9punkt - Die Debattenrundschau
Weil es schwer ist
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.12.2025. Identitätspolitik von links ist auch nicht besser als die von rechts, meint in der FAZ der Historiker Stephan Lehnstaedt, zumal sie klassisch imperiale Handlungsmuster aufweise. Die Zeit fragt sich, warum Mathias Döpfner Erinnerungskultur als Hemmnis für den Fortschritt zu begreifen scheint. Den Venezulanern wäre sehr geholfen, würde Maduro abdanken, meint die SZ, aber Donald Trump vermasselt auch das. In der NZZ erklärt der Historiker Sergey Radchenko, warum Putin noch gefährlicher als Stalin ist. Die FR fürchtet um die Medienvielfalt in Italien, sollten italienische Zeitungen nicht ins Ausland verkauft werden dürfen.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
18.12.2025
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Europa
Im NZZ-Interview mit Michael Schilliger spricht der russisch-amerikanische Historiker Sergey Radchenko über das Ende der Sowjetunion und wie diese, von vielen Russen als Demütigung empfundene Niederlage Putins Denken heute strukturiert - und ihn gefährlicher macht als Josef Stalin. Denn er wolle "die Demütigung aus dem Kalten Krieg umkehren. Er will Selenski entfernen. Denn Selenski hat sich ihm widersetzt. Das soll eine Lektion für andere Herausforderer sein. Er wird diese Ziele nicht gegen andere eintauschen. (...) Die Sowjetführer im Kreml verzehrten sich danach, als Führer einer Supermacht anerkannt zu werden. Das begehrt Putin genau gleich. Und was auch gleich ist: Beide haben die Mittel nicht, die diesen Führungsanspruch legitimieren würden. Es ist so, als ob sie sich an den Haaren selbst aus dem Sumpf zu ziehen versuchten. Die Sowjetunion hat das wirtschaftlich ruiniert. Putin glaubt, er könne die fehlende Stärke nun über Drohen wettmachen. Es wird gleich enden wie zuvor. Er führt Russland an einen dunklen Ort, von dem es kein Zurück mehr gibt."
Im FAZ-Interview über seinen neuen Film "Zwei Staatsanwälte" spricht der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa mit Yelizaveta Landenberger auch über den Ukrainekrieg und die sprachlichen Entstellungen, die ihn begleiten: "Im Anfang war das Wort, und das ist die Wahrheit. Denn so wie wir etwas benennen, so erscheint es. Wir geben uns wenig Rechenschaft darüber ab, dass sich die Welt in dem Moment, in dem wir sie mit dem Wort erschaffen, verändert. Ein einfaches Beispiel: Jetzt findet in Europa ein Krieg statt. Niemand nennt diesen Krieg einen europäischen. Er wird 'Krieg in der Ukraine' genannt. Folglich: Ukraine ist nicht Europa, die beiden werden auf rhetorischer Ebene getrennt. Es wird so getan, als ob der Krieg nicht bei uns wäre, sondern dort. Aber in Wahrheit findet der Krieg bei uns statt. Wenn man mit Waffen und Geld hilft, dann nimmt man schon an ihm teil. Die falsche Formulierung des Sachverhalts impliziert falsche Handlungen, führt zu einem Fehler, der später zu einer Tragödie für sehr viele werden wird. Verstehen Sie?"
Im FAZ-Interview über seinen neuen Film "Zwei Staatsanwälte" spricht der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa mit Yelizaveta Landenberger auch über den Ukrainekrieg und die sprachlichen Entstellungen, die ihn begleiten: "Im Anfang war das Wort, und das ist die Wahrheit. Denn so wie wir etwas benennen, so erscheint es. Wir geben uns wenig Rechenschaft darüber ab, dass sich die Welt in dem Moment, in dem wir sie mit dem Wort erschaffen, verändert. Ein einfaches Beispiel: Jetzt findet in Europa ein Krieg statt. Niemand nennt diesen Krieg einen europäischen. Er wird 'Krieg in der Ukraine' genannt. Folglich: Ukraine ist nicht Europa, die beiden werden auf rhetorischer Ebene getrennt. Es wird so getan, als ob der Krieg nicht bei uns wäre, sondern dort. Aber in Wahrheit findet der Krieg bei uns statt. Wenn man mit Waffen und Geld hilft, dann nimmt man schon an ihm teil. Die falsche Formulierung des Sachverhalts impliziert falsche Handlungen, führt zu einem Fehler, der später zu einer Tragödie für sehr viele werden wird. Verstehen Sie?"
Ideen
Erst Identitätspolitik von rechts mit ihrem Heimat- und Nationenkult und jetzt von links, was auch nicht besser ist, findet der Historiker Stephan Lehnstaedt in der FAZ. Denn so postkolonial die auch tut, sie ist in Wahrheit "von klassisch imperialen Handlungsmustern geprägt. Indem ethnische Gruppen identifiziert und damit definiert werden, kann ihnen ein Platz zugewiesen werden. Sie erhalten spezielle Beauftragte, die nicht grundsätzlich gegen Diskriminierung, sondern zuvorderst für die Interessen einer spezifischen Gruppe agieren und deren Kultur und Eigenheiten fördern sollen. Wie in Kolonialstaaten können diese Gruppen dann gegeneinander ausgespielt werden. Wirkliche Macht haben nur diejenigen, die über die Gruppenzugehörigkeit entscheiden." Da fügt sich auch bestens ein Antisemitismus ein, der sich als "Israelkritik" ausgibt und den Israelis "Genozid" vorwirft. "Die antisemitische Perfidie besteht darin, den Palästinensern als Gruppe keine kollektive Verantwortung für den Hamas-Terror zuzuschreiben, aber sehr wohl Israel als Nation und darüber hinaus alle Jüdinnen und Juden für einen angeblichen Genozid in Gaza haftbar zu machen."
Gesellschaft
Die Kritik Benjamin Netanjahus am australischen Premier Anthony Albanese nach dem Massaker am Bondi-Beach in Sydney mag überzogen gewesen sein, aber dass er den wachsenden Antisemitismus im Land nicht ernst genug genommen hat, stimmt eben auch, meint Thomas Hahn in der SZ: "Ein polternder Machtpolitiker war er noch nie. Seine demütige Art trug dazu bei, dass seine Labor-Partei im Mai ihre Regierung mit einem deutlichen Wahlsieg gegen die konservative Coalition verteidigte. Aber vor allem fehlen Albanese nach der Attacke von Bondi die Argumente. Die Anzahl der antisemitischen Verbrechen ist in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich deutlich angestiegen. Schon im Juli hat die zuständige Sondergesandte Jillian Segal deshalb einen ganzen Katalog an Vorschlägen vorgelegt, darunter: mehr Geld für Sicherheit. Trotzdem gab es keinen Schutz für ein großes jüdisches Fest am berühmtesten Strand Sydneys. Der Widerspruch ist Albanese wahrscheinlich selbst klar."
"Dieses Land ist ein Paradies", sagte der Vater der Schriftstellerin Lily Brett, nachdem er zusammen mit seiner Frau Auschwitz überlebt und nach Australien gekommen. Dort konnten sich Juden, so Brett in der SZ, bis zum Anschlag von Bondi Beach sicher fühlen. "Wir fühlten uns frei in Australien. So frei, wie meine Eltern, vor allem meine Mutter, sich fühlen konnten. Meine Mutter war sich sicher, dass die Nazis jederzeit in Australien auftauchen könnten. Sie bestand darauf, dass ich Deutsch lernte - eine Sprache, die ich fast völlig vergessen hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Nazis auftauchen würden. Ich glaubte, Australien würde das nicht zulassen. Australien, da war ich mir sicher, würde uns beschützen. Die Schüsse in Bondi und der Tod und die Verletzungen so vieler jüdischer Menschen haben dieser Fantasie ein Ende bereitet."
In der Zeit findet Mark Schieritz den Artikel Mathias Döpfners (hier, aber kostenpflichtig) zum Zustand der EU, dem er ein aufblühendes Amerika gegenüberstellt, reichlich unstimmig: "Agonie und Abstieg" diagnostiziere Döpfner nur hierzulande, dass "die Schuldenquote der USA inzwischen 125 Prozent der Wirtschaftsleistung beträgt und die Amerikaner nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds schon 2030 stärker verschuldet sein werden als die Griechen, die ja Konkurs anmelden mussten", sei ihm hingegen keine Erwähnung wert. Noch fragwürdiger findet Schieritz Döpfners Behauptung, "die Bundesrepublik leide 'immer noch' an ihrem 'nationalsozialistischen Trauma'... Das Argument greift eine Logik auf, die bislang vor allem von rechts außen und links außen ins Feld geführt wurde. Sie begreift die deutsche Erinnerungskultur als Hemmnis für den Fortschritt, und die empirischen Belege dafür als dünn zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung."
"Dieses Land ist ein Paradies", sagte der Vater der Schriftstellerin Lily Brett, nachdem er zusammen mit seiner Frau Auschwitz überlebt und nach Australien gekommen. Dort konnten sich Juden, so Brett in der SZ, bis zum Anschlag von Bondi Beach sicher fühlen. "Wir fühlten uns frei in Australien. So frei, wie meine Eltern, vor allem meine Mutter, sich fühlen konnten. Meine Mutter war sich sicher, dass die Nazis jederzeit in Australien auftauchen könnten. Sie bestand darauf, dass ich Deutsch lernte - eine Sprache, die ich fast völlig vergessen hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Nazis auftauchen würden. Ich glaubte, Australien würde das nicht zulassen. Australien, da war ich mir sicher, würde uns beschützen. Die Schüsse in Bondi und der Tod und die Verletzungen so vieler jüdischer Menschen haben dieser Fantasie ein Ende bereitet."
In der Zeit findet Mark Schieritz den Artikel Mathias Döpfners (hier, aber kostenpflichtig) zum Zustand der EU, dem er ein aufblühendes Amerika gegenüberstellt, reichlich unstimmig: "Agonie und Abstieg" diagnostiziere Döpfner nur hierzulande, dass "die Schuldenquote der USA inzwischen 125 Prozent der Wirtschaftsleistung beträgt und die Amerikaner nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds schon 2030 stärker verschuldet sein werden als die Griechen, die ja Konkurs anmelden mussten", sei ihm hingegen keine Erwähnung wert. Noch fragwürdiger findet Schieritz Döpfners Behauptung, "die Bundesrepublik leide 'immer noch' an ihrem 'nationalsozialistischen Trauma'... Das Argument greift eine Logik auf, die bislang vor allem von rechts außen und links außen ins Feld geführt wurde. Sie begreift die deutsche Erinnerungskultur als Hemmnis für den Fortschritt, und die empirischen Belege dafür als dünn zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung."
Politik
Die Methoden, die Donald Trump anwendet, um Venezuelas Machthaber Nicolas Maduro zum Abdanken zu zwingen, muss man nicht gutheißen - ein Venezuela ohne Maduro wäre trotzdem besser für die Venezolaner, konstatiert Benedikt Peters in der SZ. Trump "könnte Maduro auch einschüchtern, ohne dabei wehrlose Menschen zu töten; bei den Bombardierungen der mutmaßlichen Schmugglerboote vor der venezolanischen und kolumbianischen Küste gab es bisher etwa 90 Opfer. Es geht Trump auch weniger um die Freiheit der Venezolaner als um einen Zugriff auf die üppigen Ölquellen des Landes, daran bestand auch vor seinem Enteignungs-Post kein Zweifel. Trotz alledem wäre es eine Erlösung für Venezuela, wenn Maduro endlich abdankt. In den zwölf Jahren, die der selbsterklärte Sozialist regiert, gab es für die meisten Menschen im Land praktisch nur eine Frage; nämlich die, wie sie angesichts der ständigen Versorgungskrise und knapper Löhne über die Runden kommen sollen."
Kulturpolitik
Stuttgart, Berlin, München Karlsruhe - alles Städte, die in ihren kommenden Haushalten an der Kultur sparen, konstatiert Peter Laudenbach in der SZ. "Der Grund, weshalb die Kulturetats der Städte bundesweit unter Druck geraten, ist die schwierige Haushaltslage der Kommunen. Ihre gestiegenen Kosten, etwa für Ganztagsbetreuung, Unterbringungskosten, Sozialausgaben, stehen schon länger in keinem Verhältnis zu den stagnierenden Einnahmen. Seit Monaten machen die Bürgermeister parteiübergreifend mit Brandbriefen und Statements, die immer mehr wie Hilferufe klingen, auf ihre strukturelle Notlage aufmerksam. Vor drei Wochen hat der Präsident des Deutschen Städtetags, Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), die Situation so zusammengefasst: 'Die Städte können nicht mehr. Die städtischen Haushalte kollabieren reihenweise, mittlerweile auch in den reicheren Bundesländern.'" Es stehen also an allen Standorten Einsparungen an. Wie sich allerdings eine langfristige und mit weniger Einsparungen verbundene Finanzierung hinbekommen lässt, bleibt offen.
Medien
Ausgerechnet die neofaschistische Giorgia Meloni könnte verhindern, dass die traditionsreichen italienischen Zeitungen La Republica und La Stampa (unsere Resümees) in den Besitz des griechischen Reeders Theodore Kyriakou übergehen, schreibt Dominik Straub in der FR. Die Regierung kann ihre "Golden Power" nutzen, um den Verkauf zu stoppen, was aber bedeuten könnte, dass die Meloni-kritischen Zeitungen in die Hände vom Meloni-Unterstützer Francesco Gaetano Caltagirone fallen könnte. "Bisher hatten sich Befürchtungen, die postfaschistische Giorgia Meloni könnte die Medienvielfalt in Italien untergraben und kritische Medien auf Regierungskurs bringen, nicht bewahrheitet. Sollte sie nun aber der Versuchung erliegen, gegen den Verkauf der Repubblica und der Stampa die 'Golden Power' in Stellung zu bringen, um ihren politischen Freund Caltagirone zum Zug kommen zu lassen, müsste dies als eine radikale und bedenkliche Abkehr von ihrer bisherigen medienpolitischen Neutralität gewertet werden."
In der SZ erinnert Claudius Seidl an die Tage auf Twitter (heute X), an denen noch Hölderlin-Zitate gepostet wurden und die Plattform einen Mehrwert bot. Bei der Übernahme durch Elon Musk sind viele zu (linke bis linksliberale) Bluesky geflüchtet, kommen aber wieder zurück, weil sie merken, dass nur auf X etwas zu holen ist. "Die Linksliberalen kehren genau deshalb zu X zurück, vermutet der New Yorker: Weil, bei Bluesky unter sich zu bleiben, keinerlei Wirkung habe. Und weil das 'Wettrüsten um die Aufmerksamkeit' nur bei X gewonnen werden könne." Schließlich könne Elon Musk nicht alle X-Nutzer durch Algorithmen kontrollieren. "Der Gegner ist sehr mächtig; vielleicht sollte man den Wettbewerb aber trotzdem wagen. Nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist."
In der SZ erinnert Claudius Seidl an die Tage auf Twitter (heute X), an denen noch Hölderlin-Zitate gepostet wurden und die Plattform einen Mehrwert bot. Bei der Übernahme durch Elon Musk sind viele zu (linke bis linksliberale) Bluesky geflüchtet, kommen aber wieder zurück, weil sie merken, dass nur auf X etwas zu holen ist. "Die Linksliberalen kehren genau deshalb zu X zurück, vermutet der New Yorker: Weil, bei Bluesky unter sich zu bleiben, keinerlei Wirkung habe. Und weil das 'Wettrüsten um die Aufmerksamkeit' nur bei X gewonnen werden könne." Schließlich könne Elon Musk nicht alle X-Nutzer durch Algorithmen kontrollieren. "Der Gegner ist sehr mächtig; vielleicht sollte man den Wettbewerb aber trotzdem wagen. Nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist."
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