Efeu - Die Kulturrundschau

Eine Antenne für Gestalt

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31.03.2014. Peter Konwitschnys Inszenierung der Janacek-Oper "Jenufa" spaltet den Kritiker der Presse mitten entzwei. Philipp Tiedemanns Inszenierung von George Taboris Auschwitz-Stück "Die Kannibalen" rutscht der taz etwas zu glatt runter. Im Im Tagesspiegel protestiert die Schriftstellerin Gisela von Wysocki gegen Sibylle Lewitscharoffs Feminismuskritik: Sie schielt. Und Thomas Struth erklärt, warum auf seinen Fotos von Hochsicherheitstrakten der Forschung keine Menschen zu sehen sind.

Bühne



Bei seiner Premiere 1969 stellte George Taboris Auschwitz-Stück "Die Kannibalen" noch einen handfesten Skandal dar. Philipp Tiedemanns am Berliner Ensemble aufgeführte Neu-Inszenierung ist für Patrick Wildermanns Geschmack unterdessen etwas sehr bekömmlich geraten. Er schreibt im Tagesspiegel: "Selbst wenn die Schauspieler am Ende das Zischen des einströmenden Gases nachahmen, erreicht einen nichts als Stadttheaterton. Ein Stück, das einmal eine Gräte war, die im Halse stecken bleiben musste, wird zum leicht goutierbaren Happen." (In der FAZ findet Irene Bazinger die Inszenierung dagegen "abgründig genau gelungen", Foto: Monika Rittershaus.)



Peter Konwitschnys Inszenierung der Janáček-Oper "Jenůfa" in Graz hat Harald Haslmayr (Presse) nur halb gefallen: Im ersten Akt wird "die mährische Dorfgemeinschaft ... nach allen Regeln sozialkritisch-emanzipatorischer Moralin-Mief-Moderne vorgeführt: Watschen hauen, Popscherl wackeln, Gruppensex, entfesselte Saufgelage - da ist er wieder, der 'schonungslose' Kolchosenrealismus aus ästhetisch längst verweht geglaubten Zeiten. Nach der Pause zeigte sich jedoch ein völlig anderes Bild. Erst jetzt wurde Konwitschnys sensible Zuneigung zu den Personen spürbar, in perfekter Personenführung und genial-abstrakter Dramaturgie entstand - ja erblühte ein ganz großes, berührendes Bild, wenn nämlich die Sologeige als eine leibhafte Violinistin auf der Bühne erscheint und ihr Spiel zu einem verinnerlichten Dialog mit der betenden Jenůfa verschmilzt." (Uneingeschränktes Lob dagegen in Welt und FAZ, Foto: Werner Kmetitsch)

Weitere Artikel: Der Choreograf Lemi Ponifasio aus Samoa spricht im Interview mit dem Standard über die Hintergründe seines neuen Stücks "The Crimson House".

Besprochen werden weiter Mozarts "Così fan tutte" mit Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus Musicus im Theater an der Wien (Standard), Stephan Thoss' Choreografie "Blaubarts Geheimnis" mit dem Ballett Basel (NZZ), Choreografien von Hans van Manen, Merce Cunningham und Antoine Jully mit dem Ballett am Rhein an der Deutschen Oper in Düsseldorf (FAZ) und die Uraufführung von Sven Helbigs Oper "Vom Lärm der Welt" in Weimar (FAZ).
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Literatur

Lewitscharoff-Debatte, nächste Runde. Im Tagesspiegel will die Schriftstellerin Gisela von Wysocki die Auslassungen ihrer Verlagskollegin über den hiesigen Feminismus, der auch ideologisch vorbelastete Frauen wie Leni Riefenstahl in den Rang von Ikonen erhebe, nicht unkommentiert stehen lassen: "Dein Modellieren und Meißeln an den Dingen arbeitet fürs Ressentiment. Vom 'Schielen' hat Nietzsche in diesem Zusammenhang gesprochen. Danach sieht sie in Deinen Augen dann auch aus, die Frauenbewegung des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts: ein historisch dubioses Erzeugnis verspäteter Nazi-Frauen."

Außerdem: In der Jungle World arbeitet Birgit Schmidt ausführlich die Exilgeschichte des deutschen Schriftstellers Bodo Uhse und seiner Frau Alma auf. Im Standard schreibt Richard Wall zur neuen Gesamtausgabe des Werks von Jesse Thoor. Karl Corino antwortet auf die harsche Kritik von Klaus Wagenbach an Corinos Kritik des Wagenbach-Autors Stefan Hermlin. Die FAZ hat eine neue Krimiseite: Jürgen Kaube kann der neuen Mode des Regionalkrimis wenig abgewinnen. David Peace spricht im Interview über Margaret Thatcher und seinen jüngsten Roman "GB 84", der vom britischen Bergarbeiterstreik erzählt.

Besprochen werden u.a. Jonathan Lethems Roman "Der Garten der Dissidenten" (Jungle World - mehr), Tahar Ben Jellouns Roman "Eheglück" (Zeit - mehr), Keziah Jones' Comic "Captain Rugged" (Tagesspiegel), Masha Gessens Buch "Words Will Break Cement: The Passion of Pussy Riot" (Presse), Waltraud Mittichs Roman "Abschied von der Serenissima" (Standard) und Volker Weidermanns "Ostende 1936, Sommer der Freundschaft" (Welt).
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Musik

Jens Uthoff berichtet für die taz von der Party der sich in Gründung befindenden Verwertungsgesellschaft Commons Collecting Society, die sich als Konkurrenz und Alternative zur Gema positionieren will. Im Tagesspiegel stellt Andreas Hartmann den Popmusiker Chris Imler vor. Ulrich Stock trifft sich für Zon mit der Schweizer Jazzband Rusconi.

Besprochen werden ein von Dmitrij Kitajenko dirigiertes Konzert in Berlin (Tagesspiegel), ein Konzert von Rufus Wainwright im Wiener Museumsquartier (Presse) und die "Orgelsymphonie" von Camille Saint-Saëns mit den Wiener Philharmonikern unter Zubin Mehta in Wien (Presse).
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Film

Im Tagesspiegel führt Kerstin Decker durch das Dokumentarfilm-Programm des 20. Jüdischen Filmfestivals in Berlin. Dort reihen sich die absurden, abwegigen Geschichten, was sie ziemlich sinnig findet: "Man hat es bisher selten so gesehen, aber vielleicht liegt im Absurden der einzige Fluchtpunkt der Versöhnung, wenn diese längst aussichtslos scheint - gleich ob im mörderischen Gestern oder im friedlosen Heute. Das Absurde ist freiwillig eingestandene Schwäche bei gleichzeitigem Triumph des Intellekts. Es lässt alle Masken fallen, nur um sie gleich wieder aufzusetzen, es ist die versöhnliche Unversöhnlichkeit." (Das Bild zeigt eines der Plakate des JFF in diesem Jahr.)

Besprochen werden der Kinderfilm "Antboy" (Welt) und Johanna Moders Filmdebüt "High Performance" (Standard).
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Kunst

Im Tagesspiegel unterhält sich Nicola Kuhn mit dem Fotograf Thomas Struth, dessen menschenleere Aufnahmen wissenschaftlicher Großlabors derzeit in der Berliner Galerie Hetzler zu sehen sind. Er erklärt dazu: "Ich begreife diese Szenarien als Resultat menschlicher Aktivität, als Abdruck eines mentalen Prozesses, einer Gruppendynamik, die sich in skulpturaler Form darstellt. ... Wenn ich Großlabors besuche, besteht mein Vorteil darin, dass ich kein Spezialist bin. Ich bleibe auf Distanz, habe aber eine Antenne für Gestalt und die ihr innewohnende politische, gesellschaftliche Energie."

Im Standard kritisiert die Kunstkuratorin und -publizistin Angela Stief die Heuchelei privater Kunstsammler, die bei jeder Schwierigkeit nach dem Staat rufen (Essl, Bawag, Generali Foundation). Aber auch Kritiker der privat-staatlichen Messaliancen bekommen ihr Fett weg: "Institutions- und Kapitalismuskritik waren die Lieblingsworte der Szene. Theoretisch. Praktisch waren die kritischsten Künstler mit sozialpolitischem Durchblick bei der Generali Foundation zu Hause und polierten das Image der wegen Immobiliengeschäften in Verruf geratenen Versicherungsgesellschaft auf Hochglanz. Bei der Bawag war es nicht viel besser, man konnte sich eines der größten Korruptionsskandale der Nation rühmen, und die wunderschönen Räumlichkeiten für die Kunst mit dem wahrscheinlich besten Ausstellungsprogramm der Stadt leistete man sich, um Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst zu behaupten."

Unschön, was Astrid Kaminski in der taz von dem internationalen, von der Kulturstiftung des Bundes finanzierten Künstlertreffen "Gender and Tradition" in der Berlin zu berichten hat: Einigen der geladenen Künstler wurde schlichtweg die Einreise verwehrt. Das ist nicht nur für die Betroffenen mehr als unangenehm - es kostet auch richtig Geld: "Die Hotelkosten für die Wartezeit auf das Visum, die Kosten für verschobene und letztendlich nicht angetretene Flüge etc. (der Arbeitsaufwand der Projektmanager an deutschen Theatern nicht eingerechnet) beliefen sich allein für die zwei kongolesischen Künstler auf etwa 6000 Euro. Gedeckt durch großenteils von der KdB verwaltete Steuergelder, die zur Kulturförderung vorgesehen waren."

Kurz vor der großen Ai Weiweis großer Ausstellung "Evidence" im Berliner Martin-Gropius-Bau bringt Arno Widmann in der Berliner Zeitung einige Hintergründe zu dem von der chinesischen Regierung gegängelten Künstler und Aktivist. Der Tagesspiegel beendet passend dazu Christiane Peitz" dreiteiligen Bericht ihrer Begegnung mit Ai Weiwei in dessen Atelier - diesmal geht es unter anderem Ai Weiweis Vater und die zahlreichen Katzen auf seinem Studiogelände. Außerdem bringt der Tagesspiegel ein in Ost-Berlin verfasstes Gedicht von Ai Weiweis Vater Ai Qing, das ihm einigen Ärger einbrachte.

Weitere Artikel: Christoph Rauhut und Ekaterina Nozhova berichten in der NZZ über den geplanten Abriss des Schabolowka-Radioturms in Moskau. Dankwart Guratzsch berichtet in der Welt von der Architektentagung über die "Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt". Die Fassaden der Ostmoderne erleben gerade in Comeback, meldet Arnold Bartetzky in der FAZ. Und Peter Geimer berichtet von einer Diskussion in den USA über Abby Warburgs Fotos von den Hopi-Indianern. Für die SZ besucht Gerhard Matzig den Architekten Arno Brandlhuber in dessen Anti-Villa in Krampnitz.

Besprochen werden die Ausstellung der Tierskulpturen von Rembrandt Bugatti in der Alten Nationalgalerie in Berlin (Tagesspiegel), die Ausstellung "Es drängt sich alles zur Landschaft" im Museum der bildenden Künste Leipzig (FAZ), die Ausstellung zu Dantes "Göttliche Komödie" aus afrikanischer Sicht im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (SZ)
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