Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.05.2026. In der Zeit warnt der Militärforscher Frank Sauer vor einem Rüstungswettlauf mit autonomen Waffensystemen. KI ist nicht intelligent, sondern lernfähig, erklärt bei Zeit online die Soziologin Elena Esposito. Die SZ erkundet den Sweet Spot der Verlagsbranche. Die taz fragt sich, ob es noch lebende Anspruchssteller gegeben wird, wenn irgendwann ein Restitutionsgesetz verabschiedet wird. Das rechte Portal Nius mag rote Zahlen schreiben, politisch funktioniert es leider, bedauert die SZ. Die NZZ erklärt, warum Somaliland durch eine Mehrparteiendemokratie eher gefährdet als gefestigt wird.
KI im Krieg macht das Töten einfacher, man geht "dabei keinerlei persönliches Risiko ein. Das senkt die Hemmschwelle", warnt im Interview mit der Zeit der Militärforscher Frank Sauer, der der Bundesregierung dennoch empfiehlt, "mehr in KI zu investieren", denn eine politische Regulierung automatischer Waffensysteme sei nicht in Sicht: "Aufgrund der angespannten geopolitischen Lage gibt es dafür in den nächsten Jahren keine Chance. Die Großmächte investieren kein politisches Kapital in Rüstungskontrolle. Bestehende Regelwerke erodieren, neue Themen werden gar nicht erst adressiert. Ein entscheidender Unterschied zu früheren Waffentechnologien ist zudem, dass diese neuen Technologien nicht in staatlichen Händen sind - wie es bei Kernwaffen der Fall ist. Ihre Ausbreitung lässt sich daher nicht kontrollieren. Die Innovation kommt aus zivilen Unternehmen wie Alibaba oder OpenAI. Software und KI-Modelle sind offen, jeder kann sich bedienen und etwas zusammenbauen. Zugespitzt gesagt: Kernwaffen zählen ist einfach, Rüstungskontrolle für Waffenautonomie ist schwer. Wir werden erst mal einen Rüstungswettlauf erleben."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wir haben es nicht mit Künstlicher Intelligenz zu tun, sondern mit "lernfähigen Maschinen", erklärt die SoziologinElena Esposito im Zeit-Online-Interview mit Carlotta Wald. "Diese Maschinen, etwa die Chatbots, sind so effektiv, nicht weil sie gelernt haben, uns zu imitieren, sondern weil sie gelernt haben, an unserer Kommunikation teilzunehmen. Sie tun dies, indem sie die ihnen zur Verfügung stehenden Materialien verarbeiten, ohne sie verstehen zu müssen. Was wir als Intelligenz missverstehen, ist die Fähigkeit, Informationen zu liefern, die jeder Nutzer auf eigene Weise weiterverarbeiten kann, das heißt, die Fähigkeit, zu kommunizieren. (...) Viele fürchten, dass die KI uns isolieren wird. Das muss nicht sein. Wir werden vermutlich immer noch kommunizieren, nur auf andere Art und Weise und über andere Dinge. Es wird nicht mehr nötig sein, mit Leuten zu kommunizieren, um zu wissen, wann der Bus kommt."
Eine Podiumsdiskussion auf der re:publica zwischen Hanno Sauer und Mareike Kaiser hat eine Debatte über Vorschüsse in der Buchbranche ausgelöst (unser Resümee). Der Buchmarkt hat sich in den letzten Jahren stark verändert, das Segment des gut Verkäuflichen wird immer schmaler, während "andere Nischen in der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie" - wie literarisch Anspruchsvolles - "schwer zu bewirtschaften sind", erklärt Marie Schmidt in der SZ. "Von sensationellen Rechteauktionen hört man besonders oft, wenn es um Romane geht, die gleichzeitig als niveauvolle Literatur durchgehen, aber auch als Unterhaltungsstoffe verkäuflich sind. Den 'Sweet Spot' nennt Felicitas von Lovenberg das Revier dieser zauberhaften Zwischenwesen. Die Verlegerin des Piper-Verlages hat sich mit 'Eine Frage der Chemie', dem Debüt der US-Autorin Bonnie Garmus, 2022 ein paradigmatisches Exemplar ins Haus geholt hat. Caroline Wahls '22 Bahnen' wäre ein deutsches Beispiel." Mittlerweile würden "alle Verlage, auch die, die sich ihren Namen mit Hochliteratur gemacht haben, solche Bücher im Programm haben wollen. Man könnte auch sagen: müssen. Denn die Sweet-Spot-Literatur ist eines der wenigen Segmente des Buchmarktes, in denen man noch einigermaßen sicher mit hohen Verkäufen rechnen kann", die dann andere Titel quer subventionieren sollen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wie lässt sich die AfD stoppen, fragt die Zeit auf ihrer Titelseite und sucht auf mehreren Seiten Antworten. Der Politikwissenschaftler Philip Manow erklärt im Interview noch einmal, warum seiner Ansicht nach die Labels "links" und "rechts" nichts mehr taugen: Weil heute Parteien wie die AfD "das kulturell Rechte mit dem ökonomisch Linken kombinieren", sagt er. "Im vorherrschenden Paradigma meiner Profession kommen unsere Konflikte nur als kulturelle vor, oder aber die Rechtspopulisten gelten als neoliberal. Die Ablehnung der EU wird dann als eine Form mangelnder Weltoffenheit gedeutet. Aber wer will argumentieren, die europäische Integration sei eine rein kulturelle Frage? Natürlich gibt es kulturelle Konflikte rund um Migration, natürlich gibt es Xenophobie - wer wollte das abstreiten? Aber Migration hat zweifellos auch eine verteilungspolitische Seite. Das herrschende Paradigma hat sich festgelegt auf die kulturelle Dimension unserer Konflikte. Es scheint mir jedoch immer offenkundiger, dass dieses Erklärungsschema weder theoretisch noch empirisch sonderlich gut funktioniert." Dass es trotzdem so beliebt ist, liege daran, dass es "für alle, die mit Offenheit einverstanden sind, ein attraktives Deutungsangebot bietet - man kann das als Wertekonflikt framen zwischen einer tolerant-progressiven und einer ewiggestrigen Fraktion, ohne sich über die ungleichen Verteilungseffekte einer Politik der Offenheit Rechenschaft ablegen zu müssen."
Kurz gefasste Ideen zum Thema in der Zeit kommen außerdem von Künstlern und Wissenschaftlern wie Wolfgang Tillmans, Matthias Brandt und Eva Illouz.
In der tazbeschreibt Klaus Hillenbrand den Wirrwarr in- und ausländischer juristischer Regelungen zur Restitution von NS-Raubgut. Zugleich gibt es eine Lücke, nämlich bei Raubkunst in Privatbesitz, die Wolfram Weimer mit einem Restitutionsgesetz schließen will. Aber wann? "Kunstfahnder Willi Korte ist skeptisch: 'Ich habe keine große Hoffnung, dass wir in absehbarer Zeit ein Restitutionsgesetz bekommen', sagt er. Die reichlich unklare Situation mit dem bestehenden, aber gemiedenem Schiedsgericht, einem erwarteten Restitutionsgesetz und dem Hear Act habe zu einem 'Zustand des Stillstands geführt', sagt er. 'Wir haben ein Sammelsurium an potenziellen Möglichkeiten, aber keinen wirklichen Fortschritt.' Dabei seien viele der jüdischen Erben hochbetagt."
Nius hat seit Herbst 2022 Verluste in Höhe von 33 Millionen gemacht, die Zugriffszahlen auf die Website sind im Vergleich mit anderen Online-Medien schlecht, konstatiert Stefan Niggemeier in der SZ. Nius jetzt für irrelevant zu halten, wäre falsch, vor allem wenn der dahinter stehende Geldgeber Frank Gotthardt seine Unterstützung nicht zurückfahren möchte. "Die publizistische Wirkung von Nius ist real: im Zusammenspiel mit der AfD, deren Weltsicht es verbreitet und für die es immer wieder Aufreger zum politischen Ausschlachten fabriziert. Und in der Art, wie es Debatten vergiftet und extrem rechte Personen und Positionen normalisiert. Gemeinsam mit anderen sogenannten Alternativmedien ist Niusimmer im Kampagnenmodus; Mainstreammedien wie Bild und Welt springen dann gern auf den Zug auf."
Somaliland hat eine komplexe Geschichte und wird seit 2025 von einem Staat - Israel - anerkannt. Lange Zeit wurde die autonome Region Somaliland von den verschiedenen "Familien-Clans" regiert, die untereinander einen Konsens finden mussten, schreibt Markus Virgil Höhne in der NZZ. Jetzt reißt die ethnische Gruppe der Isaaq die Macht an sich, was zu Spannungen führt. "In der Rückschau lässt sich erkennen, dass paradoxerweise die Einführung eines Mehrparteiensystems in Somaliland ab 2001 zu einem Rückgang der zuvor konsensbasierten, auf Clanproporz beruhenden Demokratie geführt hat. Der Clanproporz hat sichergestellt, dass alle Gruppen (auch die oppositionellen) zu einem relativ fairen Mass im Staat vertreten waren. Mit der Mehrparteiendemokratie hat sich Somaliland sukzessive in einen 'Ein-Clan-Staat' verwandelt. Es gibt zwar mehrere Parteien in Somaliland, aber in allen dominieren die Isaaq. Sprich: Egal wie die Wahl ausgeht, Isaaq sind immer am Ruder und erweitern ihre Macht."
Die USA haben im Norden von Lateinamerika unter Donald Trump wieder an Einfluss gewonnen, konstatiert Werner J. Marti in der NZZ. Dabei wurde vor allem Chinas Einfluss zurückgedrägt. "Der Kampf zwischen China und den USA um Einfluss in Lateinamerika dürfte sich in den kommenden Jahren noch intensivieren. Trump ist es gelungen, die Macht der USA in der Karibikregion deutlich auszubauen und die Chinesen dort zurückzubinden. Seine wirtschaftlichen und militärischen Drohungen haben dort deutlich mehr Gewicht, da das nördliche Lateinamerika wirtschaftlich viel stärker mit den USA verbunden ist. Im Süden Lateinamerikas kommt das Engagement der Amerikaner spät. Die Chinesen haben sich dort schon festgesetzt."
Der palästinensische Friedensaktivist Hamza Howidy, der wegen Protesten gegen die Hamas von dieser verhaftet wurde und heute in Deutschland lebt (mehr hier und hier), möchte in der taz Berichte über Vergewaltigungen erst mal nicht anzweifeln - ob sie nun von Israelis oder von Palästinensern erhoben werden. Es gebe "substanzielle Beweise" für die sexuelle Gewalt gegen Opfer des 7. Oktober, "die Haftbedingungen palästinensischer Gefangener in Israel erfordern eine unabhängige Untersuchung", schreibt er. "In dem Kampf um die Deutungshoheit gibt es keine Gewinner - jede Seite wird noch lange Zeit ihre eigene Sichtweise vertreten. Jede Stunde, die damit verbracht wird, über die Glaubwürdigkeit eines Journalisten oder die Finanzierungsquellen einer NGO zu debattieren, ist eine Stunde, in der man nicht einem Überlebenden zuhört."
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