9punkt - Die Debattenrundschau

Umgehung des Trennungsgebots

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.03.2014. Ingo Schulze prangert in der SZ die Machtpolitik des Westens in der Ukraine an. Vladislav Inozemtsev sieht das mit der Verwantwortung des Westens in Eurozine ganz anders und fordert ihn auf, endlich nicht mehr die russischen Oligarchen zu unterstützen. Die russische Autorin Alissa Ganijewa guckt inzwischen für die Literarische Welt russisches Staatsfernsehen und rauft sich die Haare. Najem Wali verzweifelt in der NZZ an der Kulturszene in Ägypten. Der Tagesspiegel stellt Hildebrand Gurlitts Kollegen vor.

Europa

Liest man Ingo Schulzes Essay in der SZ, dann ist der Westen in der Ukraine genauso böse unterwegs wie Putin, der übrigens auch erst durch den vom Westen eingeflüsterten Neoliberalismus der Jelzin-Ära möglich wurde. Schulze staunt zumal über "die Selbstverständlichkeit, mit der die neue Regierung der Ukraine aus dem Ausland geplant wird. Die US-Amerikaner wollen eben nicht wie die EU (und vor allem Deutschland) den ehemaligen Boxweltmeister Vitali Klitschko zum Ministerpräsidenten machen (Fuck the EU!), sondern sie halten Arsenij Jazenjuk für besser geeignet, die US-Interessen zu vertreten. Er war immerhin schon einmal Wirtschaftsminister und könnte daher den amerikanischen Konzernen zu lukrativen Deals verhelfen."

Fast wie eine Antwort klingt, was Timothy Snyder in der Welt im Interview mit Alan Posener sagt: "Die Linke konzentriert sich auf ein paar unappetitliche Leute in der Ukraine, und das entlastet sie von der Notwendigkeit, die wirklich schlimmen Sachen zu sehen, die in Russland passieren. Man kann darüber hinwegsehen, dass Putins Eurasiatische Ideologie faschistische Wurzeln hat."

Vladislav Inozemtsev sieht das mit der westlichen Verantwortung in Eurozine ganz anders als Ingo Schulze: "The Russian post-communist revanchist elite, having embezzled national wealth, at some point felt ready to re-establish its traditional 'habitat': an authoritarian society characterized by imperial ideology and management that relies on brute force and a 'command economy'. In recent years, the West has done everything possible to help them realize this goal..." Man braucht aber gar keine Sanktionen, meint Inozemtsev, sondern sollte nur beitragen, die Ukraine zu einem wirtschaftlich erfolgreichen Land zu machen. Und: "The EU must start to think about its long-term interests and place these above the instant gratification of London bankers, German gas traders and real-estate dealers all over Europe, who are yearning for Russian money."

Die junge russische Autorin Alissa Ganijewa guckt inzwischen für die Literarische Welt alle drei Programme ihres Staatsfernsehens und reibt sich die Augen: "Im ersten Programm läuft der pathetische Dokumentarfilm 'Ich liebe den Tyrannen', der zeigt, wie Stalin das Land vor dem Söldner Trotzki rettete, der bekanntlich den Zerfall Russlands betrieb. Im nächsten klärt man, untermalt von unheilvoller Musik, die Zuschauer darüber auf, dass das FBI den Aufstand vom Maidan geplant habe, um die Ukraine zu zerstören und Russland zu schaden. Im dritten werden die Teilnehmer der Moskauer Antikriegsdemonstration diffamiert, die gegen die russische Aggression auf der Krim protestiert haben."

Außerdem: Richard Herzinger begründet in der Welt, warum die Sezession der Krim diesen Namen nicht verdient. Und Joschka Fischer schlägt in der SZ nicht jene müde ergebenen Töne an, für die Frank Schirrmacher gestern Helmut Schmidt und Helmut Kohl lobte: "Es geht keineswegs nur um die Krim. Das nächste Ziel Wladimir Putins ist die Ostukraine - und damit verbunden die anhaltende Destabilisierung der gesamten Ukraine."
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Internet

Andrian Kreye erklärt in der SZ die Bedeutung der TED-Konferenzen, die ihren dreißigsten Geburtstag feiern,  für ein internationales technophiles Bildungsbürgertum.

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Gesellschaft

In der NZZ beschreibt Najem Wali den Zustand der Kulturszene in Ägypten. So viel Hoffnung, so viel Erfindungsreichtum, Mut und Einsatz. Und was hat es bis jetzt gebracht? "Wer wissen möchte, wie es heute, drei Jahre nach der Revolution vom 25. Januar 2011, um das Kulturleben in Ägypten bestellt ist, der muss lediglich schauen, was sich an der Spitze des betreffenden Ministeriums getan hat. Zum vierten Mal tritt ein und derselbe Herr das Amt des Kulturministers an: Doktor Mohammed Saber Arab, der damit zwar punkto Wiederwahlen einen Rekord eingefahren haben dürfte, dessen gesamte Amtszeit sich jedoch auf nicht mehr als 17 Monate beläuft."

In der taz porträtiert Peter Unfried den schwulen Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann (CDU), der sich mit seinem Einsatz für eine auch in der Schule gelehrte Kultur der sexuellen Vielfalt bei CDU-Wählern gerade nicht so beliebt macht: "Er ist als Homosexueller sichtbar. In der CDU. In der Kirche will er das auch sein. Und er will die Position der Kirche sichtbar machen. So oder so. Kaufmann weiß, dass es um Sichtbarkeit geht. Auch in der Schule. Gegen die Kultur des 'Ja, das gibt es, aber bitte nicht in der Stadtbahn und bitte nicht darüber reden'."

Außerdem: In der NZZ fragt sich Uwe Justus Wenzel, warum wir den jüngeren Generationen immer wieder neue Etiketten verpassen müssen (jetzt haben wir es angeblich mit der "Generation Maybe" zu tun). In der SZ grübelt Peter Richter, warum die New Yorker sich derzeit so sehr für Mayflower-Bärte und Pferdekutschen begeistern, und kommt zu dem Ergebnis: "Die Imitation von Altem ist Kunstdünger, eine Erfindung aus dem Geist der Effizienz."
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Medien

(Via turi2) Das Handelsblatt eiert weiter rum, was den "Verkauf" von Seite 3-Porträts der Rubrik "Handelsblatt-Leser stellen sich vor" betrifft. Laut Handelsblatt-Tochter Meedia zahlen Porträtierte, wenn sie wollen, erst nach Erscheinen 5.000 Euro für die Nutzungsrechte an dem Artikel. Nur zweimal seien die Artikel vorab verkauft worden, so Vertriebsleiter Thomas Gruber in Meedia. Die Juristin Nina Diercks ist in ihrem Blog skeptisch. Nutzungsrechte an Porträtierte verkaufen? "Mhm. Ja. Das scheint gängige Praxis zu sein. Deswegen aber eben noch lange nicht rechtskonform. Nach meiner Auffassung ist diese Vorgehensweise schlicht als der Versuch der Umgehung des Trennungsgebots zu werten und damit nicht anders als der Sachverhalt, in dem ein Unternehmen sagt 'Wenn Ihr Unternehmen eine Anzeige bei uns schaltet, dann bringen wir einen redaktionellen Beitrag über eine Seite.'"
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Stichwörter: Handelsblatt

Kulturpolitik

Es gab nicht nur Gurlitt, sondern viele andere Kunsthändler, die mit geraubter Kunst Geld für die Nazis beschafften, erzählt Bernhard Schulz im Tagesspiegel, zum Beispiel Karl Buchholz: "Über seinen jüdischen und darum zur Emigration gezwungenen Kompagnon Carl Valentin, dem er eine Dependance in New York einrichtete, konnte Buchholz zahllose Arbeiten an amerikanische Museen veräußern und besaß, weil er dem Regime dringend benötigte Devisen verschaffte, viel Handlungsspielraum."

Geschichte

Seltsamerweise spielt der Erste Weltkrieg in keiner Öffentlichkeit eine größere Rolle als in Großbritannien - aus Frankreich oder Deutschland hört man jedenfalls nichts über so ein umfangreiches Gedenkprogramm wie es Gina Thomas aus London bechreibt. Höhepunkt wird eine Kerzenmahnwache sein, während der eine Stunde lang alle Lichter im Köngreich gelöscht werden sollen "gemäß Außenminister Edward Grey, der am Vorabend des Kriegsausbruches aus dem Fenster seines Amtszimmers sah, wie die Gaslaternen angezündet wurden und bemerkte, dass nun die Lichter in ganz Europa ausgehen würden." Und die Kulturministerin ergriff "eindeutig Partei für jene, die den Krieg durch das Prisma des Kampfes gegen das Hitler-Deutschland als 'gerechten Krieg' deuten". Hier die offizielle Regierungwebsite des "First World War Centenary".
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