Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.08.2025. Die Zeit äußert sich erstmals zu Vorwürfen über das von ihr präsentierte Bild eines kranken Kinds aus Gaza. Es hungere tatsächlich, beharrt sie. Kinder mit seiner Krankheit magerten aber besonders stark ab. Die Hamas präsentiert unterdessen wie zum Hohn Bilder hungernder Geiseln in ihren Tunneln. In der FAZ fürchtet Jürgen Kaube, dass die Anerkennung eines Staates Palästina durch Frankreich und andere eine Luftnummer ist. Die SZ porträtiert Güner Yasemin Balci. Die FR lernt von dem Ökologen Bernhard MalkmusTier- und Pflanzennamen.
Immer neue Hungerbilder aus Gaza. Das Foto aus dem unten stehenden Tweet zirkuliert bisher allerdings kaum in den Medien. Es zeigt den jungen Mann Evyatar David, der das Pech hatte, von der Hamas am 7. Oktober entführt worden zu sein. Die Hamas scheint ihre Geiseln systematisch hungern zu lassen - sie selbst hat dieses Foto gestern veröffentlicht, so scheint es. Es stammt aus einem Video, das die Familie Davids nicht über die sozialen Medien laufen lassen will. Ebenso ausgemergelt ist der als Geisel gehaltene Rom Braslavski, der auch ein deutscher Staatsbürger ist und dessen Video gestern veröffentlicht wurde (unser Resümee). Fünfzig Geiseln sind noch in den Händen der Hamas, dreißig davon hat die Hamas ermordet, sie können nur als Leichen zurückgebracht werden.
There should be front page photos of Evyatar David's emaciated body in all international newspapers, but of course they aren't!
In der tazkommt Nicholas Potter auf den Artikel "So sieht Hunger aus" bei Zeit online zurück, der bekanntlich (unsere Resümees seit Montag) ein krankes palästinensisches Kind zeigt. Der Artikel, informiert Potter, ist von Malin Schulz, der stellvertretenden Chefredakteurin und 'Visual Director' der Wochenzeitung. "Die Zeit hat das Bild, das am 24. Juli aufgenommen wurde, retuschiert: Das Farbfoto, das in der Datenbank der staatlichen türkischen Fotoagentur Anadolu zu finden ist, stellte die Zeitung in Schwarz-Weiß, der Kontrast zwischen hellen und dunklen Tönen wurde zudem erhöht, damit der im Originalbild ohnehin schon erschreckende Zustand des Kindes noch dramatischer wirkt." Um die Bilder aus Gaza wird generell heftig gerungen, so Potter: "Fotos aus anderen Konflikten, vor allem dem syrischen Bürgerkrieg, werden fälschlicherweise Gaza zugeschrieben. Authentische Fotos aus Gaza werden als aus anderen Kriegsgebieten stammend diskreditiert. KI-generierte Bilder, die das Leid im Küstenstreifen zeigen sollen, gehen viral. Echte Bilder, die das tatsächliche Ausmaß der humanitären Katastrophe dort dokumentieren, werden als KI-Propaganda oder 'Pallywood'-Inszenierungen abgetan." FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld merkt dazu an: "Wer Bilder aus Gaza verbreitet, die in diesem Fall verschiedene Agenturen innerhalb weniger Tage aufspielten, ohne genau zu prüfen, wer und was darauf zu sehen ist und unter welchen Umständen die Aufnahmen entstanden, führt die Öffentlichkeit in die Irre."
Die Zeit, die seit Tagen das Bild des kranken Kindes mit der Schlagzeile "So sieht Hunger aus" publiziert hält, sieht sich nun doch zu einer Reaktion genötigt. Ingo Arzt und Yassin Musharbash haben mit der Mutter des kranken Kindes gesprochen. Es ist von infantiler Zerebralparese betroffen. Das heißt aber nicht, dass es nicht hungert, stellen die beiden fest. Das Kind hätte mit Nahrungsergänzungsmitteln versorgt werden müssen (die nun laut Mutter eintreffen). Die beiden kritisieren auch den Artikel des Bloggers David Collier, der im Perlentaucher wohl zuerst zitiert wurde, und werfen ihm vor, er habe nicht erwähnt, dass das Kind tatsächlich unterernährt sei. Außerdem bezeichne er sich als "100 % Zionist". Aber andererseits: "Nun stimmt es tatsächlich, dass Kinder, die an schwerer infantiler Zerebralparese leiden, bei Unterernährung besonders stark und rasch abmagern können."
Noch mal zur Klarstellung: Der Punkt ist nicht zu behaupten, dass die Menschen in Gaza nicht hungern, das kann man ernsthaft nicht bestreiten. Kritisieren muss man aber, dass so viele Medien Bilder kranker Kinder benutzt haben, um den Hunger in Gaza zu illustrieren, weil andere Kinder dort offenbar nicht dramatisch genug aussahen und nicht so schön gruselige KZ-Assoziationen hervorrufen. Die Bilder funktionieren jedenfalls. Nava Ebrahimi beschreibt in der SZ, wie sie auf sie wirken: "Die Fotos der Kinder ziehen und zerren und scheuern an mir, weil ich mir zwanghaft vorstelle, es wären meine eigenen. Zwanghaft, reflexhaft versetze ich mich in die Lage der Eltern, die ihren von Mangelernährung gezeichneten Töchtern und Söhnen seit Monaten, bald Jahren, kaum etwas anderes mehr bieten können als leere Hände."
Jannis Hagmann macht in dem vom Auswärtigen Amt finanzierten Magazin qantara.de der deutschen Regierung den Vorwurf, immer noch an der Seite Israels zu stehen: "Wie die Scholz'sche Vorgängerregierung wirkt auch die aktuelle Bundesregierung wie ein Hund, der nicht weiß, ob er Herrchen oder Frauchen hinterherrennen soll: auf der einen Seite eine als blinde Solidarität falsch verstandene Staatsräson, auf der anderen Seite ein zielloser Krieg mit zehntausenden Toten und einer absichtlich herbeigeführten Hungerkrise."
Die von Frankreich, Großbritannien und Kanada betriebene Anerkennung eines palästinensischen Staats durch eine Art Akklamation ist eine Luftnummer, fürchtet Jürgen Kaube in der FAZ. Kaum eine Bedingung für eine Staatsgründung in Palästina werde erfüllt: "Das völkerrechtliche Kriterium, ein Staat dürfe erst dann anerkannt werden, wenn sich eine Staatsgewalt hinreichend fest etabliert habe, bleibt im Blick auf Palästina unbeachtet. Ob die Hamas sich auf Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte verpflichten würde, wie es die EU-Außenminister 1992 von Staaten in Osteuropa als Bedingung ihrer Anerkennung verlangten, ist eine leicht zu beantwortende Frage."
Außerdem zum Thema: Über Krieg und Sprachedenken in der taz der HistorikerAdam Raz und der SoziologeAssaf Bondy nach, die mit Blick auf die israelische Kriegsführung wie so viele nicht mehr von Krieg, sondern von "Genozid" sprechen wollen.
Die SZ druckt Bernard-Henri LévysParis-Match-Reportage aus dem Sudan nach, wo bekanntlich ein mörderischer, wenn auch selten erwähnter Krieg tobt. Er besucht auch Khartum: "Wie beschreibt man eine solche Verwüstung? Es ist wie in Bachmut in der Ukraine, aber im Maßstab einer Megastadt, die vor dem Krieg sieben Millionen Einwohner zählte, und in der man nur noch Reihen von Frauen sieht, die von Hunger ausgemergelt sind und seit Tagesanbruch auf humanitäre Hilfe warten, die nicht kommt."
Der 3. August ist Gedenktag für den Genozid an den Jesiden. Seit Jahren erinnert sie an dieses Datum, schreibt Ronya Othmann in ihrer FAS-Kolumne. Vergebens? "Die Situation der Jesiden in Deutschland hat sich genau genommen sogar verschlechtert. Von 2014 bis 2019 gab es in einigen Bundesländern für jesidische Überlebende Aufnahmeprogramme. Deutschland hat den Genozid offiziell anerkannt, schiebt aber trotzdem Jesiden in die Genozid-Region ab. Seit Jahren erreichen mich Hilferufe jesidischer Genozid-Überlebender, die einen Abschiebebescheid erhalten haben. Es versetzt sie in Panik, nun wieder dorthin zurückkehren zu müssen, wo man ihre Freunde und Angehörige ermordete und wo sie bis heute nicht sicher sind."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Güner Yasemin Balci hat bekanntlich einen erstaunlichen Lebenslauf. Aufgewachsen in einem Berlin-Neukölln, als es noch multikulti war, wurde sie zu einer bekannten Journalistin. Und nun ist sie seit einiger Zeit Integrationsbeauftrage in ihrem Bezirk. Dort wollte sie von der üblichen Förderung der Zivilgesellschaft per Gießkanne wegkommen und Initiativen fördern, die sich tatsächlich für Demokratie einsetzen, sagt sie bei einer Begegnung mit Johanna Adorjan (SZ): "So wurden, sagt Balci, sehr stark auch extremistische Strukturen unterstützt. Sie habe geguckt, wer sich innerhalb der Communitys diesen extremistischen Strukturen entgegenstelle. Da sei zum Beispiel die deutsch-arabische Schule, die explizit säkular ist und sich sehr klar gegen Extremismus und Islamismus positioniert. Die brachte sie mit einer jüdischen NGO zusammen, und gemeinsam überlegten diese nun, was man gegen den Antisemitismus in Neukölln tun könne. 'Die haben bestimmt wertvollere Ideen als ein Kulturverein mit klarer Nähe zum Ditib, zur türkischen AKP', sagt Balci." Über ihr Leben und ihre Ideen schreibt sie in ihrem neuen Buch "Heimatland". In der Berliner Zeitung wird sie von Susanne Lenz interviewt.
Es lässt sich nicht leugnen: Die Kriminalität ist bei Ausländern höher als bei Deutschen, sagt der forensische Psychiater Frank Urbaniok im Gespräch mit Karin Truscheit von der FAZ. Die höhere Gewaltneigung von Tätern aus Ländern wie Algerien oder Afghanistan sieht er dabei als kulturell geprägt, sie sei nicht durch soziale Benachteiligung zu erklären: "Es gibt Untersuchungen, die die Korrelation von Sozialstatus und Delinquenz anhand bestimmter Nationalitäten aufschlüsseln. Da fällt auf, dass zum Beispiel bei einer Gruppe, bestehend aus Algeriern, Libyern, Tunesiern und Ägyptern, rund 19 Prozent als sozial schwach gelten. Die Kriminalitätsrate dieser Gruppe beträgt jedoch rund 23 Prozent. Bei Vietnamesen gibt es einen ähnlich hohen Anteil von sozial Schwachen - doch ihre Kriminalitätsrate beträgt nur rund drei Prozent. Die These von den sozialen Faktoren und dem jugendlichen Alter als Erklärung für die Unterschiede wird so klar entkräftet."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Christopher Street Parade Ende Juni zeigte, dass es in Budapest und Ungarn noch eine Hoffnung auf Demokratisierung gibt. Im nächsten Jahr sind Wahlen, die Hoffnung liegt auf dem Orbán-Herausforderer Péter Magyar, schreibtBernadette Conrad in der taz. Nicht zu verkennen ist allerdings, dass sich das Orbán-Regime eingeigelt hat: "Der im Mai veröffentlichte Gesetzesentwurf zur 'Transparenz des öffentlichen Lebens' nimmt NGOs und Medien ins Visier, droht mit Existenz ruinierenden Strafen, wenn irgendeine Hilfe aus dem Ausland angenommen wird. 'Es war zu erwarten, dass im Blick auf die Wahlen 2026 mit harten Bandagen gekämpft werden würde', sagt die Journalistin Petra Thorbrietz, die lange in Ungarn gelebt hat. Ihr aktuelles Buch 'Wir werden Europa erobern!' über Ungarn, Viktor Orbán und die unterwanderte Demokratie ist gerade erschienen. Orbán hat 2010 mit einem Mediengesetz eine Propagandamaschine geschaffen, durch die die öffentlich-rechtliche Medienlandschaft zentralisiert und einem Medienrat unterstellt wird, der ausschließlich mit Fidesz-Mitgliedern besetzt wurde. 'Es ist vor allem die EU, die damals hätte wach werden müssen', erinnert sich Thorbrietz. 'In Budapest verfängt die Propaganda kaum', sagt die Übersetzerin Eva Zádor: 'Deshalb mag Orbán Budapest auch nicht.' Er setzt auf das ländliche Ungarn, das er mit dem Mythos Familie, Christentum, Tradition zu gewinnen versucht."
Das Putin-Regime nähert sich dem "Endstadium des Absurden" und erlässt immer neue Zensurgesetze, die inzwischen sogar die Apparatschiks aufstöhnen lassen, erzählt Irina Rastorgueva (auch Rastorgujewa geschrieben) in einem Essay für Zeit online. Die Betriebsamkeit hat Orwell-Ausmaße: "Die Sache ist die: Der Polizei und der Staatsanwaltschaft ist es völlig egal, wen sie einsperren. Die Hauptaufgabe der Exekutive ist es, den Plan zu erfüllen. Sicherlich gibt es Personen, die aus Sicht der Behörden eindeutig schuldig sind, aber wenn in einer mittelgroßen Stadt pro Monat hundert Extremisten und Terroristen festgenommen werden müssen und es nicht genügend 'echte' Kriminelle gibt, dann wird festgenommen, wer gerade zur Hand ist."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wir leben "in einer Gesellschaft, die den Ökozid mittlerweile akzeptiert hat", sagt der in Oxford "Environmental Humanities" lehrende Bernhard Malkmus, Autor des Buchs "Himmelsstriche", im Gespräch mit Sylvia Staude in der FR. Er prangert unter anderem unser entfremdetes Verhältnis zur Natur an. Sein Buch ist auch eine Hommage an seinen Vater, einen Naturliebhaber. "Mein Vater hat diese wunderschönen deutschen sogenannten Trivialnamen, diese Tier- und Pflanzennamen völlig alltäglich praktiziert. Für ihn war das wie eine Liturgie. Wir sind auf Waldspaziergänge gegangen, in Portugal, im Spessart, er sagte, das ist diese Pflanze, das ist jener Vogel. Für mich sind diese Namen wie Ein-Wort-Gedichte: der Goldstreifensalamander, die Blaugrüne Mosaikjungfer, das Mädesüß. Ich lese Bestimmungsbücher, wenn ich sie nicht zum Bestimmen verwende, wie Gedichtbände."
Woke ist zwar over, war aber nicht so übel, findet Philipp Bovermann in einem SZ-Essay: "Gar nicht so wenige Menschen haben nun immerhin gelernt, dass es etwa bei der Beurteilung von Rassismus völlig egal ist, ob jemand sich als Rassist empfindet oder nicht, ja sogar, ob jemand Rassist ist oder nicht."
Die Friedenspreisentscheidung für Karl Schlögel löst bei seinen Diskursgegnern ein unschönes Gemecker aus, protokolliert Daniel Friedrich Sturm im Tagesspiegel. So äußerste sich Sahra Wagenknecht höchst unzufrieden: "Es sei 'bedauerlich, dass der Friedenspreis immer häufiger dazu missbraucht wird, nicht das Werben für Frieden, sondern das Befördern von Feindseligkeit zu honorieren', sagte Wagenknecht. ... Ex-SPD-Vizechef Ralf Stegner schrieb bei X, er habe im vorvergangenen Jahr bei einer deutsch-polnischen Tagung in der Uckermark mit Schlögel sehr kontrovers über Friedenspolitik diskutiert. 'Seine Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2025 verrät viel über die 'Zeitläufte'.'"
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