Doch muss man auch daran erinnern, dass ihr Sieg über das Dritte Reich einer Hälfte Europas keine Freiheit brachte, sondern ein aufgezwungenes System und Unterdrückung. Dass erst die Revolution 1989 die Folgen des stalinistischen Imperialismus korrigiert hat. Dass wir das Recht auf ein anderes historisches Gedächtnis haben. Und auf eine andere Art, es auszudrücken."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der Welt freut sich Sven Felix Kellerhoff auf die nach langer Bauzeit im April bervorstehende Eröffnung des Neubaus für das NS-Dokumentationszentrum in München. In der FAZ plädiert Jürgen Kaube gegen eine Umwandlung des Lehrstuhls Martin Heideggers an der Uni Freiburg in eine "Juniorprofessur für Logik und sprachanalytische Philosophie" - weil damit auch die Husserl-Tradition geopfert würde, die Heidegger mit dem Lehrstuhl usurpierte.
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Europa

Unter französischen Juden wird weiter Benjamin Netanjahus Aufforderung, nach Israel zu kommen, diskutiert. In Le Monde schreibt Michel Tubiana von der Ligue des Droits de l"Homme: "Benjamin Netanjahu hat überhaupt keine Legitimität, die Juden zum Exil in Israel aufzurufen. Ich benutze den Begriff "Exil" absichtlich, denn Israel ist nicht mein Land, nicht das Land, in dem ich geboren bin, in dem ich zur Schule ging, in dem ich gegen Antisemitismus, Islamophobie und andere Formen des Rassismus kämpfe. Andere Juden leben lieber in Israel. Dieses Nationalgefühl ist so respektabel wie alle anderen, aber nichts verpflichtet mich dazu, es zu teilen."

Verschiedene humorvolle Auseinandersetzugen über die EU und die glamourösen Herausforderer aus Griechenland machen im Netz die Runde. Zum Beispiel diese:



Und diese:

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Kulturmarkt

Dass die in Schieflage geratene britische Buchhandelskette Waterstones seit Ende letzten Jahres wieder schwarze Zahlen schreibt, lässt die gesamte Branche Hoffnung schöpfen, dass ihr Geschäftsmodell gegenüber Amazon bestehen kann, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ: "Man kauft online gezielt, was man sucht. Doch auf Amazon mit seinen knappen Informationen neue Bücher zu entdecken, ist extrem schwierig. Stöbern, blättern, anlesen, sich austauschen und vielleicht Unerwartetes finden: Für diese schönen, langsamen, halb müßigen Dinge ist eine gute Buchhandlung der einzige, ideale Schauplatz. In der Hinsicht ist der traditionelle Shop dem Online-Business weit überlegen."
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Medien

Robin Alexander verteidigt sich in der Welt gegen eine Kolumne der taz-Autorin Silke Burmester, die ihm vorwarf, mit der Nennung des Namens Sebastian Heiser als mutmaßlichem Urheber der taz-Keylogger-Affäre, gegen den Pressekodex verstoßen zu haben. Unter anderem wirft Alexander Journalisten eine Selbstheroisierung vor: "Schließlich inszeniert sich der Reporter selbst als Whistleblower. Handelt eine Anzeigenabteilung, die Einfluss auf die Berichterstattung nimmt, nicht auch so verwerflich, dass dies extralegale Maßnahmen rechtfertigt? So hat Heiser argumentiert."
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Internet

Der von Google einberufene Beirat zum "Recht auf Vergessen" hat einen Bericht mit Empfehlungen vorgelegt, den die Politologin Lorena Jaume-Palasí für Irights.info analysiert. Sie kritisiert vor allem, dass gegenüber dem Datenschutz das Interesse der Öffentlichkeit überhaupt nicht repräsentiert sei: "Der Beirat geht offenbar auch davon aus, dass eine neutrale Instanz über einen Löschanspruch entscheidet und dabei das Interesse der Öffentlichkeit in die Abwägung einfließt. Allerdings kann dies von keiner privaten Instanz geleistet werden. In den Handlungsempfehlungen bleibt offen, wie das öffentliche Interesse in die Prozeduren einfließt. Natürlich ist das ein schwieriges Unterfangen, denn Öffentlichkeit wird von allen und niemandem zugleich repräsentiert."

Die US-Aufsichtsbehörde FCC hat wie angekündigt ein wegweisendes Urteil zugunsten der Netzneutralität gefällt (wir berichteten), meldet Thorsten Kleinz auf Zeit digital: "Befürworter der Netzneutralität hoffen darauf, dass die FCC-Entscheidung eine ähnliche Weichenstellung in Europa befördert. "In Europa geht die Debatte auf Ratsebene in die heiße Phase. Alle Seiten drängen auf eine Einigung, auch wenn die Positionen noch sehr weit von einander entfernt sind", erklärt Thomas Lohninger, Mitglied des Vereins Digitale Gesellschaft gegenüber Zeit Online. "Eine starke Absicherung der Netzneutralität in den USA hätte Signalwirkung an Politiker im Rest der Welt.""

In der klassischen Volkswirtschaftslehre sind Monopole ein Problem, das es zu lösen gilt - in der Wirtschaftsideologie des Silicon Valley ist das Monopol die Lösung aller Probleme, erfährt Anna Sauerbrey (Tagesspiegel) bei einem Auftritt des Star-Investors Peter Thiel in Berlin: "Nur der Monopolkapitalismus schaffe genügend Kapital, um in bahnbrechende Technologien zum Wohle der Menschheit investieren zu können. Für Thiel ist Technologie gleich Fortschritt. Die Start-ups, die sie entwickeln, ersetzen Politik und Philosophie als Motor menschlicher Entwicklung. Thiel glaubt, dass es letztlich Unternehmen sein werden, die "sämtliche Alters- und Verfallskrankheiten heilen" und neue Energiequellen finden."
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Politik

"Aus der Tatsache, dass ein Staat ans Meer grenzt, folgt nicht, dass er mit U-Booten Kriege führen soll", schmettert der Publizist Rudolf Walther in der taz den von dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler unlängst in einem Essay in der Zeitschrift Tumult unternommenen Versuch ab, die überholte Theorie der Geopolitik wiederzubeleben: "Er verpackt seine Variante der "Geopolitik" neu und kostümiert sie um von der Kontrolle über Land/Meer zur "Kontrolle des Fließenden und Strömenden gegenüber der des Festen und Starren". Eine hastige Improvisation, die von der Metapher lebt, dass man von Waren-, Kapital-, Menschen- und Informationsströmen spricht. Aber verlieren diese Bewegungen durch die sprachliche Metaphorisierung zu "Strömen" auch nur ein Gramm ihrer Materialität, selbst wenn sich ihr Transport von A nach B, wie im Fall von Kapital und Informationen, elektronisch vollzieht?"

Weiteres: In einem recht akademisch zu lesenden Artikel für das FAZ-Feuilleton verteigt der Juraprofessor Christian Tietje das geplante TTIP-Abkommen.
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