9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.01.2026. In der FAZ setzt der Literaturwissenschaftler Hamid Tafazoli seine Hoffnungen für den Iran auf Reza Pahlavi, der einen Weg zu freien Wahlen und Säkularismus bahnen könnte. Der iranische Aktivist Hamid Akhavi (SZ) und Maryam Mardani (Tsp) sind strikt gegen Pahlavi: das iranische Volk habe vor 47 Jahren Nein zur Monarchie gesagt. In der Zeit plädiert der Historiker Andreas Rödder für rote Linien statt für Brandmauern gegen die AfD. Wir werden immer dümmer, weil wir immer weniger handeln, warnt in der Zeit der Soziologe Hartmut Rosa.
14.01.2026. Im Iran hat das Regime offenbar ein Blutbad mit Tausenden Toten angerichtet. Vielen soll ins Gesicht geschossen worden sein, berichtet die FAZ. Die Mullahs haben ihre letzten, ohnehin nur taktischen Skrupel abgelegt, schreibt Navid Kermani in der SZ. Die taz berichtet von "Kugelgeld", das die Angehörigen für die Leichen ihrer getöteten Kinder bezahlen müssen. Angesichts der Brutalität ist der Politologe Olivier Roy in der FR wenig optimistisch, dass die Iraner das Regime stürzen können. Data-Mining verstößt nicht gegen Urheberrechte, stellt der Mediziner und KI-Forscher Christof von Kalle in der FAZ klar. Und: Gibt's in Deutschland Zensur?
13.01.2026. Die FAZ erkennt den Shoggoth in Grok, auch wenn er lächelt. Die Iraner brauchen keinen neuen König, ruft in der taz Noishin Shahrokhi. Wenn er der einzige ist, der den Übergang zu einer laizistischen Ordnung moderieren kann, dann schon, meint Ali Sadrzadeh, ebenfalls in der taz. In der FR möchte der britische Historiker Brendan Simms die Amerikaner zwar nicht in Grönland, aber schon in Europa präsent wissen. In der Welt fragt Anne Applebaum, wie man Venezuela von Miami aus regiert. In der SZ möchte die israelische Publizistin Einat Wilf die Palästinenser vom arabischen Zionismus überzeugen.
12.01.2026. Im Iran sind alle fünf Bedingungen gegeben, um einer Revolution zum Erfolg zu verhelfen, analysieren die Politologen Karim Sadjadpour und Jack A. Goldstone in Atlantic. Inzwischen sind allerdings schon mehr als 200 Menschen getötet worden, berichtet die FAZ. Die taz wüsste gern, ob Deutschland nicht etwas mehr dagegen tun könnte, als nur "Besorgnis" zu äußern. Timothy Snyder sieht in seinem Substack-Newsletter kaum noch einen Unterschied zwischen Trump und Maduro. Die kenianische Anwältin Martha Karua fürchtet in der taz die übergreifende Zusammenarbeit der Regierungen von Kenia, Tansania und Uganda, um die aufbegehrende Gen Z unter Kontrolle zu halten.
10.01.2026. Welche Rolle spielt Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, bei den Protesten im Iran, fragt die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur in der NZZ. Das iranische Regime ist so schwach wie noch nie, konstatiert die Autorin Natalie Amiri in der taz. Die Entführung Maduros war ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht, sollte die Länder Lateinamerikas aber auch anhalten, ihren Problemen ins Auge zu schauen, meint in der FAS der venezolanische Schriftsteller Rodrigo Blanco Calderón. Die taz erinnert daran, dass der Zionismus keine "rechte" Ideologie ist.
09.01.2026. Armer Westen, er sitzt sowas von auf dem absteigenden Ast, meint Daniel Marwecki in der FAZ. Und doch will jeder, der dringendst aus seinem "globalen Süden" raus will, genau dorthin, konstatiert Claudius Seidl in der SZ. Die islamische Revolution ist tot, die Post-Khamenei-Ära hat begonnen, sagt der Historiker Arash Azizi in Le Point. In der taz staunt die Feministin Tina Hartmann über ein Papier von ForscherInnen im Journal of Medical Ethics, das Genitalverstümmelung als "kulturell bedeutsame Praxis" verteidigt. Wir treten in eine Epoche der Kriege ein, meint Richard Sennett in der FR.
08.01.2026. In der FAZ sieht der Historiker Mischa Meier bei Donald Trump mehr Ähnlichkeiten mit Augustus als mit Caligula oder Nero - was er beunruhigender findet. Die NZZ denkt dagegen eher an Theodore Roosevelts Kanonenbootpolitik. In Zeit online und der taz erklären zwei Linguisten, warum sie die Bekennerschreiben der Vulkan-Gruppe für authentisch halten: Das klare Feindbild der Gruppe weise deutlich auf einen linken Hintergrund hin. In der SZ fordert der Literaturwissenschaftler Ibou Coulibaly Diop Kulturstaatsminister Weimer auf, den Kolonialismus ins aktuelle Gedenkenstättenkonzept aufzunehmen.
07.01.2026. Die SZ staunt: Während Westeuropa dem Aufstieg der Populisten ratlos gegenübersteht, regt sich in Osteuropa kräftiger Widerstand. In der taz fragt Georg Seeßlen besorgt: Können wir überhaupt noch Demokratie? Die FAZ stellt die indische Wissenschaftsphilosophin Meera Nanda vor, die darlegt, wie der Postkolonialismus rechte Ideologien stützt. 2026 könnte die AfD erstmals auf Landesebene eine Wahl gewinnen, sorgt sich Armin Nassehi und überlegt bei Zeit Online, wie die Union dies verhindern könnte.
06.01.2026. Trump mag sich in seiner Hegemonialpolitik sonnen, sie wird ihm aber schmerzhaft auf die Füße fallen, prophezeit Anne Applebaum in Atlantic. Reißt er sich vorher noch Grönland unter den Nagel, fragen FAZ und taz. Und was ist mit den Venezolanern, etwa den politischen Gefangenen, fragt die Schriftstellerin Karina Sainz Borgo in der NZZ. Nach dem mutmaßlichen Terroranschlag auf die Berliner Strominfrastruktur stellt sich die Frage: Wird Linksextremismus unterschätzt? Eindeutig nein, meint Ronen Steinke in der SZ, eindeutig ja meint Peter R. Neumann, auf Twitter und in der Welt.
05.01.2026. Donald Trump hat den venezolanischen Caudillo Nicolás Maduro gekidnappt. Ein Regimewechsel in Richtung Demokratie interessiert ihn dabei aber nicht, konstatieren die Kommentatoren, eher treten wir in ein neues Zeitalter des Imperialismus ein, so unter anderem Herfried Münkler in der SZ. Die linksextreme Vulkangruppe begeht einen Anschlag auf die Berliner Stromversorgung - den Berlinern fehlt Strom, den Medien alle Worte. Die NZZ übernimmt Anne Applebaums Text über Trumps geopolitische Strategie. Ob auf Koran oder Bibel: Eigentlich sollten Politiker gar nicht auf heilige Texte schwören, findet Ruben Gerczikow in der FAZ.