Efeu - Die Kulturrundschau

Haut an Haut, Fleisch an Fleisch

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08.05.2014. Liao Yiwu erklärt in der NZZ, was ihn von Ai Weiwei unterscheidet. Die Paris Review sucht nach den Ursachen für das erstaunliche Revival von Stefan Zweig. Die SZ benennt den Vorsprung des Dokumentarfilms gegenüber dem Spielfilm. Das Zeitmagazin begleitet das triumphale Gastspiel der Schaubühne in Paris. Günter Grass beklagt das Aussterben schwieriger Literatur. Und alle trauern um Maria Lassnig.

Film

So stark war Oberhausen lange nicht mehr, jubelt Daniel Kothenschulte in der FR: Insbesondere der "mitunter sensationelle" Schwerpunkt "Film ohne Film" eroberte dabei sein Herz: "Vier 'leere' 16mm-Projektoren etwa sind das Instrumentarium der jungen US-Künstler Sandra Gibson und Luis Recorder. Aus den vier Lichtfeldern in lebendigem - und überraschend vielfarbigen - Weiß generieren sie in ihrer Performance 'On/Off' allein durch geschickte Betätigung des Startknopfs frei nach Josef Albers eine Huldigung an das Rechteck: Dessen Proportionen im Verhältnis 1,33:1 sind inzwischen ja auch schon 'obsolet' geworden."

In der FAZ ärgert sich Bert Rebhandl sehr über Jérôme Salles Südafrika-Thriller "Zulu", der vorgibt ein Gesellschaftsporträt zu sein, dahinter aber eindeutige Absichten hegt: Dieser Film "interessiert sich für die individuellen Wege seiner Protagonisten gerade so weit, dass er rasch wieder zu den Eskalationen zurückfindet, an denen ihm eigentlich gelegen ist. So entsteht gerade kein gesellschaftliches Panorama von Südafrika, das in dem Plot durchaus angelegt ist. Stattdessen ist 'Zulu' darauf aus, möglichst martialisch einen grundsätzlichen Mangel an Zivilisation aufzuzeigen. ... Die Gewalt, die triumphiert, ist eine, an der sich der Film weidet." Im Perlentaucher zeigt sich Lukas Foerster ähnlich unterwältigt: "Es überrascht (...) nicht, dass die politischen Ambitionen sich auf das Wiederdurcharbeiten einer altbekannten Geschichte der Gewalt beschränken: Es gibt immer irgendein Verdrängtes, dessen wabernd überinszenierte Rückkehr alleine aus einem unterdurchschnittlichen Thriller keinen politisch brisanten Film macht."

Gestern begann das DOK.fest in München. In der SZ macht sich Martina Knoben daher allgemeine Gedanken zum aktuellen Stand des Dokumentarfilms: Zumindest ist im Festivalprogramm "immer wieder zu sehen, dass die Regisseure auf verbale Argumente verzichten, dass sie etwas lieber sichtbar, fühlbar und erlebbar machen wollen, statt darüber zu reden. Das Konkrete verspricht einen direkten Zugriff auf die Wirklichkeit. ... So linear wie früher erzählt man in unserer vernetzten Gegenwert (...) nicht mehr. Da hat das dokumentarische Kino tatsächlich einen Vorsprung gegenüber dem Spielfilm." Gesondert empfehlen die Filmkritiker der SZ mit kurzen Notizen fünf auf dem Festival zu entdeckende Dokumentarfilme, nämlich "Song From the Forest", "Awaken in a Bad Dream", "Göttliche Lage", "The Armstrong Lie" und "Sleepless in New York".

Außerdem: Bert Rebhandl unterhält sich für die taz mit dem Regisseur Benjamin Heisenberg über dessen (in der FR von Daniel Kothenschulte besprochenen) Komödie "Über-Ich und Du" (den die Welt rezensiert). In der taz stellt Julia Brummert das Programm eines Punkfilm-Festivals in Berlin vor. Katja Nicodemus fragt sich in der Zeit, warum deutsche Filmkomödien so gern ihre Heldinnen klein machen. Und ganz toll: Wired präsentiert eine Galerie von animierten Filmpostern.

Besprochen werden Jason Reitmans Melodram "Labor Day" (SZ, Welt, Perlentaucher, Tagesspiegel), "Grand Central" von Rebecca Zlotowski (NZZ), "Three Days to Kill" von McG (NZZ), Pierre Henry Salfatis "Der letzte Mentsch" mit Mario Adorf in der Hauptrolle (FR) und Marcel Gislers "Rosie" (Freitag).
Archiv: Film

Literatur

Sadie Stein schreibt im Blog der Paris Review über einen Abend in der New York Public Library, der Stefan Zweig gewidmet war. Es sprach George Prochnik, Autor von "The Impossible Exile: Stefan Zweig at the End of the World" (Auszug). Überhaupt: Alle reden über Zweig, konstatiert Stein, auch Wes Andersons Film "Grand Budapest Hotel" ist von Zweig inspiriert: "Woher kommt ein Trend? Vielleicht hat es damit zu, was Prochnik sagt: Niemand kann eine Biografie schreiben, ohne ein wenig an Geister zu glauben." Könnte es nicht auch daran liegen, dass die Rechte an Zweig wegen siebzigjährigen Totseins vor zwei Jahren frei wurden?

Wenn das "verquerliegende", schwierige Buch ausstirbt, meint Günter Grass in einem zweiseitigen Zeit-Gespräch über Gott und die Welt, dann liegt das nicht nur am Desinteresse des von digitalem Schnickschnack abgelenkten Lesers: "Mir fällt auf, dass es wenige Autoren gibt, die überhaupt die Vorarbeit der klassischen Moderne, Joyce, Dos Passos, Döblin, zur Kenntnis nehmen. Viele können wunderbar schreiben, gehen mittlerweile auch auf Schreibschulen. Aber sie schreiben wie vor Fontane."

"Sehr alten Staub" wirbelt Gerhard Henschel in der letzten FAS mit seiner empörten Kritik an Alfred Kerrs zu Beginn des Ersten Weltkriegs entstandenen, gegen die Kriegsgegner Deutschlands polemisierenden Gedichten auf, meint Peter von Becker im Tagesspiegel: Das sei alles "längst bekannt": "Der im Sommer 1914 noch so martialisch wirkende Kerr [hat] solche Verse später nie geleugnet und sich damit auseinandergesetzt ('Es war mein erster Weltkrieg'). Bereits im September 1914, als fast alle noch kriegsberauscht wirkten, hat Kerr in der Neuen Rundschau das große Schlachten verdammt."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel gibt Oliver Ristau Tipps zum Gratis-Comic-Tag. In der FAZ schreibt Niklas Bender über einen neu aufgetauchten Brief von Paul Cézanne an Émile Zola, der - Authentizität vorausgesetzt - belegen könnte, dass der lange Zeit zwischen beiden stehende Streit deren Verhältnis zueinander womöglich doch nicht so profund erschüttert hat, wie bislang angenommen.

Besprochen werden unter anderem Elias Canettis "Buch gegen den Tod" (Freitag), Gabriele Kögls Coming-of-Age-Roman "Auf Fett Sieben" (NZZ) und Anna Katharina Fröhlichs Roman "Der schöne Gast" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
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Bühne

Das Gastspiel der Berliner Schaubühne von Lillian Hellmans Stück "Die kleinen Füchse" rief in Paris Begeisterung hervor. Elisabeth Raether hat Thomas Ostermeier, Nina Hoss und 32 weitere Mitglieder des Ensembles auf der Reise begleitet und berichtet im (online neuerdings sehr hübsch aufbereiteten) Zeit Magazin: "Vielleicht fühlt Ostermeier sich in Paris deshalb so wohl, weil die Kritiker ihn hier verehren. Es ist, als wären sie ihm unendlich dankbar dafür, dass sie nicht schon wieder ein Molière-Stück unter den Kristalllüstern in der Comédie-Française sehen müssen. In den Rezensionen ist die Rede von Ostermeiers 'génie'. 'Thomas Ostermeier ist nicht nur als Regisseur spitze, das steht sowieso fest ...', beginnt eine Vorabkritik der 'Füchse' im Nouvel Observateur. Die Pariser Kritiker sind im Januar eigens nach Berlin gereist, um sich die 'Füchse' anzusehen. Die Inszenierung sei so fesselnd, wie man es von Ostermeier kenne. Sie loben den Humor, das Krimihafte, das Vitale - atemlos folge man der Geschichte, die von keiner Regieidee gestört werde."

In der Welt berichtet Marie Gamillscheg, dass in Amsterdam ein Theater eigens für die Musicalversion der Tagebücher Anne Franks erbaut wurde. Die Planer sprechen von einer neuen Touristenattraktion, während sich andernorts Kritik regt: "Die direkte Konkurrenz zum neuen Anne-Frank-Projekt steht in der eigenen Stadt, das Anne-Frank-Haus. 'Ich kann mir nicht helfen, aber ich komme damit nicht klar, dass Tickets in Kombination mit einem Glas Wein, einer Snackbox oder einem Abendessen mit nettem Ausblick angeboten werden', sagt der Hausdirektor Ronald Leopold zur jüdischen Presseagentur JTA. 'Wenn es nach mir ginge, dann wäre es nie so weit gekommen.'"

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung berichtet Ulrich Seidler, in der taz Christiane Rösinger von der Eröffnung des "Europe 14/14"-Festivals im Berliner Maxim Gorki Theater. Für die FAZ unterhält sich Dirk Schümer mit den Autoren Jessica Durlacher und Leon de Winter über deren Anne-Frank-Stück, das morgen in Amsterdam uraufgeführt wird. Außerdem spricht Stefan Schickhaus in der FR mit dem Bariton Christian Gerhaher über dessen Interpretation des Don Giovanni. Peter Kümmel unterhält sich für die Zeit mit dem Theaterregisseur Hans-Werner Kroesinger über dessen Recherchen in Sarajewo zu seinem neuen Stück "Schlachtfeld Erinnerung". Besprochen wird Robert Borgmanns beim Berliner Theatertreffen gezeigter "Onkel Wanja" (Tagesspiegel)
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Archiv: Bühne

Kunst

Alle trauern um die Malerin Maria Lassnig, die 94-jährig in Wien verstorben ist. Gottfried Knapp bekennt in seinem Nachruf für die SZ: Selbst noch ein Kunstexperte konnte angesichts ihrer Werke wieder klein und demütig werden. Lassnigs Kunst gestattete es einem, "Malerei von den Ursprüngen her noch einmal ganz neu zu entdecken und zu erleben. Man ist überwältigt von der urtümlichen Kraft, mit der ein Mensch all die Gespenster, die seine Seele durchstreifen, aber auch all die Greuel und Wonnen, die er der kollektiven Phantasie entspringen sieht, mittels Farbe in die Fleischlichkeit seines eigenen Körpers zu bannen oder aus der Haut- und Knochenmasse des eigenen Schädels herauszulesen vermag." Weitere Nachrufe bringen die FAZ, die Zeit, die Welt, die taz, die NZZ, der Kurier, der Standard, die Presse, der Tagesspiegel und die Berliner Zeitung.

Weil Ai Weiwei nicht aus China ausreisen darf, richteten sich die Mikrofone und Kameras anlässlich der Ausstellung "Evidence" im Martin-Gropius-Bau stattdessen auf Liao Yiwu. Warum auch nicht, meint der Schriftsteller in der NZZ, sie seien ja beide Kritiker des Pekinger Regimes und hätten ähnliche Erfahrungen gemacht. Dass es aber auch Unterschiede gibt, zeigt das für Liao Yiwu bewegendste Exponat der Berliner Ausstellung, die Rekonstruktion der Zelle, in der Ai Weiwei 81 Tage festgehalten wurde. "Die Reporter fragten mich: 'Gleicht es jenem Gefängnis, das Sie in Ihrem Buch 'Für ein Lied und 100 Lieder' beschrieben haben?' Ich sah mir das Bett genauer an. Dann sagte ich: 'Mein Bett war eine gemeinsame Schlafstätte für über ein Dutzend Gefangene. Man lag Haut an Haut, Fleisch an Fleisch, jeder schlief auf der Seite. Ai Weiwei hingegen war damals schon der international einflussreichste chinesische Künstler und außerdem auch der dickste, deshalb bekam er ein so großes Bett.'"

Charles Hope schreibt in der London Review of Books noch einmal über die große Veronese-Schau in der National Gallery und entdeckt unter all der Opulenz auch die Schwächen des Malers: "Was Veronese vor allem fehlte, war die Fähigkeit, stimmige und dramatische Bilderzählungen zu entwerfen. Das ist zum Teil Folge seines Farbgebrauchs, der oft eher einem harmonischen Gesamteindruck dienlich war als der Hervorhebung eines Hauptprotagonisten."

Weitere Artikel: Für den Freitag hat sich Christine Käppeler in den Trubel des Berliner Gallery Weekends geworfen und dabei sich abzeichnende Trends in der Kunst entdeckt, darunter etwa das "digitale Grundrauschen: Die Werkzeuge und der Bildfundus des Internetzeitalters sind aus der zeitgenössischen Kunstproduktion nicht mehr wegzudenken." In der Berliner Zeitung befassen sich Nikolaus Bernau und Kerstin Krupp näher mit den Plänen für die in Berlin geplante Barenboim-Said-Akademie.
Archiv: Kunst

Musik

Für die SZ ist Reinhard J. Brembeck nach Wien gereist, um den schillernden Organisten Cameron Carpenter dabei zu beobachten, wie er die eigens für ihn angefertigte E-Orgel im Konzertsaal aufbauen lässt und einspielt. Den Talenten des Musikers ist er völlig erlegen: Trotz seines Auftretens als Popstar "ist Cameron ein durch und durch seriöser und ganz konventioneller klassischer Musiker, dem Bach das heilige Zentrum seines Tuns ist. Schon von der Virtuosität her dürfte er absolut konkurrenzlos sein. Wer kann schon Chopins Revolutionsetüde oder Skrjabins 4. Klaviersonate auf der Orgel genauso schnell wie die größten Klaviervirtuosen spielen, wer kann schon mit seinen zwei Füßen auf dem Pedal genauso rasante Läufe hinlegen wie mit den zehn Fingern auf dem Manual?"

Weiteres: Nadine Lange unterhält sich für den Tagesspiegel mit dem Musiker James Blake. Für die taz hört sich Thomas Mauch beim gleichnamigen Festival in Berlin "doofe Musik" an. Christine Lemke-Matwey reist für Zeit nach London und Petersburg, um der Putinverehrung des Dirigenten Valery Gergiev auf die Spur zu kommen. Die Welt hat die Europatournee von Miley Cyrus besucht und titelt, frei nach Jon Landau, "Wir haben die Zukunft der Popmusik gesehen".

Besprochen werden das Album "Nikki Nack" von den Tune-Yards (Zeit), das neue posthume Album von Michael Jackson (SZ, Zeit) sowie Konzerte des Pianisten Mikhail Pletnev in Zürich (NZZ) und des britischen Soulmusikers Sam Smith ("Bei erotisch noch ungefestigten jüngeren Menschen in der Paar-Anbahnungsphase stößt diese Art des leidenschaftlichen Vortrags von Liebesliedgut auf erhebliche Resonanz", beobachtet Jens Balzer von der Berliner Zeitung beim Blick ins Publikum).
Archiv: Musik