9punkt - Die Debattenrundschau

Maßnahmen zur Kaderrotation

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.04.2014. Aktualisiert: Auf zeit.de rechnet Boris Schumatsky mit deutschen Putinfreunden ab. Die Ukraine hat mit der sowjetischen Vergangenheit gebrochen, Russland leider noch nicht, schreibt Vladimir Sorokin in der Zeit. Der Internetunternehmer Robert M. Maier wirft Google in der FAZ vor, seine Suchergebnisse zugunsten eigener Dienste zu manipulieren. In der taz erzählt die Syrerin Rana al Nabki, wie sie zum ersten Mal in ihrem Dorf demonstrierte. In Eurozine fragt Agnieszka Holland, warum Politik und Medien sich nicht gegen das Gender-Mainstreaming der Katholischen Kirche wehren.

Europa

Auf zeit.de packt Boris Schumatsky das kalte Grausen angesichts deutscher Putinisten, die den Ukrainern ein Nationalbewusstsein absprechen und "die Russen wollen ihre Krim zurück" behaupten: "Das große Land im Osten muss als Projektionsfläche für deutsche Aversionen gegen die marktwirtschaftliche Demokratie und die Nüchternheit des Rechtsstaats herhalten. Die Romantiker sehen in Russland ein besseres Deutschland, ein Traumland, das sich nie dem Diktat der Siegermächte beugen musste, das sich nie dem Konsumismus hingab, das seiner völkischen Seele treu blieb. Und da ist noch dieser Führer, der sich so souverän gibt und sogar Deutsch spricht. Es schaudert mir, wenn meine Bekannten aus dem linken Bildungsbürgertum so willig auf Putins Linie einschwingen. Ihre Liebe zu Russland ist fast schon demonstrativ faschistoid."

Der Aufstand in der Ukraine markiert einen scharfen Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit, schreibt der russische Autor Vladimir Sorokin in der Zeit. In Russland ist dieser Bruch hingegen bis heute ausgeblieben: "Die blitzartig zu 'Demokraten' gewendeten Parteifunktionäre schoben den sowjetischen Leichnam in eine Ecke, warfen ein paar Schaufeln Sägespäne darüber und wollten glauben machen, er verrotte so von ganz allein. Den Gefallen tat er uns aber nicht: Meinungsumfragen zufolge hält heute beinahe die Hälfte der Bevölkerung Russlands Stalin für einen 'guten Regenten'. Im neuen Schullehrbuch für Geschichte figuriert er als 'effektiver Manager'; die Repressionen gegen die Bevölkerung werden als Maßnahmen zur Kaderrotation beschrieben, wie die Modernisierung der UdSSR sie erfordert habe."

Ebenfalls in der Zeit beklagt der Wiener Historiker Andreas Kappeler in einer empörten Erwiderung auf Jens Jessens Putin-Apologie von letzter Woche dessen imperiales Denken und herablassende Haltung gegenüber der ukrainischen Bevölkerung: "Die Behauptung, ein ukrainisches Nationalbewusstsein sei 'vielleicht gar nicht vorhanden', ist ein Schlag ins Gesicht der Hunderttausende, die auf dem Maidan eine unabhängige, demokratische, westlich orientierte Ukraine forderten und denen es gelang, einen kleptokratischen autoritären Präsidenten, der von Russland gestützt wurde, zu stürzen."
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Gesellschaft

In der taz erzählt die Syrerin Rana al Nabki, wie sie zum ersten Mal auf eine Demo ging - denn Freiheit, das wollte sie auch für die Frauen in Syrien: "Fünf Frauen: Das war die erste Frauendemo in meinem Dorf in Ost-Ghouta bei Damaskus. Wir zogen Kleidung an, die unseren gesamten Körper bedeckte, hüllten uns in weite Jalabiyas, und verschleierten auch unsere Gesichter. Wir hatten Angst vor unseren Verwandten, deswegen gingen wir derart vermummt zur Demonstration. Und die Angst, einer unserer Bekannten oder Verwandten könnte uns erkennen, war weit größer als die Angst davor, dass das Regime unsere Identität kennen würde."

Seit einigen Monaten tobt in Polen eine hitzige Debatte über die Aufweichung von Geschlechterrollen. Im Interview mit Lukasz Pawlowski in Eurozine empört sich die Regisseurin Agnieszka Holland über die katholische Kirche, die das Thema mit ideologischem Furor auf die Tagesordnung gesetzt hat. Noch schlimmer findet sie allerdings die geringe Gegenwehr, auf die die Kirche dabei stößt: "Ich nehme es der Regierung, den meinungsbildenden Kreisen und den öffentlichen Medien übel, dass sie keine gemeinsame Position beziehen, dass sie nicht erklären, analysieren und die Leute damit vertraut machen, dass die Welt heutzutage nicht homogen ist. Dass es nicht mehr die einzig respektable Lebensform ist, ein weißer, heterosexueller, konservativer, katholischer Pole zu sein."
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Medien

In der Zeit porträtiert Anne Applebaum den jungen Oligarchen Jewgeni Lebedew, der gemeinsam mit seinem Vater, einem Ex-KGB-Mann, den britischen Evening Standard gekauft hat und sich in London als Krisenreporter, Medientycoon und Salonlöwe betätigt (hier der Text im englischen Original im T Magazine der New York Times).
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Internet

Robert M. Maier, Gründer mehrerer Online-Shoppingportale und einer der Beschwerdeführer bei der EU-Kartelluntersuchung gegen Google, wirft in der FAZ Google vor, gezielt seine Suchergebnisse zu verfälschen, um eigene Produkte - Google Shopping, Google+ - nach oben zu stellen. "Wir haben schon mehrfach bei unseren Websites von einem auf den anderen Tag siebzig Prozent weniger Besucher über die organischen Google-Suchergebnisse bekommen. Und die organischen Google-Suchergebnisse sind sehr wichtig für uns. Wir wussten nie, was wir falsch gemacht haben. Es gab keinerlei Mitteilung von Google. Doch was macht man nun als Firma: Stellt man wie geplant die neuen Mitarbeiter ein? Schließt man den neuen Mietvertrag für ein größeres Büro ab?"

Weitere Artikel: Heute stellt das EU-Parlament die Weichen für die Zukunft der Netzneutralität. Bei zeit.de hat Johannes Wendt die größten Befürchtungen, dass "am Ende zu Oligopolen im Netz führen". In der Financial Times erklärt Tim Harford, warum Big Data nicht halb so zuverlässig ist, wie behauptet wird. Der Hauptgrund dafür sei ihre Theoriefreiheit: "If you have no idea what is behind a correlation, you have no idea what might cause that correlation to break down." Sascha Lobos Text in der FAZ von gestern über die Ökonomie der Überwachung steht jetzt im Netz. Und: Der amerikanische Sender HBO strahlt ab 6. April eine Comedyserie über Silicon Valley aus. "It gives the fuckers the graceful slap across the face they need", freut sich Sam Biddle auf ValleyWag. "We"ve seen plenty of nerds, and freaks, and geeks. But we"ve never seen a faithful take on the startup goons."
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Kulturpolitik

Na also, geht doch, meint Kerstin Krupp in der Berliner Zeitung über die Restitution eines Selbstbildnisses von Wilhelm von Schadow durch das Düsseldorfer Stadtmuseum. Offenbar haben die Museen aus der Beschlagnahme der Sammlung Gurlitt gelernt: "Seit 2011 versuchen die Erben des Juden Max Stern, in deren Auftrag der Jurist arbeitet, ein Selbstbildnis Wilhelm von Schadows, einst Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie, wiederzuerlangen. Zeigte sich das Stadtmuseum anfangs zurückhaltend bis ablehnend, kam es im vergangenen Jahr zu einer überraschenden Kehrtwende: Am kommenden Montag wird das Bild den Erben in Düsseldorf überreicht."

Außerdem: Essen will die Sammlung des Folkwang Museums in eine GmbH ausgründen, damit die Kommune sich höher verschulden kann, meldet Andreas Rossmann in der FAZ (mehr bei der Westen).