Efeu - Die Kulturrundschau

Mollig edelherb die Mittellage

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12.08.2014. Eine Schule des Sehens durchläuft die taz in Salzburg vor fünfzig Fotografien zu Roland Barthes' Fototheorie. Der Standard hat Gott gesehen, und er sieht aus wie Scarlett Johansson. Die SZ bewundert die existenzielle Mode von Jean-Paul Gaultier und Dries van Noten. Der Guardian trauert um Robin Williams.

Film



"Scarlett Johansson ist Gott." Mit dieser schlichten Feststellung beginnt Bert Rebhandl im Standard seine Kritik von Luc Bessons Actionfilm "Lucy", in dem Johansson als Drogenkurier durch ein geplatztes Päckchen zu einer Superheldin mutiert. Das passt, findet Rebhandl: "Scarlett Johansson hat mit Lucy eine Rolle übernommen, die ursprünglich für Angelina Jolie gedacht war, die in "Salt" (2010) auch schon in eine ähnliche Richtung unterwegs war. Johansson ist aber die ungleich bessere Besetzung. Sie bringt aus dem großartig verblasenen Scifi-Thriller "Under the Skin" von Jonathan Glazer eine Aura des Überirdisch-Unheimlichen mit, die sie hier in den Dienst der Knallerbsenmetaphysik von Besson stellt. Stanley Kubrick und Terrence Malick lassen grüßen, aber Besson grüßt nicht zurück." Weitere Kritiken im Tagesspiegel, critic.de und bei kritiken.de.

Weitere Artikel: Vom Filmfestival in Locarno berichten Frédéric Jaeger bei critic.de, Bettina Spoerri in der NZZ und Dominik Kamalzadeh im Standard. Christian Schröder schreibt im Tagesspiegel den Nachruf auf den Schauspieler Günter Junghans. Marco Koch vom Filmforum Bremen bringt seinen wöchentlichen Überblick über die deutsche Filmblogosphäre. Daniel Kothenschulte schreibt den Nachruf auf den Filmproduzent Menahem Golan, der neben 80er-Actionknüppeln mit Chuck Norris auch Filme von Godard finanzierte. Nina Rehfeld von der FAZ kann im neuen Serientrend, populäre Kinostoffe wie "Hannibal", "Bates Motel" oder "Fargo" in Serie zu bringen, beim besten Willen keine Krise des goldenen Fernseh-Zeitalters erkennen.

Besprochen wird Lisa Azuelos" Film "Ein Augenblick Liebe" mit Sophie Marceau und François Cluzet (Presse).

Der amerikanische Schauspieler Robin Williams ist tot, meldet die NZZ. Peter Bradshaw schreibt in seinem Nachruf im Guardian: "Robin Williams was a superb, mercurial standup comic with a staggering talent for improv and verbal riffing, though his movie career finally evolved into an intriguing split - sugary sentimentality or an ambiguous, menacing darkness. Something similar happened with Steve Martin and Jerry Lewis. The "Mr Hyde" in Robin Williams"s movie persona was well known. So the news of his death, and the indication he has taken his own life, is deeply shocking. He clearly suffered from depression - these were symptoms hiding in plain sight - and his brilliance assumes a deeply sad aspect."

Außerdem hat der Guardian eine Reihe mit Videos aus seinen bekanntesten Filmen zusammengestellt. Hier eins aus seinem besten:


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Literatur

Roman Bucheli besucht für die NZZ Brechts Geburtshaus in Augsburg. Robert Quitta besucht für den Standard das internationale Beckett-Festival im irischen Enniskillen.

Besprochen werden Renata Adlers erstmals 1976 erschienener Debütroman "Rennboot" (NZZ), Markus Orths" "Alpha & Omega" (SZ) und Eva Horns "Zukunft als Katastrophe" (FAZ, mehr),

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Religion

Für die FR begibt sich Dirk Pilz mit Sadakat Kadris neuem Buch "Himmel auf Erden" auf eine Reise durch die Geschichte der Scharia. Dabei lernt er: "Den Extremismus bekämpft man nicht, indem man gegen den Islam streitet, sondern mit ihm."


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Stichwörter: Islam, Sadakat Kadri, Scharia

Bühne

Besprochen werden die Salzburger Aufführung von Karl Kraus" "Die letzten Tage der Menschheit" , die Joachim Riedl von der Zeit gar nicht gefallen wollte (mehr), Marc-André Dalbavies in Salzburg uraufgeführte Oper "Charlotte Salomon" (taz, mehr) und Verdis "Trovatore" in Salzburg (NZZ, Welt, in der Stefan Musil von Anna Netrebkos Stimme schwärmt: "es leuchten die Höhen, die sie schon einmal aus dem Forte berückend ins Piano zurücknehmen kann, und es passen die Tiefen, dazu strömt mollig edelherb die Mittellage")
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Kunst


Foto: © Moyra Davey, Bella, circa 1996-2014, (ausgewählt von Moyra Davey)

Sehr beglückend findet Annegret Erhard von der taz die Ausstellung "Punctum" im Salzburger Kunstverein, für die dessen Direktor Séamus Kealy von fünfzig Kulturschaffenden Fotografien angefordert hat, die für sie das charakteristische Punctum aus Roland Barthes" Fototheorie illustrieren. Resultat: Fünfzig Fotos, die thematisch und motivisch völlig lose nebeneinander stehen, ergänzt durch kluge Anmerkungen. "Schöner, eingängiger und bei aller Ernsthaftigkeit unprätenziöser (na ja, manche Texte sind schon sehr gescheit und theorielastig, aber die Bilder und ihr Kontext funktionieren allemal) kann eine Schule des Sehens nicht sein. Den Luxus, über das Wesen der Fotografie auf der Basis prädigitaler Anmerkungen eines grandiosen Semiotikers nachzudenken, den muss man sich "inmitten des heutigen Getöses von Bildern" (Séamus Kealy) einfach leisten."

Weitere Artikel: Zum dreißigjährigen Bestehen der Fondation Cartier in Paris hat sich Rudolf Balmer für die taz mit deren Leiter Hervé Chandès unterhalten. Für die SZ begeht Gottfried Knapp den fertig gestellten Bau des lange Zeit umkämpften NS-Dokumentationszentrums in München: Zwar hat er seine vorsichtigen Zweifel, was die äußere Erscheinung des Baus im Stadtbildt betrifft, doch Gestaltung und Aufteilung des Gebäudeinneren wissen ihn sehr zu überzeugen.

Besprochen werden eine Ausstellung des Wiener Kulturgeschehens im Salone degli Incanti, einer ehemaligen Fisch-Auktionshalle in Triest (Presse), die Ausstellung "Pomp and Circumstance" im Schloss Wernigerode (Tagesspiegel) und die Dokumentations-Ausstellung zum Siegesdenkmal in Bozen (taz).
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Musik

Sehr ausführlich erinnert Kai Müller im Tagesspiegel an den Siegeszug von Oasis, die mit ihrem Album "Definitely Maybe" vor 20 Jahre den internationalen Durchbruch erzielten. Für die Zeit trifft sich Christine Lemke-Matwey mit der Pianistin Maria João Pires. Bei Spex meldet Thomas Vorreyer, dass Morrissey von seinem Label rausgeschmissen wurde, weil er sich in der Öffentlichkeit für einige Fan-Videos zu seiner neuen Single eingesetzt hat. Manuel Brug lässt sich von dem Dirigenten Andris Nelson für die Welt erklären, warum der nicht die Rattle-Nachfolge bei den Berliner Philharmonikern antreten will: "Ja, ich fühle mich noch zu jung". Felix Zwinzscher erklärt in der Welt, warum der Schlager nie weg war und auch nicht verschwinden wird. Ulrich Olshausen gratuliert dem Gitarristen Pat Metheny in der FAZ zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden Alex Clares neues Album "Three Hearts" (Welt), neue Alben von FKA Twigs (Pitchfork, mehr), Anna Prohaska (Tagesspiegel), Shabazz Palaces (Berliner Zeitung) und Gast Waltzing (ZeitOnline).
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Design

In der SZ freut sich Catrin Lorch über zwei Jean-Paul Gaultier und Dries van Noten gewidmete Ausstellungen in London und in Paris, die sich unter Verzicht auf für Modeausstellungen übliche Paraphernalien ganz aufs wesentliche konzentrieren: "Beide sind hervorragend gelungen, gerade weil sie ganz auf Mode setzen, nicht mehr sein wollen als Laufstege, auf denen die Kreationen der vergangenen Jahrzehnte defilieren, Kabinette aus nicht endenden Schaufenstern. ... Gerade weil sie bei ihren Leisten bleiben, versteht man in solchen Ausstellungen, warum Mode, Saison für Saison, Bedürfnisse befriedigt, die man als existenziell verstehen kann." (Bild: Kleid von Jean-Paul Gaultier)
Archiv: Design