9punkt - Die Debattenrundschau

Wie Schimmel auf einem faulenden Pfirsich

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.02.2025. In der FAZ rechnet der französische Soziologe François Héran vor, dass weniger Asylbewerber keineswegs weniger Attentate bedeuten. Außerdem fragt die assyrische Christin Ninve Ermagan in der FAZ, warum zwar gegen die AfD, nicht aber gegen Islamismus protestiert wird. In der Welt findet der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski Trumps Ukraine-Pläne "vernünftig". Das konfuzianische Erbe in Südkorea kann Frauenleben kosten, glaubt die SZ. Angesichts dessen, was man in Europa alles nicht sagen darf, macht J. D. Vance einen Punkt, meint Persuasion. Absurd ist das allerdings, wenn man auf das Wörterbuch mit Vokabeln blickt, die in den USA künftig verboten werden sollen, ergänzt die SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2025 finden Sie hier

Europa

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In seinem 2023 in Frankreich erschienenen Buch "Immigration: Le grand déni" vertritt der französische Soziologe François Héran die These, dass man sich mit Einwanderung arrangieren müsse. Im FAZ-Gespräch mit Lena Bopp nimmt er Friedrich Merz' Fünf-Punkte-Plan zur Begrenzung von illegaler Einwanderung auseinander - so hält er etwa die Idee, dass eine Reduzierung der Zahl der Asylbewerber die Wahrscheinlichkeit eines Attentats verringere, für "naiv", denn die Frage sei, "ob mehr Asylbewerber bedeuten, dass es mehr Anschläge gibt. Und wenn man die Zahl der abgelehnten Asylbewerber reduziert, wird das dann auch die Zahl der Anschläge verringern? Ich nehme das Beispiel der Türkei. Die Türkei hat vier Millionen Syrer in ihrem Land, wir in Frankreich haben seit 2015 etwa 40.000 von ihnen aufgenommen. Also hat die Türkei hundertmal mehr syrische Flüchtlinge als wir: Gibt es in der Türkei hundertmal mehr Anschläge? Nein. Weil die Anschläge eigentlich nicht mit der Anzahl zusammenhängen, sondern mit anderen Dingen, mit Netzwerken, mit dem Internet und so weiter. Außerdem wurde ein Teil der Anschläge in Frankreich von Jugendlichen begangen, die in Frankreich geboren wurden."

Die demokratische Mitte beklagt zurecht die Fremdenfeindlichkeit der AfD, aber über den Islamismus hinter den jüngsten Anschlägen wird geschwiegen, klagt Ninve Ermagan, Journalistin mit assyrischen Wurzeln und orientalische Christin auf den Medienseiten der FAZ: "Seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 nimmt der dschihadistische Terror zu. Der Terrorismusexperte Peter R. Neumann erklärt, dass die größte Terrorgefahr in Deutschland wieder vom Islamismus ausgehe, denn Anschlagsversuche seien um ein Vielfaches angestiegen. Dennoch empören sich manche mehr über diejenigen, die darauf hinweisen, als über die Täter selbst. Viele in meinem Umfeld teilen zum Anschlag in München nichts - außer das Statement der Familie des Opfers, die darum bittet, die Tat nicht für Fremdenfeindlichkeit zu instrumentalisieren. Das ist richtig, aber reicht das? In deutschen Großstädten demonstrierten Zehntausende gegen die AfD und die 'Normalisierung rechter Positionen'. Kein Wort zu den islamistischen Morden der vergangenen Wochen. Warum nicht beides? Ich kann gegen die AfD sein und trotzdem religiösen Extremismus verurteilen."

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In der Welt erklärt der wegen seiner unkritischen Äußerungen zu Russland umstrittene Osteuropahistoriker Jörg Baberowski, der ein Buch über Machtstrukturen im Zarenreich geschrieben hat, was er von Trumps Ukraine-Plänen hält: "Ich finde das vernünftig. Was daraus wird, wissen wir nicht. Aber ich begrüße, dass einer, der auch kann, was er will, die Initiative ergreift, diesen schrecklichen Krieg zu beenden. Denn es ist offenkundig geworden, dass Russland zwar nicht gewinnen, aber auch nicht verlieren wird, jeder weitere Tote einer zu viel ist. Jetzt kommt es darauf an, eine Nachkriegsordnung zu schaffen, in der die Souveränität der Ukraine mit den Interessen Russlands in Übereinstimmung gebracht werden kann, so wie es nach 1945 wenigstens im Westen Europas gelungen ist, Deutschland in eine Abhängigkeit zu seinen Nachbarn zu bringen, aus der es nichts als Gewinn zog. Ohne Russland wird es keine dauerhafte Friedensordnung geben. Deshalb muss sie so beschaffen sein, dass Russland das Interesse an der Expansion verliert. Der Einsatz von Waffen allein wird dieses Werk nicht vollbringen, denn Russland wird sich nur von innen verändern können. Das wird lange dauern."

In der NZZ räumt der Schriftsteller Sergei Gerassimow mit Mythen über die Ukraine auf, die im Westen kursieren: "Noch ein paar westliche Irrtümer: Es gibt einen Bürgerkrieg in der Ukraine. Die Krim wollte zu Russland gehören. Wie auch der Donbass. Hier wie dort gab es Referenden, und die Leute haben ihren Willen zum Ausdruck gebracht. Die Referenden wurden von Putins Russland organisiert, einem Land, das noch nie eine faire Wahl oder ein Referendum abgehalten hat. Sämtliche russischen Wahlen und Volksabstimmungen waren illegal, zudem wurden und werden die Russen einer Gehirnwäsche unterzogen. Auch das noch: Der Krieg in der Ukraine sei zu kostspielig. - Es mag den Anschein haben, dass eine Beendigung oder ein Einfrieren der Kämpfe wirtschaftlich von Vorteil ist. Der Krieg indes ist für Putins System die einzige Möglichkeit, zu existieren. Wird der Krieg in einer Richtung gestoppt, wird er sich in eine andere Richtung fortsetzen. Mehr als eine Million Männer, die nichts anderes können, als für Geld zu töten, sind eine schreckliche Kraft, die nicht ruhen wird, egal, wie sehr man sie ruhigzustellen versucht. Der aufgeschobene Krieg wird sich auf dem Planeten ausbreiten wie Schimmel auf einem faulenden Pfirsich, und die Remedur wird mit jedem Tag teurer werden."

Im SZ-Interview mit Jörg Häntzschel zeichnen die Schriftstellerin Svitlana Matviyenko und der Medienwissenschaftler Francis Hunger nach, wie sich die Kriegsführung in den letzten Jahrzehnten durch neue Technologien verändert hat. Drohnen sind mittlerweile ein unerlässliches Element des Krieges. Die ukrainische Armee musste vor allem zu Beginn des Krieges auf Amateurprodukte zurückgreifen, erklärt Hunger: "Die Drohnen, die seit den Neunzigerjahren im Einsatz sind, sind große Apparate, die ihre Daten an Kontrollzentren am anderen Ende der Welt schickten. Sie wurden gesteuert von 'Piloten' in Nevada. Diese Drohnen waren teuer, der Predator zum Beispiel kostet vier Millionen Dollar. Weil diese teuren militärischen Drohnen der Ukraine vor allem anfangs nicht zur Verfügung standen, griff sie zu den Hobbydrohnen von DJI Mavic, die ein paar Hundert Euro kosten. Die ukrainische Armee hat sie weiterentwickelt."

Derweil berichtet der Verteidigungsexperte Franz-Stefan Gady im SpOn-Interview von der ukrainischen Front und macht Hoffnung: Die ukrainische Armee stehe keineswegs vor der Niederlage: "Solange es die Ukrainer schaffen, einen Kollaps der Front zu vermeiden, steigen die Chancen, die russische Seite zu der Einsicht zu bringen, dass eine Fortführung des Kriegs nur noch unbedeutende Gewinne einbringt. Die Russen haben es hier mit einer professionellen Armee zu tun, die sich an den Gegner anpasst. Sie ist in hochintensiver, digitalisierter Kriegsführung aktuell jeder westlichen Streitkraft überlegen. (…) Die Eindrücke aus der Ukraine haben mich darin bestärkt, dass es dieses Jahr höchstwahrscheinlich zu einem Waffenstillstand kommen wird."
Archiv: Europa

Wissenschaft

Dass Autokraten und Diktatoren stets auch die Freiheit der Wissenschaften im Visier haben ist nichts Neues, was sich aber "mit den jüngsten Dekreten des Weißen Hauses abzeichnet, übertrifft nun alle Befürchtungen und kann nur als kapitaler Angriff auf die freie Forschung und Lehre charakterisiert werden", notiert Claus Leggewie auf den Natur und Wissenschaften-Seiten der FAZ: "Trumps totalitäres Manöver schwächt nicht nur die seit Langem diffamierte Forschung zu Klimawandel und Biodiversität, sondern auch den Gesundheitssektor, an dessen Spitze mit Robert Kennedy Junior ein jähzorniger Scharlatan installiert wurde. Und er gefährdet schon jetzt den Austausch wissenschaftlicher Forschungsergebnisse mit dem Rest der Welt, der geradezu in die Arme einer nicht minder kontrollierten Wissenschaft in der Volksrepublik China getrieben wird. Erste Reiseanträge sind bereits storniert worden, manche werden erst gar nicht gestellt, weil Forscher um ihren Job kämpfen und Widerstand gegen Donald Trump organisieren wollen, der offenbar nicht nur für einen Tag 'Diktator spielen' wollte, sondern sich als solcher auf Dauer entpuppt."
Archiv: Wissenschaft

Politik

In der taz befürchtet Dominic Johnson mit Blick auf die DR Kongo einen neuen großen Krieg in Afrika. Denn derweil führt Corneille Nangaa, der als Wahlkommissionschef unter dem damaligen Präsidenten Joseph Kabila einem anderen Wahlergebnis zum Trotz Félix Tshisekedi zum Präsidenten kürte, Krieg gegen eben jenen Tshisekedi. Nangaa führt die Rebellenkoalition AFC (Allianz des Kongo-Flusses) an, "deren bewaffneter Arm M23 (Bewegung des 23. März) im Osten der DR Kongo einen Sieg nach dem anderen erzielt. 'Unser Ziel ist Kinshasa', rief er Ende Januar im frisch eroberten Goma und verwies auf seine historische Verantwortung: 'Félix Tshisekedi hat die Wahl nie gewonnen. Ich habe das Monster geschaffen, also ist es meine Aufgabe, das Monster zu erledigen.' Am 27. Januar eroberten die M23-Kämpfer Goma, am 16. Februar Ostkongos zweite große Stadt Bukavu. Noch nie seit Ende der großen Kongokriege 2003 waren Rebellen in der DR Kongo so stark und die vor einem neuen großen Krieg in Afrika so groß. Am Ausgang dieser Konfrontation hängt das Schicksal des halben Kontinents. Kongos Präsident jedoch schweigt. Zwei afrikanischen Krisengipfeln blieb Tshisekedi fern."

"Südkorea, der weltweit geachtete Hightech- und K-Pop-Staat, hat ein Männerproblem, das Frauenleben kosten kann", berichtet Thomas Hahn in der SZ. Fälle von frauenfeindlicher Gewalt nehmen in den letzten Jahren zu. Allgemein ist es mit der Gleichstellung nicht weit her: "Das konfuzianische Erbe beeinflusst bis heute das Denken in Südkorea. Frauen sollen Schönheitsidealen gehorchen und in den Familien als dienstbare Geister funktionieren. Sie verdienen deutlich weniger als Männer; laut der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) ist das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern in keinem Wohlstandsland so groß wie in Südkorea. Frauen kommen kaum in Führungspositionen. Im Nationalparlament sind nur 61 der 300 Sitze von Frauen besetzt. Im schlimmsten Fall machen die Männer ihre vermeintlichen Ansprüche mit Gewalt geltend (...) Beziehungskrisen enden oft mit Morden durch Männer: 2023 wurden mindestens 138 Frauen von ihren Partnern umgebracht, wie die Frauenhilfsorganisation Korea Women's Hotline ermittelt hat."

500 Tage nach dem 7. Oktober geruhte die Regierung des Gaza-Streifens die Öffentlichkeit zu informieren, dass die Bibas-Kinder und ihre Mutter, deren Entführung in den sozialen Medien für viel Sorge und zugleich Hoffnung, dass sie noch leben, gesorgt hatte, umgebracht worden sind.

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Ideen

"Der tragische Aufstieg von Trump und den neuen Autokraten ist freilich … keine Anomalie der Demokratie, sondern ihre fatale Möglichkeit", schreibt Robert Misik in seiner taz-Kolumne und verweist auf Karl Marx' Schrift "Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte": "Louis Bonaparte, der Neffe Napoleons, wollte mit einem Militärputsch an die Macht kommen, scheiterte, lebte sein Loser-Leben als heruntergekommener Bohemien und gewann nach der gescheiterten 1848er Revolution die Volkswahlen, um 1851 in einem Staatsstreich von oben eine autoritäre Herrschaft zu errichten, sich zum 'Prinz-Präsidenten' zu ernennen und später zu Napoleon III. zu krönen. Bei all dem aber mobilisierte er die Unterstützung enttäuschter Volksschichten, des konservativen Frankreichs, des Kleinbürgertums und einer bunten Lumpenschar aus Kriminellen, Säufern, Gestrandeten und abgehalfterten Soldaten. Der Begriff des 'Lumpenproletariats' nahm von daher seinen Ausgang. Kurzum, der erstaunte Marx war mit dem ersten Populisten der Geschichte konfrontiert und analysierte prompt messerscharf, wie die Demokratie selbst die Monster erschafft, die der Freiheit den Garaus machen. Die Partei der Ordnung, die Privilegierten sichern ihre Pfründen nicht nur mit Gewehren, sondern auch mit Hilfe des allgemeinen Wahlrechts und der Aufganselung des Elektorats oder, wie man heute sagen würde, der 'besorgten Bürger'."
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Kulturpolitik

Auf den Natur und Wissenschaften-Seiten der FAZ resümiert Wolfgang Krischke die Tagung "Beyond Restitution: Indigenous Practices, Museums, and Heritage" an der Universität Lüneburg, bei der deutsche Kulturwissenschaftler und Kuratoren ethnologischer Sammlungen mit Vertretern von vier indianischen Gemeinschaften aus Südamerika über den Umgang mit Kultgegenständen diskutierten: Neben der fremden Inbesitznahme indigener Gegenstände" wurde vor allem das Prinzip der Musealisierung kritisiert: "Die Einlagerung der Dinge oder ihre Präsentation unter dem Glas der Vitrinen beraube sie ihrer Seele, reiße sie aus ihren lebendigen Zusammenhängen und degradiere sie so zu bloßen 'Objekten' mit nur noch historischem Wert.  (…) Gegen die 'Gefängnisse' der Vitrinen und Depots setzten die Referenten emphatische Schilderungen ihrer im 'Territorio', der Heimaterde, verwurzelten Lebenswelten: Deren Menschen wurden dargestellt als verbunden mit ihren Ahnen und im Einklang mit der Pflanzen- und Tierwelt lebend, eingebettet in einen mythischen Kosmos, zu dem spirituelle Führer, sakrale Gegenstände und Träume den Zugang herstellen. Erst in dieser Welt, so die Botschaft, könnten die aus ihrer Isolationshaft befreiten Objekte wieder als Werkzeuge oder Kultgegenstände zu sich selbst kommen, um ihren praktischen, religiösen und ästhetischen Sinn erneut zu entfalten."
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Medien

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Leider ist es so, dass J. D. Vance mit seiner Münchner Rede über die in Europa angeblich bedrohte Redefreiheit einen Punkt getroffen hat, findet jedenfalls Jacob Mchangama in Yascha Mounks Blog Persuasion. Amerikaner fallen aus allen Wolken, wenn sie hören, was man in Europa alles nicht sagen darf. Die unterschiedlichen Hintergründe in Amerika und etwa Deutschland stellt allerdings auch Mchangama nur skizzenhaft dar - anders als in Europa können in den USA Beleidigungen nicht strafrechtlich verfolgt werden, da sie durch die im ersten Verfassungszusatz garantierte Redefreiheit geschützt sind. Das Verfolgen von "Hate Speech" hat sich in Deutschland zugleich angesichts der grassierenden Hassposts in sozialen Medien intensiviert, allein Robert Habeck hat deshalb 700 Anzeigen gestellt, meldete die "Tagesschau". Die CBS-Sendung "60 Minutes" sendete zu diesen europäischen Praktiken vor kurzem einen entgeisterten Bericht. "Vance hat also Recht, wenn er Europas Versäumnisse bei der Redefreiheit anprangert", schreibt Mchangama, der ein Buch zum Thema verfasst hat. "Aber sein Argument bricht unter dem Gewicht der Maßnahmen seiner eigenen Regierung zusammen. Während er die europäischen Staats- und Regierungschefs für die Unterdrückung abweichender Meinungen verurteilt, führt die Trump-Regierung ihren eigenen Krieg gegen die freie Meinungsäußerung. ... Sie verklagt CBS wegen eines '60-Minutes'-Interviews mit Kamala Harris und richtet seine juristischen Waffen gegen das Des Moines Register und die Meinungsforscherin J. Ann Selzer, der er die 'Wahlbeeinflussung' vorwirft."

Außerdem wird die Liste von Filmen, Büchern und Wörtern, die durch die Trump-Regierung verboten werden, immer länger (unser Resümee). In der SZ weist Hilmar Klute darauf hin, wie die "Argumentationsarchitektur einfach dergestalt umgedreht" wird, so "dass am Ende ein unangreifbarer Bunker entsteht.": "Zensur? Nicht im Sinne der Trump-Staatskundler: Die radikalen Maßnahmen zur Regulierung freier Rede sollen im Gegenteil der Wiederherstellung der Meinungs- und Redefreiheit dienen, so lautet die Lesart der Trump-Regierung. Diese ist offensichtlich inzwischen dabei, ein ganzes Wörterbuch mit Vokabeln zu füllen, welche an die Stelle jener Begriffe treten sollen, die angeblich die Freiheit und Identität des amerikanischen Volkes untergraben: Gender, Transgender, nicht-binär, weiß gelesen, multikulturell. Diese und viele anderen Termini ummanteln ein Gesellschaftsbild, das Trump nicht mehr sehen möchte: gewollt uneindeutige Zuschreibungen, Wörter, die für Identitätsvariationen Raum lassen und solche, die Rassismus benennen und ächten sollen."

Auch im Zeit-Online Gespräch geht die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Sylvia Sasse darauf ein, wie die Trumps und Putins dieser Welt die Verkehrung der Wahrheit ins Gegenteil betreiben: "Es handelt sich hier nicht einfach um eine beliebige Lüge. Bei einer Verkehrung ins Gegenteil projiziert man auf den anderen das, was man selbst tut, während man sich gleichzeitig dessen Begriffe und Symbolik aneignet." Die Strategie der Verkehrung ins Gegenteil funktioniere "auch deshalb so oft, weil sie ihre Gegner in die rebellische Abhängigkeit zwingt, diese verkehrte Welt permanent wieder zurückzudrehen. Dabei vergessen Letztere, eigene Narrative zu pflegen. Man geht nur noch gegen etwas auf die Straße, nicht für etwas. Aber Demokratie ist aktive Zustimmung. Nehmen Sie das Beispiel von Alice Weidels Aussage, Hitler sei Kommunist gewesen. Man muss daraufhin nicht beweisen, dass Hitler kein Kommunist war, das ist völlig evident. Es reichte völlig, dies als Verkehrung ins Gegenteil zu benennen. Die gesparte Zeit könnte man dafür aufwenden, klarzumachen, welche Politik, welche Zukunftsvision einem selbst vorschwebt. Dem Journalismus kommt in diesem Zusammenhang deshalb eine besondere Verantwortung zu."
Archiv: Medien