9punkt - Die Debattenrundschau

Sei lieb zu der Flasche

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.12.2014. Die Welt denkt über die interkulturellen Kompetenzen von Cyborgs nach. Micha Brumlik fürchtet in der taz um die jüdische Diaspora. Ebenfalls in der taz erklärt Behnam Said das Sektierertum des Islamischen Staates zu seinem großen Schwachpunkt. Die Jungle World ächzt über die unpolitische Deutschland-Ausstellung im British Museum. Die NZZ fragt, wann den Menschen eigentlich der Glaube an Vernunft und Autonomie abhanden gekommen ist. Die SZ geht mit dem freundlichen Herrn Müller vom LKA einen Kaffe trinken.

Politik

Micha Brumlik fürchtet in der taz, dass sich die politische Krise in Israel zu einer veritablen Krise des jüdischen Volkes ausweiten kann, wenn nämlich die Regierung ihre Pläne wahrmacht, Israel zum "Staat des jüdischen Volkes zu erklären: Abzusehen ist daher, dass jene Juden der Diaspora, die die prophetischen, die universalistischen Werte des Judentums über nackten Partikularismus und blinden Selbstbehauptungswillen stellen, sich von Israel und dem Zionismus abwenden werden. Die damit aufziehende Krise, die künftige Spaltung des Judentums, zeigt sich vor allem in den USA. Dabei geht es ausnahmsweise nicht um die "außenpolitische" Frage des israelischen Verhältnisses zu den Palästinensern, sondern um die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora."

Im taz-Interview mit Christiane Müller-Lobeck erklärt der Islamwissenschaftler Behnam Said, der auch als Referent beim Hamburger Verfassungsschutz arbeitet, wie das Sektierertum des Islamischen Staats zu seinem großen Schwachpunkt wird: "Das führt bei ausländischen Kämpfern zu Enttäuschungen. Sie haben gedacht, sie beteiligen sich am Aufbau eines islamischen Staatswesen. Und dann sehen sie Muslime gegen Muslime kämpfen. Nicht wenige kehren deshalb desillusioniert zurück."

Catrin Lorch präsentiert in der SZ Äthiopien als neuen "afrikanischen Tigerstaat" vor: "Das Land, das der Westen als stabile, gemäßigte Diktatur einordnet, hat Ghana und Kenia mit seiner Wirtschaftskraft überholt."
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Kulturpolitik

Überhaupt nicht teilen kann Anika Baunack in der Jungle World die Begeisterung über die Deutschland-Ausstellung "Memories of a Nation" des British Museum, die weder politische noch historische Zusammenhänge kenne . Am schlimmsten findet sie "die Vernachlässigung der Gesellschaft zugunsten der Nation. Es wird zu keinem Zeitpunkt klar, wessen Erinnerungen die Ausstellung überhaupt präsentiert. Durch den affirmativen Bezug auf das Konstrukt der Nation kann jede Beschreibung ihrer Geschichte und Regungen lediglich auf der Ebene des Stereotyps verharren. Die deutsche Gesellschaft tritt nie wirklich in Erscheinung, wirkt vollkommen konfliktfrei und homogen."
Stichwörter: Memories of A Nation

Gesellschaft

In der Welt freut sich Uwe Schmitt auf die Zukunft mit Robotern und Cyborgs, würde nur gern sicher gehen, dass er nicht eines Tages von ihnen abgemurkst wird. Nur leider wird es in absehbarer Zukunft nichts mit einer Roboter-Ethik: "In Japan, wo beinahe ein Drittel aller Roboter entwickelt und gefertigt werden, ist die Einsicht, dass eine Robo-Ethik von Menschen geschaffen werden muss, bevor die Maschinen sie ihnen aufzwingen, wenig verbreitet. Umso offener ist das Land für Technik. Der Ahnenkult Shinto spricht Menschen, Tieren und Gegenständen göttliche Seelen (Kami) zu. Tote wie Ungeborene leben unter den Menschen, Felsen, Autos, Computer leben ... In Japan ermahnen Eltern ihre kleinen Kinder: "Sei lieb zu der Flasche, es tut ihr weh, wenn du sie zerschlägst.""

In der SZ gibt sich Tim Neshitov als einer derjenigen zu erkennen, für die Deutschland das beliebte Einwanderungsland ist und erklärt das unter anderem so: "Ein paar Monate nachdem ich gekommen war - Studium in Regensburg -, rief mich ein Herr Müller vom Bayerischen Landeskriminalamt am Handy an. Grüß Gott, wollen wir mal einen Kaffee trinken? Wer sagt da Nein. Wir trafen uns in einem Café, kurz vor Weihnachten, Herr Müller war nett. Er wollte wissen, ob die russischen Behörden nicht Druck auf mich ausübten, damit ich Informationen nach Moskau liefere. "Gewisse Informationen, wissens?" Ich wusste von nichts, ehrlich, ich war froh, dass ich sein Bairisch verstand." In Sankt Petersburg wurde dagegen ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet - "von Polizisten, die mit Heroin dealten."

Sabine Sasse berichtet in der FAZ von weniger netten Überlegungen der Polizei, auch im Internet "auf Streife" zu gehen. Kleines Problem: Polizisten müssen jedem Verdacht nachgehen. "Polizisten, die im Internet "Streife laufen", müssten deshalb jede Beleidigung, Bedrohung, Volksverhetzung oder Urheberrechtsverletzung, die sie in einem Forum, Chat, Blog oder als Kommentar auf Youtube entdecken, aufnehmen und der Staatsanwaltschaft melden."

In der FAZ begrüßt Christian Geyer außerdem die Einsicht unter Neurobiologen, dass nicht jede Lebensuntüchtigkeit ein Fall für die Psychiatrie ist.
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Geschichte

Stephen Tree erinnert in der NZZ an Rudolf Kasztner, der von Adolf Eichmann 1300 ungarische Juden freikaufte: "Rudolf Kasztner steht beispielhaft für die Unmöglichkeit, sich dem absolut Bösen gegenüber moralisch absolut richtig zu verhalten - und für die Schwierigkeit, dieses Verhalten im Nachhinein gerecht zu beurteilen."
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Ideen

Der "ironische Hedonismus", mit dem das 20. Jahrhundert zu Ende ging, ist zum Glück vorbei, doch wurde sie, wie Martin Meyer in der NZZ glaubt, durch eine um sich greifende Angst abgelöst, die nicht einmal durch "realitätsnahen Fatalismus" gemildert werde: "Heute ist Angst an eine bemerkenswerte Enttäuschung gekoppelt. Nachdem uns nämlich aufgegangen ist, dass die seit 1989 genährten Hoffnungen auf eine selbstverantwortete Welt des ewigen Friedens in Wohlstand und Toleranz zu weiten Teilen ein Trugbild waren, ist Angst eine Schwester der Frustration. Das heißt: Irgendwie und an vielen Fronten ist es nicht gelungen, das Schicksal der Menschen im Auftrag von Vernunft und Autonomie zu packen, zu gestalten, dann zu globalisieren und endlich zu ernten."

Im Interview mit Angelika Brauer plädiert der Philosoph Michael Hampe im Tagesspiegel für eine "nichtdoktrinäre Philosophie": "Die Akademisierung ist aus meiner Sicht tatsächlich eine Gefahr für die Kraft der Philosophie, weil sie dazu führt, dass man die Wirkung der Texte nicht mehr zulässt. Die Begeisterung, mit der man das Philosophiestudium beginnt und die fast immer etwas mit der Suche nach Antworten auf Sinn- und Glücksfragen zu tun hat - die wird einem an der Universität in wenigen Semestern ausgetrieben. Hier geht man davon aus, dass Lebensfragen nur dilettantisch zu behandeln sind."

Weiteres: Ulf von Rauchhaupt freut sich in der FAZ über die "Einstein Papers", die von der Universität Princeton komplett und hervorragend ediert ins Netz gestellt wurden. Volker Gerhardt denkt in der NZZ über die Möglichkeiten einer rationalen Theologie nach.
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Medien

In Antwort auf den Facebook-Post Cordt Schnibbens zur Absetzung des Spiegel-Chefredakteurs Wolfgang Büchner (wir zitierten gestern) betont Thomas Knüwer in seinem Blog, dass nicht erst Büchner den Gegensatz zwischen Print und Online geschaffen hat: "Mir haben Onliner immer wieder gesagt, dass sie schon lange diese Front verspürten, einerseits in der alltäglichen Behandlung, andererseits natürlich auch die die fehlende Möglichkeit, Teil der Mitarbeiter-KG werden. Nein, Büchner hat diese Front mit Sicherheit nicht erschaffen. Wahrscheinlich aber scheint, dass sie durch ihn offenbar wurde."

Christian Meier kommentiert bei Meedia: "Und die Mitarbeiter KG? Konsequent wäre es, träten die Geschäftsführer zurück und machten den Weg für Neuwahlen frei. Alternative: die jetzige KG-Spitze bekennt sich glaubwürdig zur Reform und zur Öffnung des Unternehmens für alle Mitarbeiter des Spiegel."
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Stichwörter: Der Spiegel, Cord