9punkt - Die Debattenrundschau
Die Kolonisierung des Innen, der Psychen und der Triebe
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.01.2025. In der Zeit schildert die Ökonomin Shoshana Zuboff, wie Staatsmacht und Privatmacht in den sozialen Medien fusionieren - und wie sie Bluesky vor Manipulation schützen will. In der NZZ erzählt Irina Rastorgujewa, mit welchen falschen Versprechen die russische Regierung Ausländer nach Russland lockt. Hanser-Verleger Jo Lendle erklärt im Zeit-Gespräch, warum er jetzt englischsprachigen Verlagen Konkurrenz machen will. Und der Fall Gelbhaar ist weder für die Grünen, noch für den RBB ausgestanden.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
23.01.2025
finden Sie hier
Internet

Europa

Gesellschaft
In Deutschland soll Schwangerschaftsabbruch endlich entkriminalisiert werden. Eine Reihe von Rechtsprofessoren und -professorinnen verteidigt diese Entscheidung in der FAZ nachdrücklich gegen jene, die behaupten, der Schutz des ungeborenen Lebens werde dadurch geschwächt. Nur werde ja ohnehin kaum je eine Frau in Deutschland wegen Abtreibung bestraft, so das Papier: "Auch wenn diese Fälle also strafrechtlich nicht verfolgt werden, stuft das Gesetz sie jedoch formell als rechtswidrig ein - es bleibt ein folgenschweres sogenanntes Unwerturteil an der Schwangeren hängen. Kriminalstrafrecht soll hier als Symbol wirken. Doch zum einen wissen wir, dass die erhoffte Präventionskraft der Strafdrohung kaum 'wirkt'. Was die Zahl der Abbrüche effektiv verringert, sind Verbesserungen der Perspektive eines Lebens mit Kind sowie präventive Maßnahmen zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften - beides kostet Geld. Bei Einsatz des Strafrechts steht im Gesetzesentwurf unter Kosten zumeist 'keine' - den Preis allerdings zahlt erkennbar nur eine: die Schwangere."
Mark Zuckerberg forderte neulich mehr "maskuline Energie" in amerikanischen Konzernen, erinnert Lisa Nienhaus in der SZ. Und tatsächlich haben "Frauen in den vergangenen Jahrzehnten eine Erfolgsgeschichte hingelegt", wie die Zahlen beweisen - allerdings gibt es immer noch vielmehr Männer in Chefpositionen. Und wie sieht es so mit den Führungsqualitäten bei Frauen aus? "Da gibt es etwa die Daten einer Beratung, die 360-Grad-Beurteilungen für Führungskräfte anbietet. Sie wertete die Bewertungen von Führungsfrauen durch ihre Vorgesetzten aus und verglich sie mit Bewertungen von männlichen Führungskräften. Und siehe da: Hier schnitten Frauen im Durchschnitt in 17 von 19 Fähigkeiten besser ab als Männer. Besonders in den Feldern 'ergreift die Initiative' und 'Resilienz' sowie 'strebt nach Ergebnissen' waren die Frauen deutlich vorn. Aber auch bei 'Ehrlichkeit' und 'mutiger Führung'. Männer waren hingegen in den Feldern 'strategische Perspektive' und 'technische Expertise' besser, allerdings nur minimal. Sehr viel größer waren die Unterschiede hingegen, wenn die Personen sich selbst bewerten sollten. Hier waren Führungsfrauen sehr viel kritischer mit sich selbst als Männer."
Mark Zuckerberg forderte neulich mehr "maskuline Energie" in amerikanischen Konzernen, erinnert Lisa Nienhaus in der SZ. Und tatsächlich haben "Frauen in den vergangenen Jahrzehnten eine Erfolgsgeschichte hingelegt", wie die Zahlen beweisen - allerdings gibt es immer noch vielmehr Männer in Chefpositionen. Und wie sieht es so mit den Führungsqualitäten bei Frauen aus? "Da gibt es etwa die Daten einer Beratung, die 360-Grad-Beurteilungen für Führungskräfte anbietet. Sie wertete die Bewertungen von Führungsfrauen durch ihre Vorgesetzten aus und verglich sie mit Bewertungen von männlichen Führungskräften. Und siehe da: Hier schnitten Frauen im Durchschnitt in 17 von 19 Fähigkeiten besser ab als Männer. Besonders in den Feldern 'ergreift die Initiative' und 'Resilienz' sowie 'strebt nach Ergebnissen' waren die Frauen deutlich vorn. Aber auch bei 'Ehrlichkeit' und 'mutiger Führung'. Männer waren hingegen in den Feldern 'strategische Perspektive' und 'technische Expertise' besser, allerdings nur minimal. Sehr viel größer waren die Unterschiede hingegen, wenn die Personen sich selbst bewerten sollten. Hier waren Führungsfrauen sehr viel kritischer mit sich selbst als Männer."
Ideen
Nach dem großen Feuer meditiert Diedrich Diederichsen in der taz unter Zuhilfenahme einiger Klassiker wie Mike Davis' "City of Quartz" und Kenneth Angers Skandalchronik "Hollywood Babylon" über Los Angeles als Pop-Phänomen: "L. A. ist der Ort, an dem die koloniale Eroberung Amerikas an die 'Mauer des Pazifiks' stieß, von wo aus daher die Kolonisierung des Innen, der Psychen und der Triebe ihren Anfang nahm: durch deren kapitalistische Verwertung und deren Einsatz der neu entstandenen Kontrollmechanismen (asiatische Religionsimporte, Kybernetik, New Age und Selbstoptimierung). In dieser Welt, die dann bald digitalisiert die Welt erobert, ist Kritik nur noch ein Genre neben anderen, das auch nur dazu beiträgt, das Kursieren und Distribuieren von Content am Rollen zu halten - nicht Fehlentwicklungen aufzuhalten."
Florian Illies hält Vergleiche mit der Situation in der Weimarer Republik kurz vor 1933 für wenig sinnvoll, wie er bei Zeit Online erklärt. Er plädiert für Geistesgegenwart: "Ja, suchen wir nach einer neuen Sprache, suchen wir nach neuen Antworten auf die bedrängenden, beängstigenden, bestürzenden Fragen unserer Gegenwart. Aber machen wir es uns nicht so bequem, dauernd das Schwarz-Weiß-Bild von 1933 zu beschwören. Der israelische Holocaustforscher Yehuda Bauer hat es in Hinblick auf den Antisemitismus auf die folgende Formel gebracht: 'Es ist nicht wie 1933. Aber es ist gefährlich.' Erst wenn wir uns der Andersartigkeit der politischen Komplexität und Demokratiegefährdung unserer Tage nähern, können wir ihr auf Augenhöhe und gegenwärtig begegnen."
Florian Illies hält Vergleiche mit der Situation in der Weimarer Republik kurz vor 1933 für wenig sinnvoll, wie er bei Zeit Online erklärt. Er plädiert für Geistesgegenwart: "Ja, suchen wir nach einer neuen Sprache, suchen wir nach neuen Antworten auf die bedrängenden, beängstigenden, bestürzenden Fragen unserer Gegenwart. Aber machen wir es uns nicht so bequem, dauernd das Schwarz-Weiß-Bild von 1933 zu beschwören. Der israelische Holocaustforscher Yehuda Bauer hat es in Hinblick auf den Antisemitismus auf die folgende Formel gebracht: 'Es ist nicht wie 1933. Aber es ist gefährlich.' Erst wenn wir uns der Andersartigkeit der politischen Komplexität und Demokratiegefährdung unserer Tage nähern, können wir ihr auf Augenhöhe und gegenwärtig begegnen."
Kulturmarkt
Der Autor T.C. Boyle hat in Deutschland mehr Erfolg als in den USA. Der Hanser-Verlag wird nun nicht mehr nur die deutschen Rechte auf seine Romane erwerben, sondern ihn auch zugleich auf Englisch herausbringen. Hintergrund ist die Globalisierung des Buchmarkts, erklärt Verleger Jo Lendle im Gespräch mit Adam Soboczynski in der Zeit: "Im Buchladen standen die englischsprachigen Bände früher in einem versteckten Regal, heute liegen sie auf dem Tisch am Eingang. Sally Rooney verkauft sich hierzulande besser auf Englisch als auf Deutsch. Von Boyles vorigem Roman 'Blue Skies' haben wir 120.000 Exemplare in Dirk van Gunsterens brillanter Übersetzung verkauft, vom Original wurden im deutschsprachigen Raum immerhin 25.000 Bände abgesetzt. Das hat uns angestachelt, etwas Neues zu probieren - warum drucken wir nicht eine eigene englischsprachige Ausgabe und vertreiben sie in ganz Europa?" Dass er damit englischsprachigen Verlagen Konkurrenz macht, verschweigt Lendle nicht. Auf die Frage, weshalb US-amerikanische Verlage Interesse daran haben sollten, Hanser die Europa-Rechte ihrer englischsprachigen Ausgaben zu überlassen, antwortet Lendle: "Die haben überhaupt kein Interesse daran. Wir schließen die Verträge aber auch nicht mit den Verlagen, sondern mit den Agenturen der Autoren. Bevor wir ins Straucheln geraten wie die niederländischen und skandinavischen Verlage, die mit ihren Übersetzungen überhaupt nicht mehr gegen die Originale ankommen, beugen wir lieber vor."
Geschichte

Politik
Die Lage in Syrien unter dem neuen Machthaber Ahmed al-Scharaa (ex Dscholani) und seiner HTS ist noch ziemlich unklar. Ninve Ermagan trägt in der FAZ Meldungen über beunruhigende Gewalt gegen christliche und andere Minderheiten zusammen: "Die zunehmende islamistische Gewalt in Syrien lässt sich nur schwer zuordnen. Während in vielen Fällen lokale Milizen oder einzelne bewaffnete Gruppen agieren, bleibt unklar, ob diese Aktionen im Namen der HTS durchgeführt werden oder unabhängig von deren Einfluss stattfinden. Doch ein Problem bleibt: Die islamistische Gruppierung HTS hat zahlreiche Insassen aus den Gefängnissen entlassen, darunter radikale Islamisten, die Jagd auf Minderheiten machen und Rache üben."
Der Germanist Karl-Heinz Göttert untersucht in der Welt die Antrittsrede von Donald Trump. Stilistisch, sagt Göttert, ist das eigentlich ziemlich ausgefeilt und bewegt sich in der Tradition der "großen Rede" - vom Inhalt abgesehen: "Dabei sind es nicht allein wie in der ersten Rede die überbordenden rhetorischen Kunststücke der Antithesen, Parallelismen Wiederholungen ('Anstatt unsere Bürger zu besteuern, um andere Länder zu bereichern, werden wir ausländische Länder mit Zöllen und Steuern belegen, um unsere Bürger zu bereichern.'). Auch nicht die gelegentlich das Peinliche streifenden Bilder ('Sonnenlicht scheint auf die ganze Welt'). Die Rede ist vielmehr vor allen Dingen ein Feuerwerk von konkreten, anschaulichen Beispielen - der Wahrheitsgehalt steht hier nicht zur Debatte (...) Das 'Bildungswesen' lehre Kinder 'vielfach, sich für sich zu schämen und unser Land zu hassen - trotz der Liebe, die wir ihnen so verzweifelt entgegenbringen wollen'. Umgekehrt war die Wende (hyperbolisch: 'der wichtigste Sieg der Geschichte') dem Mitziehen 'aller' geschuldet, nicht zuletzt 'den Schwarzen und den Latinos', deren Stimmen Rekordergebnisse brachten ('Ich habe eure Stimmen im Wahlkampf gehört'). "
Der Germanist Karl-Heinz Göttert untersucht in der Welt die Antrittsrede von Donald Trump. Stilistisch, sagt Göttert, ist das eigentlich ziemlich ausgefeilt und bewegt sich in der Tradition der "großen Rede" - vom Inhalt abgesehen: "Dabei sind es nicht allein wie in der ersten Rede die überbordenden rhetorischen Kunststücke der Antithesen, Parallelismen Wiederholungen ('Anstatt unsere Bürger zu besteuern, um andere Länder zu bereichern, werden wir ausländische Länder mit Zöllen und Steuern belegen, um unsere Bürger zu bereichern.'). Auch nicht die gelegentlich das Peinliche streifenden Bilder ('Sonnenlicht scheint auf die ganze Welt'). Die Rede ist vielmehr vor allen Dingen ein Feuerwerk von konkreten, anschaulichen Beispielen - der Wahrheitsgehalt steht hier nicht zur Debatte (...) Das 'Bildungswesen' lehre Kinder 'vielfach, sich für sich zu schämen und unser Land zu hassen - trotz der Liebe, die wir ihnen so verzweifelt entgegenbringen wollen'. Umgekehrt war die Wende (hyperbolisch: 'der wichtigste Sieg der Geschichte') dem Mitziehen 'aller' geschuldet, nicht zuletzt 'den Schwarzen und den Latinos', deren Stimmen Rekordergebnisse brachten ('Ich habe eure Stimmen im Wahlkampf gehört'). "
Medien
Der Skandal bei den Grünen um Belästigungsvorürfe gegen den Abgeordneten Stefan Gelbhaar ist nicht nur ein Skandal der Grünen, sondern auch des RBB, haben die Zeit-Reporter Robert Pausch und Holger Stark herausgefunden, die auch mit Gelbhaar und seinem Anwalt Markus Goldbach gesprochen haben. Die Vorwürfe gegen Gelbhaar erscheinen in den Artikeln als intrigengesteuert, die Ombudssstelle der Grünen scheint nicht seriös nachgeprüft zu haben. Und der RBB, so scheint es, hat die erfundenen Vorwürfe einer "Anna K." gegen Gelbhaar erst überprüft, nachdem Gelbhaar juristische Schritte gegen den Sender eingeleitet hatte: "Die Sache fliegt erst auf, als Gelbhaar gegen den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) klagt. Der hatte kurz nach Weihnachten über die Vorwürfe berichtet, gestützt unter anderem auf die eidesstattliche Versicherung von 'Anne K.'. Den Reportern des Senders liegt allerdings nur eine Kopie vor, in der zudem das Geburtsdatum von 'Anne K.' fehlt. Als sie nach Veröffentlichung des Berichts um das ergänzte Original bitten, ist 'Anne K.' plötzlich nicht mehr erreichbar - obwohl es eine E-Mail-Adresse, eine Telefonnummer und sogar einen Telegram-Account von ihr gibt. Hat da jemand erst akribisch an einer Legende gebastelt - und plötzlich, als es ernst wurde, den Stecker gezogen?"
In der ARD ist gerade "Faktenwoche", merkt Michael Hanfeld in der FAZ süffisant in diesem Kontext an. Der Senderverbund will sich damit als seriöse Quelle bei Jugendlichen profilieren. "Zum Abschluss der ARD-Faktenwoche geht es am Freitag in einer Diskussionsrunde übrigens um 'Fakten statt Fiktion - Gemeinsam gegen Desinformation'. Wo findet die wohl statt? Beim RBB selbstverständlich."
Außerdem: Ziemlich entgeistert blättert Frauke Steffen für die FAZ im New York Times Magazine, wo der Neofaschist Curtis Yarvin, Vordenker von Plutokraten wie Peter Thiel, plötzlich als seriöser Gesprächspartner präsentiert wird.
In der ARD ist gerade "Faktenwoche", merkt Michael Hanfeld in der FAZ süffisant in diesem Kontext an. Der Senderverbund will sich damit als seriöse Quelle bei Jugendlichen profilieren. "Zum Abschluss der ARD-Faktenwoche geht es am Freitag in einer Diskussionsrunde übrigens um 'Fakten statt Fiktion - Gemeinsam gegen Desinformation'. Wo findet die wohl statt? Beim RBB selbstverständlich."
Außerdem: Ziemlich entgeistert blättert Frauke Steffen für die FAZ im New York Times Magazine, wo der Neofaschist Curtis Yarvin, Vordenker von Plutokraten wie Peter Thiel, plötzlich als seriöser Gesprächspartner präsentiert wird.
Kommentieren