9punkt - Die Debattenrundschau

Wir sollten hinter der Mauer verschimmeln

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.11.2014. 25 Jahre Mauerfall. Ein paar sind heute noch sauer auf die DDR. Ines Geipel zum Beispiel, die im Standard erklärt, warum sie sich mit Pittiplatsch und Schnatterinchen bis heute nicht versöhnt hat. Die SZ ist sauer auf Wolf Biermann. Monika Maron weigert sich in der Welt, Zeitzeugin zu sein. Im Freitag erklärt der Philosoph Peter Engelmann, warum  Derridas Dekonstruktion allen Dissidenten nützen kann. In der taz baut Brendan Simms eine neues Europa mit Zutaten aus Deutschland, Irland und Großbritannien.

Geschichte



Das war die die DDR. Und da war das Wetter noch gut! Dieses anheimelnde Foto findet sich in einer Bilderstrecke bei linkiesta.it: "La Città divisa. Berlino, il muro e la storia".

Birgit Baumann porträtiert für den Standard die ehemalige DDR-Sprinterin und heutige Autorin Ines Geipel, die mit der Pittiplatsch- und Schnatterinchen-Nostalgie vieler Ossis und der wohlwollenden Ignoranz vieler Wessis nichts anfangen kann: "Tausende Kilometer fährt die 54-Jährige in diesen Tagen und Wochen durchs wiedervereinigte Land, zu Lesungen, Diskussionen und Vorträgen. In den westlichen Bundesländern überkommt sie noch heute manchmal Wut. Dann fällt ihr an einem malerischen bayerischen See oder einer pittoresken Stadt wieder ein: "Das zu sehen war für uns DDR-Bürger nicht vorgesehen. Wir sollten hinter der Mauer verschimmeln.""

Weniger Ostalgie als Westalgie diagnostiziert dagegen der Schriftsteller Ingo Schulze im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Er hätte sich eine gleichberechtigtere Wiedervereinigung gewünscht, aber der schnelle Beitritt war wohl unvermeidbar: "Die Bundesrepublik als Eldorado war damals wesentlich sozialer, wirkte abgesicherter und war in vielem demokratischer als heute, weil die Wirtschaft gezähmter war, ohne neoliberale Exzesse, ohne eine so große Spreizung zwischen Arm und Reich. Statt Ostalgie begegnet mir häufig Westalgie: die Sehnsucht nach jener Bundesrepublik, nach der sich auch viele im Osten gesehnt hatten. Vor "89!"

Willi Winkler ist in der SZ noch ganz aufgebracht vom Auftritt Wolf Biermanns im Bundestag mitsamt der Attacke auf die PDS: "Biermann hat relativ wenig Ähnlichkeit mit einem Streichquartett, Demut ist ihm wesensfremd, Bundestagspräsident Lammert hätte also wissen können, wen er gegen demokratisch gewählte Abgeordnete in Stellung brachte."

Das Berliner HAU-Theater hat zum Mauerfall-Jubiläum Theatergruppen aus Rumänien und Moldawien eingeladen. Die rumänische Kuratorin Raluca Voinea beschreibt in einem Tagesspiegel-Essay ganz gut - und nicht nur auf ihr Land zutreffend - die aktuelle Stimmungslage als scharfen Gegensatz 1989: "2014 scheint man Demonstrationen einzig und allein dann zu akzeptieren, wenn sie im Namen des Status Quo geschehen. Offensichtlich fühlen sich die Menschen am wohlsten mit all dem Übel, das sie bereits kennen und an das sie sich gewöhnt haben. Die kulturellen Strukturen sind fast immer von den politischen bedingt. Auch der kritische Diskurs ist abhängig von finanzieller Unterstützung, und jede künstlerische Äußerung erscheint vergebens, wenn Bomben fallen und Obdachlosigkeit, Hunger, Krankheiten und die von der gewaltigen Ungleichheit ausgelöste Verzweiflung immer mehr um sich greifen."

Die Welt hat ein ganzes Dossier zum 9. November zusammengestellt. Im Aufmacher plädiert Wolf Lepenies für eine deutsch-französische Wiedervereinigung! Denn die Franzosen, schreibt er, sind frustriert. All ihre Versuche, den durch die Wiedervereinigung und Osterweiterung beträchtlich vergrößerten politischen Einfluss der Deutschen durch ein "Lateinisches Reich" einzuschränken, schlugen fehl: "Für die zukünftige Entwicklung Europas liegt hier ein beträchtliches Konfliktpotenzial. Um wie vieles besser wäre es um Europa heute bestellt, wenn Deutschland und Frankreich - anstatt in der Finanz- und Wirtschaftskrise konträre Positionen einzunehmen - einen schlüssigen Plan vorlegten, der die notwendigen Strukturreformen einzelner europäischer Länder mit wirksamen und nachhaltigen Wachstumsimpulsen verbinden würde!"

Andrea Seibel besucht die Autorin Monika Maron, die über alles, nur nicht über die DDR reden will: "Manchmal kann sie sehr apodiktisch sein: "Man darf zwei Dinge im Leben nicht werden: Opfer und Zeitzeuge." Daher hätte sie ihre Zeitzeugenschaft im Jahr des Mauerfall-Jubiläums verweigert. Sie schriebe gerne Artikel über alles, sogar über Fußball, aber nicht über die DDR. "Was ich zu erzählen habe, erzähle ich in Büchern. Oder eben nicht.""

Die New Republic bringt zum Mauerfall einfach Christopher Hopes Reportage aus dem November 1989. Er beschreibt, wie die Fernsehreporter aus aller Herren Länder über die Stadt herfielen. "Die Berliner wussten nur zu gut, dass diese Leute vor eine paar Wochen ihre geteilte Stadt auf einer Karte noch nicht hätten markieren können ihre Stadt. Berlin geisterte, wenn überhaupt, mit Bildern von Liza Minnelli durch die Erinnerungen, die in "Cabaret" ihre Lieder schmetterte."

Außerdem zum Mauerfall: Michael Pilz erinnert anlässlich eines gemeinsamen Konzerts der Puhdys, City und Karat an den Ostrock. Und Sven Felix Kellerhoff stellt Stefan Weinerts Dokumentarfilm über die Familien der Mauertoten vor. Im Zeit-Magazin erzählt Carolin Ströbele, wie der alternative Berliner Sender Radio100 ein paar Wochen vorher als Fake erfand.
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Ideen

Mils Markwardt führt für den Freitag passend zum Mauerfall ein Gespräch mit dem Dissidenten, Verleger und Philosophen Peter Engelmann, der mit Blick auf totalitäre Erfahrungen Jacques Derridas Begriffe der Dekonstruktion und Subversion feiert: "Jemand, der emanzipatorische Ziele verfolgt, würde natürlich nie sagen, dass er einen Massenmord begeht. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass bestimmte Denkstrukturen diese Gefahr bergen. Derrida wollte also keine emanzipatorischen Projekte desavouieren, sondern nur einen bestimmten Absolutheitsanspruch sabotieren."

Andreas Fanizadeh beleuchtet im Interview mit dem Historiker Brendan Simms zunächst mal seine persönliche Geschichte: Er ist Ire, Sohn einer Deutschen und hörte auch bei Walter Jens. Um so interessanter, dass er Großbritannien als Modell sieht: "Um es gleich vorwegzusagen: Ich bin ein Freund Großbritanniens. Ich halte nationalistischen Bestrebungen, sofern sie nicht demokratisch legitimiert sind, für falsch. Mir wäre es lieber, die Insel Irland wäre politisch geeint. Aber ob dies nun ein Gesamtstaat im Verbund des Vereinigten Königreiches oder der Europäischen Union wäre, das scheint mir eher zweitrangig."

"Eine große, eine wichtige Stimme aus dem Mittelmeerraum ist für immer verstummt", beklagt Beat Stauffer in der NZZ den Tod des frankotunesischen Dichters und Intellektuellen Abdelwahab Meddeb. "Er war Wanderer zwischen den Welten, genauer Beobachter und unerbittlicher Kritiker; er befasste sich mit dem mystischen Islam und lebte dennoch ganz in seiner Zeit. Meddeb fühlte sich als Weltbürger und hatte Wohnsitz in Europa, beharrte aber auf seinen tunesischen und islamischen Wurzeln und schöpfte aus den Quellen der griechischen Philosophie. Nur wenigen gelang dieser Spagat zwischen Ost und West auf solch glaubwürdige Weise." In Le Monde findet sich eine Hommage des Philosophen Jean-Luc Nancy. Bernard-Henri Lévy schreibt kurz in seinem Blog.
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Gesellschaft

Hanser Verleger Jo Lendle reist wegen des Bahnstreiks mit einem Bus von Zürich nach München und berichtet von diesem "Selbstversuch" in der FAZ: "Bestandsaufnahme Oberdeck: Ein Teil der Mitreisenden hört Musik, ein Teil döst. Einzelne Zeitungsleser, die meisten betrachten ihre mobilen Endgeräte. Der Rest schaut in den Herbst. Kein einziges Buch."
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Stichwörter: Jo Lendle

Internet

In der Welt erklärt Torsten Krauel, warum die Amerikaner keine Angst haben vor Amazons neuer HiFi-Anlage, deren Mikrofone "Gesprochenes selbst dann verstehen, wenn laute Musik läuft. Die Anlage kann auf Zuruf auch Einkaufslisten erstellen oder Stichworte im Internet nachschlagen. Man spricht die Lautsprecher mit dem Codewort "Alexa" an, und schon sind sie ganz Ohr."

Carolin Emcke sinniert in der SZ über das Internet: "Letztlich erspart die digitale Suchmaschine den Prozess des Suchens. Jeder noch so entlegene Begriff, jedes noch so spezifische Phänomen findet in einem einzigen Vorgang eine präzise Antwort. Das ist grandios. Und in gewisser Hinsicht natürlich auch der Sinn der Sache. Was darüber allerdings verloren zu gehen droht, ist jenes Suchen, das sich vom Allgemeinen zum Besonderen bewegt (und wieder zurück). Jenes Lesen, das eine Frage umkreist wie ein Hund seinen Platz, bevor er sich hinlegt, das also Umwege geht, sich womöglich auch verläuft." Nee, das nennt man im Netz nur Surfen!
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Medien

Wenn vom gefährlichen Leben von Journalisten die Rede ist, denkt man oft an Kriegskorrepondenten, schreibt Juan David Romero in der New Republic. Aber "ein neuer Bericht der Unesco zeigt, dass nur sechs Prozent der 593 Reporter, die seit 2006 ums Leben gekommen sind, Auslandskorrespondenten waren. In den allermeisten Fällen lauert die Gefahr für Journalisten in der Heimat." Die gefährlichsten Länder waren (in dieser Reihenfolge) der Irak, die Philippinen, Syrien, Somalia, Pakistan, Mexiko, Honduras, Brasilien, Russland.
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