9punkt - Die Debattenrundschau

In einer Salatsauce

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.02.2014. Spiegel Online bringt einen Livestream vom Maidan und versucht, die Toten zu zählen. Lawblogger Udo Vetter ist fassungslos über das Verhalten der Staatsanwaltschaft im Fall Edathy. In der Welt meint Alan Posener: 90 Prozent fromme Amerikaner können nicht irren. Ebenfalls in der Welt will Adonis keine Revolution unterstützen, die religiös ist und erklärt die Militärdiktatoren zum geringeren Übel. Die NZZ porträtiert den indischen Autor Chetan Bhagat, der in die Politik strebt. Die FAZ bangt mit der französischen Datenschützerin Isabelle Falque-Pierrotin um einen Bürger, der den Internetunternehmen ausgeliefert ist.

Europa

Die gewaltsame Räumung des Maidan in Kiew geht weiter, die Polizei schießt auf die Demonstranten, die sich mit Molotow-Cocktails wehren. Benjamin Bidder berichtet für Spiegel Online über die letzte Nacht und geht die Zählungen der Toten der letzten Tage durch: "Elf Tote melden die Regierungsgegner bis zum frühen Morgen, viele davon sollen mit scharfer Munition erschossen worden sein. Das Innenministerium wiederum zählt allein sieben tote Polizisten. Das Gesundheitsministerium gibt die Zahl der Toten mit 25 an." Unter dem Link zu Bidders Artikel ist auch ein Livestream vom Maidan-Platz zu sehen.

Hier ein Auszug aus dem Twitter-Stream der Bilder vom Maidan:





Auch das italienische Blog ilpost.it bringt eine Bilderstrecke vom Maidan.

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Gesellschaft

Rechtsanwalt Udo Vetter setzt sich in seinem law blog mit der Staatsanwaltschaft Hannover im Fall Edathy kritisch auseinander: Über eine Stunde dauerte ihre Pressekonferenz, die man sich auch auf Youtube anschauen kann: "Ich habe es mir über weite Strecken angetan", schreibt Vetter und ergänzt: "Mich lässt das Spektakel einigermaßen fassungslos zurück. (...) Ein wenig muss ihre eigene Grenzüberschreitung den Ermittlern selbst klar gewesen sein. Denn ansonsten hätte es der betreffende Staatsanwalt nicht nötig gehabt, von einem Grau- bzw. Grenzbereich zu fabulieren. Den das Strafgesetz nun mal gar nicht kennt. Und ganz so, als hätte man sich in den Monaten seit dem Beginn der Ermittlungen in Kanada hierzulande noch gar keine Meinung darüber bilden können, ob an den Bildern nicht vielleicht doch was dran ist. "
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Stichwörter: Edathy-Affäre, Kanada, Youtube

Religion

Alan Posener verteidigt in der Welt die Frömmigkeit, zu der sich laut einer Umfrage immerhin 90 Prozent der Amerikaner bekennen, gegen die Kollegen von Spiegel, die diese Religiosität eher problematisch fanden: "Wenn es ein Skandal sein soll, dass 90 Prozent der Amerikaner an einen Schöpfer glauben, so wiederholt sich der Skandal jedes Mal, wenn Christen das Glaubensbekenntnis von Nicäa wiederholen: 'Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren.' Alles Ignoranten?"

Dem syrischen Dichter Adonis war zu Beginn der Arabellion vorgeworfen worden, er äußere sich nicht klar genug zur Arabellion. Er sieht es im Gespräch mit Claas Relotius in der Welt anders: "Bei aller Hoffnung auf Wandel habe ich immer gewusst: Ich kann unter keinen Umständen eine Revolution unterstützen, die in einer Moschee beginnt oder endet." Er äußert sich religionskritisch und sagt weiter: "Eine Militärdiktatur kontrolliert nur deinen Körper und deine Gedanken. Die Diktatur der Religion erfasst dagegen auch deine Seele, sie nimmt Besitz von dir - das ist das Gefährlichste."
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Politik

Für die NZZ porträtiert Axel Timo Purr den indischen Schriftsteller Chetan Bhagat, der ursprünglich aus der Finanzbranche in die Literatur wechselte, und keinerlei Berührungsängste mit seinem Publikum kennt, das er auf "allen verfügbaren Kanälen bespielt" (hier sein Twitter-Profil mit beeindruckend vielen Followern). Auch Berührungsängste mit der Politik hat er nicht. Besonders plagen ihn die Korruption im Bildungswesen und die brutalen Vergewaltigungen: "Bhagat interessiert sich bei seiner Analyse weniger für die hierarchischen Geschlechterverhältnisse auf dem Land als für jene in den modernen Städten. 'Denn das ist ein völlig neues Phänomen - diese Wut der jungen, männlichen Generation, die, obwohl gut ausgebildet, keine Zukunftsperspektive hat und dann junge Frauen aus teuren Multiplexkinos kommen sieht. Es ist Arm gegen Reich, eine völlig pervertierte Form von Klassenkampf!'"

In der taz setzt sich Ilija Trojanow für den amerikanischen Aktivisten Leonard Peltier ein, der seit 38 Jahren wegen Mordes an zwei FBI-Beamten im Gefängnis sitzt.
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Internet

Die neue Sehnsucht nach digitaler Enthaltsamkeit erinnert Eduard Kaeser in der NZZ an die Mediziner-Einsicht, nach der eine Krankheit immer da existiert, wo es eine Diagnose gibt. Doch die Vorstellung von zwei Welten hält er für grundfalsch: "Die Mischexistenz ist der Normalzustand. Wer am Morgen zu Kaffee und Gipfeli auf dem Tablet liest, exemplifiziert diesen Normalzustand in seiner vollen Banalität: Er nimmt sowohl Atome als auch Bits zu sich. Makroskopisch gesehen verhält es sich mit Online und Offline so, wie wenn wir in einer Salatsauce lebten, in der sich Öl und Essig nur schwer, falls überhaupt, scheiden lassen. Aber gerade deshalb sollten wir ein kulturelles Trennverfahren pflegen, in Form einer medialen Mikrokompetenz, über die wir alle verfügen. Sie lässt sich mit einem einfachen, unprätentiösen Wort charakterisieren: Unterscheidungsvermögen."

Jürg Altwegg unterhält sich auf der Medienseite der FAZ mit der amtlichen französischen Datenschützerin Isabelle Falque-Pierrotin, die wohlklingende Worte findet: "Die Apathie der Bürger ist erschreckend. Es gibt kaum Widerstand aus politischen, religiösen, ideellen Gründen. Die Technik verblendet den Bürger, er ist nackt und fühlt sich ohnmächtig. Ihre Fortschritte werden unbefragt hingenommen und benutzt." Da sollten wir uns wohl wieder vertrauensvoll in die schützenden Hände des Staates begeben!
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Kulturpolitik

Cornelius Gurlitt hat jetzt eine eigene Internetseite - offenbar beauftragten seine Anwälte eine PR-Agentur. Julia Voss guckt sie sich für die FAZ an: "Wer auf die Seite geht, blickt in die haselnussbraunen Augen eines älteren freundlichen Herrn mit Schlips und Anzug. Der Herr ist allerdings weder einer der Anwälte noch Cornelius Gurlitt selbst. Offenkundig handelt es sich um einen Platzhalter, der aus einer der Bilddatenbanken gezogen worden sein könnte, mit deren Beständen sonst Anzeigen für Banken oder Versicherungen bespielt werden."

Weiteres

In der SZ beklagt der Schriftsteller Mario Fortunato die Vulgarisierung Italiens, die er jedoch nicht nur den zwanzig Jahren unter Berlusconi und seinem Fernsehen anktreidet, sondern auch Beppe Grillo: "Die Italiener haben ihre Anmut verloren."

In der FAZ beleuchtet Christina Hucklenbroich die Schwierigkeiten von modernen Zoos nach, zugleich den Bildungsauftrag, die Identifikation mit den Tieren und PR in eigener Sache zu erfüllen.
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