9punkt - Die Debattenrundschau

Und dabei Protestlieder singen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.03.2026. Der Libanon hat es auch wegen der Hisbollah und der daraus resultierenden ständigen Kriegsdrohung nicht geschafft, seine internen Konflikte zu bewältigen, sagt der Autor Charif Majdalani in der FAZ. Die Linkspartei hat ein Antisemitismusproblem, meint taz-Autor Nicholas Potter nach dem Antizionismusvotum des Landesverbands Niedersachsen. Die SZ unterbreitet der Welt publizistische Ideen: Wie wär's mit einer Kolumne von Wladimir Putin? Driftet die "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" ab, fragt die FAZ. Im Standard diagnostiziert Navid Kermani eine deutsche Neurose im Blick auf Israel.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.03.2026 finden Sie hier

Politik

Der neue Krieg im Libanon trifft ein bereits tief versehrtes Land, schreibt Christoph Ehrhardt in der FAZ. Die Hisbollah hat erklärt, bis zum letzten Mäuschen kämpfen zu wollen, Israel hat seinen Willen erklärt, die Hisbollah endgültig auszuschalten. "Endkampfstimmung breitet sich auch im Anti-Hisbollah-Lager aus. Nicht wenige Libanesen wünschen sich insgeheim, dass Israel seine Drohung wahr macht, die Schiitenorganisation auszumerzen. Es ist ein Moment der Wahrheit. Der Krieg zeigt, dass Libanon am Abgrund wandeln wird, solange die Waffen der Hisbollah Israel bedrohen und jene Kräfte im eigenen Land einschüchtern, die es wirklich voranbringen wollen. Die Propaganda der Hisbollah, die behauptet, sie verteidige ihre Heimat, klingt sogar in den Ohren vieler Schiiten hohl."

Das Land hat es auch wegen der Hisbollah und der daraus resultierenden ständigen Kriegsdrohung nicht geschafft, seine internen Konflikte zu bewältigen sagt der Autor Charif Majdalani im Gespräch mit Lena Bopp von der FAZ. Die Hoffnungen der Protestwelle von 2019 sind erloschen. "Das Volk hatte sich gegen die politische Klasse und gegen die Waffen der Hisbollah erhoben und wollte den Kommunitarismus überwinden. Tatsächlich handelte es sich um große Wut, ein großes Verlangen nach Veränderung, das jedoch von der politischen Klasse manipuliert wurde. Die Bewegung verlor an Schwung, und die Menschen fügten sich wieder. Auch Covid hat dazu beigetragen und die große Explosion im Hafen 2020 hat, anstatt die Wut zu schüren, eher Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht hervorgerufen."
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Stichwörter: Libanon, Hisbollah

Gesellschaft

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Im Standard-Interview mit Michael Wurmitzer spricht Navid Kermani über seinen neuen Roman, in dem er sich über die politischen Fragen Gedanken macht, die seit dem "Sommer 2024" (so sein neuer Roman) virulent sind (Trump, Debattenkultur, et cetera). Er spricht auch über das deutsche Verhältnis zu Israel. "Deutschland wird in der Israel-Unterstützung und auch in der Israel-Kritik immer neurotisch sein. (...) Man muss sich einfach der Neurose bewusst sein und vielleicht ein bisschen zurückhaltender operieren mit seinen Urteilen und Meinungen. Nicht Vorreiter sein bei der Unterstützung der israelischen Kriegsführung, nicht der Lautsprecher der israelischen Regierung, aber auch nicht die Speerspitze des Widerstands gegen den israelischen Kolonialismus oder so etwas. Man kann in Deutschland seine Meinung äußern, aber sie ist weder für das Geschehen im Nahen Osten besonders relevant, noch scheren sich dort viele um die deutsche Öffentlichkeit."
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Europa

Am Wochenende sprach sich der Landesverband Niedersachsen der Partei Die Linke gegen den Zionismus aus und warf Israel Genozid und Apartheid vor (unser Resümee). Die Partei hat ein Antisemitismusproblem, kommentiert Nicholas Potter in der taz: "Der antisemitische Flügel der Partei - dieser wird immer größer - zeigt sich berauscht von dem Erfolg. Der niedersächsische Landesverband sei als erster offiziell 'antizionistisch', grinst ein Parteimitglied mit Kufija in einem Instagram-Video. Eine Genossin sagt in dem Clip, sie hätten sich mit einem weiteren Antrag mit Aktivisten wie Ramsis Kilani solidarisch erklärt, der nach terrorverherrlichenden und antisemitischen Äußerungen aus der Partei ausgeschlossen worden war. Für Andreas Büttner, Linken-Politiker und Antisemitismusbeauftragter Brandenburgs, reicht es: Er ist aus der Partei ausgetreten. Im Januar wurde ein Brandanschlag auf sein Grundstück verübt, samt Hamas-Dreiecken. Die Verurteilung seiner Partei war halbherzig und zögerlich."

"Dabei wird der Genozid nicht als Folge einer konkreten Regierung in Israel oder so bewertet, sondern als notwendige Konsequenz der zionistischen Ideologie": So stellen sich die siegreichen Kräfte im Landesverband im besagten Video selber dar:



Wie verführerisch ein Koalieren mit linksradikalen Antisemiten für die verbliebenen Sozialisten in Frankreich ist, zeigt ihr Verhalten nach einigen Wahlerfolgen des Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon bei den französischen Kommunalwahlen. Mélenchon hatte sich neulich über die Aussprache jüdischer Namen mokiert, daraufhin hatten sich die Sozialisten (PS) mannhaft von ihm und seiner Partei "Unbeugsames Frankreich" (LFI) distanziert. Aber Pöstchen sind wichtiger und so unterstützen die Sozialisten in vielen französischen Städten LFI im zweiten Wahlgang - allerdings zum Glück nicht in Paris oder Marseille, kommentiert Laurent Joffrin in Lejournal.info. "Mit anderen Worten: Es gibt tatsächlich zwei PS innerhalb des PS: auf der einen Seite jene, die zum x-ten Mal auf Zwiespältigkeit und Sehnsucht nach einer Vereinigung der Linken setzen, die die 'Insoumis' mit aller Kraft unmöglich gemacht haben, es sei denn, die Sozialisten hätten sich unterworfen. Auf der anderen Seite diejenigen, die eine Emanzipation der Sozialisten innerhalb einer Linken anstreben, die frei ist von 'Lärm und Wut' sowie jeglicher Nachsicht gegenüber Antisemitismus." In der FAZ beleuchtet Marc Zitzmann die kulturpolitischen Aspekte der Wahlen in Paris.

Die Russen wollen so schnell wie möglich Frieden, aber nicht auf dem Verhandlungswege, sondern durch einen Sieg über die Ukraine, fasst der noch in Moskau lebende Autor Andrei Kolesnikow in der NZZ einige der neuesten Umfragen zusammen. Dennoch gibt es weiterhin Russen, die Widerstand gegen das Regime leisten, auch wenn dieser Widerstand unsichtbar bleibt. "Leisten Russen, die sich gegenseitig beistehen, um moralisch zu überleben, indem sie zum aus den sechziger und siebziger Jahren bekannten Regime der 'Küchendemokratie' zurückkehren, Widerstand? Die Antwort lautet: ja. Leute, die trotz der Überwachung ihrer Handlungen durch die Sonderdienste den Borisow-Friedhof mit dem Grab von Alexei Nawalny oder den Solowezki-Stein, das Denkmal für die Opfer politischer Repression unter Stalin, besuchen; Leute, die zur Musik von Straßensängern tanzen und dabei Protestlieder singen - auch sie sind Träger des Widerstands."
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Medien

Der Springer-Chef Mathias Döpfner möchte sich als der absolute Verteidiger der Meinungsfreiheit inszenieren, so Sonja Zekri in der SZ. Er diskutierte mit dem Verleger der Berliner Zeitung Holger Friedrich oder öffnete Elon Musk seine Zeitungen für einen AfD-Wahlaufruf. "Verluste nimmt Döpfner dafür in Kauf. Der Musk-Text beispielsweise kostete die Welt einige Redakteure." In der Welt am Sonntag durfte außerdem Viktor Orban darlegen, warum er nicht möchte, dass die EU sich zu sehr bei der Unterstützung der Ukraine verausgabt - erstklassige Kreml-Propaganda, findet Zekri. "Falls Mathias Döpfner diesen Weg dennoch weiter beschreiten möchte, deutet eigentlich alles auf eine Kolumne von Wladimir Putin hin. Da wäre mal was los im Meinungskorridor."
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Ideen

Das Habermas-Gedenken hat heute noch einige Ausläufer. Im FR-Interview mit Michael Hesse überblickt der Philosoph Rainer Forst das gesamte Werk von Jürgen Habermas, hebt aber besonders seine Rolle als Intellektueller im öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik hervor. Und die Wörter klingeln fast so schön wie beim Meister: "Jede Zeit hat, wie Habermas' Werke uns zeigen, ihre Potenziale wie auch ihre Gefahren für diskursive Öffentlichkeiten. Diese stehen stets unter Einflüssen der Macht, die sich auf diverse Ressourcen stützen, und Medien sind eine wichtige Ressource. Die Art, wie heute Öffentlichkeiten zerfallen beziehungsweise manipulierbar sind, hat ihn aufgeschreckt, aber er selbst steht mit seinen Interventionen für die republikanische Pflicht, weiter das Wort zu ergreifen und an die Öffentlichkeit zu appellieren, ihre eigene Verfasstheit zu reflektieren." In der NZZ erinnert Martin Meyer an Habermas.
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Digitalisierung

Das Social-Media-Verbot für Jugendliche in Australien funktioniert, freut sich Helmut Hartung in der FAZ: "Nach Auskunft der australischen Regierung wurden in den ersten zwei Tage 4,7 Millionen Konten von unter 16-Jährigen deaktiviert. Auf dem Kontinent gibt es etwa 2,5 Millionen Acht- bis 15-Jährige. Fast 84 Prozent der Acht- bis Zwölf-Jährigen hatten zuvor mindestens ein Social-Media-Konto. Damit ist eine beträchtliche Zahl der Konten Minderjähriger geschlossen worden." Hartung befragt deutsche Experten, die ein solches Verbot auf europäischer Ebene ebenfalls befürworten, etwa die in Australien lehrende Expertin Ingrid Volkmer, die empfiehlt, dass "eine solche Beschränkung, wie eine Altersbegrenzung bei Kinofilmen, ohne ideologische Scheuklappen, offen diskutiert werden" sollte.
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Kulturpolitik

Andreas Kilb legt in der FAZ mit Engelsgeduld äußerst komplizierte Diskussionen um die "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" und ihr Haus in Kreuzberg dar. Er lobt die Arbeit der bisherigen Chefin Gundula Bavendamm, die das Thema Vertreibung in den Ausstellungen des Hauses mit Empathie dargestellt habe, ohne den historischen Kontext zu verschweigen. Hinzukommt, so Kilb, dass es in Deutschland keine Vertriebenen mehr gibt - "selbst jene, die die Vertreibung bei Kriegsende als Kinder erlebten, sind weit über achtzig Jahre alt". Aber es gibt eine Vertriebenenlobby mit angeblich Millionen Mitgliedern und einem starken Rückhalt in der CDU-Fraktion des Bundestags. Die Gruppe stört sich laut Kilb am "Konnex zwischen der Vertreibungs- und Vernichtungspolitik des Deutschen Reiches in der ersten Hälfte des Zweiten Weltkriegs und den Vertreibungen aus den deutschen Ostgebieten". Bavendamm scheint abgesägt werden zu sollen. Sollten sich die "Vertriebenen" durchsetzen, so Kilb, dürfte es Ärger mit Polen geben. Unter Bavendamms Ägide sei die Furcht vor deutschem Revisionismus "einer vorsichtigen Sympathie gewichen, die gerade im strategisch wichtigen Nachbarland Polen zu einem weniger feindseligen Blick auf Deutschland beigetragen hat. Ihre Ablösung könnte jenen nationalistischen Kräften in Warschau neuen Auftrieb geben, die dem Opfernarrativ des BdV ihr eigenes entgegenstellen, verbunden mit astronomischen Entschädigungsforderungen an den Aggressor von einst."
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