9punkt - Die Debattenrundschau

Kollaps der Perspektiven

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.07.2026. Die FAZ warnt die Ukraine und Polen: Ihr geschichtspolitischer Streit nützt nur Putin. So leicht sind die USA nicht auf Linie, auch nicht auf eine faschistische, zu bringen, meint in der FR der Amerikanist Philipp Gassert, in Deutschland wäre das einfacher. Zeit online ahnt, dass der Tod Ali Khameneis, der jetzt zum Märtyrer gekürt wurde, für die technokratischen Kader der iranischen Revolutionsgarde ein Segen war. Die SZ warnt vor einer Gamifizierung des Drohnenkriegs. Die NZZ erinnert an die Grande Dame der Sterbeforschung, Elisabeth Kübler-Ross, die heute hundert geworden wäre.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2026 finden Sie hier

Europa

In der FAZ blickt Stefan Locke besorgt auf den jüngsten Konflikt zwischen der Ukraine und Polen: Geschichte wird auf beiden Seiten benutzt, innenpolitisch Punkte zu sammeln, ohne Rücksicht darauf, welches Porzellan damit außenpolitisch zerschlagen wird. In der Ukraine hat Präsident Selenski einer ukrainischen Spezialeinheit den Ehrentitel "Helden der UPA" verliehen, die im Zweiten Weltkrieg für die Unabhängigkeit der Ukraine gekämpft und in dieser Zeit "bis zu 100.000 polnische Zivilisten bestialisch umgebracht" hat, so Locke. Polen wiederum wird nicht gern an die "massive Unterdrückung von Ukrainern in den nach dem Ersten Weltkrieg eroberten Gebieten Ostgalizien und Wolhynien" erinnert, wo bei Vergeltungsaktionen im Zweiten Weltkrieg bis zu 20.000 ukrainische Zivilisten ermordet wurden. Der Streit zwischen beiden gefällt vor allem einem, erinnert Locke: Putin. "Beide Länder sind aufeinander angewiesen. Gegenseitige Lektionen in Geschichte mögen billige Punkte im Wahlkampf bringen. Sie machen aber Tote nicht wieder lebendig, sondern beschädigen derzeit zur Freude Moskaus nur eines ganz massiv: die Verteidigungsfähigkeit beider Länder und Europas."

Als Orbán von den Ungarn abgewählt wurde, habe es sich angefühlt als sei er aus zweihundert Metern Tiefe plötzlich an die Luft gerissen worden, erklärt Márton Gergely, Chefredakteur des unabhängigen Magazins HVG im Interview mit der SZ. Aber ganz befreit jubeln kann er nicht, dazu gibt es zu viele Unsicherheiten. Ein erster Schritt für Péter Magyar muss es sein, das ungarische Wahlsystem umzubauen, meint er: "Das durch Orbán geschaffene Wahlsystem ist saudumm und fördert überproportional die stärkste Kraft. Das größte Problem für die Opposition ist: Nur der Stärkste kann gewinnen und gewinnt richtig hoch. Oppositionsparteien müssen vor den Wahlen koalieren, wissen noch nicht, wie stark sie nach den Wahlen sein werden, und nehmen durch diese Vorwahlvereinbarungen jedes Mal großen Schaden. Magyars Tisza könnte darauf setzen, selbst Einheitspartei zu bleiben, mithilfe des Wahlrechts Zweidrittelmehrheiten einzufahren und ohne checks and balances zu regieren. Das Problem: Die Wahl hat gezeigt, dass das kippen kann. Wenn Tisza jetzt genauso weitermacht, verlieren sie eines Tages selber wieder, und dann wird alles zurückgebaut, was sie zuvor aufgebaut haben. Wenn sie schlau sind, ändern sie das Wahlgesetz noch in dieser Legislaturperiode."

Unter erstaunlichem Gleichmut der Öffentlichkeit findet zur Zeit in Hamburg ein Prozess gegen zwei mutmaßliche Spione des Iran statt. Immerhin berichtet der NDR: "Die beiden Angeklagten vor der Trennscheibe sollen im Auftrag des iranischen Mullah-Regimes mehrere Anschläge in Deutschland vorbereitet haben, unter anderem auf koschere Läden in Berlin. Sie sollen aber auch zwei Männer im Visier gehabt haben: Neben Volker Beck den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Jetzt sitzt Volker Beck selbst im Gerichtssaal 237 und hört sich an, wie die beiden vorgegangen sein sollen." Der Hinweis kam aus Dänemark, wo die Männer afghanischen Ursprungs leben.
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Politik

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"Es gibt eine Tradition, die USA immer wieder auf dem Weg zum Faschismus zu sehen", stellt der Amerikanist Philipp Gassert, der ein Buch über die Spaltung der heutigen USA geschrieben hat, im FR-Interview fest. Schon in den Siebziger Jahren warnte man im Kontext der Neuen Linken vor einem Abdriften in den Faschismus, so Gassert, damals wie heute trifft der Begriff nicht zu: "Trump scheitert reihenweise mit seinen Vorhaben, auch das als Masterplan gehypte 'Project 2025' kommt nicht richtig voran - trotz einzelner Erfolge, etwa bei der Besetzung von Gerichten. Es gibt zwar einzelne Aspekte des Faschismus, etwa Rassismus, aber keinen systemischen Umbau des Staates, vor allem gravierende Versuche, die Exekutive zu stärken. Das ist aber noch kein Faschismus. Dafür ist der amerikanische Nationalstaat zu schwach und zu chaotisch, die föderale Autonomie viel ausgeprägter als in Deutschland - Bundesstaaten können sich weigern, Bundesgesetze umzusetzen, wie man in der Migrationspolitik sieht. Die Gesellschaft ist einfach zu divers, zu vielfältig. Bei manchen europäischen Staaten, vielleicht sogar der Bundesrepublik, bin ich mir da weniger sicher - hier reicht es aus, die Macht in Berlin zu erobern. In den USA reicht die Macht in Washington nicht aus, um das ganze Land 'auf Linie' zu bringen."

Der Tod Ali Khameneis, der den Iran in eine Sackgasse geführt hatte, kam den Loyalisten und technokratischen Kadern der Revolutionsgarde der Islamischen Republik äußerst gelegen, meint Omid Rezaee bei Zeit online. Jetzt können sie mit den USA verhandeln, während sie gleichzeitig Khamenei zum Märtyrer verklären. "Gerade weil diese Technokraten nicht als Vertreter Gottes auftreten können, brauchen sie den Kult des Märtyrertums umso mehr. ... Gerade deshalb betrachtet die Islamische Republik alle Bewegungen, die sich ihrer politischen Todessehnsucht entziehen, als existenzielle Gegner. Nicht nur im praktischen, nicht nur im tagespolitischen, sondern im ideologischen Sinn sind jene Kräfte gefährlich, die nicht das Opfer, nicht die Erlösung durch den Tod, nicht die heroische Selbstvernichtung ins Zentrum ihrer politischen Vorstellung stellen, sondern das Leben selbst: ein besseres Leben, ein freieres Leben, ein lebenswertes Leben. Allein die Forderung nach Alltag, nach Körperlichkeit, Freude, Würde und Zukunft ist für dieses Regime eine Provokation."
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Gesellschaft

"Unerhört" findet der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer im SZ-Interview Trumps Eingreifen bei der Fußball-WM. Er sieht hier eine neue Grenzüberschreitung, die es bei einem solchen Sportereignis noch nie gegeben hat: "Mehrere Instanzen haben zuvor entschieden, dass der Spieler für ein Spiel gesperrt werden muss: der Schiedsrichter auf dem Feld, der VAR und der Ergebnisbericht am Ende des Spiels, der ein offizielles Dokument ist. Am Schluss stehen Tatsachenentscheidungen, die nicht anfechtbar sind. Gerade beim Fußball ist das so wichtig, weil es dort so viele schwer zu entscheidende Situationen gibt. Sonst könnte man nach jedem zweiten Spiel zum Gericht laufen. Durch sein Eingreifen verdreht der Präsident die Tatsachen. Das kennen wir ja von Trump, aus seiner Politik: Er verdreht Tatsachen, er schafft Kontrafakten. Das ganze Wertesystem von Wahrheit und Falschheit, Lüge und Verbrechen, korrektem und regelkonformem Verhalten wird auf den Kopf gestellt."
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Stichwörter: WM, Trump, Donald, Gebauer, Gunter

Medien

Peinlich: "Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) muss seit der Veröffentlichung der ersten Folge seines neuen Podcasts 'Wenn Sie wüssten ...' einige Dinge richtigstellen", berichtet unter anderem Claudia Tieschky in der SZ. Und nicht irgendwas: Man hatte behauptet, Springer-Chef Mathias Döpfner habe Friedrich Merz gedroht, falls er die Brandmauer zur AfD nicht einreißt. Die renommierten Politikjournalistinnen Eva Quadbeck und Kristina Dunz sowie der Dokumentarfilmer Stephan Lamby mussten diese Behauptung zurücknehmen. Man windet und entschuldigt sich, aber so Tieschky: "Den Verdacht, Döpfner habe Merz gedroht, will man nun nicht mehr äußern, der Kern der Recherche bleibe aber bestehen, heißt es in dem Podcast."

Michael Moorstedt beschreibt in der SZ die absurde "Gamifizierung des Drohnenkriegs", die durch Drohnenaufnahmen aus ukrainischen Kriegsgebieten entsteht. Durch die Filmaufnahmen kann man den Krieg so nah miterleben wie noch nie: "Die Bilder sind kaum noch zu unterscheiden von der aktuellen 'Call of Duty'-Version, oft unterlegt mit Heavy-Metal-Musik und Stilmitteln aus Meme-Videos. Die HD-Auflösung und Bildwiederholraten der in den Drohnen eingebauten Kameras entsprechen den modernen Sehgewohnheiten. Es kommt zu einem Kollaps der Perspektiven: Der Zuschauer am gemütlichen Computerbildschirm sieht das Gleiche wie der Drohnenpilot in der Virtual-Reality-Brille, der das Gleiche sieht wie die Waffe selbst." Aber "die Immersion des Publikums" geht sogar noch weiter: "Jedenfalls bieten Einheiten der ukrainischen Armee auf der Website Signmyrocket.com an, gegen eine Gebühr Artilleriemunition oder die von Drohnen abgeworfenen 30-Millimeter-Granaten mit einem von den Nutzern eingegebenen Text zu versehen. In der Premiumversion für 2000 US-Dollar soll es dann sogar ein Video eines erfolgreichen Einschlags geben, 'garantiert'."
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Wissenschaft

Sehr gelassen nimmt in der FAZ der Soziologe Sighard Neckel einen Befund auf, wonach die Sozialwissenschaften weitgehend links geprägt sind. So what, scheint er sich zu denken: "Ohne weltanschaulich geschlossene Konferenzen, Zeitschriften und Debatten hätte es weder den Wiener Kreis noch die Chicago School in der Ökonomie oder die Frankfurter Schule gegeben. Am Ende wird sich jede Theorie dem methodischen Zweifel ihrer Konkurrenten stellen müssen, was allzu bekenntnisfreudige Ansätze nicht selten scheitern lässt. Dass 'linke' Konzepte hierbei besonders geschont würden, ist eine Erzählung, die sich für die deutschen Sozialwissenschaften nicht aufrechterhalten lässt. Ein Blick in den Förderatlas der DFG oder in die führenden Fachjournale belegt das Gegenteil."
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Geschichte

Der Grande Dame der Sterbeforschung, Elisabeth Kübler-Ross, widmet sich Anna Elsner, Assoziierte Professorin für französische Kulturwissenschaften und Medical Humanities in der NZZ anlässlich des 100. Geburtstags der schweizerisch-amerikanischen Psychiaterin. Auf sie geht unter anderem das 5-Phasen-Modell zurück, mit dem sie das Verhalten Sterbender nach einer tödlichen Diagnose beschreibt (Leugnung, Wut, Verhandeln etc.): "Gemeinsam mit ihrem amerikanischen Ehemann verließ Kübler-Ross 1958 die Schweiz - nach Abschluss eines Medizinstudiums in Zürich, das sie gegen den Widerstand ihres Vaters hart erkämpft hatte. In einer ihrer ersten Stellen brach sie mit einem damals ungeschriebenen Gesetz: Sie suchte das Gespräch mit Sterbenden und bezog nicht nur deren Erfahrungen, sondern auch die Betroffenen selbst in ihre Lehrveranstaltungen ein. Für die Medizin der 1960er Jahre, die geprägt war von einer Verdrängung des Todes, war dies ein revolutionärer Schritt. (...) Unorthodox waren die Methoden schon damals, aus heutiger Perspektive erscheinen sie umso ungewöhnlicher, als ein vergleichbares Vorhaben kaum ohne die Zustimmung zahlreicher Ethikkommissionen denkbar wäre."
Archiv: Geschichte