9punkt - Die Debattenrundschau

Das ist Grieg

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2014. In der Welt spricht der ehemalige Staatsanwalt Gerhard Wiese über den historischen Auschwitz-Prozess als Zäsur. Die FAZ erzählt, wie Google Daten von Islamkritikern an Islamisten liefert. Laut Poynter gründet die ehemalige Chefredakteurin der New York Times Jill Abramson ein Start up nur für Longreads - und die Autoren bekommen 100.000 Dollar Vorschuss. Und Telepolis fragt, warum der Mord an Theo van Gogh in der Linken bis heute kein Nachdenken auslöst.

Geschichte

Anlässlich des Kinofilms "Im Labyrinth des Schweigens" spricht der letzte noch lebende Staatsanwalt des Auschwitzprozesses, Gerhard Wiese, mit Eckhard Fuhr in der Welt über den Film und das damalige Verfahren: "Wir plädierten dafür, Auschwitz als Ganzes, als eine einzige Mordmaschinerie zu betrachten und die Taten allesamt als Mord oder Beihilfe zum Mord zu werten. Das Gericht folgte dem nicht. Es beharrte darauf, dass jedem einzelnen Täter eine Schuld nachzuweisen sei. Gelang der Beweis nicht, musste freigesprochen werden. Entsprechend war das Ergebnis. Von den Strafen waren wir natürlich insgesamt nicht begeistert. Das Entscheidende aber war, dass mit den Urteilen endlich gerichtlich festgestellt wurde, was in Auschwitz wirklich geschehen ist. Keiner konnte mehr behaupten, dass es keine Gaskammern gegeben habe. Damit hatte Fritz Bauer sein Hauptziel erreicht." Hanns-Georg Rodek schreibt über den Film.

Weil gerade so viel vom Kalten Krieg geredet wird, erinnern sich Redakteure der Welt sich ihre schönsten Momente. Zum Beispiel Richard Herzinger, der nach der Kubakrise mit seinen Eltern durch das traumatisierte Europa fuhr: "Die bedrückende Stimmung wurde durch ernste Musik im Autoradio unterstrichen. Da sagte mein Vater zu meiner Mutter auf dem Beifahrersitz: "Das ist Grieg.""
Archiv: Geschichte

Politik


Foto: Szenenbild aus Theo van Goghs Film "Submission".

Peter Nowak erinnert in Telepolis an den Anschlag auf Theo van Gogh vor zehn Jahren, der den Horror der IS-Marodeure vorweggenommen habe, und er gibt zehn Jahre danach "jenen Teilen der Linken recht, die bereits damals davor warnten, die dschihadistische Ideologie zu unterschätzen und die islamistische Gewalt in erster Linie als Folge der Unterdrückung der Moslems zu interpretieren... Auch in Deutschland wurden Menschen, die nach den islamistischen Anschlägen des 11. September in den USA darauf hinwiesen, dass die Ideologie und die Praxis des Islamismus eine Gefahr für Juden, Linke und überhaupt alle Freunde der Freiheit sind, schnell in die konservative Ecke geschoben... "

Erinnern wir auch an die Debatte um "Islam in Europa" in Signandsight und Perlentaucher, deren Protagonisten Pascal Bruckner, Ian Buruma und Timothy Garton Ash waren, dessen Charakterisierung Ayaan Hirsi Alis als "Fundamentalistin der Aufklärung" Bruckner zur Kritik am "Rassismus der Antirassisten" führte - Garton Ash hat seine Forumulierung später zurückgenommen.

Robert Misik erinnert in der taz daran, dass vor drei Jahren die NSU-Morde bekannt wurden und sieht das so: "Während man jeden von Muslimen angerichteten Terroranschlag (wo immer er auf der Welt geschehen mag) schnell bereit ist, den Muslimen als Gesamtheit umzuhängen, ist jeder deutsche rassistische Täter immer tendenziell der Einzeltäter."
Archiv: Politik

Internet

Swantje Karich erzählt im Aufmacher des FAZ-Feuilletons, wie die Macher des islamkritischen Youtube-Kanals Al Hayat wegen angeblichen Copyright-Verstoßes in Gefahr gerieten, weil ihre persönlichen Daten an Islamisten weitergereicht wurden. Gegen den Kanal legte einer der Islamisten, die ihn mit Wut und Hass verfolgten, bei Youtube Beschwerde ein wegen angeblichen Copyright-Verstoßes. Google fordert die Macher eines Kanals in einem solchen Fall zu einer Gegendarstellung auf und gibt die Daten der Macher an die Kläger weiter. Karich zitiert aus den Google-AGB: "Nach Erhalt deiner Gegendarstellung leiten wir sie an den Nutzer weiter, der den ursprünglichen Urheberrechtsanspruch eingereicht hat. Beachte bitte, dass bei der Weiterleitung der Meldung auch deine personenbezogenen Daten gesendet werden. Durch das Einreichen einer Gegendarstellung stimmst du zu, dass deine Daten auf diese Art offengelegt werden."

Im Standard sieht der Musiker und frühere Kulturminister Gilberto Gil die Polarisierung der brasilianischen Gesellschaft stärker werden: "Für mich hängt das mit dem Phänomen Internet und den sozialen Netzen zusammen, mit der stärkeren Rolle des Individuums, die eine andere Art des gesellschaftlichen Handelns erzeugt. Die Einzelnen werden zu Journalisten und Analysten, vertreten Meinungen und verbreiten sie. Gleichzeitig garantiert das Internet sowohl die Exponiertheit der Einzelnen wie ihre Anonymität. Es ist paradox, aber wahr. Die Leute stellen sich zur Schau und verstecken sich zugleich hinter einer elektronischen Identität."
Anzeige

Twitterfeed der Verlage

Archiv: Internet

Medien

(Via faz.net) Die ehemalige New York Times-Chefredakteurin Jill Abramson gründet ein journalistisches Start Up ausschließlich für "Longreads", meldet Kelly McBride bei Poynter: "Autoren bekommen Vorschüsse um 100.000 Dollar, um Stories zu produzieren, die länger sind als normale Magazin-Artikel, aber kürzer als Bücher. Jeden Monat soll es einen "perfekten Story-Wal" geben, und er soll per Abo zu beziehen sein." Drei Dollar soll das die Leser im Monat kosten.

Weiteres: Auf Spiegel Online lästert Jan Fleischhauer über Caroline Emckes samstägliche Exerzitien in der SZ: "Nur Spötter kämen auf die Idee, hier eine Art Käßmann mit Diplom zu sehen." turi2 ist wie immer vorne dran und meldet ohne Quellenangabe, dass der Bonner General-Anzeiger seine komplette Online-Redaktion entlassen habe.
Archiv: Medien

Überwachung

Auch der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust glaubt im Gespräch mit Reinhard Jellen in Telepolis, dass im wesentlichen Firmen, und nicht der Staat Akteure der um sich greifenden Überwachung seien: "Ich glaube, dass die Politik den Eindruck hat, sie hätte den Anschluss verloren, weil die Zentren dieser neuen Entwicklung vor allem in Silicon Valley, also in den USA liegen. Deswegen denken sie im Wesentliche darüber nach, diese Entwicklung einzuholen - und nicht darüber, wie wir hier in Deutschland unseren persönlichen und staatlichen Sicherheitsbereich gegen die Allmacht der großen Computerfirmen abschirmen können."
Archiv: Überwachung