Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.09.2025. Der Disney-Konzern nimmt seinen ganzen Mut zusammen und macht die Absetzung des Comedian Jimmy Kimmel rückgängig - Druck von Hollywood-Gewerkschaften hat laut New York Times geholfen. In der SZ erklärt Eva Illouz, wie die Postmoderne die Welt zu Text machte und dabei die Wahrheit opferte. In der FR macht Josephine Quinn klar, dass Ägypten, Persien und Indien zum "Westen" gehören. Die vorauseilende Anerkennung eines Staates Palästina bleibt umstritten.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der SZ spricht die israelische SoziologinEva Illouz über den größten Fehler der Linken, der zum Wahlsieg Donald Trumps beitrug: ihren hochtrabenden Moralismus. Und über den Antisemitismus vieler Linker, der sich nach dem 7. Oktober offenbarte. Begründet findet sie den unter anderem in einem "Sammelsurium französischer Theorien, darunter Postmoderne, Dekonstruktion und postkoloniale Studien", das Theorie über Geschichte und Narrativ über Wahrheit stellte: "Da ist erstens die Idee der 'Superstruktur', mit der Beobachtungen über Strukturen von einem Kontext auf einen anderen übertragbar sind: Der Siedlerkolonialismus in Australien und jener in den Vereinigten Staaten wird mit dem Siedlerkolonialismus Israels vergleichbar, obwohl dies nur durch radikale Vereinfachungen möglich ist, die nichts mit der Realität zu tun haben. Juden haben zum Beispiel immer in einem Gebiet gelebt, das die Römer Palästina nannten - und in dem Juden politische Souveränität hatten." Sodann die Superkritik: "Superkritik ist der Impuls, die vorherige Kritik zu kritisieren, mehr als andere zu kritisieren, sogar das, was Fortschritt ist. Kritik wird so zum Endziel des Denkens. Und zuletzt - gibt es noch das, was ich 'Pan-Hermeneutik' nenne: Alles ist ein Text. Wer so denkt, hat die Autorität, Texte - also die Wirklichkeit - so zu interpretieren, wie sie oder er will."
"Wie die Propagandaveranstaltung eines evangelikalen Gottesstaates", wirkte die Trauerfeier für Charlie Kirk auf Bernd Pickert von der taz: "Die in westlichen Ländern wohl schamloseste Gleichsetzung von rechter Politik, Religion und Staatsapparat seit der spanischen Franco-Diktatur kennzeichnet das Regierungshandeln in den USA mindestens seit Kirks Ermordung."
Und die von Trump mobilisierte Bevölkerung geriet in religiöse Verzückung, berichtet ebenfalls für die taz Hansjürgen Mai: "Die Trauerfeier dauerte insgesamt mehr als fünf Stunden. Bereits am frühen Morgen, noch vor der Eröffnung der Veranstaltung, mussten Menschen wieder nach Hause geschickt werden, da die maximale Kapazität des Stadions erreicht worden war, erklärte die lokale Polizeibehörde. Eine fast zwei Kilometer lange Schlange bildete sich um das Stadion. Die Organisatoren hatten sich gewünscht, dass die Menschen ihren Patriotismus zeigen und sich in den Farben der US-Flagge - rot, weiß und blau - kleiden, um Kirk zu ehren. Die meisten sind dieser Aufforderung nachgekommen. Auch die obligatorischen MAGA-Kappen durften natürlich nicht fehlen."
Unterdessen annonciert der Disney-Konzern, dass die Jimmy-Kimmel-Show ab heute wieder aufgenommen wird. Der Comedian war nach Druck der Trumpianer suspendiert worden, er hatte den Mörder Charlie Kirks der MAGA-Rechten zugeordnet (unsere Resümees). Aber nun hat es in der so ausgeknockt wirkenden amerikanischen Öffentlichkeit auch Gegendruck gegeben, berichtet ein Reporterteam der New York Times: "In den Tagen seit der Entscheidung von ABC haben mindestens fünf Hollywood-Gewerkschaften, die zusammen mehr als 400.000 Arbeitnehmer vertreten, das Unternehmen öffentlich verurteilt. Die Gewerkschaft der Drehbuchautoren verurteilte die 'unternehmerische Feigheit' und organisierte letzte Woche eine Protestaktion vor dem Haupttor der Disney-Zentrale in Burbank, Kalifornien. Damon Lindelof, einer der Schöpfer der ABC-Serie 'Lost', erklärte, dass er, sollte Kimmels Sendung nicht wieder ausgestrahlt werden, 'nicht guten Gewissens für das Unternehmen arbeiten' könne, das diese Entscheidung getroffen habe. Michael Eisner, ehemaliger Geschäftsführer von Disney, äußerte sich am Freitag ebenfalls in den sozialen Medien mit einer seltenen Kritik." Die Show wird von Disney produziert und von Sendern des ABC-Verbundes ausgestrahlt - nicht alle Sender wollen dabei aber mitmachen.
Die Anerkennung eines Staates Palästina durch Frankreich oder Britannien ist Augenwischerei, meint Nikolas Busse in der FAZ: "In Umfragen unter den Palästinensern ist die Hamas immer noch die stärkste Partei, und ihr Terrorangriff vom 7. Oktober wird weiter von einer Mehrheit befürwortet. Auch wenn für den Gaza-Teil unklar ist, wie verlässlich solche Befragungen derzeit sind, machen sie es nicht wahrscheinlicher, dass sich Israel in absehbarer Zeit auf eine Zweistaatenlösung einlassen wird. Die Angst vor einem neuen 'Hamastan' ist real, und man sollte sie auch in europäischen Hauptstädten ernst nehmen."
Die Anerkennung Palästinas ist Ausdruck einer symbolischen Friedenspolitik, schwach also, aber mit "toxischer Wirkung", meint Benedict Neff in der NZZ. "Die Hamas kann für sich in Anspruch nehmen, dass sie den Anerkennungsprozess im Westen mit Terror beschleunigt hat. Zwei Jahre nach ihrem Großangriff auf Israel mit rund 1200 Opfern und 250 Geiseln wird sie mit einer westlichen Anerkennungswelle geradezu belohnt. Natürlich werden an dieser Stelle viele einwenden, es sei letztlich die israelische Gewalt gegen die Palästinenser, die die westliche Solidarität auslöse. Für die Hamas ist dies einerlei, zielt ihre perfide Kriegsführung doch ohnehin darauf ab, die eigene Bevölkerung maximal in Mitleidenschaft zu ziehen. Die Hamas dürfte die Anerkennung daher als Rückenstärkung für ihren Krieg gegen Israel sehen und bestimmt nicht als Motivation, um in eine friedliche Zweistaatenlösung einzulenken. Israel wiederum nimmt die Solidaritätswelle gegenüber Palästina zum Anlass, um mit der Annexion des Westjordanlands zu drohen."
Ahmad Mansourschreibt dazu auf Twitter: "Wer heute lauthals zwei Staaten fordert, ohne die Grundlagen zu schaffen, baut eine Brücke an einer Wolke: hübsch auf dem Papier, tödlich beim Betreten. Pfeiler heißen: ein funktionsfähiger Rechtsstaat, das Gewaltmonopol (Entwaffnung der militanten Gruppen), verlässliche Sicherheitsgarantien, Bildung und Re-Education, ein Ende der Aufstachelung in Lehrplänen und Predigten sowie die Anerkennung der wechselseitigen Existenzrechte. Erst diese harte, schrittweise Arbeit schafft die Bedingungen für Grenze, Vertrag und Frieden."
Und auch Ursula von der Leyen meldet sich auf Twitter aus dem glamourösen Rahmen der UN-Vollversammlung und kündigt an, Geld zu geben:
We will set up a Palestine Donor Group.
Because any future Palestinian State must be viable also from an economic point of view.
And we Europeans will set up a dedicated instrument for Gaza's reconstruction.
Seit dem Frühjahr 2014, als "grüne Männchen" die Krim besetzten, testet Putin den Westen. Die Methode ist immer dieselbe: "Eine Grenze wird testhalber überschritten. Die Reaktion wird genau beobachtet. Bleibt sie aus - oder ist sie zu schwach -, wird die nächste Grenze übertreten. Schritt für Schritt, langsam, heimlich, nähert sich das Raubtier Europa und wählt sein nächstes Opfer", schreibt der ukrainische Autor und Journalist Sergey Maidukov in der SZ. "Aggression hört niemals von selbst auf. Ohne Widerstand steigert der Angreifer nur den Druck. Das ist ein Axiom, das die 32 Mitglieder der Nato in den Jahrzehnten stabiler, ruhiger Existenz vergessen haben. Friedfertigkeit ist eine edle menschliche Eigenschaft - doch sie überlebt nur dort, wo es keine Aggressoren gibt. Erinnert unsere Welt heute an einen solchen behaglichen Ort? Drei russische MiG-31-Kampfjets, die zwölf Minuten lang über Estland kreisten, gaben die Antwort. Estland erklärte dies zur fünften Verletzung seines Luftraums in diesem Jahr" und das wird immer so weitergehen, warnt Maidukov und fordert Taten: "Die Wahrheit über menschenfressende Raubtiere ist, dass sie meist lahm oder zahnlos sind. Widerstand stoppt sie."
FAZ-Redakteur Andreas Kilb stellt dem neuen Bundeskulturminister Wolfram Weimer (der natürlich eigentlich nur ein Staatssekretär ist) bisher nicht die beste Note aus. Er wirke "wie ein Sportkommentator, der noch nicht gemerkt hat, dass er jetzt selbst auf dem Spielfeld steht". Als Quereinsteiger sei er total von seinem Duzfreund Friedrich Merz abhängig. In manchem übernimmt er einfach Clauda Roths Entwürfe, etwa bei dem Gedenkstättenkonzept. Ein paar charakteristische Abweichungen gibt es aber immerhin: "Deutsche Kolonialverbrechen kommen in dem neuen Entwurf nicht mehr vor, stattdessen wird bürgerschaftliches Engagement bei der Entstehung von Gedenkstätten betont und belohnt. Und die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung ist wie befürchtet aus dem Ressort des Kulturstaatsministers herausgefallen, nur bleibt ihr neuer Dienstherr, das Bundesinnenministerium, in dem die Vertriebenenverbände über eine tonangebende Lobby verfügen, in Weimers Text bezeichnenderweise unerwähnt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der FR spricht die Cambridge-Historikerin Josephine Quinn über ihr Buch "Der Westen". Damit will sie unter anderem auch der Vorstellung entgegentreten, der Westen sei ausschließlich ein Erbe Griechenlands und Roms: Das sei "schlicht nicht die ganze Geschichte. Ich unterrichte und schreibe viel über Griechen und Römer - aber was mich dabei frustriert: Wenn man sie isoliert betrachtet, versteht man sie nicht. Wir tun nicht nur uns, sondern auch den antiken Autoren selbst Unrecht. Herodot, Platon, die sogenannten 'Gründungsväter der westlichen Zivilisation' - sie wussten sehr genau, dass ihre Welt größer war. Sie waren fasziniert von Ägypten, sahen dort Vorbilder und Inspiration, vielleicht überschätzten sie deren Einfluss, unterschätzten aber zugleich den aus Persien oder Indien. Dass wir Griechen und Römer heute zum alleinigen Ursprung 'des Westens' erklären, ist fast beleidigend für sie, denn sie sahen sich selbst als Teil einer viel größeren Welt."
In der Welt berichten Sven Felix Kellerhoff und Berthold Seewald vom Kongress der deutschen Geschichtswissenschaft in Bonn, "dem die überragenden Gesprächsthemen fehlten". Am interessantesten fanden sie noch das Podium zur Großmachtpolitik: "Die ehemalige deutsche Botschafterin in den USA, Emily Haber, erklärte, die aktuelle Entwicklung habe im Fall Russlands, Chinas und der USA viel mit historischen Prägungen zu tun. Wenn Donald Trump eine 'neue US-Hegemonialerzählung' mit den Mitteln der 'Bilateralisierung und Unberechenbarkeit' statt der bewährten Systeme kollektiver Sicherheit anstrebe, bediene er sich aus dem außenpolitischen Reservoir des 19. Jahrhunderts. Das zu erkennen, falle - ein Seitenhieb auf das eigene Haus - deutschen Diplomaten jedoch schwer, weil der Geschichtsunterricht für angehende Attachés dramatisch zusammengekürzt worden sei. Wohl auch daran liege es, wenn Zölle nicht als Instrumente merkantilistischer Wirtschaftspolitik erkannt oder ein geschenktes Flugzeug aus Katar nicht in Traditionen der Frühen Neuzeit gesehen würden, ergänzte der Potsdamer Historiker Dominik Geppert."
Marcus Maurer, Professor für Kommunikationswissenschaft, hat die Rolle der Medien in der Corona-Pandemie erforscht und kommt dabei zu ganz schön kritischen Ergebnissen. Im Gespräch mit Antje Lang-Lendorff von der taz erläutert er: "Wir haben die Berichterstattung etablierter Onlinemedien wie spiegel.de, sueddeutsche.de, welt.de oder bild.de und Fernsehnachrichten von ARD, ZDF und RTL ausgewertet. Dabei haben wir herausgefunden, dass die untersuchten Medien tatsächlich einseitig berichtet haben, sie waren sehr im 'Team Vorsicht'. " Und dabei haben die Medien nicht nur widergespiegelt, sondern agiert, so Maurer: "Den Medien generell wurde in der Pandemie ja vorgeworfen, dass sie der Regierung nur hinterhergelaufen seien. Unsere Auswertung hat jedoch ergeben, dass sie die Regierung vor sich hergetrieben und zu noch härteren Maßnahmen gedrängt haben. Sie haben einseitig berichtet, aber nicht unkritisch."
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