9punkt - Die Debattenrundschau

Permanent lauernde Crashgefahr

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.03.2026. In der FAS beschreibt Götz Aly den "Wirbel von Stärke und Schwäche", der Disruptoren wie Trump und einst schon Hitler vorantreibt. War die knappe Hälfte des Menschengeschlechts ein Fehltritt der Evolution? Diese Frage muss man sich stellen, und zwar ernsthaft, mahnt die Welt mit Blick auf die Fälle Epstein, Pelicot, Ulmen. Im Senegal veschärft sich das Klima gegen Homosexuelle weiter, berichtet Le Point. In der taz fragt die chilenische Schriftstellerin Nona Fernández, wie es die Chilenen fertigbrachten, einen Pinochet-Bewunderer demokratisch zu wählen. Die FAZ erzählt, wie Orban die ungarischen Medien gleichschaltete und diese darüber in Schlummer gerieten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2026 finden Sie hier

Politik

Die Trumpsche "Herrschaftsmethode 'Tempo, Tempo - Aktion, Aktion'" kommt dem Historiker Götz Aly irgendwie bekannt vor. Ach ja, da waren die Nazis, die ebenfalls "auf der Überholspur des rechtsstaatlichen Normalbetriebs" rasten - auch wenn Aly Trump in der FAS als doch immerhin noch als von Checks und Balances gedämpfte Figur beschreibt, ein Vergleich der Techniken lohnt sich. Ausgerechnet bei Oswald Spengler findet Aly eine Formel, die auf diesen Tempo-Wahn der Disruptoren zutrifft. Spengler beschrieb die Herrschaftsmethoden der Hitler-Regierung als seltsamen "Wirbel von Stärke und Schwäche": "Die drei Wörter verweisen auf ein zentrales Element der Politik und Propaganda, Volksführung und Volksbetäubung in den folgenden zwölf Jahren: das Volk in die Spannung zwischen Geschwindigkeitsrausch, glimpflich überstandenen Steilkurven und permanent lauernder Crashgefahr zwingen, Kriegsangst 'bis zur Siedehitze' treiben (Goebbels, zwei Wochen vor dem Münchner Abkommen 1938), gefolgt von kurzem Relaxen und abermals künstlich hochgepeitschten halsbrecherischen Zuständen und Panik erregenden Schwindelanfällen." Mit Blick auf Trump rät Aly: "Solchen vom Größen- und Machtwahn besessenen Politikern muss man frühzeitig in die Parade fahren, ihnen an allen Ecken und Enden Schwierigkeiten bereiten, ihre Versuche, andere mit kleinen Gaben für Hilfsdienste zu gewinnen, müssen ins Leere laufen."

Im Senegal veschärft sich das Klima gegen Homosexuelle weiter, nachdem das Parlament ein drastisches Gesetz erlassen hat, das gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Männern unter hohe Strafen stellt (unser Resümee). "Mindestens vierzig Männer, die als homosexuell gelten, wurden bereits festgenommen, da sie im Verdacht stehen, 'goorjigeen' (homosexuell, auf Wolof) zu sein und absichtlich HIV übertragen zu wollen", berichtet Clémence Cluzel in Le Point. Sehr häufig werden bei der Verfolgung die Themen Homosexualität, Pädophilie und HIV zusamnmengebracht, so Cluzel, die auch mit Verfolgten gesprochen hat. "Ein weiterer Beweis, den die Ordnungskräfte heranziehen, um eine vermeintliche Homosexualität zu begründen: das Vorhandensein von Kondomen oder Gleitmittel bei einer Person. 'Für sie ist das ein Zeichen dafür, dass man schwul ist, das reicht ihnen', erklärt Moussa. Als sein kleiner Bruder die Unterlagen entdeckte, die ihm nach einem HIV-Test ausgehändigt worden waren, musste der Senegalese den Zorn seiner Mutter ertragen, die ihm 'schlechtes Benehmen' vorwarf. 'Ich erlebe in meiner Familie täglich Beleidigungen gegen Homosexuelle. Ich glaube, sie haben einen Verdacht, denn es gibt ständige Sticheleien. Meine Mutter hat mir versichert, dass sie mich aus dem Haus jagen würde, wenn ich schwul wäre, und mein Bruder hat mir gesagt, dass er selbst anrufen würde, um mich bei der Polizei anzuzeigen." In der taz berichtet Helena Kreiensiek zum Thema.

Gestern fürchtete die Politologin Maryam Baryalay in der FAZ mit Blick auf den Iran eine "politische Enthemmung seiner Randzonen", falls die Zentralmacht der Mullahs zu sehr geschwächt werde - sie meinte damit vor allem die Kurden (unser Resümee). Der Krieg ist längst da, sagt die Autorin Ronya Othmann heute im Gespräch mit Lenja Vogt in der taz: "Schon 2018 feuerte der Iran Raketen auf die Büros zweier kurdischer Oppositionsparteien in Koya. 2022, im Zuge der 'Frau, Leben, Freiheit'- Bewegung nach der Ermordung von Jina Amini, führte der Iran Drohnen-, Artillerie- und Raketenangriffe auf die Autonome Region Kurdistan durch. 2024 gab es erneut Angriffe, angeblich auf 'Mossad-Basen' - so der Iran -, getroffen wurden jedoch Wohnhäuser. Man kann die Liste weiter fortsetzen. Auch der Rest des Iraks ist längst Kriegsschauplatz, denn der wird zu großen Teilen von iranischen Milizen kontrolliert."

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In Chile herrscht wieder eine sehr rechte Regierung, die sich positiv auf Pinochet bezieht. Das liegt auch daran, dass chilenische Demokraten allzulange an einen Dialog mit den Pinochet-Anhängern glaubte, meint die Schriftstellerin Nona Fernández im Gespräch mit Eva-Christina Meier von der taz: "Die Demokratie war tolerant, sogar gegenüber denen, die es nicht sind, gegenüber denen, die sie angreifen, und das hat großen Schaden angerichtet. So sehr, dass wir eine Gesellschaft haben, die die Vergangenheit leugnet, in der eine Mehrheit auf eine rechtsextreme Regierung setzt. Es fällt uns schwer, das zuzugeben, es fällt uns schwer, das zu sehen, aber so ist es. Der Präsident wurde rechtmäßig gewählt. Es gibt keine Zweifel an dem Wahlergebnis. Also will die Bevölkerung einen Anhänger Pinochets als Präsidenten. Die Reden der Leute auf der Straße erlebe ich jeden Tag. Und dieser Präsident möchte mit seiner Familie tatsächlich erstmals wieder in den Regierungspalast La Moneda einziehen. Als Symbol etwas Ungeheuerliches. Es geht darum, diesen Raum einzunehmen, der auf gewisse Weise immer die bombardierte La Moneda Allendes geblieben ist. Und kein Ort, an dem man wohnt."

Im täglichen Michael-Hesse-Interview in der FR ist heute der Soziologe Wolfgang Streeck dran: "Amerika ist unbesiegbar und kann sich alles leisten."
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Geschichte

Bürger bei einer Versteigerung jüdischen Eigentums in der Gegend von Hanau, 1942 (Ausschnitt). © Medienzentrum Hanau Bildarchiv, Foto: Franz Weber

Was wussten die Deutschen?, fragt eine Ausstellung in der "Topographie des Terrors", die Andreas Kilb in der FAZ bespricht. Sie wussten. Sie konnten es jedenfalls wissen und weitererzählen, wenn sie es wollten, lernt er: "Auch die Mordinstrumente der Todesfabriken wurden ganz offen beworben, etwa von der Firma Kori, die in Anzeigen ihre kostensparenden Verbrennungsöfen pries, die auch in Flossenbürg, Mauthausen und Dutzenden anderen Lagern eingesetzt wurden."

Außerdem: In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ erinnert der Historiker Niklas Venema an den Ur-Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht, Vater des späteren Ur-Kommunisten Karl. In der NZZ fragt Urs Hafner: "Das Bundesarchiv in Bern bewahrt Unterlagen zum NS-Kriegsverbrecher Mengele auf - warum sind sie bis zum Jahr 2071 gesperrt?"
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Holocaust

Medien

Alexander Haneke erzählt in einem sehr interessanten Hintergrundartikel für die FAZ, wie Viktor Orbán die ungarischen Medien quasi komplett gleichschaltete - er lenkt das über befreundete Unternehmer und staatliche Anzeigen. Aber alles hat seine zwei Seiten, erläutert der Medienwissenschaftler Gabor Polyák, mit dem Haneke gesprochen hat. Die Staatsmedien sind schlapp und korrupt, weil sie automatisch Geld bekommen. "Auch hier kommt der Innovationszwang den Unabhängigen zugute. Da die klassischen Kanäle blockiert sind, mussten sie sich ins Internet verlagern, was heute eine viel größere Reichweite beschert, da die Algorithmen von Plattformen wie Facebook sehr darauf achten, wie organisch Inhalte geteilt werden. 'Die Regierung hat eine Menge Geld ausgegeben', sagt Polyák, 'aber ohne großen Effekt'. Der Fidesz agiere zu hierarchisch, was in sozialen Netzwerken nicht funktioniere. Trotz Influencern und 'digitalen Bürgerzirkeln' ist die Opposition so weit voraus, dass die Regierung Facebook regelmäßig unterstellt, die Tisza-Partei direkt zu unterstützen."
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Europa

Recht zufrieden resümieren Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie in der taz den Ausgang der französischen Kommunalwahlen, denen ein starker Signalcharakter für die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr zugesprochen wird. Die gefürchtete Polarisierung zwischen ganz links und ganz rechts fand nicht statt, "da die Listen der linken und rechten Mitte auch knappe Rennen und schwierige Ausgangslagen für sich entscheiden konnten", auch "Paris, Marseille und Lyon bleiben in der Hand gemäßigter Linker", so die beiden. "Der Ausgang der jetzigen Kommunalwahlen deutet an, dass Befürworter der rechten und linken Mitte sich nicht auf eine Wahl zwischen Pest und Cholera bescheiden müssen. Sie können das rechts- und linksautoritäre Unisono eines antieuropäischen Souveränitätsdenkens und eines kaum noch zu unterscheidenden Antisemitismus gemeinsam abwehren. Das kann - übrigens nicht nur in Frankreich! - auf nationaler Ebene gelingen, wenn sich in den verbliebenen Monaten bis April 2027 reformbereite und angesehene Repräsentanten der rechten und linken demokratischen Mitte profilieren, miteinander in den Wettbewerb treten und den Phrasen der Ultras entschlossen entgegentreten."
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Ideen

Tja, Günther Anders hatte wohl recht mit seiner Formel von der "prometheischen Scham", die wir angesichts der Maschinen empfinden, fürchtet Dieter Thomä in "Bilder und Zeiten" der FAZ. Der Begriff kommt angesichts der KI geradezu erst zu sich selbst: "Seitdem die Künstliche Intelligenz ihren Siegeszug angetreten hat, ist die prometheische Scham an jeder Ecke anzutreffen. Zwar konnte man sich kurz nach dem Start von ChatGPT noch über dumme Antworten amüsieren, die der Maschine zu entlocken waren, doch die Kinderkrankheiten sind längst ausgestanden. Man tritt der Technologie nicht mehr herablassend, sondern unterwürfig - oder eben: beschämt - gegenüber. Studierende lassen sich Texte schreiben und hadern damit, dass die KI-Produkte mehr taugen als ihre eigenen Elaborate. Rechtsanwälte sparen sich die Mühe, selbst einen Schriftsatz zu formulieren, und geben hinter vorgehaltener Hand zu, dass das, was die KI generiert, die eigenen Bemühungen toppt. Großunternehmen ersetzen Callcenter durch Chatbots. Verliebte lassen sich von der KI Gedichte schreiben und sind vom Ergebnis beeindruckt."

Trotz seiner Formel vom "Verdrängungsantikommunismus" der 1950er Jahre ist der Soziologe und "Habermas-Handbuch"-Herausgeber Hauke Brunkhorst überzeugt, Jürgen Habermas verdiene den Ehrentitel eines Antitotalitären - die Blätter drucken Brunkhorsts ausführlichen Nachruf: Habermas stehe wie im wesentlichen seine ganze Generation "trotz aller politischen Feindschaft, die sie (vor allem in den 1970er und 80er Jahren) polarisierte, und trotz des erheblichen Einflusses von Figuren wie Martin Heidegger, Ernst Jünger oder Carl Schmitt auf den rechten Flügel - insgesamt für den antifaschistischen beziehungsweise antitotalitären Konsens der alten Bundesrepublik. Wie tief die Befreiung vom Faschismus diese Generation und speziell Habermas geprägt hat, kann man fast bis in jeden Satz, den er geschrieben hat, verfolgen und nachvollziehen."
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Gesellschaft

Buch in der Debatte

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War die knappe Hälfte des Menschengeschlechts ein Fehltritt der Evolution? Die Frage muss man sich stellen, wenn man wie Jan Küveler in der Welt über die Fälle Epstein, Pelicot, Ulmen nachdenkt. Mit der Philosophin Manon Garcia, die ein Buch über den Pélicot-Prozess geschrieben hat, glaubt Küveler, dass "der Generalverdacht berechtigter scheint als seine radikale Verneinung". Ihr Beleg ist, dass es Monsieur Pelicot gelang, "aus einem Umkreis von nur fünfzig Kilometern mindestens siebzig verschiedene Männer in einen winzigen Flecken wie das Dörfchen Mazan in der Nähe des Mont Ventoux zu locken", um seine bewusstlose Frau zu vergewaltigen. Und was Collien Fernandes erzählt, bestätigt für Küveler den Verdacht: "Eine 'erotische Geschichte' sei verschickt worden, schreibt Fernandes auf Instagram, in der ihr virtuelles Alter Ego von knapp zwei Dutzend Männern vergewaltigt wurde. Immer wieder werde beschrieben, "wie sehr ich WEINE, dass ich ANGST habe, SCHMERZEN habe, immer wieder sage, dass ich das NICHT WILL. Die Geschichte endet damit, dass ich nach der GRUPPENVERGEWALTIGUNG noch eine Weile regungslos und SPERMAVERSCHMIERT auf dem Boden liege - 'Collien flossen Tränen aus ihren ka!eebraunen Augen'."

In Frankreich wird dieser Verdacht durch den Fall Tariq Ramadan bestätigt. Der angebliche Islamwissenschaftler (an seiner Dissertation gab es Zweifel) war jahrelang ein Liebling der Medien, Antipode Ayaan Hirsi Alis. In der Perlentaucher-Debatte über Antirasssismus und Islamkritik, die vor zwanzig Jahren geführt wurde (und die der Deutschlandfunk einst so resümierte), feierten Ian Buruma und Timothy Garton Ash Ramadan als einen, der Aufklärung und Religion versöhnt - anders als die "Fundamentalistin der Aufklärung" Hirsi Ali. Ash wollte Ramadan zum "Professor of Contemporary Islamic Studies" in Oxford ernennen. Aber Ramadan, stellte sich in mehreren Prozessen heraus, vergewaltigte gern seine Verehrerinnen, und zwar in grausamer Weise, und wurde jetzt in Abwesenheit zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Laurent Joffrin erinnert in lejournal.info an den Status des Lieblings der Linksliberalen, den Ramadan auch in Frankreich genoss sowie an die frühen Recherchen Caroline Fourests. "Trotz aller Hasskampagnen und Drohungen, die gegen sie gerichtet waren, hatten Fourest und einige andere klarsichtige Beobachter also Recht. Ramadan, das Idol der Dekolonialen, war in der Tat ein gefährlicher Heuchler, der Tausende aufrichtiger Gläubiger getäuscht hat, ebenso wie eine ganze Schar radikaler Intellektueller."

Weitere Artikel: Zum Fall Ulmen/Fernandes von Simone Schmollack in der taz (hier, "Der Fall Fernandes ist Sinnbild für das Patriarchat, das brutaler denn je zurückschlägt"), die taz sammelt auch Stimmen ("Mein Gesicht, mein Körper"), von Jens Christian Rabe in der SZ ("Was hat das mit mir zu tun?") und von Philipp Bovermann in der SZ ("Deine Qual ist meine Freude"). Livia Gerster und Mina Marschall haben für die FAS in Chatgruppen mitgelesen, wie Männer einander erklären, wie sie Deepfake-Pornografie herstellen. Und im Interview mit der FAS spricht der Sozialpsychologe Rolf Pohl über Sex, Gewalt und selbst ernannte Feministen: "Ich glaube, dass die Bezeichnung den Frauen vorbehalten sein sollte, weil sie aus der Frauenbewegung entstanden ist. Wenn Männer sich 'Feminist' nennen, ist das etwas vermessen."
Archiv: Gesellschaft