9punkt - Die Debattenrundschau

Die schönsten Backrezepte des Nordens

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.08.2014. Die SZ lässt über TTIP-Verhandlungen und den deutschen Subventionsbetrieb debattieren. Im Guardian erklärt Friedensaktivistin Lindsey German, warum mit Fug für die Palästinenser, aber nicht für die Syrer protestiert wird. David Carr trauert in der New York Times um das Zeitungsgenre. Jeff Jarvis will dagegen personalisierten Journalismus. Amazon hält die Feuilletons weiter in Atem. In der Welt prangert Karl Schlögel den "Urbizid" in der Ostukraine an.

Europa

Während Europa Urlaub macht, begehen Marodeure im Auftrag Putins in den Städten der Ukraine "Urbizid", schreibt Karl Schlögel in der Welt: "Die Karte von Donezk vor sich und die stündlichen Meldungen aus der Stadt - Blogs, Meldungen der Agenturen, Korrespondentenberichte, aus dem Fenster eines Wohnblocks aufgenommene Videos - in sie eintragend, zeichnet sich die Topografie der Stadtzerstörung ab. Immer geht es in Lugansk und Donezk um strategische Punkte wie Bahnhöfe und Flughäfen."
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Medien

In dieser Woche haben sich drei große amerikanische Verlagshäuser von ihren Zeitungen getrennt. David Carr hat in der New York Times einen Nachruf aufs ganze Genre geschrieben: "Viele Leute haben es nicht bemerkt, oder es hat sie nicht gekümmert, dass ihre Zeitungen Personal entließen und ihren Umfang reduzierten. Werden sie es mitbekommen, wenn die Zeitungen insgesamt verschwinden? Ich bin da nicht so optimistisch." Jeff Jarvis protestiert in seinem Blog gegen diesen Defätismus, zitiert das Beispiel von BuzzFeed, das gerade 50 Millionen Dollar Risikokapital erhalten hat und lässt sein Credo hören: "Journalismus sollte als Dienstleistung wiederaufgebaut werden, die sich an Einzelpersonen und Gruppen richtet, was eine Beziehung zu ihnen als Personen, nicht als Masse voraussetzt."

Stefan Niggemeier stellt noch einmal klar, worüber wir reden, wenn wir über die Rankingshows des NDR sprechen: Die Kultautos der Deutschen. Die größten Sommerhits des Nordens. Die besten Comedy-Songs des Nordens. Die schönsten Backrezepte des Nordens. Die schönsten Weihnachts-Momente im TV. Die beliebtesten Trecker Norddeutschlands. Die schönsten Brücken Norddeutschlands...
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Politik

Friedensaktivistin Lindsey German ist tief durchdrungen von ihrer Palästina-Solidarität und antwortet im Guardian auf den Vorwurf, dass ihre Fraktion nur gegen Israel, aber zum Beispiel nicht gegen den Horror in Syrien demonstriere, mit dem schlagenden Argument, dass man die syrische Bevölkerung ja bereits erfolgreich im Stich gelassen habe: "Sinn von Massendomonstration ist es, Druck auf die Regierung auszuüben und die öffentliche Meinung des Landes zu beeinflussen. Sie hatten bereits Einfluss. Die öffentliche Meinung ist gegen eine Intervention, und die Öffentlichkeit war wirksam dabei, David Cameron bei dem Versuch zu stoppen, Syrien zu bombardieren."

Die Juristin Amal Alamuddin, nebenbei verlobt mit George Clooney, wird vom Menschenrechtsrat der UN beauftragt, Menschenrechtsverletzungen in Gaza zu untersuchen, meldet die französische huffpo. Dort wird Alamuddin vertauensvoll mt dem senegalesischen Politiker Doudou Diène zusammenarbeiten, der einst durch einen legendären Menschenrechtsbericht über die Schweiz hervortrat. Zu den prominenten Verfechtern der Menschenrechte in dem angesehenen UN-Gremium zählen zur Zeit Nationen wie Saudi Arabien, die Volkrepublik China und Russland.

Laura Gispert schildert in der FAZ Begegnungen und Erfahrungen, die sie in den vergangenen Wochen in der kurdischen Hauptstadt Arbil gemacht hat: "Die Kirchen in Arbil bleiben für die Flüchtlinge zunächst geschlossen, obwohl Hunderte einen Schlafplatz suchen. Ich frage bei einer Gemeinde nach, warum die Flüchtlinge nicht im Innenhof nächtigen dürfen. "Das kann nicht die Lösung sein. Die Regierung soll sich etwas Besseres einfallen lassen", ist die Antwort. Ein Sicherheitsmann erklärt, er habe Befehl, die Tore nicht für die Flüchtlinge zu öffnen, weil diese assyrische Christen, die Gemeindemitglieder aber chaldäisch-katholisch seien. Ich nehme dreißig Flüchtlinge bei mir auf."
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Internet

Andreas Platthaus zählt in der FAZ die neuesten Volten der Amazon-Strategie auf verschiedenen Schlachtfeldern auf. Unter anderem verlegt der Konzern die Auslieferung deutscher Bücher nach Polen und Tschechien, um Kosten zu sparen und den Ärger mit den Gewerkschaften loszuwerden. Zusatzkosten sollen die Verlage decken: "Damit wird der Druck hin zur digitalen Verbreitung von Büchern, den Amazon auf seine Lieferanten ausübt, weiter verstärkt. Denn bei E-Books fallen keine Versandkosten an, doch auf diesem Feld ist Amazons Dominanz auch auf dem deutschen Markt am größten."

Amazon praktiziert auch am besten von allen den neuen Kundenkapitalismus, den Andreas Zielcke in der SZ nach Managerkapitalismus und Shareholder-Value aufziehen sieht: "Für den Kunden quetscht man Lieferanten über die Maßen aus. Für ihn überrollt man den stationären Handel. Und für ihn annektiert man immer größere Teile der Wertschöpfungskette." In der Welt zweifelt Holger Ehling am Geschäftsmodell des "Milliardenkonzerns".

Weiteres: Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons informiert der Literaturwissenschaftler Robert Pogue Harrison aus Stanford, dass Silicon Valley ja doch nur die "optimale Vermarktung einer ewig jugendlichen, regressiven Kultur" betreibe.
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Kulturpolitik

Das SZ-Feuilleton lässt den Hanser-Verleger Jo Lendle, den Theaterintendanten Christian Stückl und den "Kulturinfarkt"-Autor Dieter Haselbach über das Freihandelsabkommen TTIP diskutieren. Haselbach findet es ganz richtig, endlich den deutschen Subventionsbetrieb auf den Prüfstand zu stellen. Lendle ist klar gegen das Abkommen: "Mir widerstrebt es zu sagen, wir sind Hochkultur und Amerika ist Entertainment. Die Amerikaner haben auch ohne Subventionen große kulturelle Leistungen hervorgebracht. Jüngstes Beispiel: die Fernsehserien. Sie sind großartig, dafür fehlt es unseren öffentlich-rechtlichen Sendern an Mumm. Aber in den USA gibt es ebenfalls Traditionen der Kulturförderung wie privates, steuerbefreites Mäzenatentum. Unsere von Individualinteressen unabhängige öffentliche Förderung sollten wir uns nicht nehmen lassen."

Weiteres

Beinahe hätte sich Martin Meyer in der NZZ darüber gefreut, dass auch das Schweizer Bundeshaus für einen schlüpfrigen Skandal taugt, doch, ach, es ging nur wieder um Selfies: "Als ob unsere Gegenwart aus monotoner Leere bestünde, tanzen wir ihr - dagegen - multiple Identitäten, scharfe Rollenrichtungswechsel, scheinbar unüberbietbar originelle Maskeraden vor. Doch wenn"s schiefgeht, war es bloß wieder nur dieses eine und einzige Ich, das zur Buße gerufen ist. "
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Stichwörter: Selfies