9punkt - Die Debattenrundschau

Ein passendes Schloss mit einem Türmchen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.05.2014. Richard Herzinger analysiert in der Welt die seltsame Einigkeit rechter und linker Autoren bei der Verteidigung Wladimir Putins. In Kiew werden sich auf Initiative Timothy Snyders einige bekannte Intellektuelle treffen, um über die Majdan-Bewegung zu diskutieren, meldet Eurozine. In der Zeit versucht Adam Soboczynski die allgemeine Indifferenz beim Thema Überwachung zu verstehen. Alle Zeitungen fragen sich, warum Cornelius Gurlitt seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermachte. Im New Yorker denkt Teju Cole über das Schicksal der in Nigeria entführten Mädchen nach.

Europa

Richard Herzinger ist in der Welt einigermaßen baff, wie gut sich linke und rechte EU-Kritiker in der Debatte um die Ukraine verstehen. Die NPD, die ursprünglich mit der rechten ukrainischen Swoboda-Partei sympathisierte, ist - wie auch der Front National, Jobbik und Vlaams Belang - inzwischen "vorbehaltlos auf die russische Propagandalinie eingeschwenkt". Herzinger erkennt in der linkrechten Affinität zu Putin durchaus eine gewisse Logik: "Durch Putins Kombination von großrussisch-völkischem Nationalismus und wiederbelebtem Sowjet-Kult scheint der alte Traum einer Bündelung linker und rechter Kräfte im Kampf gegen den Westen nun in Erfüllung zu gehen. Die lange Zeit eher randständigen westeuropäischen Rechtsaußen wittern die Chance, für ihr Ziel der Re-Nationalisierung Europas die politische und ideologische Rückendeckung einer Großmacht zu erhalten."

Wie eine Illustration dieser These lesen sich die beiden folgenden Artikel:

In der Zeit versteht Autor Eugen Ruge nicht, warum alle so auf Putin herumhacken: "Die Krise in der Ukraine wurde von der EU ausgelöst. Es war niemand anders als Manuel Barroso, der schon im Frühjahr 2013 formulierte, dass die Ukraine sich 'entscheiden muss': Entweder EU oder Zollunion mit Russland. Dass dieser Druck in einem gespaltenen Land, in dem die prorussischen und die proeuropäischen Kräfte sich, wie man an allen Wahlergebnisse sieht, seit Jahren annähernd die Waage halten, zu einer Zerreißprobe führen musste, war abzusehen."

Auch der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders nimmt im Interview mit der Zeit die EU aufs Korn: "Sie hat die Ukraine mit der Aussicht auf einen EU-Beitritt gelockt, obwohl es eine sehr wacklige Balance zwischen der West- und Ostukraine gibt. Die EU hat unverantwortlich gehandelt."

Auf Initiative von Leon Wieseltier (New Republic) and Timothy Snyder treffen sich vom 16. bis 19. Mai in Kiew einige sehr bekannte Intellektuelle, um über die Majdan-Bewegung zu diskutieren. Zu den Gästen gehören Bernard-Henri Lévy, Slavenka Drakulic, Mustafa Nayem, Serhii Leshchenko, Agnieszka Holland, Adam Michnik, Serhii Zhadan, Ivan Krastev, Wolf Biermann, Timothy Garton Ash, Karl Schlögel und Bernard Kouchner. Die Fragen des Programms klingen ein bisschen abstrakt - aber das muss ja nicht heißen, dass keine Debatten zustande kommen: "Wie können Menschenrechte begründet werden, und welche Motivation ziehen wir aus der Idee der Menschenrechte? Wie geben Sprachen Zugang zur Universalität, und wann dienen sie zur Markierung politischer Differenz?" Das Programm findet sich auf dieser Seite bei Eurozine.

Weiter Artikel: In diesem Zusammenhang sei auch noch einmal auf Slavoj Zizeks großen Essay in der London Review of Books hingewiesen, der Putins Ukrainepolitik als "klare Fortsetzung der zaristisch-stalinistischen Linie" kritisierte. Der französische Diplomat Jean-Marie Guéhenno meint in der Zeit, "bei aller legitimen Empörung" über Russlands Einschüchterungspolitik "bleibt eine Einbindung Russlands der beste Weg, das Land zu verändern".

Die SZ bringt in einem Verbund mit mehreren Zeitungen wie La Stampa et cetera eine mehrseitige Beilage zu "Europa". Den einleitenden Essay scheibt Gustav Seibt, der den Geist Europas unter anderem aus dem Christentum herleitet. "Wer die Jahrhunderte vom römischen Bürgerrecht bis zu den Verträgen von Lissabon überfliegt, erkennt, dass der Nationalstaat weder das erste noch das letzte Wort der europäischen Geschichte ist." In der Beilage findet sich unter anderem ein Streitgespräch zwischen Jean-Claude Juncker und Martin Schulz.

Ebenfalls in der SZ weist Thomas Steinfeld anhand einiger schwedischer Neuerscheinungen nach, dass der Mythos vom blonden Recken, auf den sich rechtsextreme Parteien in Europa gern beziehen, erst im 19. Jahrhundert geschaffen wurde.
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Gesellschaft

(Via Boingboing) Das Selfie ist keineswegs ein neues Phänomen, betont die Sammler-Website House of Mirth, und stellt einige "Vintage Selfies" vor.


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Stichwörter: Selfies

Überwachung

Im Aufmacher des Zeit-Feuilletons gerät Adam Soboczynski angesichts der erstaunlichen Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit gegenüber dem NSA-Skandal ins Grübeln: Schätzen wir das Netz wirklich für sein Freiheitsversprechen? Oder doch eher für sein Sicherheitsversprechen? "Wer in einer fernen Stadt auf seinem Smartphone Google Maps aufruft, weiß, ob sich in der nächsten Seitenstraße ein Sushi-Laden befindet oder eine räudige Kneipe. Er weiß, dass sich die Abfahrtzeit des Zuges um eine Stunde verzögert. Er verfolgt das bestellte Taxi während seiner Anfahrt auf seinem Smartphone mit dem zufriedenen Blick des Spions, der eine schwierige Operation im Griff hat. In jedem steckt heute ein kleiner Agent, der seine Umwelt nach Unregelmäßigkeiten abscannt."
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Kulturpolitik

Cornelius Gurlitt hat das Kunstmuseum im schweizerischen Bern als Erbe seiner Bildersammlung eingesetzt. In Bern, wo man nie Kontakt zu Gurlitt hatte, freut man sich - noch. Das Geschenk hat nämlich Tücken, erklärt Lucas Wiegelmann in der Welt. So sei erstens unklar, ob Gurlitts Versprechen, eventuelle Restitutionsansprüche jüdischer Sammler untersuchen zu lassen, auch für die Erben gilt. Und: "Wer auch immer Gurlitts Erbe am Ende wirklich antritt, muss mit einer erheblichen Erbschaftssteuer rechnen. Die liegt bei Erbschaften im Wert von mehr als sechs Millionen Euro bei 50 Prozent. Der Wert der Gurlitt-Sammlung wird auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt."

Im Gespräch mit Simone Schmid vom Tages-Anzeiger zeigt sich der Direktor Matthias Frehner optimistisch: "Im Falle einer Annahme würden wir alle offenen Fragen abklären lassen, das ist ganz klar. Aber wenn einmal die Schuld beglichen ist und die Fragen geklärt sind, dann darf man einen so wichtigen Bestand auch zeigen. Dann ist die Ungerechtigkeit, die allenfalls passiert ist, beglichen, und die restliche Kunst darf in einem normalen Museum gezeigt werden."

Julia Voss und Stefan Koldehoff kommentieren für die FAZ die Einsetzung des Kunstmuseums Bern als Erbe für die Gurlitt-Sammlung: "Die Schweiz zählt zu den Unterzeichnern des 'Washingtoner Abkommens', womit die Provenienzforschung und mögliche Restitutionen sichergestellt sein dürften. Niemand weiß allerdings zum gegenwärtigen Zeitpunkt, was dann noch von Gurlitts Sammlung übrig bleibt."

Das Recherche-Team der SZ und diverser anderer Medien um Hans Leyendecker bringt eine Seite 3 über Gurlitt. Zu den Trouvaillen gehört: "Die bayerische Regierung hatte sich lange Zeit Hoffnungen gemacht, die Sammlung zu bekommen. Vielleicht finde man in Bayern ein passendes Schloss mit einem Türmchen für Gurlitt, hatte vor ein paar Monaten ein Spitzenbeamter des bayerischen Justizministeriums gemeint. Gurlitt könne dann in dem Schloss ein Zimmerchen bekommen." Das hat nicht geklappt. Die angeordnete Obduktion der Leiche wirkt da wie ein letzter Übergriff des Staates.

Politik

In seinem Blog im New Yorker fragt sich der nigerianisch-amerikanische Autor Teju Cole, was die von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram entführten Schulmädchen gerade denken. Und er skizziert noch einmal die Umstände der Verschleppung: "In der Stadt Chibok waren die Mädchen - die meisten um die 16, 17 Jahre alt - vorsichtig. Sie wussten, wie jedermann, dass Schulen Angriffsziele waren. Etwa vierzig Jungen war im letzten Juli in einer Schule in Yobe getötet worden. Sie waren in ihren Schlafsälen in einer Reihe aufgestellt und erschossen worden. Im selben Staat starben im Februar 29 andere, ihre Körper wurden verbrannt, ihre Mörder nie gefunden. Darum gingen die Mädchen nur wegen ihrer Prüfung zurück nach Chibok - ein schnelles, kalkuliertes Risiko, bevor sie wieder nach Hause fuhren."

Der indische Schriftsteller Kiran Nagarkar sorgt sich in der NZZ um den Ausgang der anstehenden Wahlen in Indien. Der aussichtsreiche Kandidat ist nämlich Narendra Modi von der hindunationalistischen BJP: "Wird Modi gewählt, dann droht Indien ein ideologischer Konflikt zwischen Säkularismus und der Hindutva, die schrill einen intoleranten Hinduismus postuliert. Schon jetzt ergehen sich gewisse Unterstützer Modis in Drohungen und Hassreden gegenüber Indiens Muslimen. Wer gegen Modi sei, so etwa Giriraj Singh von der BJP, der schaue nach Pakistan und könne sich auch gleich dorthin verfügen - in Indien sei für solche Leute kein Platz mehr. Pravin Togadia von der Vishwa Hindu Parishad freut sich: 'Wenn wir die Mehrheit gewinnen, dann sollten wir den Mut haben, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen, um sie (die Muslime) einzuschüchtern.'" Nagarkar muss allerdings auch zugeben, dass Modis Erfolg zum Teil darauf beruht, dass er für freie Marktwirtschaft eintritt und als einer der wenigen nicht korrupten Politiker in Indien gilt.
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Internet

Kai Biermann singt bei zeit.de eine Hymne auf die re:publica und auf ihre politische und bürgerrechtliche Relevanz: "Dass die re:publica inzwischen zu einem nicht unerheblichen Teil von Unternehmen wie Daimler und Microsoft gesponsort wird, ist dabei einerseits Ausdruck eines Mangels. Die Eintrittspreise genügen nicht, um ein Event dieser Größe und Qualität kostendeckend zu betreiben. Gleichzeitig zeigt sich darin aber ein neues Selbstbewusstsein. Man hat keine Angst mehr, das Geld der Industrie zu nehmen, der Charakter der Konferenz wird dadurch nicht verändert."

In seiner FAZ-Kolumne erwägt Evgeny Morozov eine mehr sozialdemokratische Variante von Big Data: "Das Projekt, unsere Daten aus der Verfügungsgewalt der IT-Giganten zu befreien, muss nicht bedeuten, sie als Ware zu betrachten. Es gibt auch andere Nutzungsmöglichkeiten. Was spräche beispielsweise dagegen, seine Gesundheitsdaten einer Universität oder einem Krankenhaus für Forschungszwecke zu überlassen?"
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