Manon Garcia

Mit Männern leben

Überlegungen zum Pelicot-Prozess
Cover: Mit Männern leben
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518001301
Broschiert, 195 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Andrea Hemminger. Die monströsen Verbrechen an Gisèle Pelicot, die von ihrem Mann über Jahre betäubt und von ihm und fast 70 anderen Männern vergewaltigt wurde, haben die Welt erschüttert. Das sich anschließende Gerichtsverfahren avancierte zu einem der aufsehenerregendsten Prozesse der letzten Jahrzehnte, nicht nur wegen der Schwere der Schuld, sondern weil weithin klar wurde, dass das dort Verhandelte Millionen von Frauen betrifft. Manon Garcia, eine der wichtigsten Feministinnen der neuen Generation, reiste zum Prozess nach Avignon, um diesen akribisch zu dokumentieren. Sie verbindet ihre präzisen Beobachtungen über den Verlauf des Verfahrens, die Angeklagten und deren Reaktion auf die Vorwürfe mit Überlegungen zur Rolle der Frau in der patriarchalen Gesellschaft. Und sie verknüpft sie mit eigenen Erfahrungen der alltäglichen Gefahr, Opfer zu werden. Angesichts der Abgründe männlicher Gewalt gelangt sie zu der existenziellen Frage: Wie noch mit Männern leben?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025

Rezensentin Katharina Teutsch erscheint es legitim, aus dem Pelicot-Prozess einen Gesellschaftsprozess zu machen, so wie es die französische Philosophin Manon Garcia in ihrem Buch unternimmt. Wieso sich so viele mit Gisele Pelicot, aber niemand mit dem Täter identifizieren will, fragt Garcia laut Teutsch und legt systematisch die erklärenden Diskursroutinen der Gesellschaft im Umgang mit den Tätern frei und auch die Parallelen zum Eichmann-Prozess. Sichtbar wird der Abgrund einer "normalisierten Frauenverachtung", zu deren Kritik und Überwindung die Autorin mit den richtigen Fragen auffordert, wie Teutsch findet. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.10.2025

Ob wir mit Männern leben können, fragt sich nicht nur Rezensentin Anna Vollmer, sondern auch die Philosophie-Professorin Manon Garcia, die anlässlich des Pelicot-Prozesses über allgegenwärtige Gewalt gegen Frauen nachdenkt. Sie spricht sich nicht für eine Verschärfung des Strafrechts aus, sie denkt vielmehr darüber nach, welche Konsequenzen wir im Zwischenmenschlichen aus einem solchen Prozess ziehen: Wie sprechen wir über sexualisierte Gewalt, wie über Macht, aber auch über Liebe und Familie? Vollmer ist froh, dass Garcia keine einfach-allgemeine Lösung propagiert, sondern sich differenziert Gedanken macht, so reflektiert sie die Rolle der Männer, die Erziehung der heranwachsenden Jungen, aber auch die Frage, wie Frauen mit der stetig lauernden Bedrohung umgehen. Regt zur Reflektion an, befindet die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.09.2025

Als ein intensives Lektüreerlebnis beschreibt Rezensentin Johanna Adorján dieses Buch, mit dem sie nicht in allen Details einverstanden ist. Geschrieben hat es die Philosophin Manon Garcia, die den Prozess gegen Dominique Pelicot und die vielen anderen Männer, die Pelicots bewusstlose Frau vergewaltigt haben, im Gerichtssaal mitverfolgte. Die zentrale Frage, die dieses Buch laut Adorján stellt, ist, angesichts der Tatsache, dass Pelicot so schnell so viele Mittäter rektrutieren konnte, ob es etwas in der Natur des Mannes gibt, was viele zu Vergewaltigern macht. In diesem Zusammenhang kommt Garcia auf das Thema Inzest zu sprechen, das im Prozess immer wieder thematisiert wurde und das für sie eine Art Urszene der sexuellen Gewalt und Unterdrückung ist. Inzest ist für die Philosophin, stellt Adorján dar, nicht so sehr auf Pädophilie, eher auf Dominanzverlangen zurückzuführen, und dafür bietet die Familie den besten Rahmen. Weiterhin geht es in dem Buch um die Tendenz in der Gesellschaft, männliche sexuelle Aggression zu entschuldigen. Dass Garcia Vergewaltigung als eine paraphile Störung - und nicht als ein Gewaltverbrechen - einordnen möchte, leuchtet Adorján nicht ein, überhaupt merkt man dem nicht immer ganz präzise argumentierenden Buch gelegentlich an, dass es sehr schnell geschrieben wurde. Leser, insbesondere männliche, wünscht Adorján Garcia dennoch viele.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 13.09.2025

Rezensent Nils Schniederjann zeigt sich beeindruckt von dem Buch, das die Philosophin Manon Garcia zum Pelicot-Prozess geschrieben hat: Als Mischung aus Prozessbericht und persönlichen wie theoretischen Überlegungen schreibt sie eindrücklich über die schrecklichen Taten, die von ganz normalen Männern begangen wurden. Aus Hannah Arendts "banalité du mal" wird die "banalité du male", die Banalität des Männlichen, die Garcia zu Fragen anregt, wie das Recht verfahren soll und wie man überhaupt noch mit Männern leben kann, schildert Schniederjann. Dass Garcia zu dem Schluss kommt, dass ein solches Zusammenleben nur in Form der Liebe möglich ist, regt den Kritiker dazu an, die eigene Position als Mann noch intensiver zu reflektieren. 

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