9punkt - Die Debattenrundschau

Welcher Schüler träumt davon?

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.10.2026. Ja, Antizionismus ist Antisemitismus, hält die jüdische Historikerin Dina Porat im taz-Gespräch fest. In der FAZ senden Saba-Nur Cheema und Meron Mendel ein Stimmungsbild aus Israel kurz vor den Wahlen. Könnten die linken Israelis im Ausland, die nun zum Wählen zurückfliegen, das Zünglein an der Waage sein, fragt die SZ. Sergei Gerasimov schildert in der NZZ das Ausmaß der Zerstörungen von ziviler Infrastruktur in der Ukraine durch russische Bomben. Der Politologe Alexander Reisenbichler wägt in der SZ Vor- und Nachteile von Enteignungen ab.  
Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.10.2026 finden Sie hier

Europa

Antizionismus ist auch antisemitisch, hält im taz-Gespräch mit Klaus Hillenbrand die in Argentinien geborene jüdische Historikerin Dina Porat fest: "Ich habe lange Zeit geglaubt, das sei nicht so. Wir alle dachten das. Wir glaubten besonders exakt zu sein, wenn wir das eine Ereignis als antisemitisch, das andere als antizionistisch beschrieben. Aber dann verschwammen die Unterscheidungen. Das begann schon zu sowjetischen Zeiten, als die UdSSR antizionistisch agierte, dies aber mit antisemitischen Begrifflichkeiten tat. Die Bedeutung wuchs nach der Konferenz von Durban im Jahr 2001. Ich war damals bei dieser UN-Konferenz dabei. Innerhalb von nur zwei Tagen vergaßen viele Teilnehmer, was sie über Rassismus wussten. Es wurde zu einer anti-israelischen und gegen Juden gerichtete Veranstaltung. (…) Es ging darum, Israel zu vernichten und die Juden zu töten. Es gab nur noch eine Begrifflichkeit, nicht mehr Antisemitismus und Antizionismus. Keine Unterscheidung mehr."

Im FAZ-Interview mit Heike Schmoll erklärt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, weshalb er die AfD in Sachsen-Anhalt fürchtet und was er von der Linken in Berlin erwartet: "Ich denke, der Wahlerfolg der Linken ist nicht in erster Linie den antisemitischen Einstellungen einiger Mitglieder zuzuschreiben, sondern der Wohnungssituation in Berlin. Unabhängig davon erwarte ich von der Linken, dass aus den antisemitischen Störfällen klare Schlüsse gezogen werden. Ich hätte erwartet, dass die Genannten keine Mitglieder eines Parlaments, also eines Berliner Abgeordnetenhauses oder des Bundestags, mehr sein können. Klare Fakten hat die Linke auch nicht mit der Erklärung geschaffen, die von den Parteimitgliedern unterschrieben werden musste. Ich nehme ihr die Abkehr vom Antisemitismus nicht ab. Ich nehme der Spitzenkandidatin ab, dass das nicht ihre persönliche Einstellung ist. Aber ich befürchte - und es spricht vieles dafür -, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Einstellung in der Partei entsprechend durchzusetzen."

Für die FR resümiert Andrea Pollmeier die 60. Römerberggespräche in Frankfurt, wo Wissenschaftler über die Möglichkeit eines AfD-Verbots disktutierten. Die Juristin Valentina Chiofalo und Uwe Volkmann, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt, sehen ein Verbot kritisch: "In dem seltsam diffus bleibenden Austausch überwiegen die Zweifel an Sinn und Erfolgsaussichten eines Verbotsverfahrens. Zwar ließen sich, so Chiofalo, für die Jahre 2013 bis 2026 zahlreiche Verstöße von AfD-Mitgliedern gegen das Demokratieprinzip und die Menschenwürde belegen. Offen bleibe aber, so Volkmann, ob diese für die Partei als Ganzes stünden und ob einzelne Positionen einen Angriff auf die fundamentale Rechtsgleichheit darstellten. Solange das Verfahren laufe, werde sich die AfD gemäßigt geben, warnt er. Schon jetzt finde sich im Bundesparteiprogramm kein Satz, der verfassungsrechtlich angreifbar sei. Zu bedenken sei auch, welcher Vertrauensverlust entstünde, wenn gewählte Abgeordnete nach einem Verbot womöglich mit Polizeigewalt aus ihren Büros und Parlamenten geholt werden müssten." Für die FAZ resümiert Andreas Cevatli.

Weil die Ukraine unter anderem Ölraffinerien in Russland angegriffen hat, spricht Putin bei den neusten Bombardierungen von zivilen Zielen in der Ukraine von einem Vergeltungsschlag: Was für ein Hohn, meint Sergei Gerasimow in der NZZ. Erstens hat Russland schon viel früher zivile Ziele und Zivilisten angegriffen, zweitens ist das Ausmaß der Angriffe kaum vergleichbar: "Schulen, Spitäler, Tankstellen und Supermärkte gehen in Flammen auf. Medienhäuser, Rechenzentren und Hochspannungsmasten kommen unter Feuer, desgleichen Bahnhöfe. Das Gebäude der Akademie der Wissenschaften brennt lichterloh, Mitarbeiter suchen sich zu retten, klettern aus den Fenstern und hangeln sich wie Superhelden den Hauswänden entlang. Auch Regierungsgebäude bleiben nicht verschont. Ukrainische Bibliotheken wurden zu Rauch und Asche. In nur wenigen Wochen hat Russland zwölf Millionen Bücher zerstört. Russland greift die Wasserversorgung, das Verkehrswesen und die Kommunikationsinfrastruktur an. Es greift Häfen, Fabriken und Schienenfahrzeuge an. Lagerhäuser für medizinische Güter stehen ganz oben auf der Vernichtungsliste, sie werden besonders hartnäckig attackiert."

Annika Joeres analysiert bei Zeit Online, wie Marine Le Pen die Proteste in Frankreich strategisch für sich nutzt. Schon jetzt liegt sie in den Umfragen für die Wahlen im nächsten Jahr deutlich vorne. Sie inszeniert sich als fürsorgliche Politikerin, die regelmäßig Katzenbilder in den Sozialen Medien postet: "In dieser Rolle als Katzen- und Landesmutter sendet Le Pen an die Schüler- und Studierendenproteste die Botschaft: Ich lehne eure brennenden Mülltonnen und Barrikaden ab. Aber sie wünsche sich, dass sie wieder 'träumen und hoffen' könnten. Während Macrons Regierung bislang nur ein paar Tausend Vertretungslehrer als Versöhnungsangebot einfielen - welcher Schüler träumt davon? -, versprach sie finanzielle Hilfe für den Kauf des ersten eigenen Wohneigentums, ein höheres Bildungsbudget und eine freiere Wahl des Studienorts. Sie wolle die unbeliebte Onlineplattform Parcoursup zur Verteilung von Abiturienten auf die Hochschulen des Landes grundlegend reformieren. 'Die Jugend ist die Zeit der Zuversicht und des Wagemuts', schrieb sie vergangene Woche auf X. Sie selbst bezeichnet sich als "Optimistin" - was angesichts ihres Faibles für Untergangsszenarien absurd erscheint."

Es gibt Gefährdungen der Funktionsfähigkeit des politischen Systems in Deutschland, die das Land nahezu unregierbar machen könnten, konstatiert der Politikwissenschaftler Peter Graf Kielmansegg in der FAZ. Zum einen ist das die extrem begrenzte Handlungsfähigkeit der Koalition aus CDU und SPD, zum anderen die kriselnde Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Es ist daher Zeit für "eine Sprache schonungsloser Offenheit, Deutlichkeit, Ehrlichkeit. Was es bedeuten würde, wenn dieses Land von der AfD regiert würde, muss mit einer ganz anderen Schärfe, unerbittlich, dabei immer sachlich, ins Bewusstsein gehoben werden. Das Gleiche gilt für das Gespräch mit dem Wähler über die Folgen seiner Neigung zum bequemen Verharren im Status quo. Was auf dem Spiel steht, muss so unmissverständlich, so hart, auch faktengesättigt zur Sprache kommen, dass es kein Ausweichen gibt. (…) Dass es keine Sprache gibt, in der man alle erreichen kann, ist klar. Aber nach den Regeln der Demokratie müssen auch nicht alle erreicht werden. Eine Mehrheit von der Notwendigkeit des Notwendigen zu überzeugen, ist genug."

Im Guardian macht sich die Politikwissenschaftlerin Catherine de Vries für die EU stark - und formuliert ein überraschendes Lob: "Gerade jene Merkmale, die Euroskeptiker zur Weißglut bringen - langsame Entscheidungsfindung, endlose Verhandlungen und chaotische Kompromisse - sind, entgegen der Intuition, Quellen der Stärke für Europa. Die Machtverteilung zwischen Regierungen, Parlamenten, Gerichten und EU-Institutionen macht das System schwer zu vereinnahmen, und Kompromisse halten in der Regel Bestand."
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Politik

Das Paar Saba-Nur Cheema und Meron Mendel sendet der FAZ einen Stimmungsbericht aus Israel vor den Wahlen: "Vier Jahre unter einer rechten Regierung, drei Jahre seit dem Massaker der Hamas und die darauffolgenden Kriege haben den liberalen, weltoffenen Teil Israels, den wir so gut kennen und lieben, tief erschüttert. Wir treffen erschöpfte Menschen, die ihre Hoffnung auf eine neue politische Führung setzen. Viele sind überzeugt, weitere vier Jahre unter Benjamin Netanjahu könnten den endgültigen Niedergang der israelischen Demokratie bedeuten und jede Aussicht auf eine friedliche Zukunft begraben. Zugleich hören wir, dass die Hoffnung auf Frieden ohnehin in weite Ferne gerückt ist. Egal, wie die Wahl ausgeht."

Viele linke Israelis haben wegen Netanjahus Politik das Land verlassen und fliegen nun für die Wahlen am 27. Oktober zurück, um gegen Netanjahu zu stimmen, berichten Kristiana Ludwig und Thorsten Schmitz in der SZ: "Mehr als 600 000 Israelis leben im Ausland. Offizielle Zahlen, wie viele von ihnen tatsächlich zum Wählen nach Israel geflogen sind, gibt es nicht. Israelische Medien wie das Massenblatt Israel Hayom schätzen die Zahl auf bis zu 50 000. Rund 7,3 Millionen Israelis sind wahlberechtigt. Würden tatsächlich 50 000 Menschen kommen, würden ihre Stimmen nur knapp 0,7 Prozent ausmachen. In einem Land, in dem es nur eine 3,25-Prozenthürde für den Einzug ins Parlament gibt und oft hauchdünne Mehrheiten über den Ausgang einer Wahl entscheiden, könnten die Stimmen der wählenden Israelis aus dem Ausland trotzdem eine wichtige Rolle dabei spielen. 'Hier passiert etwas Größeres. Es gibt eine internationale Bewegung, die Menschen aus aller Welt umfasst', hat Batell Blaish Sultanik vor Kurzem dem Sender CNN gesagt. Sultanik ist die Mitgründerin von der Organisation 'Fly & Vote', bei der sich nach eigenen Angaben mehr als 35 000 Israelis registriert haben. 'Fly & Vote' hilft im Ausland lebenden Israelis, zur Wahl nach Israel zu fliegen und preisgünstige Verbindungen zu finden."

In der Jüdischen Allgemeinen skizziert Guy Katz, Professor für Internationales Management, das "Paradox" dieser Wahl: "Israel ist nach rechts gerückt und will Netanjahu trotzdem loswerden. In der jüngsten Umfrage von Kanal 13 kommt sein Lager auf 51 Sitze, das seiner Gegner auf 50. Beide weit entfernt von 61. Dazwischen stehen die arabischen Parteien mit 15 Sitzen. Würden Israelis eine Regierung akzeptieren, die von ihnen gestützt oder geduldet wird, wenn nur so Netanjahu fällt? 40 Prozent sagen ja, 43 Prozent nein. Genau dort wird diese Wahl entschieden."

"Die Weltwirtschaft besteht inzwischen zu erheblichen Teilen aus KI-Hoffnung", notiert Philipp Bovermann in der SZ. Das könnte evenutell zu einem Börsencrash führen - allerdings ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Staat dann eingreifen müsste: "Wenn etwa Open AI zahlungsunfähig werden sollte, müssten rundherum Beteiligungen und Kredite abgeschrieben werden, gemeinsame Bauprojekte für Rechenzentren hätten keine Finanzierung mehr, Verträge mit Cloud-Anbietern über dreistellige Milliardenbeträge wären nichtig. Die Stimmung am Markt könnte kippen. Womöglich würde dann das ganze Kartenhaus zusammenbrechen, das mit jedem neuen Stockwerk, jeder neuen Milliardenverpflichtung wackeliger geworden ist. Nur befänden sich die USA ohne das immense KI-Wachstum bereits in einer Rezession. Allein deshalb sind diese Unternehmen womöglich too big to fail. KI steckt inzwischen außerdem im US-Militär, sie ist somit Teil der kritischen Infrastruktur."
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Gesellschaft

Es war klug von der Linken in Berlin die Wohnungsnot zu ihrem Hauptthema zu machen, meint im SZ-Gespräch der Politologe Alexander Reisenbichler. Beim Thema Enteignungen sieht er Vor- und Nachteile: "Generell bevorzuge ich andere Maßnahmen. Abgesehen von vielen rechtlichen Bedenken warnen Ökonomen vor allem davor, dass private Investitionen im Wohnungssektor ausbleiben könnten. Vielleicht noch wichtiger: Die Kosten einer möglichen Vergesellschaftung sind enorm hoch. Es ist von Entschädigungen von bis zu 16 Milliarden Euro die Rede, die man in bestehende Wohnungen stecken würde, ohne neue Wohnungen zu schaffen. Andererseits hätte es sicher einen preisdämpfenden Effekt, wenn man etwa 160 000 Wohnungen vergesellschaftet und für diese Wohnungen die Mieten deutlich senkt. Den gemeinwohlorientierten Wohnungsbestand hochzufahren, ist zunächst einmal eine gute Idee, auch durch den vereinzelten Rückkauf ehemals öffentlicher Wohnungen. Vergesellschaftung allein wird das Berliner Wohnungsproblem aber nicht lösen können."
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