ein wort gibt das andere

Sportlich soll es laufen, klar

Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
26.02.2026. Die Soziologiestars Stephan Lessenich, Steffen Mau, Heinz Bude und Koloma Beck (in der Reihenfolge ihres Auftretens) stellten sich im Berliner Renaissance-Theater einem "Battle" zur entscheidenden Frage ihrer Disziplin: Aus welcher Denkschule kommst Du? Es gab keine Sieger, aber viele Verletzte. Das dankbare Publikum gehörte nicht dazu.
Das geht gut los. 

Die erste Frage ist kühn und schlicht zugleich, sie verblüfft, und alle sind wach: Wo haben Sie denken gelernt, was ist Ihre Schule? 

Neben Vivian Perkovic, der Moderatorin, die sich als Matadorin gekleidet hat (weißes Hemd, schwarzes Band), sitzen vier Soziologen auf der Bühne, prominent bis berühmt, und sind als Welterklärer geladen. Ein "Battle" soll es werden, ein fairer Kampf um die Deutung der Gegenwart. Es nehmen drei Männer teil und eine Frau. Zum Auftakt hat Janika Gelinek vom Literaturhaus Berlin an die Olympischen Regeln erinnert; sportlich soll es laufen, klar, und am Ende geht's nicht um's Gewinnen, sondern vor allem um die Sache selbst, die faire Verständigung über Grenzen hinweg.

Das Renaissance-Theater ist voll, das Alter gemischt, die Neugier groß. Es ist eine heikle Entscheidung, einen halb-Spaß-halb-Ernst-Termin auf dieses Datum zu legen, den Abend vor Putins Großinvasion der Ukraine, doch in der Länge zeigt sich: es geht auf. Die Protagonisten sind zu sehr Wissenschaftler für Klamauk, auch wenn sie an einem Battle teilnehmen - und dabei Nerven zeigen.

Zunächst antwortet Stephan Lessenich, der gleich neben Perkovic sitzt. Er ist Direktor des legendären Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main, die aktuelle Verkörperung der Frankfurter Schule also. Der Kapitalismus, so zitiert er Max Weber, ist "die schicksalsvollste Macht" unserer Zeit, zugleich hochgradig produktiv und destruktiv, in einem fort uns alle in Widersprüche verstrickend. Er sorgt für Wohlstand, aber auch für Naturzerstörung, er ist der Treiber imperialer und kolonialer Herrschaft und verwöhnt zugleich durch Konsum, er verzerrt Ideale wie Freiheit und Demokratie zu Ideologien, natürlich zu seinem Nutzen… Zu verstehen und zu erforschen, wie dieses Ungeheuer sich am Leben hält ("Ungeheuer". sagt er nicht, doch es steht im Raum und schnaubt Feuer), das sei seine Aufgabe als Soziologe. 

Dies hat ergreifende Wirkung. Weil es so gewaltig klingt, geradezu religiös, indem es das Gute vom Schrecklichen scheidet und mit einer Generalthese für Struktur und Klarheit sorgt. Aber auch, weil das Auftreten und die Rhetorik von Lessenich (im Sportblouson) so wunderbar stimmig sind. Da glühen Sardonisches, Ironisches und Erbittertes, da halten Analyse und Kampfgeist sich die Waage, in großer Finsternis klingt er gleichwohl nicht depressiv. Viele Köpfe nicken mit ihm, beinahe im Takt. 

Doch dann spricht Steffen Mau. Und kühlt, das geht tatsächlich, die Stimmung mit Wärme ab. Mau ist Professor an der Humboldt Uni und nach einer sehr anschaulichen Transformationsgeschichte aus seiner ostdeutschen Herkunftsstadt ("Lütten Klein") inzwischen Stichwortgeber für Politik und Jounalismus mit der großen empirischen Studie zu "Triggerpunkten" der deutschen Gesellschaft. Um sein Denken zu charakterisieren, unterscheidet er drei Schulen soziologischen Denkens: Theorie sucht Empirie, Empirie sucht Theorie und Problem sucht Klärung. Mau zählt sich zur dritten Sorte. Eigentlich müsse man bei jedem Satz, den er schreibe, eine zugehörige Jahreszahl und einen Ländernamen angeben können. Was bringt die Rechte derzeit nach vorne, das sei ein soziologisches Problem für ihn. Räsonieren über die Spätmoderne, den Westen und dergleichen aber: "nicht mein Ding". Damit hat Mau seinem Nachbarn Luft abgelassen, und als der empfindlich reagiert, setzt er kameradschaftlich-spöttisch nach: Jeden deiner Sätze, sagt er zu Lessenich, hast du doch vor zwanzig Jahren bereits gesagt, und in zehn Jahren sind sie immer noch wahr… Ein klarer Fall, sagt sich das Publikum, von "Theorie sucht Empirie" bei Lessenich (doch wie verführerisch diese Verve!), und Applaus für den Entlastungskünstler Mau. 

Nun ist Heinz Bude an der Reihe, der älteste Mitstreiter, emeritierter Professor aus Kassel. Hoch gewachsen wie gestimmt, schlägt er persönliche Töne an: Für ihn als Sohn der Bundesrepublik, 1954 geboren, sei die Generation das Thema seines Lebens, der Konflikt der Nazieltern mit den Nachkommen. Aber auch die Ungleichheit habe ihn zeitlebens beschäftigt, die Frage der "sozialen Exklusion": wer ist oben und wer muss unten bleiben, wer ist drinnen und wer draußen. Vieles entstehe intuitiv bei ihm, das "abwesende Lächeln" von Hannah Schygulla in einem Fassbinder-Film zum Beispiel, das habe er in der deutschen Gesellschaft gesucht… Budes Bekenntnisfreude nimmt ein, doch die Chemie zwischen ihm und seiner Sitznachbarin verbessert sich keineswegs: Nach wie vor sitzt Theresa Koloma Beck von ihm ab gelehnt am Rand, und nach wie vor scheint sie für ihn nicht zu existieren, sind die männlichen Kollegen und das Publikum Budes Resonanzkörper. 

Koloma Beck ist die jüngste der Professoren auf dem Podium, unterrichtet an der Bundeswehr-Uni in Hamburg, ist in Gera geboren und eine Person of Colour. Sie hat über den Alltag im Krieg geforscht, unter anderem in Afghanistan, aber auch über "Räume der Sicherheit" im deutschen Osten. Mit ihr kommt eine Spannung in das sportliche Gefüge, die bleiben wird. Denn als Einzige der Runde befragt Koloma Beck Mal ums Mal die Fragestellung selbst: Hier, zum Auftakt, gefällt ihr der Begriff des Battle nicht, später ist es ein unreflektiertes "wir", dann eine Vokabel wie "normal". So ein move des "Worüber reden wir hier überhaupt?" kann produktive Effekte haben, er kann Missverständnisse aufzeigen und ideologische Manöver stören. Doch in der Wiederholung wirkt er leicht unsportlich, defensiv oder anmaßend. Denn er hält alle vom Spielen ab. Koloma Beck erwähnt Pierre Bourdieu als einen ihr wichtigen Theoretiker, und mit vielem, was sie interessiert, ist sie Bude eigentlich nah: Das Wechselspiel zwischen Erfahrung und Theorie, die Frage, wessen Erzählung überhaupt gehört wird in der Gesellschaft, schließlich soziale Macht als etwas, das persönliches Erleben prägt. Doch, als übernähme der Geist Bourdieus die Führung, entscheidet in dieser nachbarschaftlichen Beziehung auf dem Podium nicht mehr das Argument, nicht einmal mehr der Gehalt, sondern nur noch der Habitus. Bude lässt den Zeigefinger schweben und wird zum weißen alten Mann, der Humor wie Contenance verliert. "Hegemoniale Erzählung", das sei doch "Tinnef", "Narrativgedöns"! Und Koloma Beck friert, trotz solidarischen Stöhnens im Publikum, leider ein. 

Drei Runden für die Welterklärer hatte Perkovic angekündigt, drei Runden zu den Fragen "Was ist das Problem?", "Wer ist schuld?" Und "Was machen wir?" Natürlich wurde nichts davon beantwortet, jedenfalls nicht in Übereinstimmung. Doch war die Eingangsfrage regelrecht verzaubernd. Denn sie gab dem Publikum eine selbstreflexive Verständnismacht. Entscheidend war von nun an nicht mehr, welche Datensätze, Thesen oder Erfahrungen die Soziologen ins Feld führten, sondern die Frage: wie sortiert dieser Kopf die Welt? Bei wem bin ich intuitiv dabei, wem wünsche ich Überlegenheit? Und wie stellt mein alter ego auf dem Podium im Gestrüpp des Augenblicks seine Wahrnehmungen so zusammen, dass sie seine Weltanschauung bestätigen?

Es kann ja niemals schaden, sich hin und wieder von außen zu sehen. Und das fällt ja um so leichter, wenn man sich dabei in Idolen spiegeln kann. So gab es an diesem Abend eine Art Lichterkette von der Bühne ins Parkett, von Adorno über Lessenich zum Ich zum Beispiel. Und am Ende dieser Kette vermutlich kein Mehr an Gewissheit, aber ein Weniger an Naivität. 

Elke Schmitter

23. Februar. "Battle der Welterklärer", Renaissance-Theater. Mit Teresa Koloma Beck, Heinz Bude, Steffen Mau und Stefan Lessenich.
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