9punkt - Die Debattenrundschau
Die Grenzen der Zugehörigkeit
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Gesellschaft
Die AfD ist gekommen um zu bleiben. Zeit sich mit den Folgen für die gesamte Gesellschaft zu befassen, fordert hingegen der Soziologe Marcel Schütz in der NZZ. Die Konsequenzen, die eine gesellschaftliche Normalisierung der AfD hat, wurden nämlich bisher recht wenig besprochen, warnt er. "Eine dauerhafte Etablierung über Jahre, der Aufbau parlamentarischer Stärke, Routine und hohe Präsenz stellen tragende Säulen der Etablierung der AfD dar. Hinzu kommt [...] die Möglichkeit der sozialen Durchdringung in die Mitte der Gesellschaft. Lange wurde angenommen, der extreme Gestus der AfD limitiere ihr Wählerpotenzial unterhalb der Machtoptionen. Wurde jenes vor wenigen Jahren im Bund auf 20 Prozent geschätzt, liegt es ausweislich neuerer Daten inzwischen eher bei 30 Prozent. Einen sehr hohen Durchdringungsgrad hat die AfD in Ostdeutschland erreicht, wo sie vielerorts stärkste Partei ist. Nur nebenher sei angemerkt, dass dort auf kommunaler Ebene die Brandmauer sichtbare Risse aufweist."

Auch am Wochenende wurde wieder gegen AfD und CDU protestiert. Nutzen diese Proteste irgendwem? Ja, Demonstrationen können durchaus einen Einfluss auf das Wahlergebnis haben, findet Johannes Pennekamp in der FAZ heraus und stützt sich auf Ergebnisse des Protestforschers Lennart Schürmann: "'In Wahlkreisen, in denen die Demonstrationen stattgefunden haben, gab es bei der Bundestagswahl 2021 Stimmenzuwächse von mehr als zwei Prozentpunkten für die Grünen', sagt Schürmann. Weil die Proteste nur in etwa der Hälfte der Wahlkreise stattgefunden haben, schätzt er den Effekt bundesweit etwa halb so groß ein. Der Stimmzuwachs sei kausal auf die Demonstrationen zurückzuführen, gelte also unabhängig und zusätzlich dazu, dass Proteste vor allem in Städten und Stadtteilen stattfinden, in denen die AfD ohnehin besonders kritisch gesehen wird."
Der Ruhrpott war lange Zeit fest in SPD-Hand. In Gelsenkirchen könnte jedoch dieses Mal die AfD stärkste Partei werden - und zwar auch mit Stimmen von Menschen mit Migrationshintergrund, erzählt Zeit-Reporter Philipp Daum, der in Gelsenkirchen unterwegs war und lernt, dass die "Grenzen der Zugehörigkeit" beweglich sind: "Sie werden immer wieder neu gezogen. Diesen Mechanismus hat eine große amerikanische Studie untersucht. Der Zuzug einer neuen Gruppe - in jenem Fall mexikanischer Einwanderer - verbesserte das Verhältnis zwischen den älteren Gruppen, also hier zwischen weißen und schwarzen US-Amerikanern. In Gegenden, in die viele mexikanische Migranten gezogen waren, fanden weiße Amerikaner Gleichstellungspolitik für Schwarze plötzlich besser. Dort gab es auch weniger Hassverbrechen. Gleichzeitig wuchsen die Vorurteile gegenüber Latinos. Die Forscher schrieben, dass ihre Resultate sich auf andere multikulturelle Gesellschaften übertragen ließen. Man könnte also sagen: Die Latinos des Ruhrgebiets sind die Rumänen, die Bulgaren, die Syrer. Die Neuen. Und wenn Neue dazukommen, werden aus den alten Neuen die Alten. Es gibt eine Beißordnung in Gelsenkirchen. Biodeutsche lästern über die Türken. Türken lästern über die Syrer. Und über eine Gruppe können alle lästern: die Roma."
Weiteres: In der taz fordert der Kriminologe Manuel Heinemann die Einrichtung von "Gewaltschutzzentren" nach österreichischem Vorbild, um Attentaten wie in München vorzubeugen.
Europa
Je weiter die Unterstützung der türkischen Wähler für Erdogan bröckelt, desto massiver werden seine Repressionsversuche, wie Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne aufschlüsselt. Vor allem gegen Journalisten geht die Regierung mit allen Mitteln vor. Mumay ist nun selbst von einem Verfahren bedroht, weil er über einen Korruptionsfall berichtete: "Drei leitende Redakteure einer oppositionellen Zeitung sind in Gewahrsam, weil sie über ein Treffen zwischen dem Chefredakteur einer regierungsnahen Zeitung mit dem als 'mobile Guillotine' bekannten Generalstaatsanwalt berichtet hatten. Der Leiter der staatlichen Rundfunkaufsicht RTÜK gab bekannt, Berichte, 'die den Eindruck erweckten, es gebe nichts Positives im Land', seien verboten. Bei diesem Schlag gegen die Medien bekam auch ich mein Fett weg. Die Finanzaufsicht MASAK fand heraus, dass eine staatliche Bank Unternehmen, die Geld eines in Ankara inhaftierten Mafiabosses gewaschen hatten, einen Kredit von rund 18 Millionen Euro eingeräumt hat. Der Bericht darüber wurde in die Anklageschrift des Mafia-Verfahrens aufgenommen. Weil ich darüber berichtet habe, wird mir vorgeworfen, den Ruf der staatlichen Bank geschädigt zu haben. Ich wurde zur Anhörung dazu einbestellt. Sollte man mich für schuldig befinden, drohen mir drei Jahre Haft."

Die Politik kann nicht gleichzeitig Migration gänzlich abschaffen wollen und auf dem Arbeitsmarkt von ihr stillschweigend einfach weiter profitieren, konstatiert der niederländische Migrationsforscher Hein de Haas im Zeit-Online-Interview mit Lea Mohr. "Wir haben eine Migrationskrise, aber es ist vor allem eine politische Krise. Die Politik schafft es nicht, erfolgreich mit Migrationsproblemen umzugehen. Zum Beispiel wird seit Jahrzehnten ein schärferes Vorgehen gegen illegale Einwanderung gefordert, gleichzeitig wird die Ausbeutung legaler und irregulärer Arbeitsmigrantinnen oft toleriert. Das ist heuchlerisch. Es mangelt auch an Solidarität zwischen den europäischen Ländern, um Asylsuchende gleichmäßiger zu verteilen. Deutschland nimmt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern einen unverhältnismäßig hohen Anteil von Geflüchteten pro Kopf auf. Und es hat allen Grund, darüber nicht besonders glücklich zu sein."
Den Vorschlag der Verfassungsblogger Florian Meinel und Maximilian Steinbeis einen deutschen "Nouveau Front Populaire" gegen die AfD (und CDU) zu gründen (unser Resümee), lehnt Welt-Autor Thomas Schmid entschieden ab. Dieser Vorschlag zeige nur die Verzweiflung des linken Spektrums. "Es ist unschwer zu erkennen, dass diese schnell hingeworfene Idee Ausdruck von Resignation, wenn nicht Verzweiflung sind. Verzweiflung darüber, dass die Zeiten einer ungebrochenen Deutungshoheit zu Ende gehen, in denen die Gleichung 'links = richtig' ein Glaubenssatz war. Täten sie nicht besser daran, auf eine solche politische Verelendungsstrategie zu verzichten und stattdessen über die Gründe für ihren sich anbahnenden Bedeutungsverlust nachzudenken? Die Linke braucht keine erklügelten taktischen Winkelzüge und keine Durchhalte-Mentalität. Sondern politische Klugheit, um aus ihrer selbstverschuldeten Defensive herauszukommen."
Politik
In der FR nimmt Michael Hesse nach der Rede von J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz (unser Resümee) ohne Bedauern Abschied von den USA als Partner der Deutschen: "Wenn Amerika nun abzieht, ist das militärisch vielleicht verheerend, ansonsten verabschiedet sich keine Vorzeigedemokratie, sondern ein Land, das einen tiefen Rassismus aufweist, wie der Historiker Adam Tooze in der FR betonte."