Magazinrundschau

Überkopfküsse

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
16.12.2014. Kunst wird immer öfter zensiert - und zwar im Westen, erklärt The New Republic. The Nation sucht dem Geheimnis einer taubstummen Künstlerin auf die Spur zu kommen. In Rue 89 erklärt Regisseurin Laetitia Masson ihre Liebe zu Computerbildern. Der Islamische Staat wurde auf Gummiband gegründet, erzählt der Guardian. Flavorwire sagt den Untergang der Superhelden voraus. Das TLS erinnert an die Dichterin Rosemary Tonks. In Eurozine erklärt Kaya Genç, was Erdogan mit der "Neuen Türkei" meint. Der Economist badet im Luxus. Nachhaltig!

Rolling Stone (USA), 05.12.2014

Nach Ferguson, nach dem Tod von Eric Garner und anderen Opfern polizeilicher Gewalt ist es endlich an der Zeit, die Nulltoleranzstrategie der Polizei zu beerdigen, fordert Matt Taibbi in einem sehr lesenswerten Kommentar. "Diese Politik des ständigen Piesackens wegen Bagatellen führt mit größter Effizienz zu einer entsetzlichen Wut in Problemvierteln. Und dann geschieht so etwas wie der Garner-Fall und alles kommt zusammen: Sechs bewaffnete Polizisten überwältigen und töten einen Mann, weil er eine 75-Cent-Zigarette verkauft hat. Eine ökonomische Regulierung, die tödlich endete. Eine Situation, die umso lächerlicher ist, als wir in dieser Stadt zahllose ernsthafte Wirtschaftsverbrechen überhaupt nicht mehr anklagen. Eine Fähre entfernt von Staten Island, auf der Wall Street, wird die reine, uneingeschränkte Freiheit, auszunehmen wen immer man will, als heiliges Geburtsrecht jedes Halunken mit einer Brieftasche betrachtet."

Elet es Irodalom (Ungarn), 12.12.2014

Élet és Irodalom bringt ein Interview mit Miklós Tamás, dem Mitbegründer von Fortepan, einem seit 2010 existierenden, offenen Online-Fotoarchiv, das ausgewählte Fotos über Ungarn im 20. Jahrhundert zugänglich macht. Seine Sammlung ist subjektiv, betont Tamás: "Es gab Hunderttausende Szenen im 20. Jahrhundert, an die ich niemanden erinnern möchte, aber es kann ja jeder ein anderes Archiv aufbauen. So gesehen ist Fortepan ein Autorenunternehmen. (…) Fortepan bedeutet auch: wir sollen anstelle von minderwertigen Bildern gute sehen. (…) Damit ist es auch ein Schwindel, aufgrund dieser Bilder könnte kein Geschichtsbuch geschrieben werden. Wenn jemand denken sollte, dass Ungarn so war, würde er sich irren. Ungarn war viel zerfallener, verkratzter, schmutziger und vertrunkener."

New Republic (USA), 10.12.2014

Kunst wird immer öfter zensiert. Nicht in irgendwelchen Diktaturen, sondern bei uns im Westen, stellt Tiffany Jenkins fest: Gefordert wird Zensur heute meist von Linksliberalen, die Rassismus, Antisemitismus, Pädophilie oder Religionsfeindlichkeit wittern. Und die Institutionen wehren sich praktisch überhaupt nicht mehr. Jenkins belegt das mit einer erschreckenden Anzahl von Beispielen in Europa und Amerika. Eins ist die Installation "Exhibit B" (Bild) des südafrikanischen Künstlers Brett Bailey, die eine Art menschlichen Zoo des 19. Jahrhunderts zeigt, mit 12-14 afrikanischen Künstlern und einem Chor aus Namibia. Statt eine Diskussion über Sklaverei, Kolonialisierung und heutigen Rassismus auszulösen, gab es massive Verbotsforderungen in England und Paris: "In ihrem Kern diktieren diese Rufe nach Zensur, dass nur bestimmte Gruppen oder Menschen Kunst machen dürfen, weil nur sie die entsprechende Erfahrung haben. Diese Proteste sind unterlegt von der Vorstellung, wir, das Publikum, seien nicht fähig zur Empathie und dass der Zweck von Kunst nicht darin besteht, zu erschaffen und Menschen von anderen Welten zu überzeugen, sondern die Realität so abzubilden, wie die Selbsterwählten sie sehen. Es ist eine ausschließende und spaltende Auffassung, die letzlich die Basis jeder Kunst leugnet."
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Archiv: New Republic

The Nation (USA), 16.12.2014

Barry Schwabsky denkt über Künstler nach, die ihre Kunst nicht erklären können, die ihr Geheimnis für sich behalten. Albert York zum Beispiel, der kaum je mehr als "Ja", "Nein" und "Vielleicht" sagte. Oder Judith Scott, die taubstumm war und mit dem Down-Syndrom geschlagen. Ihre Skulpturen lassen sich leicht in die moderne Kunst einordnen, und doch sind sie davon völlig unberührt. Scott, 2005 gestorben, galt jahrzehntelang als schwachsinnig und fing erst mit 43 Jahren an, als Künstlerin zu arbeiten. Wie soll man ihre Kunst verstehen? Vielleicht lag Wittgenstein doch falsch, als er verkündete, so etwas wie eine private Sprache gebe es nicht, überlegt Schwabsky: "Wenn ich richtig liege und Scotts Kunst durch ihre Erfindung einer privaten Sprache möglich wurde, dann heißt das, dass sie eine Sprache hatte, in der es keine Geheimnisse gab: Alles, was es in dieser Sprache zu wissen gab, wurde von allen gewusst, die diese Sprache beherrschten. Darum wirkt Scotts Arbeit so offen, als habe sie nichts zu verbergen, als habe sie keinen dunklen Kern, obwohl sie mysteriös bleibt - denn dieses Mysteriöse ist nicht Stück eines gefährlichen Wissens, das ausgedrückt oder zurückgehalten werden kann, sondern eben die Sprache, in der dieses Wissen wohnt. Es liegt eine Art Furchtlosigkeit in ihrer Arbeit - in der Bestimmtheit, mit der Entscheidungen getroffen wurden und in der Richtigkeit. Zumindest in ihrer Kunst kann Scott niemals missverstanden werden."

(Scotts Arbeiten sind derzeit im Brooklyn Museum zu sehen. Bild: Judith Scott, Untitled, 2003-4. Fiber and found objects. Collection of Orren Davis Jordan and Robert Parker. © Creative Growth Art Center. Foto: Addison Doty, Brooklyn Museum)

Besprochen werden Joseph O"Neills neuer Roman "The Dog", der Peter C. Barker ziemlich enttäuscht hat, und zwei Bücher über das Militär in Pakistan.
Archiv: The Nation

Rue89 (Frankreich), 14.12.2014

Xavier de la Porte unterhält sich mit der Regisseurin Laetitia Masson über ihre Arbeit, vor allem aber ihre Experimentierlust, auch die digitale Technik neu einzusetzen und etwa einen ganzen Film mit einer Fotokamera zu drehen. Auch synthetische Bilder hat sie schon erzeugt, aber "es ist ziemlich teuer, solche Bilder herzustellen. Je komplexer die Software, desto teurer. Der Effekt von Regen zum Beispiel kostet 200 Euro. Und anschließend braucht es stundenlange Berechnungen. Aber diese Zwischenschritte sind auch von großer Schönheit. Während die Berechnungen laufen, werden Bilder produziert. Ich habe solche Bilder aus dem Entstehungsprozess, die sonst nie gezeigt werden, weil man sie für unfertig, für unschön hält, schon in Filme übernommen. Ich finde es sehr schön zu zeigen, wie ein Computerbild entsteht. Es gibt einen magischen Aspekt in diesen Bildern, auch wenn er nur den Berechnungen des Computers entstammt."
Archiv: Rue89

London Review of Books (UK), 18.12.2014

Als einzige militärische und politische Katastrophe bilanziert James Meek den Afghanistan-Einsatz der britischen Armee, die ab 2006 in "Tony Blairs Fantasy Mission" antrat, die Provinz Helmand in eine demokratische, tolerante, gender-neutrale Region zu verwandeln. Doch schon nach wenigen Monaten wurden die Soldaten in den lokalen Bürgerkrieg hineingezogen und kämpften gegen Drogenbarone und Warlords um ihr Leben: "Das Unternehmen war zum Scheitern verurteilt, bevor es begann, und es scheiterte - unter schrecklichen Kosten an Geld und Leben. In gewisser Weise war es schlimmer als eine Niederlage, denn um eine Niederlage einzustecken, müssen eine Armee und ihre Kommandeure das Wesen des Konflikts verstanden haben, in dem sie kämpften. Großbritannien hat das die ganze Zeit über nicht getan und zieht es auch jetzt vor, nicht darüber nachzudenken."

Weiteres: Tom McCarthy denkt über die Möglichkeit nach, für eine Welt voller Fiktionen in der Literatur Wirklichkeit zu erfinden. Michael Hofmann zerfetzt Richard Flanagans neuen Roman "The Narrow Road to the Deep North" in der Luft. Und Edward Luttwak weist den verschiedentlich (auch von seinem Vater!) erhobenen Vorwurf zurück, Großbritannien hätte Napoleon und den Fortschritt in Kontinentaleuropa aus selbstsüchtigen Motiven bekämpft.

New York Magazine (USA), 15.12.2014

Dick Cheney zeigt sich uneinsichtig, was die erweiteren Verhörmethoden der CIA im Irak, vulgo: Folter, während seiner Zeit als Bush-Vize anbetrifft. Den soeben veröffentlichten Senatsbericht nennt er "Müll". Jonathan Chait entdeckt den besten Beweis für die Folterbereitschaft der Bush-Administration in Cheneys Reaktion: "Auf Fox News wies Cheney die Vorwürfe nicht mehr nur einfach zurück, noch schob er, wie so viele andere Republikaner, George W. Bush vor. Der Interviewer Bret Baier konfrontierte Cheney mit Bushs Unbehagen, das dieser beim Anblick eines an die Kerkerdecke gefesselten Häftlings verspürt haben soll, den man zwang, sich selbst zu besudeln. "Was hätten wir tun sollen? Ihn auf die Wangen küssen und ihn bitten, uns zu sagen, was er weiß? Natürlich nicht. Wir haben genau das getan, was getan werden musste, um die Verantwortlichen für 9/11 zu schnappen und weitere Angriffe zu verhindern und beides ist uns gelungen", so Cheneys Antwort. Das ist Cheneys brutale moralische Logik grell ausgeleuchtet. Wenn seine Gefolgsleute die Augen verschließen gegenüber der schrecklichen Wahrheit, deutet das immerhin auf eine menschliche Reaktion hin. Cheney versteht nicht einmal, wieso jemand wegschauen sollte. Seine Seele ist ein kaltes, schwarzes Nichts."

Weitere Artikel: Adrian Chen überlegt am Beispiel von Ferguson, ob Livestreaming die Zukunft der Medien oder die Zukunft des Aktivismus ist. Außerdem nennt das Magazin gute Gründe, New York zu lieben: Hier können Teenager Millionäre werden und Vorschulkinder Clubben gehen. Na bitte. Weitere Gründe hier.

Guardian (UK), 11.12.2014

Martin Chulov beschreibt in einem großen Report über den Islamischen Staat (übrigens auch auf Arabisch), wie das amerikanische Militärgefängnis Camp Bucca im Irak zu einem der wichtigsten Rekrutierungszentren wurde, und beruft sich dabei auf die Aussagen eines Dschihadisten, Abu Ahmed: "Wir hatte so viel Zeit, wir saßen herum und schmiedeten Pläne", erzählt er. "Es war die perfekte Umgebung dafür. Wir beschlossen, uns wiederzutreffen, wenn wir draußen wären. Das zu organisieren war einfach. Wir schrieben uns gegenseitig die Kontaktdaten auf das Gummiband unserer Boxershorts. Wenn wir draußen waren, riefen wir an. Von jedem, den ich für wichtig hielt, hatte ich den Kontakt auf weißem Gummiband, seine Telefonnummer, sein Dorf. 2009 waren wir alle wieder zurück und machten genau das, was wir vor unserer Festnahme taten. Aber diesmal machten wir es besser."

Außerdem: Robert McCrum traut seinen Augen und Ohren kaum, doch offenbar schreibt mit Waterstones ein Buchhändler wieder schwarze Zahlen: "Sagen Sie es nicht laut, aber das Buch lässt Anzeichen eines bescheidenen Comebacks erkennen, und britische Buchhändler zeigen Symptome eines zarten und nicht mehr vertrauten Optimismus." Und Caroline Davies berichtet vom anhaltenden Gezänk um Hilary Mantels Erzählung "Die Ermordung Margaret Thatchers", die die BBC jetzt in ihrer Sendung "Books at Bedtime" bringen will.
Archiv: Guardian

HVG (Ungarn), 03.12.2014

Das ungarische Mediengesetz soll in Kürze nochmals geändert werden. Zwei öffentlich-rechtliche Kanäle, der "nationale Boulevardkanal" sowie der "nationale Sportkanal", sollen bald auf Sendung gehen. Die landesweite Verbreitung soll durch ein neues Gesetz garantiert werden, das die Kabelanbieter verpflichtet, die neuen Sender in ihre Grundpakete aufzunehmen. Damit werden als Nebeneffekt regierungskritische Sender wie RTL verdrängt, schreibt Ilda G. Tóth: "Die Werbesteuer erwies sich beim Versuch, den Fernsehsender mundtot zu machen, als wirkungslos: RTL begann investigative Nachrichtensendungen zu produzieren. Nun versucht die Regierung diesen alternative Informationskanal weiter einzuschränken. (...) Der Gesetzentwurf ist eindeutig: "Die öffentlich-rechtlichen Medien sollen in den Grundeinstellungen eine Positionierung auf den vorderen Programmplätzen erhalten." So werden RTL und TV2 mit Sicherheit aus den Grundpaketen der großen Kabelanbieter verschwinden. Sie werden nur für Abonnenten der teuren Pakete erreichbar sein, ihre Zuschauerquoten werden einbrechen, was sich auf die Anzeigenpreise und die Akquise auswirken wird. Leicht übertrieben gesagt kann sich ein Großteil des Publikums bald nur noch aus den parteiischen Nachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen informieren."
Archiv: HVG
Stichwörter: Mediengesetze, RTL, Ungarn, Hvg

Flavorwire (USA), 09.12.2014

Wie kommt es, dass namhafte Regisseure wie John Waters, David Lynch, Steven Soderbergh und viele andere, die in den 80er und 90er Jahren moderne Klassiker schufen, heute von der Produktion geradezu ausgeschlossen sind, fragt sich Jason Bailey in einem mit zahlreichen weiterführenden Links und Hintergrundinformationen unterfütterten Artikel. Einen Grund sieht er darin, dass das Segment der midlevel-budgetierten, sich an ein erwachsenes Publikum richtenden Filme heute für die Produzenten schon wegen des überschaubaren Ertrags nicht mehr interessant sind. Weshalb sich auffallend viele alte Meister entweder zurückziehen oder zum Fernsehen überlaufen und in den Kinos auf Jahre hin nur noch Superheldenfilme laufen. Doch "dies muss nicht den künftigen Normalzustand darstellen. Die Studiofilmproduktion mag sich kurz vor jenem Punkt befinden, den es bereits in den 60ern erreichte, als eine ganze Pechsträhne mit aufgeblasenen Produktionen, die eher Marktkalkulationen als aufregendem Storytelling verpflichtet waren, die Studios beinahe in den Ruin trieb. Die Filmindustrie konnte sich nur dadurch retten, dass die Krawatten aus den Chefetagen ihre Autoschlüssel den jungen Filmemacher in die Hände drückten, die originelle Geschichten auf originelle Weise zu erzählen wussten. So ist New Hollywood entstanden - weniger, weil das Neue inspirierte, sondern weil das Herkömmliche verzweifelt war. Und da es sich um ein zyklisches Geschäft handelt, könnte dies die Filme neuerlich retten: Der Drang, alles niederzubrennen, und von Neuem zu beginnen. Die Frage dabei aber ist: Wieviele große Filme und großartige Filmemacher werden wir auf dem Weg dahin verlieren?"
Archiv: Flavorwire