9punkt - Die Debattenrundschau

Haribo-bunte Headlines

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.03.2014. In der Welt fürchtet Monika Grütters, dass das Gedenken an die deutsche Einheit an einer seltenen Fledermausart scheitern könnte. NZZ und taz gedenken des Militärputsches in Brasilien vor fünfzig Jahren. In der taz fordert Wissenschaftstheoretiker Peter Finke eine Bürgerwissenschaft. In Frankreich wird die rechtsextreme Vergangenheit der postmodernen Ikone Maurice Blanchot aufgearbeitet. In der FAZ beklagt Hannelore Schlaffer die Vergreisung des Kulturpublikums. Und im Standard opponiert Marlene Streeruwitz gegen die Vernichtung der Lebendigkeit.

Kulturpolitik

Mit "Handlungshemmungen aller Art" erklärt Marlene Streeruwitz in einem gepfefferten Beitrag im Standard die derzeitige Lage in Österreich und am Burgtheater: "Aber. Bei Kunst und Freiheit und der Frage der Geistigkeit geht es darum, ob die jeweilige Gesellschaft überhaupt noch in Erinnerung behalten hat, dass Leben Lebendigkeit bedeutet. Alle Maßnahmen der Politik in der Ersetzung nicht messbarer Kunst und Freiheit durch das messbare Geld zielen genau auf diese Vernichtung von Lebendigkeit ab. Die Folge ist die Verstoßung in die Melancholie. Jeder Burgtheaterdirektor bisher hat in diesem Kampf auf der Seite der Politik mitgemacht und ist gegen die Lebendigkeit vorgegangen."

Zwar werden Kulturinstitutionen inzwischen durchaus von Jüngeren verwaltet, aber im Publikum der klassischen Kultur sind die jüngeren Jahrgänge ausgestorben, konstatiert die Germanistin Hannelore Schlaffer im Aufmacher des FAZ-Feuilleton. Neueste Kunst ist kein Austragungsort "schichteninterner Konflikte zwischen Avantgarde und Establishment" mehr, in denen auch gesellschaftliche Neubestimmungen augeshandelt werden - das war zuletzt nach 1968 der Fall. Schlaffer konstatiert, eine Analyse hat sie nicht, außer dieser: "Jugendliche vermeiden, sofern sie nicht ihr Beruf zur Versorgung des älteren Publikums verpflichtet, Orte, wo Leute auftreten, die sogar noch älter sind als ihre Eltern."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters verspricht im Gespräch mit Eckhard Fuhr von der Welt eine zügige Realisierung des Denkmals für die deutsche Einheit (die "Einheitsschaukel") in Berlin. Allerdings muss die Berliner Naturschutzbehörde noch zustimmen: "Im Sockel des ehemaligen Reiterstandbildes Wilhelms I., auf dem das Einheitsdenkmal errichtet wird, nistet eine seltene Fledermausart. Diese soll nach Vollendung des Baus wieder angesiedelt werden." (Das Bild zeigt eine Entwurfszeichnung für das geplante Einheitsdenkmal in Berlin.)

Geschichte

Vor fünfzig Jahren putschten in Brasilien die Militärs gegen die linke Regierung von Präsident João Goulart und lösten damit eine Blüte der Protestkultur aus, wie Kersten Knipp in der NZZ erzählt: "Die Menschen verschwanden in den Gefängnissen. Doch die Ideen blieben weiter präsent. Um auch sie zu besiegen, setzten die Militärs auf Zensur im großen Stil. Zeitungsredaktionen mussten ihre Texte vorab prüfen lassen. Durch kam nur, was genehm war - oder so subtil formuliert, dass es übersehen wurde. Das Jornal do Brasil etwa kleidet seine Kritik im Dezember 1968 in die Form einer Wettervorhersage: 'Tempo negro', stand da zu lesen, 'schwarzes Wetter' (oder auch: 'schwarze Zeit'). 'Die Luft lässt sich kaum atmen.'"

Andreas Behn beschreibt in der taz den politischen Unwillen zur Aufarbeitung des Putsches: "Ein Amnestiegesetz von 1979, also noch aus der Zeit während der Diktatur, schützt die damaligen Täter in Uniform, aber auch die Guerilleros im Widerstand vor Strafverfolgung. Nach einer Entscheidung des Obersten Gerichts bleibt es unantastbar, obwohl internationale Instanzen wie der Interamerikanische Gerichtshof fordern, es zu annullieren. 'Noch bis vor Kurzem wurde der Jahrestag in den Kasernen als glorreiche Revolution gefeiert', klagt Ana Bursztyn Miranda. Die ehemalige Widerstandskämpferin sieht die Aufarbeitung der Diktatur noch ganz am Anfang. Nachbarländer wie Argentinien oder Chile seien viel weiter."
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Religion

In der Berliner Zeitung stellt der Schriftsteller Assaf Gavron zur Einstimmung auf die deutsch-israelischen Literaturtage noch einmal die Frage, was moderne Israelis an das "jahrtausendealte primitive Ritual" der Beschneidung bindet, ohne eine echte Antwort haben: "Warum um alles in der Welt sollten wir - säkulare israelische Juden, die nicht einmal die einfacher einzuhaltenden religiösen Vorschriften befolgen, die alles tun, um unsere kleinen Babys zu beschützen, die sich über alte religiöse und heidnische Rituale lustig machen -, warum also sollten wir einverstanden sein mit dieser grausamen Verletzung unserer nur ein paar Tage alten Babys zu einem religiösen Zweck, an den wir nicht glauben?"
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Europa

Sehr wohltuend findet Jens Bisky in der SZ die Invektiven des Historikers Timothy Snyder für die deutsche Debatte über die Ukraine, in der mit so viel geschichtlichem Halbwissen operiert wird: "Wer im sowjetischen Machtbereich groß geworden ist, kann sich nur wundern, wie bereitwillig das ideologische Angebot angenommen wurde, mit Putin auf der Seite der 'Antifaschisten' zu stehen. Es scheint vergessen, dass auch 1990 vor dem Erstarken der Rechtsextremen in der DDR gewarnt wurde, und sie machten in der Tat mobil bis zu den Überfällen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Aber lag darin das entscheidende Moment der ostdeutschen Revolution?"

Beschämend nennt Stefan Kornelius auf der Meinungsseite der SZ die "Demutsbezeugungen der Industrie gen Moskau" und spart nicht an krassen Worten: "Das böse Wort von Winston Churchill über die Deutschen macht wieder die Runde: Entweder du hast sie an der Kehle, oder sie lecken dir die Stiefel."

Ingo Schulzes SZ-Essay zum Thema (unser Resümee) vom Samstag steht jetzt online.

Weiteres: Der ehemalige amerikanische Botschafter John Kornblum konstatiert in der FAZ: "Die russische Annexion der Krim markiert den Tiefpunkt der Ost-West-Beziehungen seit dem Ende des Kalten Kriegs." Und Kerstin Holm erläutert an gleicher Stelle, wie Solschenizyn die Sache gesehen hätte - wie Putin nämlich.
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Gesellschaft

Gabriele Goettle lässt in einer ihrer großen Reportagen in der taz den Wissenschaftstheoretiker Peter Finke zu Wort kommen, der für eine größere Anerkennung und Förderung von Bürgerwissenschaft plädiert, auch unter seinen Universitätskollegen: "Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich bin kein Feind der Wissenschaft. Wissenschaft ist eine sehr wichtige Errungenschaft unserer kulturellen Geschichte, aber Wissenschaft ist nur eine der Möglichkeiten zum Erkenntnisgewinn. Was mir sehr wichtig ist, ist das, was in der Gesellschaft passiert an lebensnaher Wissenschaft. Beispielsweise in historischen Vereinen und Geschichtswerkstätten, in denen sich Leute, Hausfrauen, pensionierte Lehrer, Verwaltungsangestellte oder auch junge Leute treffen, um miteinander die Geschichte ihrer Stadt oder Region zu erforschen. Einfach deshalb, weil es sie interessiert."

Man kann sehr wohl als Jude russischer Herkunft in Deutschland leben, findet Dmitrij Belkin in der Welt, der auf ein Buch Yascha Mounks (mehr hier) antwortet. Mounk zieht angesicht der deutsch-jüdischen Geschichte und der heutigen deutsch-jüdischen Verklemmtheiten Amerika vor. Belkin findet dagegen sogar, dass ein "Dankeschön" angemessen wäre: "Zum Beispiel dafür, dass man als 'postsowjetischer' Jude in den Neunzigerjahren in diesem damals mit sich selbst intensiv beschäftigten Deutschland aufgenommen werden, landen und eine entsprechende Unterstützung bekommen durfte."
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Ideen

Maurice Blanchot, in Deutschland weniger bekannt, ist in Frankreich ein Gott der Postmoderne und der radikalen Linken. Dass er in seiner Jugend - das heißt zur Vichy-Zeit - extrem rechts war, ist zwar vage bekannt, kommt jetzt durch eine Veröffentlichung der Zeitschrift Lignes, über die Pierre Assouline in seinem Blog schreibt, noch mal ganz neu ans Licht: "Blanchots Artikel in maurrassianischen, nationalistischen, fremdenfeindlichen, extrem antikommunistischen Zeitungen gehen in die Hunderte", sagt da Michel Surya, der Herausgeber von Lignes. Blanchot hat fleißig geleugnet. 1983 sagte er noch über sein Verhalten in der Vichy-Zeit: "Meine Entscheidung fiel sofort. Verweigerung. Verweigerung gegenüber dem Besatzer natürlich, aber ebenso entschlossene Verweigerung gegenüber Vichy, das für mich den Abgrund verkörperte."
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Medien

Die Startseiten der Internetriesen Guardian und Spiegel Online kommen Wolfgang Michal bei Carta reichlich chaotisch vor: "Die Startseite des Guardian bietet - obwohl es sich um eine seriöse Zeitung handelt - ein unglaubliches Durcheinander aus haribo-bunten Headlines, Unterzeilen, Klickwörtern, Mini-Vorspännen, briefmarkengroßen Bildchen, Kästchen, Signets, Buttons, Graphiken, rot-grau-blauen Trennlinien und Zahlen. Der Leser darf aus circa 150 Storys und 80 bis 90 Bildchen auswählen, wobei die meisten Fotos Köpfe (aus der Mittelschicht) zeigen." Michals Analyse: "Sinn und Zweck einer News-Website ist nicht die Nachricht, sondern ihre hochfrequente Austauschbarkeit: Der Online-Journalismus ist der Hochfrequenzhandel des Journalismus."

Harald Staun präzisiert in der FAS seine Aussagen im medieninternen Hoody-Streit über die Frage, ob Online-Journalisten als Journalisten gelten können: Anlass war die entschlossene Résistance der Printler in der SZ gegen die Aufnahme Stefan Plöchingers in die SZ-Chefredaktion, und dies obwohl der Online-Chef Plöchinger noch nicht genug Seite 4-Artikel geschrieben hatte, um als abgehangen gelten zu können. Staun stellt fest, dass er Plöchinger sehr wohl für einen Journalisten hält, obwohl er letzte Woche in seiner Kolumne "Die lieben Kollegen" so ziemlich das Gegenteil suggeriert hat.
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