Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.06.2026. In der FAS erklärt der argentinische Schriftsteller Alan Pauls, wie Javier Milei die Falkland-Inseln (beziehungsweise die Islas Malvinas) heute noch für seine politische Agenda nutzt. Der Iran-Deal Trumps scheint verheerend, könnte aber im Endeffekt auch dieMitte der iranischen Gesellschaft stärken, überlegt Zeit Online. Die SZ druckt die Rede des Historikers Norbert Frei zur Gedenkveranstaltung für Jürgen Habermas in der Paulskirche. Die Welt trifft das "Schnabeltier der Gegenwart": den Philosophen Kohei Saito.
In der FAS blickt der argentinische Schriftsteller Alan Pauls zu den Falkland-Inseln oder, wie es in Argentinien heißt, den Islas Malvinas. Er erinnert an die überhastete Militärintervention 1982, als die argentinische Militärdiktatur die Inseln von den Briten eroberte - nur um sie wenig später sofort wieder zu verlieren. Noch immer spielen die Inseln eine Rolle im politischen Diskurs, Javier Milei plädiert vehement für eine "Wiedereingliederung": "Mileis Rekurs auf die Malvinas-Frage ist tatsächlich ebenso verdächtig wie seinerzeit die von Galtierei und seiner Entourage." Sie fungiere als "ein imaginäres Konstrukt, das imstande ist, einer Nation in der Krise Identität, Stabilität und Sinn zu geben, sie aus der Zersplitterung und Gesetzlosigkeit zu befreien und auf die Füße zu stellen (...) Die Malvinas gleichen heute einem beunruhigenden politischen Joker, den eine Regierung, der Debatten und Übereinkünfte zuwider sind - eine Demokratieverachtung, die Milei mit der Militärjunta der Siebzigerjahre teilt -, aus der Tasche zieht, um die sozialen Verwerfungen und das Elend zu kanalisieren, die ihre Politik erzeugt, um sie auf das Ziel eines 'äußeren Feindes' umzulenken."
Wer glaubt, dass nur das iranische Regime vom Trump-Deal (unsere Resümees) profitieren wird, erkennt die Komplexität der Lage nicht, kommentiert Omid Rezaee bei Zeit Online. Gerade die Mittelschicht, vo der in den letzten Jahren die großen Protestbewegungen organisiert wurden, könnte wieder stärker werden: "Es stimmt: Zunächst einmal profitiert das Regime. Es bekommt vorläufig internationale Legitimität zurück und wird wirtschaftlich wohl etwas Luft holen können. Aber nicht nur der Staat kann durchatmen. Luft bekommt auch eine Gesellschaft, die seit Jahren systematisch stranguliert wurde. Die Aufhebung der Sanktionen kann die am Rande des Kollapses befindliche Wirtschaft stärken. Allein dadurch, dass der Iran sein Öl wieder direkt in offiziellen Märkten verkaufen kann - und etwa keine Umwege über China nehmen muss. Der damit verbundene Geldfluss vermag die iranische Währung, deren abrupter Absturz die Massenproteste im Januar initiiert hatte, wieder stabilisieren. Dadurch könnte auch die Mittelschicht wieder Handlungsspielraum gewinnen."
"Hat Netanjahu versagt?" Auf jeden Fall hat Trumps Deal mit Iran dem sowieso schon angeschlagenen Ruf des israelischen Ministerpräsidenten nicht geholfen, resümiert Christian Meier für die FAS und legt dar; "was der Schwachpunkt seiner Strategie ist: dass er allein auf den amerikanischen Präsidenten und die Partnerschaft mit den USA setzt. Trump hat jedoch seine eigenen Prioritäten, und die Iraner haben ihn mit der Blockade der Straße von Hormus erfolgreich unter Druck gesetzt." Netanjahu "hielt sich in den vergangenen Tagen mit Kritik an dem Abkommen auffällig zurück. Er versucht gerade, ein Treffen mit Trump in naher Zukunft zu arrangieren. Dort dürfte er versuchen, Einfluss auf die amerikanische Position in den geplanten Verhandlungen mit Iran zu nehmen - die ohnehin jederzeit scheitern können. Von Netanjahu nahestehenden Journalisten kommen in diesen Tagen indessen scharfe Attacken und Schuldzuweisungen in Richtung des amerikanischen Präsidenten."
Außerdem: Sonja Zekri besucht für die SZ eine Ausstellung über das syrische Foltergefängnis Sednaya in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. In der NZZ versucht der israelische Schriftsteller Chaim Noll die "widersprüchliche" Situation der israelischen Araber zu schildern. Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ macht sich der Romanist Gerhard Poppenberg Gedanken über Superreiche.
Wie steht es mit dem "Breturn"? Timothy Garton Ash blickt bei Zeit Online kritisch auf seine Landsleute, die den Rückkehr in die EU zwar im Parlament diskutieren, dabei aber ziemlich selbstbezogen sind: "Es dreht sich nur darum, was für Großbritannien wirtschaftlich das Beste wäre und wie der innenpolitische Weg dahin aussähe. Was der Rest Europas denkt oder wichtig findet, wird kaum bis gar nicht berücksichtigt." Umfragen zu Folge ist eine Mehrheit der britischen Bevölkerung für die Rückkehr, aber "politisch bleibt es kompliziert. Der wahrscheinlichste Nachfolger von Keir Starmer als Labour-Premierminister ist Andy Burnham, der Bürgermeister von Manchester, vorausgesetzt er gewinnt die Nachwahl, die ebenfalls kommenden Donnerstag stattfindet. Er - oder wer auch immer das Amt übernimmt - könnte sich weiterhin an die roten Linien seiner Partei gebunden fühlen: keine Rückkehr zur Zollunion, zum Binnenmarkt oder zur Freizügigkeit. Aber die neue Regierung sollte mutig sein und umgehend ein viel größeres Ziel formulieren."
Die SZ druckt die Rede des Historikers Norbert Frei, die dieser bei der Gedenkstunde in der Paulskirche zu Ehren Jürgen Habermas' hielt. Frei zeichnet dessen Weg nach, von seiner frühen Kritik an Heidegger bis zur Gegenwart: "Dass die deutsche Politik nach der ersten Wahl von Trump und angesichts der geopolitischen Verwerfungen der vergangenen Dekade das Projekt Europa geradezu verkümmern ließ, empörte ihn. Doch sich dieser neuen 'neuen Unübersichtlichkeit' zu ergeben, kam für ihn nicht infrage, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine so wenig wie nach dem Massaker der Hamas in Israel vor zweieinhalb Jahren. Ihm war bewusst, wie sehr er mit seinen Stellungnahmen zum Ukraine-, aber auch zum Gaza-Krieg auf Widerspruch bis hin zur Verleumdung stoßen würde, übrigens gerade auch in Teilen der amerikanischen Linken. Er ließ sich davon nicht beirren." Die "Unabschließbarkeit der Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit war Jürgen Habermas ein Lebensthema, das er normativ mit dem Telos eines humanen Universalismus verknüpfte. Er hat dazu beigetragen, dass nach 1945 'etwas besser' wurde in diesem Land. Jetzt müssen wir es ohne ihn besser machen."
In der FRresümiert Michael Hesse die Gedenkveranstaltung: "Habermas habe Frankfurt als Ort der Kritischen Theorie Adornos, der politischen Wachheit und der liberalen Öffentlichkeit geschätzt, ließ Universitätspräsident Enrico Schleiff wissen. Er erinnerte an die beiden Paulskirchen-Reden des Denkers von 1980 bei der Verleihung des Adorno-Preises und 2001, als er den Friedenspreis erhielt. 1980 habe Habermas über das 'unvollendete Projekt der Moderne' gesprochen, ein Gedanke, der ihn nicht mehr losgelassen habe. Schleiff mahnte im Geiste von Habermas an, Demokratie brauche freie Wissenschaft, faktenbasierten Diskurs und eine kreative intellektuelle Arbeit. Budgetkürzungen seien hierfür aber das falsche Signal, sagte er unter dem spontanen Applaus der fast voll besetzten Paulskirche." In der Welt schreibt Marc Reichwein zur Veranstaltung.
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Das philosophische "Schnabeltier der Gegenwart" trifft Jakob Hayner für die Welt, nämlich den japanischen Philosophen Kohei Saito, einen Bestseller-Autor, der sich selbst als "Marxist" versteht. Geht das überhaupt? Hayner beschäftigt sich mit Saitos Idee vom "dunklen Sozialismus", die er in seinem neuen Buch vertritt: "Der freie Markt sei längst durch den Rentenkapitalismus beseitigt. Und die Tech-Monopole wenden Tools der Planwirtschaft an. Das könne man auch für die Demokratisierung von Staat und Wirtschaft nutzen, so Saito. Auf der Suche nach Best-Practice-Beispielen ist der Philosoph im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts gelandet. Saito beschwört das 'Rote Wien' und den 'Wiener Kreis' mit seiner lebhaften Debatte über sozialistische Wirtschaftsrechnung zwischen späteren Neoliberalen wie Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek und Austromarxisten wie Otto Neurath. Ist Wien nicht nur der Ort, wo der Weltuntergang zehn Jahre später kommt, wie Karl Kraus einst sagte, sondern wo man sich auch für die kommende Apokalypse rüsten kann?"
Weiteres: In der NZZ liest sich die Philosophin Ursula Renz durch Hannah Arendts "Denktagebuch" und lernt, wie man mit erlittenem Unrecht umgehen kann.
Seit Jahren reden sich Osteuropaexpertinnen und Historiker die Münder fusselig, seit Jahren erklären wir, warum die Gleichsetzung von Russland und Sowjetunion gefährlich ist und wie sie propagandistisch genutzt wird. Und dann kommt jetzt der "Spiegel". 😳🙄 pic.twitter.com/ZBTkhpFbqZ
"Darf, soll, kann die KI den Journalismus ergänzen - oder wird sie ihn abschaffen?" fragt Anne Fromm in der taz in Bezug auf den KI-Skandal um den ehemaligen Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff (unser Resümee): "Die neue Technologie trifft auf eine Branche in der Krise. Mit ihrem klassischen Geschäftsmodell verdienen Verlage immer weniger Geld. Stellen wurden gestrichen, Tarifgehälter werden längst nicht mehr flächendeckend bezahlt. Die Frage, welche Rolle KI in den Medien spielt, ist also nicht nur eine technologische, sondern auch eine wirtschaftliche. Leistet die Maschine bald schneller und billiger das, was heute teure Redakteur:innen leisten? Der Fall von Stephan-Andreas Casdorff zeigt auch, dass Inhalte zum Teil zweitrangig geworden sind. Im Nachhinein lesen sich seine KI-generierten Texte, die der Tagesspiegel offline genommen hat, wie eine Aneinanderreihung von Plattitüden. Warum das nicht früher aufgefallen ist, kann auch Chefredakteur Christian Tretbar nicht eindeutig beantworten. Natürlich werde man sich die internen Prozesse anschauen. Nur sei für ihn auch klar: Der Fehler ist nicht zuerst bei denen zu suchen, die mit den Texten gearbeitet haben."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Donald Trump ist eine Art "Anti-Washington", hält der Historiker Manfred Berg, der ein Buch über die amerikanische Demokratie geschrieben hat, im FR-Interview fest. Trump verkörpere genau das, was die Gründungsväter der USA nicht im Sinn hatten: "Wer sich mit der politischen Theorie des späten 18. Jahrhunderts und mit den Federalist Papers beschäftigt, erkennt das sehr deutlich. Mit seinem Anspruch, wie ein gewählter Diktator zu regieren, tut Trump ziemlich genau das Gegenteil dessen, was die Gründerväter im Sinn hatten. Denken wir nur an George Washington. Er verzichtete nach seiner zweiten Amtszeit darauf, ein weiteres Mal zu kandidieren, unter anderem, weil er kein Beispiel für eine lebenslange Präsidentschaft setzen wollte. Dieser freiwillige Machtverzicht eines Bürgers, der nach seiner Amtszeit wieder ins Glied zurücktritt, war ein zentrales republikanisches Ideal. (...) Man kann nur hoffen, dass sich die Amerikaner im 250. Jahr der Unabhängigkeitserklärung daran erinnern."
Weiteres: Die FAZ bringt auf den Bilder- und Zeiten-Seiten einen Vortrag des Historikers Michael Brenner, der die Leistung der Frauen berühmter Wissenschaftler würdigt.