Efeu - Die Kulturrundschau
Erhebliche Bereiche des Unheimlichen
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28.05.2026. Viel Blut und aufgespießte Haut konnten die Kritiker bei Florentina Holzingers "Pfingstfestspielen" auf Schloss Prinzendorf sehen: die Zeit zuckt die Achseln, die SZ ist schon beeindruckt von der "unerschütterlichen Amazonenhaftigkeit". Außerdem bestaunt die Zeit im Vitra Museum die "rasanten" Möbel des Designers Verner Panton. Das Van Magazin wird mit Gustav Mahler ins Kosmische gewuppt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
28.05.2026
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Bühne

Vor allem wie ein "Best-of-Medley für ihre Gemeinde" wirken Florentina Holzingers "Pfingstspiele", die im Rahmen der Wiener Festwochen stattfanden, auf Zeit-Kritiker Sven Behrisch. Irgendwie schon beeindruckend, wie sich die Darstellerinnen während der neunstündigen Performance selber verletzen, piercen und spektakuläre Stunts vollführen, natürlich alles nackt, aber irgendwie auch ein bisschen sinnfrei: "Am interessantesten sind die oft ellenlangen Pausen zwischen den Stunts. Im Vorgarten der Schlossanlage hat Holzinger eine Art öffentlichen Backstage-Bereich inszeniert, in dem man, wenn man es aushält, dabei zusehen kann, wie sich die Performer für den nächsten Act präparieren. Präzise und professionell demonstrieren sie die Sorgfalt bei der Selbstverletzung, und fast schon liebevoll treiben sie sich die Metallspangen durch das blutende Fleisch in Rücken und Oberschenkel. Es wird viel gelacht und gestreichelt bei dieser schwesterlichen Stigmatisierung, die in einem Tableau vivant des letzten Abendmahls kulminiert - einem am Ende doch erhebenden Bild der Überwindung des Leids durch die Kunst, in dem dreizehn aufgespießte Auserwählte vor ihrer euphorisierten Gemeinde im niederösterreichischen Nachthimmel baumeln."
"Aua", denkt sich auch SZ-Kritikerin Christine Dössel angesichts dieser erneuten Extrem-Performance, die auf Einladung der Witwe Hermann Nitschs auf Schloss Prinzendorf stattfand, Veranstaltungsort seines berüchtigten Orgien-Mysterien-Theaters: "So hing im Schlosshof eine Gekreuzigte an einer riesigen Leinwand, die blutig eingesaut wurde, aber nicht händisch, sondern von zwei Drohnen, wie im kriegerischen Tötungsgeschäft unserer Tage üblich. Später wurde ein Fake-Panzer erst von einer Motorradfahrerin in wilder 'Jackass'-Rider-Manier als Sprungrampe genutzt, dann von einem furchterregenden Monstertruck überfahren, heißt: röhrend bezwungen. 'No more war!', lautete die vielfach gebrüllte Devise." Irgendwie hat es "durch die PS-Stärke und die unerschütterliche Amazonenhaftigkeit des Teams auch Wumms. Die Holzinger-Nudes sind nicht zuletzt prächtige Musikerinnen. Kraftstrotzend. Ungeheuer selbstbewusst."
Gestern gab es schon diverse Ankündigungen (unser Resümee), nun ist der Offene Brief (PDF) publiziert, in dem sich diverse Theaterschaffende gegen die Abschaffung der Frauenquote beim Berliner Theatertreffen aussprechen, berichten verschiedene Medien, unter anderem Nachtkritik und Tagesspiegel. Im Brief selbst heißt es: "Die Frauenquote beim Berliner Theatertreffen hat im Theaterbetrieb Wirkung entfaltet. Sie hat die Besetzung von Regiepositionen, Intendanzen und künstlerischen Leitungsfunktionen sichtbar verändert und damit auch ein verändertes Bewusstsein für andere marginalisierte Gruppen mitbefördert. Dieser Prozess ist jedoch weder abgeschlossen noch unumkehrbar. Die Abschaffung der Quote bedeutet einen Rückschritt und destabilisiert diesen Transformationsprozess."
Besprochen werden Francois de Carpentries Inszenierung von Benjamin Brittens Shakespeare-Oper "A Midsummer Night's Dream" am Staatstheater Karlsruhe (FR) und Germaine Acognys Soloperformance "Somewhere at the Beginning" (taz),
Film

Pedro Pinhos "bemerkenswerter und lange nachhallender" Film "I Only Rest in the Storm" handelt von einem Umweltingenieur Sergio (Sérgio Corage), der in Guinea-Bissau einen Umweltbericht zu einem geplanten Straßenbau verfassen soll - es ist ein Film, in dem man immer wieder "als europäischer Betrachter des Films die eigene Perspektive hinterfragen muss", schreibt Patrick Holzapfel im Perlentaucher. "Tatsächlich ist es ein episodischer, bisweilen chaotisch überfrachteter und gerade deshalb so treffender Film, in dem sich prinzipiell untragbare Zustände zu einem Lehrstück über das postkoloniale Wirken im westafrikanischen Land, das bis 1974 eine Kolonie Portugals war, verdichten. ... Wer glaubt, die globalisierten Konflikte unserer Zeit wären zu komplex, um sie filmisch zu fassen, hat sicher Argumente. Pinho traut sich, Bilder und Narrative zu suchen: Bestechungsversuche auf dem Lauftrainer. Ein ineinanderwachsendes Geflecht aus musikalischen Einflüssen. Ein beständiges Oszillieren zwischen Selbsthass, Idealismus, Prinzipien und Gefühlen in den Figuren." tazler Tobias Ostermeier schätzt den Film für "seine Ambivalenz. Er will nichts zu Ende erzählen, keine Partei ergreifen." Und "die Kamera von Ivo Lopes Aráujo ist dabei immer alert, nie rigide, schmiegt sich den Situationen, Körpern, Atmosphären aufmerksam an", hält Ekkehard Knörer auf critic.de fest.
Außerdem: In der NZZ porträtiert Tobias Sedlmaier den Schauspieler Leo Woodall. Besprochen werden Kirk Jones' Tourette-Film "Verflucht normal" (Perlentaucher, FR, Standard), Benjamin Rosts und Erec Brehmers Dokumentarfilm "Born to Fake" über den Fernsehfälscher Michael Born (FR, FAZ), Ulrich Köhlers "Gavagai" (Standard, unsere Kritik), Hagai Levis Arte-Sechsteiler "Etty" nach den Tagebüchern von Etty Hillesum, die in Auschwitz ermordet wurde (NZZ, unsere Kritik), der Amazon-Achtteiler "Spider Noir" mit Nicolas Cage als Spider-Man im New York der Vierzigerjahre (taz, SZ, ZeitOnline) und die Netflix-Serie "Achtsam morden" mit Tom Schilling (Welt).
Design

Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein lässt sich aktuell der dänische Möbeldesigner Verner Panton wiederentdecken. Sein Credo: Mit unbequemen Möbeln ein versunkenes Darin-Herumlümmeln gar nicht erst ermöglichen und so die Verweilenden zu mehr Bewegung animieren. Zeit-Kritiker Hanno Rauterberg staunt, wie die Möbel "Wellen schlagen, sich krümmen, biegen, schwungvoll in die Kurve gehen, als wollten sie im nächsten Moment schon eine ganz andere Daseinsform beziehen. Bereits in den Fünfzigerjahren experimentierte Panton mit aufblasbaren Hockern, als einer der ersten Designer überhaupt. Und ersann kurz darauf einen Stuhl ohne Nägel, Schrauben, Streben, vor allem: ohne Beine. Alles daran fließt, nichts lastet. Aus einem Guss ist dieser Kunststoffstuhl, hier nimmt man nicht Platz, hier nimmt man Fahrt auf. Mitgerissen von der rasanten Form."
Die Adidas-Jogginghose setzt sich ausgerechnet im linksliberalen Kulturmilieu immer weiter als modisches Accessoire durch, beobachtet Sven Behrisch (Zeit). Getragen wird sie aber nicht wegen Style, Form oder Ästhetik, sondern "als proletarisches It-Piece, als vermeintlich klassensprengende Konfektion, deren Gummibund sich elastisch jeder sozialen Statur anpasst. Auch wenn es Versuche gab, von Marken wie Prada und Balenciaga, die Jogginghose zur Edelklamotte zu adeln - phänotypisch gehört sie nicht auf den Laufsteg, sondern in den Lidl. Sie ist die Hose des Häuserblocks und all jener Menschen, die man in der SPD noch 'Arbeiter' nennt. ... Man tut so, als trage man die Hose als Ausdruck der Zugehörigkeit, der Solidarität mit den Unterprivilegierten, dem Kleinbürgertum", aber diese "Assimilation an die Masse ist nur noch Pose, die Fraternisierung reines Zitat. Tatsächlich trägt man sie als Distinktionsmerkmal."
Dass Ferrari-Traditionalisten auf den neuen, von Mark Newson und Jony Ive gestalteten Ferrari Luce - kein Verbrenner mehr und auch vom Look her geht er sehr eigene Wege - teils mit ziemlicher Wut reagieren, kann Ulf Poschardt in der Welt zwar nachvollziehen, bleibt selbst aber neugierig: "Das Überall-und-Nirgends des digitalen Raums wird in diesem Auto kühl registriert und konsequent umgesetzt. ... Mit diesem Auto kann niemand klassisch angeben. Es wirkt eher wie ein Fahrzeug, für das man sich im Zweifelsfall beinahe schämt, anstatt mit ihm zu protzen. Doch genau darin liegt möglicherweise bereits der Beginn einer neuen Form von Distinktion. Ferrari versucht hier eine Revolution der Distinktion selbst: den demonstrativen Verzicht auf demonstrative Auffälligkeit."
Musik
In Berlin gab es zweimal Mahler zu hören, einmal mit den von Yannick Nézet-Séguin dirigierten Berliner Philharmonikern, einmal mit dem Konzerthausorchester, bei dem Joana Mallwitz am Pult stand. Bei Nézet-Séguin "sind wir doch ins Kosmische gewuppt, ob mit offenen oder geschlossenen Augen", schreibt Albrecht Selge auf VAN. Bei dem von Mallwitz verantworteten Abend war aber dann doch "durchweg eine spürbar höhere innere Spannung der Musik als in der bewundernden Philharmonie. Weil hier große Emotion statt Neigung zum Energieselbstzweck ist und weil Mallwitz weite Bögen herstellt, so dass Wendepunkte elektrisieren. Sorgfältige Orchesterstaffelung trägt ebenso dazu bei wie verantwortliches Wirtschaften mit Dezibel-Ausstoß. Hier gibt es erhebliche Bereiche des Unheimlichen, die Welt scheint ein Gestopftsein und Wirbeln, Überschwang entsteht ohne Lärmen. Das Finale, dieser sinistre Kehraus, ist von so unzuverlässiger Behaglichkeit, dass zuverlässige Unbehaglichkeit entsteht."
Das neue, gemeinsam mit Lee "Scratch" Perry entstandene Mouse-on-Mars-Album "Spatial, No Problem" wurde schon 2019 aufgenommen, erreicht aber jetzt erst die Öffentlichkeit. Standard-Kritiker Christian Schachinger ist von diesem buchstäblichen Joint Venture der Dub-Legende und der Berliner Elektro-Frickler absolut verzaubert: "Kraut ist nicht nur zum Essen, es ist auch zum Rauchen da. Das nennt man Synergie!" In den besten Stücken "rappelt es mit mächtig viel Bassgitarre, windschiefen Bläsersätzen, fächiger wie fitzelnder Hawaiigitarre, Perkussiongeklöppel, himmlischen Choreffekten, lustigen spacigen Sound-Gimmicks und natürlich diversen Hall- und Echoeffekten ordentlich in der Kiste. ... Eine Zirkusmusik ohne Raubtiere, dafür mit liebenswerten Kifferkönigen. Man höre nur die finale Himmelsfahrt 'State of Emergency'. Da marschiert die bayerische Trachtenmusik in den Blue Mountains von Jamaika ein."
Weitere Artikel: Joachim Hentschel (SZ) fühlt sich angesichts immer älterer und fragilerer Popstars auf den Bühnen zusehends "beklommen" und "würde allen Künstlerinnen und Künstlern gern empfehlen, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen". Wolfgang Schreiber ärgert sich in der SZ, dass der Berliner Senat die Mittel für das Projekt Musethica gestrichen hat, das in der Jugendstrafanstalt Plötzensee klassische Musik gespielt hat. Graziella Contratto spricht für VAN mit der Schriftstellerin und Historikerin Dana von Suffrin über die Musik ihrer Pubertät. Und Ekkehard Klemm erinnert auf VAN an Carl Maria von Weber, der vor zweihundert Jahren gestorben ist. Besprochen werden Paul McCartneys Album "The Boys of Dungeon Lane" (Welt) und ein Konzert der HR-Bigband zu Ehren von Miles Davis (FR).
Das neue, gemeinsam mit Lee "Scratch" Perry entstandene Mouse-on-Mars-Album "Spatial, No Problem" wurde schon 2019 aufgenommen, erreicht aber jetzt erst die Öffentlichkeit. Standard-Kritiker Christian Schachinger ist von diesem buchstäblichen Joint Venture der Dub-Legende und der Berliner Elektro-Frickler absolut verzaubert: "Kraut ist nicht nur zum Essen, es ist auch zum Rauchen da. Das nennt man Synergie!" In den besten Stücken "rappelt es mit mächtig viel Bassgitarre, windschiefen Bläsersätzen, fächiger wie fitzelnder Hawaiigitarre, Perkussiongeklöppel, himmlischen Choreffekten, lustigen spacigen Sound-Gimmicks und natürlich diversen Hall- und Echoeffekten ordentlich in der Kiste. ... Eine Zirkusmusik ohne Raubtiere, dafür mit liebenswerten Kifferkönigen. Man höre nur die finale Himmelsfahrt 'State of Emergency'. Da marschiert die bayerische Trachtenmusik in den Blue Mountains von Jamaika ein."
Weitere Artikel: Joachim Hentschel (SZ) fühlt sich angesichts immer älterer und fragilerer Popstars auf den Bühnen zusehends "beklommen" und "würde allen Künstlerinnen und Künstlern gern empfehlen, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen". Wolfgang Schreiber ärgert sich in der SZ, dass der Berliner Senat die Mittel für das Projekt Musethica gestrichen hat, das in der Jugendstrafanstalt Plötzensee klassische Musik gespielt hat. Graziella Contratto spricht für VAN mit der Schriftstellerin und Historikerin Dana von Suffrin über die Musik ihrer Pubertät. Und Ekkehard Klemm erinnert auf VAN an Carl Maria von Weber, der vor zweihundert Jahren gestorben ist. Besprochen werden Paul McCartneys Album "The Boys of Dungeon Lane" (Welt) und ein Konzert der HR-Bigband zu Ehren von Miles Davis (FR).
Kunst
Holz, Metall und Stoff waren für die Brücke-Künstler genauso wichtig wie ihre Malerei, lernt Jörg Restorff (NZZ) in einer Ausstellung im Berliner Brücke-Museum, die das Kunsthandwerk von Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff zeigt. Heckels "Brosche mit Pfau", den er "kraftvoll ins Silber getrieben hat, kann in Hinblick auf vitale Körperlichkeit durchaus mit seinen Aktdarstellungen wetteifern", versichert Restorff. Das Highlight ist jedoch Kirchners Bett, das er für seine Partnerin Erna Schilling baute: "In einem grellen Setting, entworfen vom Designer Jerszy Seymour, kommt die archaisch anmutende Rohheit von Kirchners Liegemöbel und die fremdartige, ja befremdliche Formenwelt der figürlichen Bettträger besonders wirkungsvoll zum Ausdruck. Das Kopfende mit den beiden Pfosten und dem Ablagebrett gestaltete Kirchner wie einen Torbogen. Aus dem frischen Holz einer Zirbelkiefer schlug der Künstler mit unbändiger Energie nackte Gestalten heraus. Im Tagebuch notierte Kirchner damals: 'Arbeit am Bett. Ich behaue Längshölzer.' Hinter der lapidaren Bemerkung verbarg sich ein komplizierter Fertigungsprozess. Kirchner hatte das aus neun Teilstücken bestehende Gestell gänzlich ohne Leim und Schrauben zusammengefügt. So entstand ein Holzobjekt aus einem Guss."
Besprochen werden die Ausstellung "Sławomir Elsner, Albrecht Dürer: Im Angesicht des Menschen" in der Gemäldegalerie Dresden (SZ) und eine Ausstellung mit Arbeiten von Björn Heyn in der Galerie Gegen & Lücke in Berlin (Tsp).
Besprochen werden die Ausstellung "Sławomir Elsner, Albrecht Dürer: Im Angesicht des Menschen" in der Gemäldegalerie Dresden (SZ) und eine Ausstellung mit Arbeiten von Björn Heyn in der Galerie Gegen & Lücke in Berlin (Tsp).
Literatur

Besprochen werden unter anderem Cécile Wajsbrots "Offener Himmel" (Tell), Andrej Platonows Erzählungsband "Der Staatsbewohner" (taz), Andrea Rottmanns Studie "Bedrohtes Begehren. Queeres Leben im geteilten Berlin, 1945-1970" (taz), Thomas Langs "Melville verschwindet" (FR), Matthias Nawrats "Das glückliche Schicksal" (Zeit), Karl Ove Knausgårds "Arendal" (NZZ), Barbara Honigmanns "Mischka" (FAZ) und Naja Marie Aidts "Aus dem Dunkel" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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