Efeu - Die Kulturrundschau

Provokation? Selbstverliebtheit?

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18.12.2014. Le Monde leakt den Plot des neuesten Romans von Michel Houellebecq: "Unterwerfung". Jezebel feiert die weiblichen Popstars des Jahres 2014. Tommy Lee Jones' feministischer Western "The Homesman" irritiert die Kritik: Darf der das überhaupt? Die FAZ bewundert die Homoerotik in Michael Triegels Glasfenstern für die katholische Kirche in Köthen.

Literatur

Das Bigbrowser-Blog von Le Monde erzählt schon mal den Plot des neuen Houellebecq-Romans "Soumission" (Unterwerfung), der am 7. Januar erscheinen soll: "2022. Nach der zweiten Amtszeit von François Hollande steht Frankreich am Rand des Bürgerkriegs. Mohammed Ben Abbès, Präsident der Fraternité musulmane, wird im zweiten Wahlgang als Gegenkandidat zu Marine Le Pen zum Präsidenten gewählt, dank eines Zusammenschlusses der bürgerlichen Rechten und der Sozialisten. Der liberale Politiker François Bayrou wird zum Premierminister ernannt. Die beiden ehemals bestimmenden Kräfte der französischen Politik haben ein Abkommen mit der Fraternité musulmane geschlossen und mussten im Gegenzug zwei Forderungen akzeptieren, die Islamisierung der Erziehung und die Zulassung der Polygamie. François, ein deprimierter Prof an der Uni, erzählt diese Geschichte einer zerbrochenen Gesellschaft, die von den Extremen verführt wird."

Besprochen werden unter anderem Keith Lowes "Der wilde Kontinent" (Berliner Zeitung), mehrere Comics über die Beatles (Tagesspiegel), die Anthologie "Comics zur Lage der Welt" (Tagesspiegel), Adrian Naefs Gedichtband "Raben" (NZZ), Roberto Bolaños Kurzgeschichtenband "Mörderische Huren" (SZ, mehr) und Patrick Modianos "Gräser der Nacht" (FAZ, mehr). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Musik

Nicki Minaj, Iggy Azalea, Beyoncé, Meghan Trainor, Taylor Swift - 2014 regierten Frauen die Popcharts, jubelt Hilary Hughes auf Jezebel. "And the cherry on top of all that? For seven weeks this fall, the leading five spots on the Billboard Hot 100 were occupied and maintained by women, a first-time feat since the singles chart"s inception 56 years ago." Billboards Carl Wilson sieht das genauso und beklagt "das Ende der Männer" im Pop. Nonsense, hält ihm Hughes entgegen: "These women surpassed expectations alongside these hugely successful recording artists with penises. They don"t want to "make men drool," as Wilson playfully implies from the jump. They want to make milestones and money and blow records out of the water with insane sales numbers while doing so, and they want to do that as equals, not as artists banking on the curves and higher vocal registers of their gender or the "end of men" that isn"t happening."

Niemals wird die westliche Kultur untergehen, solange die Massen einem kurzgewachsenen Popstar mit goldenen Lockenwicklern im Haar zujubeln. Und jetzt alle: "Uptown funk you up, uptown funk you up!"



Außerdem: Krachig was auf die Ohren: Popmatters nennt seine liebsten Avantgarde- und Experimental-Alben des Jahres - definitiv nichts für Freunde ziselierten Wohlklangs! Im Standard annonciert Ronald Pohl das Programm der Wiener Festwochen. Und Daniel Ender unterhält sich mit dem Bariton Simon Keenlyside über die Rolle des Rigoletto.

Besprochen werden die Kompilation "Science Fiction Park Bundesrepublik" über den BRD-Tape-Underground der frühen 80er ("Die Zeitreise lohnt sich", schwärmt Rafik Will in der taz), die CD "Behind the Lines" der Sopranistin Anna Prohaska (Freitag), Heinos Metalalbum "Schwarz blüht der Enzian" (Welt), das Album "Russisch Roulette" von Haftbefehl (Standard) und D"Angelos neues Album "Black Messiah" (ZeitOnline).
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Film


Hilary Swank und Tommy Lee Jones in "The Homesman". Bild: Universum Film.

Feministisch oder revanchistisch? Neo- oder Antiwestern? Tommy Lee Jones" Western "The Homesman" gibt der Filmkritik Rätsel auf. Rajko Burchardt beobachtet im Perlentaucher jedenfalls, dass der Film einer fürs Genre ungewöhnlichen Raumdurchmessung folgt: "Dem gewaltsamen Entfernen der Frauen aus Kontexten, die ihnen neue Heimat und also Lebensglück versprachen, folgt eine historische Rückwärtsbewegung: Ohne jeden Zweifel reiten Hilary Swank und Tommy Lee Jones jenem nordamerikanischen Grenzland davon, das sie zu ihrem eigenen erklären wollten - und das eine Wiederkehr nicht vorsieht." Andreas Busche hält dem Film in der taz zwar "interessante Ansätze" zugute, hält ihn am Ende aber doch für "selbstverliebt und etwas irre." Etwas problematisch findet es Ekkehard Knörer im Freitag, dass der Film, der "sich als feministische Kritik an männlichen Westernmythen geriert, doch eine Männerfigur ins Zentrum rückt." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel, in der Presse, auf critic.de und bei epdFilm.

Nach ihrem Plädoyer im Oktober für eine feministische Filmkritik macht Sophie Charlotte Rieger Nägel mit Köpfen und hat mit Filmlöwin ein neues Online-Filmmagazin gegründet, das sich als Forum für eine feministische Perspektive auf Film versteht und dabei insbesondere Filme von Frauen hervorhebt. Hier das Selbstverständnis des Projekts. Erste Texte befassen sich unter anderem mit Monika Treuts queerem "Von Mädchen und Pferden" (hier, mehr) und Katharina Mücksteins "Talea" (hier).

Weitere Artikel: In der Zeit freut sich Georg Seeßlen über 25 Jahre Simpsons: Nie um große Thesen verlegen, erklärt er, dass die Zeichentrickserie "die Tragödie des Menschen in seinem selbst gewählten Gefängnis namens Kapitalismus" behandle. Die Presse verlinkt auf eine britische Studie, die belegt, dass Hauptfiguren in Zeichentrickfilmen für Kinder doppelt so häufig sterben wie in Filmen für Erwachsene.

Besprochen werden außerdem Olivier Assayas" "Die Wolken von Sils Maria" (Perlentaucher, Welt, Filmgazette, critic.de, mehr), Abderrahmane Sissakos "Timbuktu" (NZZ), Susanne Biers Western "Serena" mit Jennifer Lawrence (Welt, Standard), Lisa Webers Roadmovie "Sitzfleisch" (Standard), Céline Sciammas Filmdrama "Girlhood - Bande des filles" (Standard), die Ken-Adam-Ausstellung im Filmmuseum Berlin (taz), die DVD des italienischen Giallos "Liebe und Tod im Garten der Götter" (Freitag) und Bent Hamers "1001 Gramm" (taz).
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Architektur

Für die FAZ besucht Patrick Bahners die frisch sanierte, einst von Egon Eiermann entworfene Deutsche Botschaft in Washington: "Eiermanns Minimalismus in der Auswahl der Formen wie der Baustoffe weckt die Erwartung, dass in diesem Verwaltungsgebäude der Geist der rationalen Verwaltung regiert, dass hier Menschen arbeiten, die klar sehen und das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden."

Besprochen werden eine Ausstellung zu 16 religiösen Bauten des Tessiner Architekten Mario Botta im Zürcher Architekturforum (NZZ) und die Ausstellung über die architektonischen Entwürfe der sowjetischen Kunsthochschule Wchutemas im Berliner Gropius-Bau ("Hardcore-Kunstgeschichte", meint Nikolas Bernau von der Berliner Zeitung, der sich beim Anblick der Entwürfe wünscht, "heute noch einmal so naiv an die Zukunft glauben zu können.")
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Kunst


Michael Triegels Entwurf (Ostfenster): Geschichte Marias zwischen der Verkündigung ihrer Empfängnis und der Abnahme ihres Sohnes Jesus Christus vom Kreuz. © Michael Triegel

Günter Kowa begutachtet für die FAZ Michael Triegels für die katholische Kirche in Köthen gestalteten Glasfenster - und stutzt bei der Darstellung von Adam und Eva: "Unfreiwillig schimmern [hier] auch der pedantische Naturalismus in der Aktmalerei eines Adolf Ziegler und ästhetische Anflüge von Homoerotik durch. Provokation? Selbstverliebtheit? Ob gewollt oder ungewollt: Damit dürften die Glasfenster nicht nur in Köthen für lebhafte Debatten sorgen."

Zum Abschluss der Münchner Vortragsreihe "Was ist noch schön an den Künsten?" erklärte Hans Ulrich Gumbrecht das Zeitalter der großen Künstler für beendet, berichtet Michael Stallknecht in der SZ.

Besprochen werden die Schlemmer-Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart (Freitag), die Norbert-Bisky-Schau in der Kunsthalle Rostock (Welt), eine Walter-Dexel-Ausstellung im Städtischen Museum in Braunschweig (FAZ) und die Ausstellung "Die große Illusion" über veristische Skulpturen im Liebieghaus in Frankfurt (SZ).
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