9punkt - Die Debattenrundschau

Das war Claude

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.02.2026. Wie verhalten sich Menschen in Diktaturen? "Millionen Leute schauen weg", ist die deprimierte Erkenntnis des belarusischen Autors Sasha Filipenko in der NZZ. Seine Studenten können ihn mit KI nicht betupsen, versichert Markus Gabriel in der FAZ. Gegen die KI ist nur ein Kraut gewachsen meint hingegen die FR: ein bedingungsloses Grundeinkommen. Einst war die "Dritte Kultur" in der FAZ das ganz große Ding, nun steckt sie sie in die Konkursmasse der Epstein Files. Die Warner Brothers und damit auch der Trump-kritische Sender CNN gehen jetzt doch an den Trump-Kumpel Larry Ellison, meldet unter anderem golem.de
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2026 finden Sie hier

Europa

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Die belarussische Regierung hat Sasha Filipenkos neuen Roman "Die Elefanten" als "extremistisch" eingestuft und verboten. Der Roman "ist eine Parabel über den Umgang mit Repressionen. Eine Frage, die gerade nicht nur in Russland und Weißrussland, sondern auch in Amerika und Europa brennend diskutiert wird", erklärt Filipenko im Interview mit der NZZ. Der belarussische Staatspräsident Lukaschenko scheint sich allerdings besonders angegriffen zu fühlen. Filipenko lebt heute in der Schweiz, zurück kann er nicht mehr, zu vielen Freunden ist der Kontakt abgebrochen, erzählt er: "Ich habe Freunde und Familie in Weißrussland, Russland und in der Ukraine. Einige meiner russischen Freunde verließen nach Kriegsausbruch das Land, um etwas gegen Putin zu tun. Andere blieben und schwiegen. Meine Großcousine zum Beispiel sagte mir: Wenn die Situation schlimmer wird, werde ich gehen. Da war der Krieg bereits ausgebrochen. Ich sagte: Was, um Himmels willen, könnte denn noch schlimmer werden? Inzwischen sprechen wir nicht mehr miteinander. Millionen Leute schauen weg. Man kann einfach nicht verstehen, wie gute, schlaue Freunde sich nicht wehren oder sich sogar anbiedern."

Zehn Jahre ist Frank-Walter Steinmeier jetzt schon im Amt. "Es waren keine guten zehn Jahre", meint Welt-Autor Thomas Schmid. Ein gutes Haar kann Schmid an Steinmeier nicht lassen. Da das Amt keine politische Bedeutung hat, könne sich ein Präsident nur mit der "Kunst der Rede" retten. Gerade da hat Steinmeier für Schmid gründlich versagt: "Frank-Walter Steinmeiers Reden folgten zumeist der immer gleichen rhetorischen Figur. Erst das Tableau der Probleme und drohenden Gefahren, dann die ewige Gewissheit, dass 'wir' sie gemeinsam meistern können und der 'Zusammenhalt' obsiegen wird. Erst das Dunkel, dann das heilende Licht: Erlösungspädagogik im Taschenformat. Hinzu kommt ein unverzeihlicher Fehler Steinmeiers. Die eine Rede, die er nun wirklich hätte halten müssen, hat er nicht gehalten. Er hat es stattdessen nicht für nötig empfunden, sich zur verfehlten Russlandpolitik mehrerer deutscher Regierungen und zu seinem nicht unbeträchtlichen Anteil daran zu erklären. Er beschränkte sich auf die beiläufige Bemerkung, er habe Fehler gemacht - 'wie andere übrigens auch'." Am Ende stellt Schmid die Frage, ob Deutschland so ein nichts besagendes aber würdevoll dreinguckendes  "Staatsornament" überhaupt braucht.
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Ideen

Die vier Soziologiestars Stephan Lessenich, Steffen Mau, Heinz Bude und Koloma Beck wurden in Berlin in ein "Battle" geschickt. Welche Denkschule obsiegt? Elke Schmitter war für den Perlentaucher die Sportreporterin. Sie vergibt auch Haltungsnoten. Inhaltlich stehen sich Heinz Bude und Koloma Beck zum Beispiel nahe: "Doch, als übernähme der Geist Bourdieus die Führung, entscheidet in dieser nachbarschaftlichen Beziehung auf dem Podium nicht mehr das Argument, nicht einmal mehr der Gehalt, sondern nur noch der Habitus. Bude lässt den Zeigefinger schweben und wird zum weißen alten Mann, der Humor wie Contenance verliert. 'Hegemoniale Erzählung', das sei doch 'Tinnef', 'Narrativgedöns'! Und Koloma Beck friert, trotz solidarischen Stöhnens im Publikum, leider ein."

"Es sind wirklich vollkommen irre Zeiten", notiert ein perplexer Jens-Christian Rabe in der SZ nach einem denkwürdigen Abend in Schloss Elmau. Dort fand "World in Pieces" statt, eine Tagung mit Intellektuellen wie Timothy Garton Ash, Peter Sloterdijk, Eva Illouz, Scholz' Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt oder Alexander Soros. Und mittendrin der rechte Vordenker Curtis Yarvin, den Ivan Krastev eingeladen hatte, weil "die Auseinandersetzung mit diesem Denken 'für uns' viel wichtiger ist als für Yarvin", wie Krastev erklärte. Er "macht das Gespräch zu einer eher stillen, skrupulösen, aber deshalb umso denkwürdigeren Erinnerung an die zentralen politischen Errungenschaften des Westens: die Machtkontrolle und vor allem die friedliche Machtübergabe. Yarvins Einlassungen und Auslassungen sind kaum weniger denkwürdig. Mit fast kindlicher Hartnäckigkeit möchte er die Versprechen und Abstraktionen der Demokratie (etwa die Gerechtigkeit oder die Gleichheit), die er fast kindlich wortwörtlich nimmt, als 'Illusionen' entlarven. Und als Ausweis von unverzeihlicher (intellektueller) Schwäche entlarven. Ein Austausch über die Idee von 'nützlichen' Illusionen, den Krastev versucht, kommt nicht wirklich zustande. Stattdessen fällt irgendwann der Satz: 'Nothing is ever impressive, when it's weak' - was schwach ist, könne niemals eindrucksvoll sein."
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Gesellschaft

Die düstere Faszination der Epstein-Files hält an. Thomas Thiel erzählt in der FAZ, welche Rolle John Brockman für Epstein spielte. Brockman war der Gründer des edge.org-Netzwerkes, wo ein für die nuller Jahre charakteristischer Techoptmismus verbreitet wurde. "Epstein sammelte Wissenschaftler wie Trophäen", so Thiel, und "der Mann, der sie mit ihm bekannt machte, war der Literaturagent John Brockman... Man teilte den libertären, disruptiven Geist und den Glauben, alle Menschheitsprobleme ließen sich durch neue Technologie lösen."

Hm, aber war da nicht was, das Thomas Thiel vergisst zu erwähnen? Ach ja, der größte Propagandist des "edge.org"-Denkens und der "Dritten Kultur" in Deutschland war ein gewisser FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (der mit Abstand zweitgrößte ein gewisser Andrian Kreye von der SZ). Brockman war ein Kumpel, auch der von Thiel erwähnte David Gelernter hatte eine Zeitlang carte blanche in der FAZ (und der resümierende Perlentaucher versuchte seine Artikel zu verstehen).

Kira Kramer informiert zugleich in der FAZ über Trump betreffende Lücken in den Esptein Files.
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Stichwörter: Epstein-Files

Digitalisierung

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Der prominente Philosoph Markus Gabriel hat mit "Ethische Intelligenz" ein recht optimistisches Buch über Künstliche Intelligenz vorgelegt. Im Gespräch mit FAZ-Autor Fabian Ebeling legt er dar, dass er sich auch als Professor noch als Herr des Geschehens liest - Studenten können ihn mit Ki jedenfalls nicht betupsen: "Um mit einer KI eine gute Hausarbeit zu schreiben, braucht man Skills, mit denen man sie auch alleine schreiben könnte. Als Hochschullehrer kann ich den typischen Stil einer KI erkennen - oft kann man sagen: 'Das war Claude, das war ChatGPT, das war Perplexity.' Ich glaube aber, das liegt auch daran, dass KIs weniger automatisieren als vielmehr assistieren. Der erste Fehler bei der KI war, dass man dachte, jetzt verschwindet der Mensch." Allerdings sagt Gabriel auch einen Satz, der an seiner eigenen Zunft zweifeln lässt: "Vielleicht ist im Falle der Intelligenz die Simulation bereits die Sache selbst."

Die meisten amerikanischen KI-Firmen wie Alphabet, xAI und OpenAI haben Abkommen mit ihrer Regierung geschlossen und dabei "teilweise die üblichen Nutzungsbeschränkungen für das Militärnetzwerk aufgehoben", berichtet die Zeit. Die Firma Anthropic will das jedoch nicht zulassen, weshalb Verteidigungsminister Pete Hegseth gedroht hat, "Anthropic aus seinen Systemen zu entfernen, wenn das Unternehmen an seinen Schutzmaßnahmen festhalte. Zudem habe es gedroht, die Firma als 'Risiko für die Lieferkette' einzustufen und den Defense Production Act anzuwenden, um die Entfernung der Schutzmaßnahmen zu erzwingen", so die Zeit-Meldung. Dennoch will sich Anthropic-Gründer Dario Amodei nicht auf die Bedingungen Hegseths einlassen. Und die hätten es in sich, meint Andrian Kreye in der SZ: "Seit gut einem Jahr verwendet das amerikanische Verteidigungsministerium Anthropics Large Language Model Claude für sein geheimes KI-Projekt, bei dem die Streitkräfte digital aufgerüstet werden sollen. Amodei sieht das ganz prinzipiell als Beitrag für die Verteidigung der Demokratie. Allerdings soll Claude nur mit ein paar Einschränkungen eingesetzt werden. Die KI soll keine autonomen Waffen steuern, bei denen die Maschinen Entscheidungen über Leben und Tod fällen. Und Claude soll nicht für die Massenüberwachung von amerikanischen Bürgern eingesetzt werden." Hier begründet Amodei seine Entscheidung in einem längeren Essay.

Künstler, aber auch Übersetzer oder Buchhalter könnten durch KI bald massenhaft arbeitslos werden, warnt Björn Hayer in der FR. Er plädiert deshalb für ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Berufe, die von KI bedroht sind, das die Tech-Konzerne zahlen sollen: "Die Maschinen mögen immer differenzierter und genauer werden, Sozial- und Wirtschaftssysteme hinken derweil hinterher. Es mangelt an Visionen zu deren Anpassung an den technologischen Fortschritt. Es geht dabei nicht um Almosen. Denn da KI selbst nichts schafft, sondern nur Vorhandenes mixt, bedürfen wir Ideen. Unserer Ideen. Der Mensch muss Vordenker bleiben und es sich im buchstäblichen Sinne leisten können."
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Geschichte

Die Debatte um Grzegorz Rossoliński-Liebe und die Kollaboration in Polen unter den Nazis (unsere Resümees), sollte dazu anregen, den Blick zu weiten, regt der Historiker Stephan Malinowski in der FAZ an. Kollaboration ist eine Herrschaftstechnik, die die Eroberten ins System einbezieht und gern auch kompromittiert: "Das Muster ist mindestens so alt wie der europäische Kolonialismus. Als Hernán Cortés um 1520 mit wenigen Hundert Spaniern gegen das Aztekenreich zog, standen ihm Zehntausende indigene Verbündete zur Seite. Der transatlantische Sklavenhandel interagierte mit afrikanischen und arabischen Akteuren, die Menschen jagten und verkauften. Deutsche Kolonialkriege in Ostafrika oder britische Feldzüge in Indien wurden zu großen Teilen von lokal rekrutierten Truppen geführt. Das mindert nicht die Gewaltförmigkeit europäischer Imperien, macht aber deutlich, dass auch sie ohne kollaborative Strukturen nicht funktionsfähig gewesen wären."
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Kulturmarkt

"Die sicher geglaubte Übernahme von Warner Brothers durch Netflix ist vom Tisch. Paramount siegt im Bieterwettstreit", meldet unter anderem golem.de mit dpa. Eigentlich schien der Deal mit Netflix schon fix, und Paramount muss sogar eine Vertragsstrafe an Netflix zahlen. Paramount zahlt für Warner Brothers lat der Meldung 111 Milliarden US-Dollar. Der Konzern gehört zum Imperium des Oracle-Oligarchen Larry Ellison, der Trump nahesteht. Ihm gehört damit jetzt auch der Trump-kritische Sender CNN.
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