Efeu - Die Kulturrundschau

Hochgradig ansteckende Heimweherreger

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19.02.2014. Der Tagesspiegel geißelt die stumpfsinnige Erdrosselung der Theater in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. In der FAZ reibt Leo Fischer dem Wuppertaler Politiker Alexander Schmidt sein Kulturbanausentum unter die Nase. Edit-Blog fragt sich, wie das Französische mit Rainald Goetz fertig wird. Der Guardian berichtet über eine Londoner Ausstellung zu deutscher Renaissancekunst, die verkauft wurde, weil sie zu hässlich war. Die taz begutachtet nordkoreanische Filme, während draußen die Spartakist-Arbeiterpartei demonstriert.

Bühne

Frederik Hanssen prangert im Tagesspiegel zornig das Kultur-Kaputtsparprogramm in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern an, mit dem die Theater langsam erdrosselt werden. Denn auch zu einem richtigen Schnitt können sich die Politiker nicht aufraffen: Eine Landesbühne zu finanzieren, die dann alle anderen Städte tingelnd mitversorgt: "Das aber ist mit den Kommunen nicht zu machen. Jede Stadt klammert sich an ihr Haus - auch wenn sie es sich ohne ausreichende Landeshilfe nicht leisten kann. Und wenn es zu Fusionen kommt, dann muss ein jeder Ort wenigstens noch eine Sparte behalten: In Vorpommern wird das wohl demnächst dazu führen, dass die Opernsänger in Stralsund stationiert sind, die Orchestermusiker in Neubrandenburg, die Schauspieler in Greifswald und die Tänzer in Neustrelitz."

Der Wuppertaler Politiker Alexander Schmidt von der FDP (die in diesen Landstrichen noch von Bedeutung zu sein scheint) hat sich ignorant wie ein Fünfziger-Jahre-Politiker über die Oper "Der Universums-Stulp" von Eugen Egner und Stephan Winkler geäußert ("Darbietung von Psychotikern, psychisch Kranken"). Leo Fischer, ehemals Titanic, beschreibt in der FAZ in einem offenen Brief an den Politiker die Herrlichkeiten des Werks und fragt: "Und wo hat das alles stattgefunden? Bei Ihnen zu Hause, in Wuppertal! In jenem Bermuda-Dreieck Deutschlands, wo die Naturgesetze ja längst schon auf den Kopf gestellt sind, wo die U-Bahn über den Dächern hinwegbraust und Elefanten durch die Luft fliegen! Mitten im zerstörten, verlassenen Westen der Republik, wo sonst keine Hoffnung mehr ist, hat so etwas Herrliches, so etwas Niedagewesenes stattgefunden, Sie waren dabei, und doch haben Sie nichts erlebt."

Anlässlich von Christoph Marthalers Hamburger Bühneninszenierung von Karl Jaspers" Doktorarbeit über Heimweh ist Jens Fischer dem Begriff für die taz kulturhistorisch auf den Grund gegangen. Seine Fundstücke sind einigermaßen kurios: So "wurden Hirtenmusik und der Alphorn-Klang als hochgradig ansteckende Heimweherreger identifiziert. Tatsächlich litten etliche Schweizer Soldaten so sehr an Heimweh, dass Ärzte ermatteten Herzschlag, Leichenblässe, müde Glieder, zusammengeschrumpfte Mägen und sogar Seelenqualen mit Todesfolge feststellten. Desertieren war Lebensrettung. Offiziere verboten daher das Singen und Musizieren unter Androhung der Todesstrafe."

Außerdem: Astrid Kaminski besucht für die taz die Proben zu An Kalers Choreografie "Contingencies". Für den Tagesspiegel trifft sich Anke Myrrhe mit Uwe Ochsenknecht, der ab heute im Theater am Kurfürstendamm im Stück "Schlechter Rat" zu sehen ist.
Archiv: Bühne

Musik

In der Berliner Zeitung staunt Jens Balzer über die Gender-Sensibilität von Udo Jürgens und gibt Konzerttipps für Berlin. Außerdem schreibt er einen knappen Nachruf auf den Trio-Gitarrist Kralle Krawinkel.

Besprochen werden James Ehnes' neue CD, auf der der Geiger auf sechs verschiedenen Stradivaris spielt (Berliner Zeitung) sowie Neuveröffentlichungen von Drake (Welt), Fenster (taz), The Notwist (Welt) und dem Michael Wollny Trio (Freitag).
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Literatur

Im New Yorker ist Jonathan Shainin empört, dass der Penguin Verlag Wendy Donigers Alternative Geschichte der Hindus zurückzieht, nachdem orthodoxe Hindus eine Kampagne gegen das Buch geführt hatten. Kein Gericht hat Penguin dazu gezwungen, laut Doniger hat aber auch Penguin nicht selbst entschieden: "Man kann sich nur zu leicht vorstellen, dass Bertelsmann und Pearson, das europäische Konglomerat, dem der Verlag gehört, entschieden haben, dass ein langer Kampf um die Meinungsfreiheit es nicht wert ist, bis zum Ende ausgefochten zu werden. Es ist eine Entscheidung, die sie noch bereuen könnten. Der Zorn bei Penguin, vor allem unter den Autoren, wächst."

Im Edit Blog stellt Danilo Scholz erstaunt fest, dass Rainald Goetz" "Irre" 1985 bei Gallimard als "Chez les fous" erschienen ist, und denkt sofort an den Übersetzer: "Wie sich das wohl liest in einer Sprache, die die Neologismen und Komposita nicht mag, die ungewöhnliche Formulierung, neu aus dem Bestehenden zusammengesetzt, aber umso mehr? Umgehend könnte man einwenden, dass Derrida und viele andere doch ständig neue Begriffe geschaffen hätten. Das war dann aber ausdrücklicher Teil des philosophischen Vorhabens, wurde somit selbst zum Gegenstand des Erklärens und lief eben nicht einfach mit im und über dem Text. Das stellt den Übersetzer vor wahnsinnige Herausforderungen: Bei Hegel, aber vor allem bei Heidegger hat es zahlreiche Versuche gebraucht, bis sie auf Französisch nicht mehr wie durchgeknallte Gebrauchsanweisungen für Fernseher aus der vergangenen Zukunft klangen."

Außerdem: Der Freitag bringt ein A-Z zu Thomas Bernhard.

Besprochen werden unter anderem Fabian Hischmanns Debütroman "Am Ende schmeißen wir mit Gold" (in der Welt sieht Richard Kämmerlings alle Vorwürfe aus der aktuellen Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur bestätigt), neue Sylvia-Plath-Veröffentlichungen (Freitag), Lewis Trondheims Fantasycomic "Ralph Azham" (Tagesspiegel), eine Neuauflage von Hartmann Schedels "Weltchronik 1493" (NZZ) und Per Leos Roman "Flut und Boden" (taz). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Archiv: Literatur

Film

In der taz berichtet Thomas Mauch vom Beginn der nordkoreanischen Filmreihe im Berliner Kino Babylon. Deren Agitationspotenzial wollten auch Altkommunisten nicht ungenutzt verstreichen lassen: "Vor dem Kino nutzten Genossen der Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands die Gelegenheit, auch noch ältere Exemplare ihrer Zeitung unters zu agitierende Volk zu bringen, weil da in der Ausgabe vom Mai des vergangenen Jahres eben ein Artikel über den "imperialistischen Kreuzzug gegen Nordkorea" zu lesen ist." Mehr über die Reihe in diesem Gespräch auf Deutschlandradio Kultur.

Bei De:Bug resümieren Andreas Busche und Christian Blumberg in einem lesenswerten Gespräch die Berlinale. Auch auf den Festivalfavoriten, Richard Linklaters "Boyhood" kommt man zu sprechen. Für Andreas Busche hat dieser Film den ganzen Wettbewerb gerettet: "Ausgerechnet ein Film der Universal-Studios. Übrigens sagte ein Kollege noch während der abslaufenden Eröffnungstitel zu mir, dass er sich wahnsinnig über das Universal-Logo freue. Bei diesem global cross-finanzierten Festivalkino ist es heutzutage ja schon normal, dass im Vorspann unendlich viele Logos von internationalen Produktionsfirmen auftauchen. Die finanzieren sich über verschiedenste Fördertöpfe, worin ja sicher auch strukturelle Probleme für einen Film bestehen. Anhand von "Boyhood" könnte man da ja fast polemisieren, dass ein Studiofilm mittlerweile in der Lage ist, den Auteur-Film zu retten."

Außerdem: Im Deutschlandradio Kultur erinnert Marli Feldvoß an den heute vor 20 Jahren gestorbenen Avantgarde-Filmemacher Derek Jarman (mehr im Guardian). Im Freitag stellt Lennart Laberenz zwei neue Bücher über den ungarischen Autorenfilmer Béla Tarr vor. Für die Zeit unterhält sich Andreas Austilat mit dem Schauspieler Bjarne Mädel. Außerdem bringt der Freitag die deutsche Übersetzung eines ursprünglich im Guardian erschienenen Porträts von Jerry Seinfeld. Seine neue Web-Show "Comedians in Cars Getting Coffee" ist auf brillant entspannte Weise inhaltsarm - hier die tolle Episode mit der großartigen Tina Fey.

Besprochen werden Lars von Triers "Nymphomaniac" (Standard), Andreas Prochaskas Dorfwestern "Das finstere Tal" (Presse) und David O"Russells "American Hustle" (Presse).
Archiv: Film

Kunst

In der Londoner National Gallery kann man gerade eine Ausstellung sehen über deutsche Kunst, die die Galerie einst verkauft hat, weil sie sie zu hässlich fand, berichtet Mark Brown im Guardian. Schön fand man damals nämlich nur italienische Kunst. "1854 kaufte William Gladstone, damals Schatzkanzler, 64 deutsche Renaissancegemälde aus dem 15. und 16. Jahrhundert für die Galerie. Es war ein Skandal. Ein Zeitung nannte die Gemälde "schrecklich" und ein Parlamentarier nannte den Kauf, den "schlechtesten, den es je gab" - was hatte sich die National Gallery dabei gedacht? ... Innerhalb von zwei Jahren beschlossen die Kuratoren, die Gemälde loszuwerden. Dies führte zu einem parlamentarischen Beschluss, der den Verkauf erlaubte und 37 Gemälde wurden verkauft, einschließlich der größten Teile eines Altaraufsatzes aus der Benedektinerabtei in Liesborn." (Bild: Lucas Cranach der Ältere, Frauenporträt, um 1525)

Nun ist es offiziell: Berlin ist demnächst eine Stadt ohne Flughafen, ohne Hauptbahnhof (der wird ja demnächst grunderneuert) und ohne Pergamon-Altar, meldet Monopol mit dpa: "Im Zuge der Sanierung des Pergamonmuseums müsse der Saal mit dem Altar aus Kleinasien am 29. September 2014 bis voraussichtlich 2019 geschlossen werden, teilte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, am Dienstag mit."

Außerdem: Beim Besuch der Bremer Andreas-Slominski-Ausstellung interessiert sich Radek Krolczyk vom Freitag beinahe mehr für die Räumlichkeiten als für die Readymades des Künstlers. Die taz meldet, dass der Künstler Caminero Maximo in Miami eine Vase von Ai Weiwei zerstört hat.

Besprochen werden die Ausstellung von Jasper Johns Season-Zyklus in einem abgelegenen Ort in Miami (Welt), die neue, vom japanischen Künstler Tadashi Kawamata inszenierte Asien-Ausstellung im Wiener Mak (Standard), die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau von Barbara Klemms Fotografien (NZZ) und die Ausstellung "Mensch - Raum - Maschine" im Bauhaus Dessau (NZZ).
Archiv: Kunst