9punkt - Die Debattenrundschau

Das Leben in Wahrheit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.06.2026. Im Perlentaucher prangert Eva Illouz die Annäherung eines wichtigen Teils des Linken an den Faschismus an. In der SZ erzählt die Dokumentarfilmerin Lena Karbe von den inneren Emigranten in Russland. Unsere Nachbarn sähen die Aufrüstung Deutschlands mit mehr Wohlgefallen, wäre sie nicht vom Aufstieg der AfD begleitet, konstatiert die FAZ. In der FR erklärt die Autorin Veronika Kracher, wie Antifeminismus und Antisemitismus zusammenhängen. In der NZZ erzählt Christian Brönimann, warum er seine ehemalige Transidentität als Nadja nicht auslöscht.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2026 finden Sie hier

Ideen

Die Autorin und Soziologin Eva Illouz bei der Vorstellung ihres Buches "Explosive Moderne" im Münchner Literaturhaus. Foto: Amrei-Marie unter CC-Lizenz. Aus Wikimedia Commons.
Der Perlentaucher bringt eine Intervention Eva Illouz', die sie bei einem Webinar über den "Bruch in der französischen Linken" gehalten hat. Die republikanische Linke in Frankreich ist einst im Zeichen der Dreyfus-Affäre als ein anti-antisemitisches Lager entstanden. Ein bedeutender Teil der Linken hat sich nach Illouz vom "Anti-Antisemitismus" abgewandt, der gerade in Frankreich im Zeichen der Dreyfus-Affäre identitätsbildend gewesen war. Der "Antizionismus" bewirke "eine Neuausrichtung der politischen Inhalte und Positionen sowie eine Annäherung an den Faschismus. Ich wähle meine Worte mit Bedacht. Es gibt ein rot-braunes Phänomen, eine rot-braune Konvergenz, die Pierre-André Taguieff sehr gut analysiert hat und deren Tragweite man voll und ganz erfassen muss. Der radikale Antizionismus ist der Punkt, an dem sich das Hufeisen schließt, an dem das imperialistische Vokabular der Linken auf die Verschwörungstheorien der extremen Rechten trifft."

Fast ergänzend liest sich eine Kolumne Kamel Daouds in Le Point, der nochmal über den Auftritt der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux vor einer Wahlversammlung der Mélenchonisten nachdenkt - jener Linken also, die ihren "Antizionismus" benutzt, um eine Annäherung an den Islamismus und den mit  ihm sympathisierenden Gruppen in Frankreich zu suchen. Ernaux trat im Palästinensertuch auf. "Ernaux ist schön in ihrer Hoffnung und enttäuschend in ihrer Blindheit. Sie prangert die 'männliche Ideologie' vor einer Wählerschaft an, die sich weitgehend aus der Ablehnung des schützenden Laizismus speist, sie pflegt einen Feminismus, der in importierte Exotismen zerfällt. Zwischen dem 'J'accuse' und dem 'Stimmt für...' ist der Weg manchmal kurz, und der Sprung gefährlich."

In der NZZ erinnert Jean-Martin Büttner an den Soziologen Jean Ziegler, der im Alter von 92 Jahren gestorben ist. "Er hatte die Hungerkatastrophen der afrikanischen und südamerikanischen Länder vor Ort erlebt und für die UNO Berichte geschrieben über Niger, Brasilien, Bangladesh, Palästina, Bolivien und viele andere. (...) Er mochte Genf als seinen Austragungsort gewählt haben, war aber sein Leben lang unterwegs gewesen - egozentrisch und doch empathisch. Jean Ziegler mag sich übermäßig inszeniert haben. Aber ein Zyniker war er nicht. Das Elend machte ihn fassungslos. Sein Leben lang." Über Ziegler als Mitorganisator des "Gaddafi-Menschenrechtspreises" (der unter anderem an den Holocaustleugner Roger Garaudy vergeben wurde) und Lobbyisten des libyschen Diktators hat der Perlentaucher im Jahr 2011 berichtet.
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Europa

Standbild aus Lena Karbes "Innere Emigranten"


Die Dokumentarfilmerin Lena Karbe hat für ihre Doku "Innere Emigranten" mehrere Psychologen einer Telefonhotline für Männer in Moskau begleitet, weil sie sich gefragt hat, wie man mit einer Kollektivschuld umgeht. Viele habe sich in eine "innere Emigration" zurückgezogen, erzählt sie, wobei es einen schmalen Grad zwischen Opposition und Loyalität zum Staat gebe: "Aus der Perspektive des inneren Emigranten kann die kritische innere Haltung sinnstiftend sein, für das eigene Leben, die eigene Würde. Von außen betrachtet stabilisiert sie das System - unabhängig davon, ob Akte der Anpassung performativ und bedeutungslos gemeint sind oder nicht. Unter bestimmten Bedingungen ist der Rückzug der erste Schritt zum Widerstand. Innere Emigration wird handlungsfähig und politisch wirksam, wenn Parallelstrukturen entstehen, in denen Menschen in Wahrheit leben können. Dabei darf nicht vergessen werden: Im Russland von heute kann das Leben in Wahrheit physische Vernichtung bedeuten, nicht nur sozialen Ausschluss wie etwa in der Breschnew-Ära."

Im Interview mit der FAZ erklärt die Journalistin und jukagirische Aktivistin Irina Kurilova, warum der russische Geheimdienst derzeit massiv mit Verhaftungen und Durchsuchungen gegen Mitglieder des "Aborigen Forums" vorgeht: "Tatsächlich handelt es sich dabei nicht um eine Organisation im rechtlichen Sinne, sondern um ein informelles Netzwerk zwischen Vertretern indigener Völker aus verschiedenen Regionen Russlands. ... Die Gebiete, in denen indigene Völker leben, sind reich an Bodenschätzen. Die Ressourcen der von indigenen Völkern bewohnten Gebiete bringen dem Staat und den großen Unternehmen enorme Gewinne ein, doch die Menschen dort erhalten keinen gerechten Anteil, sie bleiben in sozialer und wirtschaftlicher Not zurück."

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Der Begriff "Russophobie" kann sowohl Angst vor wie Hass auf Russen oder Russland bedeuten, wird vom derzeitigen russischen Regime aber vor allem als Kompliment aufgefasst, erklärt der Literaturwissenschaftler Riccardo Nicolosi in der SZ. "Russophobie gilt nicht als Problem, sondern als Beweis russischer Stärke. ... Wo keine Russophobie existiert, droht in dieser Logik die Auflösung Russlands selbst. Damit ist Russophobie heute weniger die Bezeichnung eines realen Vorurteils als eine politische Weltdeutung, die sich nahezu beliebig instrumentalisieren lässt. Dies führt allerdings auch dazu, dass tatsächliche Formen antirussischer Diskriminierung zunehmend schwerer zu benennen sind, ohne zugleich das Opfernarrativ des Kreml zu bestätigen. Genau darin liegt das Ziel des russischen Regimes: Es geht ihm nicht darum, Russophobie zu bekämpfen, sondern ihre Allgegenwart zu behaupten und damit sowohl Repression nach innen als auch Aggression nach außen zu legitimieren."

Es gibt derzeit viel Aufrüstungsrhetorik in Deutschland. Das hat gute Gründe, beunruhigt aber die Nachbarn, diagnostiziert in der FAZ Nikolai Ott. Nicht, weil man der Bundesregierung Böses zutraut, sondern weil die Aufrüstung vom Aufstieg der AfD begleitet wird: "Wenn die Zeitenwende von dem Versprechen lebte, dass von der deutschen Vergangenheit in der europäischen Zukunft keine Gefahr mehr ausgehe, wird ihre Umsetzung durch den Aufstieg der AfD gefährdet. Mit der Abwicklung der deutschen Erinnerungspolitik werden auch deutsche Geopolitikträume wieder salonfähig. Während sich die AfD in verkappter Russland-Apologie als Friedensmacht inszeniert, lässt sich in ihrem Umfeld ein Mitteleuropa-Revival feststellen. Von einer 'konservativen Revolution' in Mitteleuropa spricht der AfD-nahe 'Intellektuelle' Benedikt Kaiser. Ein ganzes Buch zum Mitteleuropa-Begriff hat Dimitrios Kisoudis verfasst, der Grundsatzreferent von Tino Chrupalla. Deutschland, so heißt es bei Kisoudis, gehöre 'in die Mitte und nicht in den Westen'." Potentielle AfD-Wähler sollten deshalb gut darüber nachdenken, was es bedeuten würde, wenn die Rechtsextremisten plötzlich "über die größte konventionelle Armee der EU bestimmen" könnten.
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Gesellschaft

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Die Autorin Veronika Kracher beschäftigt sich in ihrem Buch "Bitch Hunt" mit Misogynie im digitalen Raum. Im FR-Interview mit Klaus Walter erklärt sie außerdem, wie Antifeminismus und Antisemitismus zusammenhängen: "Antifeminismus ist ein Türöffner in die extreme Rechte und argumentiert strukturell bis offen antisemitisch. Das reicht zurück zum Nationalsozialismus und ins Fin de Siècle. Da ist die Rede von jüdischen Eliten, auch vom Kulturmarxismus, der steht für die Frankfurter Schule, also jüdische Kommunisten. Der Kulturmarxismus habe den Feminismus erfunden, so das Narrativ, um Frauen zu Feministinnen zu machen und Männer zu verweichlichen, zu 'degenerieren'. Die weißen Geburtenraten sinken und am Ende steht das Aussterben der weißen Rasse. Deswegen musst du deine Männlichkeit zurückerobern und gegen Feminismus kämpfen, um dein Volk zu retten."

Bei der Transition in ein anderes Geschlecht kann viel schief laufen, darüber sprechen mag kaum einer, sagt im Interview mit der NZZ Christian Brönimann, der nach dreißig Jahren als Frau nun wieder als Mann lebt. Die Operationen haben seine Sexualität vollkommen zerstört, sagt er. "Kein Mensch kommt im falschen Körper zur Welt", hat er gelernt. Auch deshalb will er eine erneute körperliche Angleichung diesmal nicht mehr machen: "Ich habe nie verstanden, warum manche Transmenschen ihre gesamte Vergangenheit ausradieren möchten - bis hin zum Namen, dem sogenannten 'Deadname', den man nicht mehr aussprechen darf. Nadia hat 30 Jahre lang existiert. Sie hat Schönes und Trauriges erlebt, und vieles war rückblickend sicher auch irrational oder unüberlegt. Dennoch möchte ich meinem vergangenen Ich mit Respekt und Wertschätzung begegnen."

Der berühmte Bierdeckel von Friedrich Merz sollte die lästigen Regeln der Steuererklärung vereinfachen.

Das LWL-Museum Kloster Dahlheim zeigt die Sonderausstellung "Die Macht der Regeln - Zwischen Freiheit und Kontrolle", in der Alexander Menden (SZ) den Sinn und Unsinn von Regeln in menschlichen Gemeinschaften bestaunen darf. "Nun ist es natürlich leicht, sich über Regelwut lustig zu machen. Kaum etwas wird in Deutschland ja so hitzig diskutiert wie 'Überregulierung'." Den Kuratoren gehe es dabei vor allem um die Frage: "Wer stellt Regeln auf, welchem Zweck dienen sie, wo schaden oder nützen gegebenenfalls Regelverstöße? Anlässe für diese Betrachtung gibt es genügend, schließlich setzen internationale Regelbrecher wie Wladimir Putin und Donald Trump derzeit die Agenda, während alle, die auf eine regelbasierte Weltordnung pochen, hinterherzuhecheln scheinen."
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Wissenschaft

Die "Gesellschaft für Unternehmensgeschichte" (GuG) feiert im Juni ihr fünfzigjähriges Jubiläum. Gegründet wurde sie einst von westdeutschen Firmen wie der Deutschen Bank, Daimler-Benz, Henkel, Karstadt, Mannesmann, Bosch oder Siemens, die der marxistischen Unternehmensgeschichtsschreibung der DDR etwas entgegensetzen wollten, erzählt Stefan Hunglinger in der taz. Aber es gab immer auch Kritik an diesem Zwitter, so Hunglinger: "Als die GuG 1983 von Daimler-Benz beauftragt wurde, anlässlich des hundertsten Geburtstags des Automobils die Rolle der Firma in der NS-Zeit zu erforschen, warfen unabhängige Historiker der entsprechenden Studie vor, defensiv zu argumentieren und den Einsatz von Zwangsarbeitern bei Daimler-Benz zu knapp zu behandeln. 1987 gab der Arzt und Historiker Karl Heinz Roth eine Gegenstudie heraus mit dem Titel 'Das Daimler-Benz-Buch - ein Rüstungskonzern im tausendjährigen Reich'. Die Unabhängigkeit und Wissenschaftlichkeit der GuG war öffentlich infrage gestellt, der Skandal perfekt. Dies elektrisierte den jungen Historiker Lutz Budraß, der 1989 zusammen mit Gleichgesinnten den 'Arbeitskreis kritische Unternehmensgeschichte' ins Leben rief, eine Gegengründung zur GuG. 'Wir fanden, dass es sich eingeschlichen hatte, unkritisch und den Auftraggebern nach dem Munde zu schreiben', sagt Budraß heute. Der Gegenwind sorgte für eine gewisse Professionalisierung bei der GuG und ihren Publikationen."

Warum Psychoanalyse, aber auch körperliche Erfahrungen, Körper für die Geschichtsschreibung eine immer noch unterschätzte Bedeutung haben, erklärt im Interview mit der FAZ die feministische australische Historikerin Lyndal Roper, gerade ausgezeichnet mit dem von Norwegen vergebenen Holberg-Preis: "Ich bin zutiefst von Foucault beeinflusst, denn er hat einfach so viele Fragen aufgeworfen und die Erzählung vom Fortschritt zunichtegemacht. Aber ich halte ihn auch für äußerst problematisch, denn so vieles, von dem er sagt, dass es im 18. Jahrhundert geschieht, geschieht dort nicht. Er erkennt nicht, was im 16. und 17. Jahrhundert vor sich ging. Ich meine, das Interesse am Selbst, am Ich, all das stammt natürlich aus dem 16. Jahrhundert. Es gibt eigentlich immer ein Interesse am Selbst und an der Identität, und ich glaube nicht, dass Sexualität, sexuelles Verlangen und all das ausschließlich durch Sprache konstruiert werden. Körperlichkeit muss Teil unseres Denkens sein. Wir müssen wieder ein Gespür für Körperlichkeit entwickeln."

Ebenfalls in der FAZ erklärt der Staatsrechtler Paul Kirchhof auf einer ganzen Seite, warum Symmetrie im Recht für eine Demokratie unabdingbar ist: "Recht wird als asymmetrisch kritisiert, wenn es Menschen in die Wehrlosigkeit drängt und ihnen Sicherheitsräume nimmt, wenn es dem Staat unerfüllbare Aufgaben zuweist, wenn es Ausgleichssysteme verfremdet und ihnen die Balancefunktion nimmt. ... Der freiheitliche Staat braucht in der Freiheitsvoraussetzung von Ehrbarkeit und Anstand als Jedermannstugend die innere Gebundenheit der Menschen zu einer verantwortlichen Freiheit, die den Freiheitsargwohn und damit die Überfülle intervenierender Rechtssätze erübrigt."
Archiv: Wissenschaft