9punkt - Die Debattenrundschau

Auf Weihnachten gibt es kein Copyright

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.12.2014. Hollywood und Medien in Aufruhr: Sony zieht seine Nordkorea-Satire "The Interview" nach Terrordrohungen mit Haut und Haar zurück. Der Film sollte zu Weihnachten starten, nun kommt er nicht mal mehr auf DVD. Noch nie hat eine US-Firma derart hilflos ausgesehen, kommentiert Mashable. Die Welt bringt einen Artikel des Autors Aaron Sorkin, dessen Mails beim Cyberangriff auf Sony geleakt wurden: Er wollte Tom Cruise als Steve Jobs. Die taz hofft, dass Pakistan nach dem jüngsten Massaker von der Unterstüzung der Taliban abrückt. Die FAZ bringt ein weiteres Plädoyer gegen Sterbehilfe. In der taz schreibt Ilija Trojanow über die Berichte zu CIA-Folter.

Internet

Sony zieht nach Hacker-Attacken und Terrordrohungen die Nordkorea-Satire "The Interview" zurück, berichtet Zeit online in einem Tickerverschnitt. "Die Drohungen rund um den Film stammten vermutlich von denselben Personen, die Ende November die Computersysteme von Sony Pictures angegriffen hatten, berichtete das Wall Street Journal. Den Cyber-Angriff gab nach Angaben aus US-Regierungskreisen Nordkorea in Auftrag. Die Ermittler seien zu dem Schluss gekommen, dass die Führung in Pjöngjang für die Computer-Attacke verantwortlich ist, verlautete es aus mehreren Quellen." Ein lesenswerter Artikel zu derartigen Cyberattacken steht in der Businessweek (unser Resümee). Das Bild zeigt das französische Filmplakat von "The Interview".

Laut Variety wird Sony den Film, der eigentlich zu Weihnachten starten sollte, auch nicht auf DVD oder als Video on demand herausbringen: ""Sony hat keine weiteren Vertriebspläne mit diesem Film", sagte ein Sprecher am Mittwoch."

Nicht sehr freundlich kommentiert Josh Dickey in Mashable: "Noch nie hat eine US-Firma derart hilflos ausgesehen. Nie zuvor hat ein Feind eine solche Macht über die wichtigste kulturelle Institution der USA ausgeübt, seinen wichtigsten Exportartikel blockiert und sein Recht auf freie Meinungsäußerung beschnitten."

Wird Sony von den Hackern erpresst? Es sind jedenfalls eine Menge geheimer Materialien der Firma und auch Mails geleakt worden. Reporter der New York Times wurden angewiesen, keine Mails zu öffnen, die aus diesem Cyberangriff stammen. Über Nachrichten, die bereits kursierten (wie etwa über den Wunsch der Hollywoodbosse, Websites ohne Gerichtsbeschluss schließen zu dürfen, wir resümierten) hat sie allerdings berichtet, schreibt Michael Calderone in der Huffington Post: "Der Sony Hack hat Redakteure vor eine Entscheidung gestellt, die in Medienethik-Seminaren über Jahre studiert werden dürfte." The Daily Beast hat damit offenbar kein Problem und bezieht aus geleakten Mails die Information, dass die amerikanische Regierung den Inhalt des Films gebilligt habe.

Die Welt übersetzt den Artikel des "West-Wing"-Autors Aaron Sorkin zum Thema: Auch Mails von ihm wurden geleakt. Dabei ging es unter anderem um den geplanten Steve-Jobs-Film: "Die gestohlenen, aber überall kursierenden Dokumente enthalten eine E-Mail an Ms. Pascal, in der ich mich für Tom Cruise als Hauptdarsteller ausspreche (das tat ich), eine zweite E-Mail eines Managers an einen anderen, in der spekuliert wurde, dass ich pleite sei (mir geht es gut), und eine dritte, in der angedeutet wurde, dass ich eine Affäre mit einer Frau hätte, deren Buch mir als Quelle für ein neues Skript dient (ich wünschte, es wäre so)."

Hier die "Kim Jong-Un-Death Scene", die in The Daildot noch eingebettet ist:



The Dailydot präsentiert zum Trost auch eine Kim-Jong-Il-Persiflage aus "Team America".


Archiv: Internet

Politik

Nach dem Anschlag auf eine Schule in Peschawar scheint die pakistanische Regierung von der seit den achtziger Jahren praktizierten Unterstützung terroristischer Kräfte abzurücken, berichtet Sascha Zastiral in der taz: "Der Regierungschef erklärte anschließend, es werde zukünftig keine Unterscheidung mehr zwischen "guten" und "schlechten" Taliban gemacht werden. Ein Antiterrorismusplan werde kommende Woche veröffentlicht. Pakistan und Afghanistan würden zukünftig gemeinsam gegen militante Gruppen vorgehen, von denen sich viele im Grenzgebiet verschanzt haben. Es sei nun die "oberste Priorität", Pakistan vom Terrorismus zu befreien."

Muhammad Umar schreibt bei quartz.com: "Ich lehre in der größten Universität Pakistans, nach dem Peschawar-Massaker war der Campus leer. Mein Posteingang war voll mit Einladungen zu Mahnwachen mit Kerzen und Gebeten für die Seelen der Ermordeten. Aber solche Attacken sind nicht neu für Pakistan. Zwischen 2009 und 2012 gab es mindestens 838 militante Attacken auf Schulen. Mehr als in jedem anderen Land der Welt."

Vor der Stichwahl um das Präsidentenamt in Tunesien sprechen Daniel Bax und Tsafrir Cohen in der taz mit Rachid Ghannouchi, dessen islamische Ennahda-Partei an der säkularen neuen Verfassung Tunesiens mitgewirkt hat. An der Vereinbarkeit von Demokratie und Islam hat Ghannouchi keinen Zweifel. Die Quelle des Terrorismus ist in seinen Augen nicht Religion, sondern jahrzehntelange politische Repression: "Die Leute, die jetzt in Syrien sind, sind nicht vier Jahre alt. Sie sind nicht das Produkt der tunesischen Revolution, sondern unter Ben Ali aufgewachsen. Man muss diese Dinge ernst nehmen, aber man muss auch ihre Ursachen verstehen. Dieser gewalttätige Extremismus ist eine Reaktion und ein Resultat der Diktaturen, unter denen diese jungen Menschen aufgewachsen sind - Ben Ali, Gaddafi, Mubarak, Assad, Saddam Hussein. Wer Diktaturen sät, erntet Terrorismus."

Ebenfalls in der taz schreibt der Schriftsteller Ilija Trojanow, wie ihn die Lektüre des Untersuchungsberichts zur CIA-Folter an die Folterpraktiken und ihre Legitimierungen in der Sowjetunion erinnert: "Da damals wie heute stets davon ausgegangen wird, dass das Handeln der Beamten, Agenten, Polizisten, Offiziere grundsätzlich zum Schutze des Vaterlands und zur Verteidigung der nationalen Sicherheit erfolgt und von daher a priori rechtens und notwendig und ehrenhaft ist, können solche Verbrechen per se nicht systemimmanent sein, sondern werden als "Fehler" entschuldigt... Bis zum heutigen Tag ist ein einziger CIA-Mitarbeiter verurteilt worden, nämlich der Whistleblower John Kiriakou. In der Logik des Staates ist Wahrheit ein größeres Verbrechen als Folter."

Weiteres: Mit Blick auf Pegida prägt Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne den Begriff der "Latenznazis".
Archiv: Politik

Gesellschaft

Über sieben Jahre nach seiner Eröffnung wurde das Musée national de l"histoire de l"immigration in Paris nun auch offiziell eingeweiht. Weil Nicolas Sarkozy Einwanderung "nie als einen Trumpf zelebrierte, sondern sie lieber zum Schreckgespenst travestierte", war es an François Hollande, das Immigrationsmuseum am Montag einzuweihen, meldet Marc Zitzmann in der NZZ: "Natürlich spielte da auch Kalkül mit: Der Präsident, dem so langsam nichts mehr einfällt, um seine abgrundtiefe Unpopularität zu beschwören, setzt in jüngerer Zeit auf Kultur - zu demonstrativ, um glaubhaft zu sein. Dennoch diente sein Auftritt einem guten Zweck. Schon lang hatte man keinen Präsidenten mehr bekräftigen hören, Frankreichs Diversität sei auch eine Chance."

Das FAZ-Feuilleton bringt ein weiteres Statement gegen Sterbehilfe und Beihilfe zum Suizid, diesmal von Roland Kipke, Philosoph: "Statt uns einer verfehlten Wertneutralität zu verschreiben, müssen wir uns der Frage stellen, ob wir eine solche Gesellschaft wollen: eine Gesellschaft, in der der Tod durch eigene Hand Normalität ist; eine Gesellschaft, in der Ärzte, Vereine und geschäftsmäßige Profis Unterstützung beim Suizid anbieten; eine Gesellschaft, in der die gewaltsame Beendigung des eigenen Lebens eine Option für alle ist."
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Archiv: Gesellschaft

Religion

Dass vermeintlich christliche Symbole wie der Weihnachtsbaum in nichtchristlichen Kontexten eingesetzt werden, findet der Liturgiewissenschaftler Clemens Leonhard im Gespräch mit Joachim Frank (FR) "so natürlich wie legitim": "Was passiert, wenn es Muslimen Spaß macht, einen schön geschmückten Baum aufzustellen? Es ist für sie dann sicher kein Christbaum, sondern ihre Winter-Deko. Aber das macht nichts. Auf Weihnachten gibt es kein Copyright - weder auf das Brauchtum noch auf die religiöse Deutung. Was Nichtchristen von einem christlichen Fest an Stimmungen übernehmen, das ist - um einen anderen Begriff aus säkularem Kontext zu benutzen - public domain. Als Christen könnten wir uns ruhig darüber freuen, dass ein von uns selbst übernommenes und adaptiertes Fest, nämlich die römische Wintersonnenwende - so erfolgreich ist, dass sogar Andersgläubige ihm etwas abgewinnen können."
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