Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.09.2025. In der Nacht wurde Charlie Kirk in einer gigantischen Trauerzeremonie sozusagen heilig gesprochen. Die Verschmelzung zwischen Evangelikalismus und Politik war nie inniger, notiert die New York Times, aber das religiöse Gesäusel schließt den Hass keineswegs aus, machte Donald Trump mit seiner Rede klar. In Zeit online erklärt Völkerrechtler Andreas Zimmermann, was eine Anerkennung Palästinas als Staat durch Frankreich oder Britannien für konkrete Auswirkungen hat. Die taz lernt auf dem Deutschen Historikertag Neues über antisemitische Kontinuitäten. RuhrbaronStefan Laurin beobachtet, wie der Antisemitismus in den Mainstream einsickert.
Wie stark wurde je der zentrale religiöse Pfeiler im ideologischen Wahn der MAGA-Rechten benannt? Die Gedenkzeremonie für Charlie Kirk im State Farm Stadium Glendale, Arizona, nahe Phoenix, kam einer kollektiven evangelikalen Heiligsprechung des Influencers gleich. Elizabeth Dias schreibt in einer ersten Reaktion für die New York Times: "Bei der Gedenkfeier für Kirk am Sonntag .. verschmolzen die höchsten Ebenen der US-Regierung und der evangelikalen Kirche zu einer Einheit. Wohl noch nie zuvor hatte eine solche Verschmelzung in einem so groß angelegten öffentlichen Rahmen stattgefunden. Die Gedenkfeier war mehr als nur eine Hommage im Stil der evangelikalen Tradition von Kirk... Die Überzeugung, dass Kirk ein moderner christlicher Märtyrer ist, zog sich wie ein roter Faden durch den Gottesdienst."
So sehr Kirk als ein Mann der Liebe gefeiert wurde, der noch mit seinen erbitterten Feinden den Dialog suchte - ausgerechnet Donald Trump setzte einen ganz anderen Akzent und machte in obszöner Ehrlichkeit klar, wozu ihm der Tod Kirks dienen wird: "Er hasste seine Widersacher nicht, er wollte das Beste für sie. In diesem Punkt stimme ich mit Charlie nicht überein. Ich hasse meine Widersacher und will nicht das Beste für sie."
President Trump at Charlie Kirk Memorial Service: "He did not hate his opponents. He wanted the best for them. That's where I disagreed with Charlie. I hate my opponent and I don't want the best for them. I'm sorry. I am sorry Erika." pic.twitter.com/zCEroMKKqM
"In der erneuten kommunitaristischen Debatte, die seit einigen Jahren in den USA geführt wird, finden sich viele Themen aus den 1980er-Jahren wieder", konstatiert der Philosoph Leander Scholz in der Welt. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zu den Reagan-Jahren: "Nicht mehr dem Republikanismus, sondern dem Glauben werden die Bindungskräfte zugetraut. Anders als die Neokonservativen, die ihren politischen Überzeugungen auch weltweit Geltung verschaffen wollten, richten sich die neuen Kommunitaristen nach innen an das Eigene. Galt es bis vor Kurzem noch als ausgemacht, dass der westliche Liberalismus ein Alleinstellungsmerkmal weltpolitischer Überlegenheit sei, hat sich inzwischen der Verdacht durchgesetzt, eine allzu liberale Gesellschaft könne der Rivalität mit anderen selbstbewussten Kulturräumen nicht gewachsen sein."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Für die SZ resümiert Sonja Zekri eine Diskussion, die der Islamkritiker Hamed Adbel-Samad und Philipp Peyman Engel in Berlin geführt haben, um ihr neues Buch vorzustellen. Das besteht aus Briefen, in denen die beiden über Israel debattieren: "Je mehr Briefe sie schreiben, je mehr Argumente und Vorwürfe sie austauschen, desto mehr Trennendes entdecken sie. Abdel-Samad lehnt die islamistische Hamas ab - 'ihre Ideologie, ihre Gewalt gegen Zivilisten und ihren autoritären Führungsstil' -, beschreibt ihre Entstehung aber als Folge des Scheiterns der säkularen PLO nach dem Sechstagekrieg und der israelischen Besatzung. ... Philipp Peyman Engel muss das erst mal 'sacken lassen'. Für ihn ist die Hamas das einzige und ausschließliche Friedenshindernis, 'barbarische, kaltblütige Killer' - 'ohne den viel zitierten 'Kontext'."
In der NZZblickt Daniel Rickenbacher genauer auf die Vorwürfe, Israel töte gezielt palästinensische Journalisten in Gaza: "Reporter ohne Grenzen erhob erste Vorwürfe gegen Israel schon wenige Tage nach dem 7. Oktober. In einem der Artikel - er trägt den Titel 'Israel erstickt den Journalismus im Gazastreifen' - ist ein Bild abgedruckt, das einen Mann mit weißen Haaren bei einer Beerdigung zeigt, umringt von Männern in Pressewesten. Eine Bildersuche ergibt, dass das Bild zuerst bei al-Kuds-News erschien, einer Nachrichtenagentur, die der Hamas nahesteht. Auch der weißhaarige Mann ist kein Unbekannter. Er heißt Salama Maaruf und leitet seit 2017 das sogenannte Regierungsmedienbüro in Gaza. Kontrolliert wird dieses Büro von der Hamas, womit es faktisch deren Pressestelle ist. Es verbreitet über soziale Netzwerke wie Telegram regelmäßig Listen getöteter Journalisten."
Ja, Palästina erfüllt alle Kriterien, um als Staat anerkannt zu werden, meint der Völkerrechtler Andreas Zimmermann im Zeit Online-Gespräch mit Heinrich Wefing. Die Anerkennung durch beispielsweise Frankreich sei außerdem nicht nur symbolisch zu verstehen: "Völkerrechtlich gesehen ändert sich etwa das Verhältnis zwischen Frankreich und Palästina. Zwischen Frankreich und Palästina ist dann unstreitig, dass Palästina ein Staat ist. Frankreich ist damit verpflichtet, gegenüber Palästina alle Pflichten zu erfüllen, die man im völkerrechtlichen Verkehr mit einem anderen souveränen Staat hat. Deren Vertreter genießen dann Diplomatenstatus, das Staatsoberhaupt genießt Immunität. Palästina kann dann auch seitens der anerkennenden Staaten nicht die Aufnahme in internationale Organisationen mit dem Argument verweigert werden, es sei kein Staat." Die Situation in Gaza ändere sich allerdings dadurch nicht: "Der Konflikt in Gaza ist ja kein Konflikt zwischen Israel und dem Staat Palästina, wenn es ihn denn gibt, sondern es ist ein militärischer Konflikt zwischen der Hamas und Israel. Das lässt sich völkerrechtlich vielleicht mit der Auseinandersetzung zwischen den Nato-Staaten und den Taliban in Afghanistan bis zum Jahr 2021 vergleichen."
Gerade wurde in München eine alte Synagoge neu der Öffentlichkeit übergeben (unsere Resümees), nun soll in Hamburg die ehemals größte Synagoge Norddeutschlands wiederaufgebaut werden, die Bornplatzsynagoge, berichtet Gernot Knödler in der taz: "Ob ein Wiederaufbau der sogenannten Bornplatzsynagoge am heutigen Joseph-Carlebach-Platz der richtige Weg ist oder das hier geschehene Unrecht unsichtbar macht, war im Vorfeld umstritten. Das Projekt wird von der orthodox ausgerichteten Jüdischen Gemeinde in Hamburg getragen und von der Stadt wie dem Bund unterstützt. Die liberale jüdische Gemeinde, die im Israelitischen Tempelverband organisiert ist, wurde nicht beteiligt. Zwischen den beiden Gemeinden gibt es seit Jahren Streit."
Am Freitag drangen drei russische Kampfjets in den Nato-Luftraum über Estland ein und flogen dort für mehrere Minuten herum. In der SZ resümiert Hubert Wetzel, was das zu bedeuten hat: "Drei hochmoderne, schwer bewaffnete - und bemannte - Kampfjets, die auf die Hauptstadt eines Nato-Landes zufliegen, sind eine sehr viel ernstere Bedrohung als primitive, unbemannte Fluggeräte. Putin, das lässt sich kaum noch leugnen, testet die Nato. Er will wissen, wie weit er gehen kann, was sich die Nato traut, vor allem aber: wie geschlossen das Bündnis zusammensteht und seine Provokationen kontert. Er hat mit Nadelstichen angefangen, sich inzwischen aber zu Dolchstößen in die Ostflanke der Allianz vorgearbeitet."
Letzte Woche fand unter großer Beachtung der Medien der 55. Deutsche Historikertag statt. Andreas Fanizadeh hörte sich für die taz Diskussionen über das Phänomen des Antisemitismus an und stieß auf bisher wenig bekannte Kontinuitäten: Avner Ofrath, Historiker von der Freien Universität Berlin, "zitierte ausgiebig aus dem 1935 veröffentlichten Manifest 'Die Juden in Algerien' und stellte dar, wie darin die jüdische Bevölkerung als Gruppe in Gänze stigmatisiert und rassifiziert wurde. Aus dem Diskurs der nationalen Befreiung wurden sie ausgeschlossen und als heimlich agierende 'mächtige Bourgeoisie' charakterisiert, als 'Profiteure' der französischen Kolonialherrschaft. Der Text ist, folgt man Ofrath, ein Beispiel dafür, wie die antisemitische Legende von der jüdischen Unterwanderung Algeriens und der islamischen Welt Verbreitung fand." In der SZ hatte am Samstag bereits Alexander Menden vom Historikertag berichtet, in der FAZ schreibt Patrick Bahners.
Am Samstag staunten wir über die Liste der "besten deutschen Denker" in der FAS. 28 Autoren wurden mit kleinen Erläuterungen als die maßgeblichen Intellektuellen der Gegenwart vorgestellt. Wir haben die Namen aus der FAS abgeschrieben und dabei fälschlich den Staatsrechtler Christoph Möllers als Nummer 1 gesehen. Hier müssen wir uns korrigieren: Nummer 1 war Steffen Mau, dicht gefolgt von Hito Steyerl.
Wer ein wenig zurückblickt, kann über die Entwicklung der Diskurse nur schockiert sein. Längst ist der Antisemitismus zum Mainstream geworden, fürchtetRuhrbaron Stefan Laurin: "Längst wird er nicht mehr nur von Neonazis, autoritären Linken wie Stalinisten, Trotzkisten und radikalen Muslimen ausgelebt. Ihnen ist es gelungen, dass sich immer weitere Teile der Bevölkerung wieder dazu bekennen, Juden und Israel zu hassen. Die Politik hat das erkannt: Ursula von der Leyen ist für einen Boykott Israels, und Teile der SPD unterstützen sie dabei. Als 2018 mit den Young Fathers bei der Ruhrtriennale eine Band auftreten sollte, die zum Boykott Israels aufrief, löste unsere Berichterstattung noch einen bundesweiten Skandal aus. Was damals noch ein Tabubruch war, ist heute Teil der offiziellen Politik."
ChatGPT hat untersucht, wofür die KI-App tatsächlich benutzt wird. Das Ergebnis ist erstaunlich, berichtet Holger Schmidt im Wirtschaftsteil der FAZ: "Im beruflichen Kontext ist das Schreiben der wichtigste Anwendungsfall. Rund 40 Prozent aller arbeitsbezogenen Nachrichten betreffen das Erstellen, Kürzen, Redigieren oder Übersetzen von Texten; praktische Anleitung folgt mit gut 20 Prozent. Programmierhilfe und andere Formen technischer Unterstützung spielen eine deutlich kleinere Rolle als oft angenommen. Das könnte allerdings daran liegen, dass ChatGPT hier sicher nicht seine Kernkompetenz hat... Besonders relevant: Zwei Drittel der Schreibaufgaben beziehen sich nicht auf vollständig neue Texte, sondern auf die Verbesserung von vorhandenen Entwürfen, also Korrektur, Stil, Struktur, Zusammenfassung oder Übersetzung. Das spiegelt den Alltag vieler Wissensarbeiter, die Texte iterativ verfeinern, statt jedes Mal bei null zu beginnen."
Die Absetzung der Moderatorin Julia Ruhs zumindest im NDR, der eine senderinterne Kampagne vorausging, zeigt sehr wohl, dass es in Deutschland so etwas wie eine "links-grüne Meinungsmacht" gibt, findet Philipp Eppelsheim im Leitartikel der FAZ: "Zur Folge hat das, dass viele Bürger sich nicht nur von der Politik, sondern auch von der Presse bevormundet und für dumm verkauft fühlen. Wenn statt Meinungsvielfalt nur noch eine bestimmte politische Agenda verfolgt wird, darf man sich über den Lügenpresse-Vorwurf nicht wundern - und auch nicht, wenn Bürger sich von den sogenannten Mainstream-Medien abwenden."
Ruhs kommt selbst im Focus auf die Absetzung zurück: "Mir wurden 'handwerkliche Fehler' vorgeworfen, lese ich jetzt in Artikeln. Das ist lustig, denn natürlich wurde jede einzelne Zeile in den Sendungen abgenommen. Und das von einer Reihe wichtiger Leute. Sie tun jetzt so, als hätte ich die redaktionelle Verantwortung getragen. Sie wissen selbst, dass das Quatsch ist. Ich war das Gesicht der Sendung und Reporterin. Aber ich hatte nie das letzte Wort. Mein Rauswurf war vor allem eines: politisch."
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