9punkt - Die Debattenrundschau
Geld für Fahrten zu Kliniken in anderen Städten
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.07.2025. FAZ und FR fragen: Ist Viktor Orban nach seiner symbolischen Niederlage bei der Budapester Pride entscheidend geschwächt? In Flensburg verhindert die Katholische Kirche für Frauen aller Konfessionen laut taz Abtreibungen, während sie auf den Philippinen laut FAZ sogar noch Scheidungen verbietet. In der NZZ ist sich Rainer Hermann sicher: Mit den Osmanen wär' das nicht passiert.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
08.07.2025
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Europa
Stephan Löwenstein kommt in der FAZ auf eine Niederlage Viktor Orbáns zurück. Er hatte die Budapester Pride verboten - aber es kamen 200.000 Demonstranten, auch aus europäischen Nachbarländern, und es geschah nichts. Nun versucht er, seine Gegner als von Europa gelenkt darzustellen: "Der Kulturkampf um die Pride und alles, was damit zusammenhängt, ist für Orbán ein Zweck an sich. Das ist sein Erfolgsrezept mindestens seit zwei Jahrzehnten, seit er sich nach seiner ersten Abwahl 2002 wieder aus der Opposition zurückgekämpft hat. Auch mit Zweidrittelmehrheit in der Regierung zettelt er regelmäßig politische Kämpfe an und profitiert von der Polarisierung. Es wäre eine grobe Fehleinschätzung, von seinem Fehler und dem Erfolg seiner Gegner darauf zu schließen, dass er die Wahl 2026 schon verloren hätte."
Sven Christian Schulz trifft für die FR eine sehr hoffnungsvolle ungarische Opposition an. Diese wittert jetzt die Chance, Orban zu stürzen. "Der Blick richtet sich nun auf die Wahlen im April (2026). Viele haben Hoffnung: Die Oppositionspartei Tisza unter Peter Magyar liegt in Umfragen wenige Prozentpunkte vor der Fidesz-Partei. 'In der ungarischen Politik brauchen die Menschen einen Messias', sagt Klubradio-Chef Janos Desi." Klubradio ist in den letzten Jahren zum beliebtesten Oppositionsführer-Sender avanciert. "Um Magyar habe sich ein regelrechter Kult gebildet. Der Oppositionspolitiker sei zwar nicht unumstritten, aber eben eine Alternative zu Orban. Desi hofft, dass eine neue Regierung die Pressefreiheit wiederherstellen wird - und sein Sender endlich wieder eine Frequenz bekommt. 'Ich war schon Journalist, als 1989 der Eiserne Vorhang fiel. Jetzt fühle ich eine ähnliche Stimmung wie damals.' Doch bei Orban müsse man mit allem rechnen - der werde alles versuchen, um an der Macht zu bleiben."
Die AfD-Fraktion im Bundestag gibt sich selber Verhaltensregeln - ein weiterer Schritt Richtung Anbiederung an die CDU, konstatiert Florian Eichel auf Zeit Online. "So gelesen wäre das Knigge-Vorhaben der AfD ein Defensivmanöver und ein Erfolgsbeleg für die Politik der Union, die der rechtsextremen Partei erklärtermaßen die thematischen Überlebensgrundlagen entziehen möchte. Genauso gut aber lässt sich die geplante Höflichkeit der AfD als Angriff verstehen - und zwar auf die Brandmauer zwischen ihr und der Union. Schon seit Längerem stellt sich immer wieder der Verdacht ein, der entscheidende Unterschied zwischen der CDU und der AfD könnte überhaupt kein inhaltlicher, sondern ein formeller sein."
Luxemburgs langjähriger Außenminister Jean Asselborn, eigentlich eine renommierte Figur in der europäischen Außenpolitik, hat in einem Podcast mit dem einstigen Jungjournalisten Thilo Jung ein paar klassische antisemitische Sätze gesagt, etwa "Die Lobby hat das alles weggewischt", "Der Einfluss der Israelis ist riesig groß, nicht nur der offiziellen Israelis" und "Das kommt einem so vor, wie wenn verschiedene Länder gekauft wären von den Israelis - gekauft wären von der israelischen Regierung." Der bekannte SPD-Politiker Michael Roth, der lange mit Asselborn befreundet war, bekennt in der Jüdischen Allgemeinen seine Befremdung. Auch er kritisiere die israelische Regierung. "Aber warum ist es für so viele nicht möglich, harte Kritik an israelischer Politik zu üben, ohne antisemitischen Mist zu verbreiten und dem Hass auf Israel freien Lauf zu lassen? Es ist mir unbegreiflich, wie ein erfahrener, kluger, rhetorisch versierter Außenpolitiker so kläglich daran scheitert, Ambiguitäten nüchtern zu beschreiben und diese Widersprüche auch auszuhalten."
In Pamplona werden gerade Stiere durch die Gassen getrieben. Bei der Eröffnung des fragwürdigen Spektakels nutzten die Stadtoberen eine Eigenheit des Festivals: Die Pamploneses und Pamplonesas tragen bei der Gelegenheit rote Halstücher. Und die Stadtoberen verbanden das Bild mit dem Ruf "Free Palestine!", während die Pamploneses und Pamplonesas das Halstuch als Hamas-Dreieck schwenkten.
Sven Christian Schulz trifft für die FR eine sehr hoffnungsvolle ungarische Opposition an. Diese wittert jetzt die Chance, Orban zu stürzen. "Der Blick richtet sich nun auf die Wahlen im April (2026). Viele haben Hoffnung: Die Oppositionspartei Tisza unter Peter Magyar liegt in Umfragen wenige Prozentpunkte vor der Fidesz-Partei. 'In der ungarischen Politik brauchen die Menschen einen Messias', sagt Klubradio-Chef Janos Desi." Klubradio ist in den letzten Jahren zum beliebtesten Oppositionsführer-Sender avanciert. "Um Magyar habe sich ein regelrechter Kult gebildet. Der Oppositionspolitiker sei zwar nicht unumstritten, aber eben eine Alternative zu Orban. Desi hofft, dass eine neue Regierung die Pressefreiheit wiederherstellen wird - und sein Sender endlich wieder eine Frequenz bekommt. 'Ich war schon Journalist, als 1989 der Eiserne Vorhang fiel. Jetzt fühle ich eine ähnliche Stimmung wie damals.' Doch bei Orban müsse man mit allem rechnen - der werde alles versuchen, um an der Macht zu bleiben."
Die AfD-Fraktion im Bundestag gibt sich selber Verhaltensregeln - ein weiterer Schritt Richtung Anbiederung an die CDU, konstatiert Florian Eichel auf Zeit Online. "So gelesen wäre das Knigge-Vorhaben der AfD ein Defensivmanöver und ein Erfolgsbeleg für die Politik der Union, die der rechtsextremen Partei erklärtermaßen die thematischen Überlebensgrundlagen entziehen möchte. Genauso gut aber lässt sich die geplante Höflichkeit der AfD als Angriff verstehen - und zwar auf die Brandmauer zwischen ihr und der Union. Schon seit Längerem stellt sich immer wieder der Verdacht ein, der entscheidende Unterschied zwischen der CDU und der AfD könnte überhaupt kein inhaltlicher, sondern ein formeller sein."
Luxemburgs langjähriger Außenminister Jean Asselborn, eigentlich eine renommierte Figur in der europäischen Außenpolitik, hat in einem Podcast mit dem einstigen Jungjournalisten Thilo Jung ein paar klassische antisemitische Sätze gesagt, etwa "Die Lobby hat das alles weggewischt", "Der Einfluss der Israelis ist riesig groß, nicht nur der offiziellen Israelis" und "Das kommt einem so vor, wie wenn verschiedene Länder gekauft wären von den Israelis - gekauft wären von der israelischen Regierung." Der bekannte SPD-Politiker Michael Roth, der lange mit Asselborn befreundet war, bekennt in der Jüdischen Allgemeinen seine Befremdung. Auch er kritisiere die israelische Regierung. "Aber warum ist es für so viele nicht möglich, harte Kritik an israelischer Politik zu üben, ohne antisemitischen Mist zu verbreiten und dem Hass auf Israel freien Lauf zu lassen? Es ist mir unbegreiflich, wie ein erfahrener, kluger, rhetorisch versierter Außenpolitiker so kläglich daran scheitert, Ambiguitäten nüchtern zu beschreiben und diese Widersprüche auch auszuhalten."
In Pamplona werden gerade Stiere durch die Gassen getrieben. Bei der Eröffnung des fragwürdigen Spektakels nutzten die Stadtoberen eine Eigenheit des Festivals: Die Pamploneses und Pamplonesas tragen bei der Gelegenheit rote Halstücher. Und die Stadtoberen verbanden das Bild mit dem Ruf "Free Palestine!", während die Pamploneses und Pamplonesas das Halstuch als Hamas-Dreieck schwenkten.
L'Espagne à la pointe du combat contre le régime génocidaire de Tel-Aviv. pic.twitter.com/7uphjyzBkS
- Linformatrice (@Linformatrice1) July 6, 2025
Religion
In Flensburg schließen sich das evangelische und das katholische Krankenhaus zu einem modernen Klinikum zusammen, eine gute Nachricht, sollte man meinen. Allerdings gibt es nun in Flensburg kein Krankenhaus mehr, in dem Frauen Abtreibungen vornehmen lassen können, berichtet Esther Geißlinger in der taz, "darauf besteht der katholische Malteserorden": "Für den katholischen Orden gibt es in dieser Frage keine Kompromisse: 'Die Malteser treten für den Schutz des Lebens ein', sagt Sprecherin Franziska Mumm. 'Ein Schwangerschaftsabbruch wird im neuen Klinikum nur durchgeführt werden, wenn es medizinische Gründe gibt, etwa das Leben der schwangeren Frau bedroht ist.' Nicht operiert werden schwangere Opfer von Vergewaltigung oder Inzest. Dies hatte Flensburgs Sozialdezernentin Noosha Aubel bei einer Pressekonferenz behauptet - eine Fehlinformation, die rasch korrigiert wurde, so Stadtsprecher Christian Reimer." In Flensburg gibt es nun noch eine Praxis, wo Frauen einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen können und mehrere Praxen für medikamentöse Abbrüche in einem frühen Stadium. Geplant ist nun "ein städtischer Sozialfonds, aus dem Frauen Hilfen erhalten, etwa Geld für Fahrten zu Kliniken in anderen Städten."
Till Fähnders erzählt in der FAZ die Geschichte der Philippinerin Michelle Bulang, die seit zehn Jahren von ihrem Mann getrennt lebt. Aber "als eines von wenigen Ländern verbieten die Philippinen Scheidungen bis heute. Das hat vor allem religiöse Gründe, mehr als 80 Prozent der Staatsbürger der Philippinen sind Katholiken. Zu den Folgen dieser Politik gehört unter anderem, dass in dem südostasiatischen Land viele Tausende Frauen und Männer in ungewollten Ehen feststecken. 'Seit zehn Jahren wünsche ich mir eine Scheidung', beklagt sich Bulang. Aufgrund der Gesetzeslage befinde sie sich zumindest auf dem Papier immer noch in einer Ehe mit ihrem Peiniger." Und Menschenrechtsaktivisten kämpfen einen schweren Kampf: "Die Kirche könne Wahlen beeinflussen, sodass viele Politiker es gar nicht erst wagten, sich der Forderung zur Legalisierung der Scheidung anzuschließen."
Die Katholische Kiche streitet intern aber über ganz Anderes, berichtet Matthias Rüb ebenfalls in der FAZ, nämlich über die Frage, ob Papst Leo XIV. die lateinische Messe wieder in breiterem Umfang zulassen soll. Der Nostalgiker Benedikt XVI. hatte sie ja wieder erlaubt: Aber "Papst Franziskus hob den Erlass seines Vorgängers mit seinem eigenen Apostolischen Schreiben 'Traditionis custodes' vom 16. Juli 2021 auf. Die Alte Messe durfte fortan nur noch in Ausnahmefällen und an wenigen Orten mit ausdrücklicher Genehmigung des zuständigen Bischofs oder Ordensoberen gefeiert werden, die ihrerseits die Erlaubnis des Vatikans brauchten." Aber besonders aus der "erzkonservativen Fraktion unter den Katholiken in den USA" kommt Widerstand, so Rüb.
Till Fähnders erzählt in der FAZ die Geschichte der Philippinerin Michelle Bulang, die seit zehn Jahren von ihrem Mann getrennt lebt. Aber "als eines von wenigen Ländern verbieten die Philippinen Scheidungen bis heute. Das hat vor allem religiöse Gründe, mehr als 80 Prozent der Staatsbürger der Philippinen sind Katholiken. Zu den Folgen dieser Politik gehört unter anderem, dass in dem südostasiatischen Land viele Tausende Frauen und Männer in ungewollten Ehen feststecken. 'Seit zehn Jahren wünsche ich mir eine Scheidung', beklagt sich Bulang. Aufgrund der Gesetzeslage befinde sie sich zumindest auf dem Papier immer noch in einer Ehe mit ihrem Peiniger." Und Menschenrechtsaktivisten kämpfen einen schweren Kampf: "Die Kirche könne Wahlen beeinflussen, sodass viele Politiker es gar nicht erst wagten, sich der Forderung zur Legalisierung der Scheidung anzuschließen."
Die Katholische Kiche streitet intern aber über ganz Anderes, berichtet Matthias Rüb ebenfalls in der FAZ, nämlich über die Frage, ob Papst Leo XIV. die lateinische Messe wieder in breiterem Umfang zulassen soll. Der Nostalgiker Benedikt XVI. hatte sie ja wieder erlaubt: Aber "Papst Franziskus hob den Erlass seines Vorgängers mit seinem eigenen Apostolischen Schreiben 'Traditionis custodes' vom 16. Juli 2021 auf. Die Alte Messe durfte fortan nur noch in Ausnahmefällen und an wenigen Orten mit ausdrücklicher Genehmigung des zuständigen Bischofs oder Ordensoberen gefeiert werden, die ihrerseits die Erlaubnis des Vatikans brauchten." Aber besonders aus der "erzkonservativen Fraktion unter den Katholiken in den USA" kommt Widerstand, so Rüb.
Politik
Weiteres: In der NZZ zeichnet Josef Joffe die Geschichte von 4000 Jahren Antisemitismus nach, der seine heutige Form als "israelkritischer Antisemitismus" und "Antizionismus" gefunden hat. Der Schriftsteller Pankaj Mishra spricht im FR-Interview mit Michael Hesse dagegen von einem Genozid in Gaza und insistiert, dass deutsche Medien und "Eliten" jede Stimme gegen Israel unterdrücken und dass ein zu großer Fokus auf Antisemitismus von links gelegt werde.
Ohje, und dann noch das:
Ohje, und dann noch das:
Treffen im Weißen Haus: Netanjahu schlägt Trump für Friedensnobelpreis vor https://t.co/79Xfvf0IZO
- ZDFheute (@ZDFheute) July 8, 2025
Geschichte
Das Chaos im Nahen Osten führt der ehemalige FAZ-Korrespondent Rainer Hermann in der NZZ auf den Zusammenbruch des Osmanischen Reichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück und erweist sich als eine Art k.u.k.-Romantiker des Osmanentums. Damals zeigten sich die Eliten des Reichs nicht reformwillig und ließen Jungtürken, unter ihnen der spätere Atatürk, und die Europäer an Einfluss gewinnen. "Neben der Endzeit des Osmanischen Reichs haben auch die Siegermächte des Ersten Weltkriegs entscheidenden Anteil daran, dass der Nahe Osten nicht zur Ruhe kommt. Länger als zwanzig Generationen hatten osmanische Sultane den Nahen Osten regiert. Dann zogen Großbritannien und Frankreich in einen Krieg, um die Beute des Osmanischen Reichs unter sich aufzuteilen. Sie legten 1916 in dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen Grenzen nach eigenem Gutdünken fest; London versprach ein und dasselbe Land, das noch zum Osmanischen Reich gehörte, 1915 in der Hussein-McMahon-Korrespondenz den Arabern und 1917 mit der Balfour-Deklaration den Juden."
In der FAZ berichtet Reinhard Veser, dass die russischen Kommunisten, die in der Duma immerhin die zweitgrößte Fraktion stellen, unermüdlich weiter an der Rehabilitation Stalins arbeiten. Nun verabschiedeten sie eine Resolution "mit der die Abrechnung des sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtschow mit Stalin auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Februar 1956 für 'falsch und politisch voreingenommen' erklärt wurde." Putin schickte Grüße zum Parteitag.
In der FAZ berichtet Reinhard Veser, dass die russischen Kommunisten, die in der Duma immerhin die zweitgrößte Fraktion stellen, unermüdlich weiter an der Rehabilitation Stalins arbeiten. Nun verabschiedeten sie eine Resolution "mit der die Abrechnung des sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtschow mit Stalin auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Februar 1956 für 'falsch und politisch voreingenommen' erklärt wurde." Putin schickte Grüße zum Parteitag.
Gesellschaft
Jannis Koltermann thematisiert im Feuilletonaufmacher der FAZ eine emotionale Dissonanz im Verhältnis der Deutschen zu sich selbst: "Ihre persönliche wirtschaftliche Lage bewerten, wie die Forschungsgruppe Wahlen ermittelt hat, 57 Prozent der Deutschen als gut, acht Prozent als schlecht; die allgemeine wirtschaftliche Lage jedoch fast spiegelverkehrt nur neun Prozent als gut, 32 Prozent als schlecht." Koltermann schließt einen Aufruf zur Mäßigung an: "Muss man immer wieder den Niedergang des Wirtschaftsstandorts Deutschland, ja des Landes allgemein beschwören, wenn die meisten Bürger mit ihrem Leben zufrieden sind?"
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