9punkt - Die Debattenrundschau
Die Fronten sind verhärtet
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.12.2024. Warum keine Bundesrepublik Syrien? In der Welt skizziert Michael Wolffsohn, wie eine föderative Friedensordnung des Nahen Ostens aussehen könnte. In der taz kritisiert Alan Meish vom kurdischen Sender Rohanî TV in Nordostsyrien das internationale Schweigen angesichts der türkischen Angriffe auf kurdische Journalisten. Dass russische Bücher in der Ukraine zu Klopapier verarbeitet werden, hilft auch nicht weiter, beklagt der russische Journalist Vladimir Esipov in der Welt. Auf Zeit Online fühlt sich Armin Nassehi angesichts der libertären Forderung nach mehr "Disruption" an die radikalen Linken der Siebziger erinnert.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
27.12.2024
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Medien
Alan Meish, Mitarbeiter beim kurdischen Sender Rohanî TV in Nordostsyrien, spricht im Interview mit der taz über die Drohnenangriffe der Türkei speziell auf kurdische Journalisten. Gestern waren in Nordsyrien so zwei Journalisten getötet worden, Nazim Daştan und Cîhan Bilgin: "Seit Beginn der Revolution in Rojava sind nach der Zählung von Ronahî TV 30 Journalisten durch die Angriffe der Türkei und des IS getötet worden. Das Problem betrifft nicht nur kurdische Journalisten. Auch viele Menschen aus der arabischen Bevölkerung in dieser Region sind zum Ziel der Angriffe der Türkei geworden. ... Dies ist ein direkter Angriff auf die Pressefreiheit und die Rechte von Journalisten. Ähnlich wie der IS, will die Türkei nicht, dass jemand seine Verbrechen aufdeckt. Das macht sie ja auch in anderen Ländern. Auch in der Türkei versucht der Staat, Journalisten mundtot zu machen, so wurden am Freitag, Journalisten, die gegen die Ermordung von Nazim und Cîhan demonstrierten festgenommen." Meish plädiert für dringend für "internationale Untersuchungsausschüsse", die diese Angriffe dokumentieren. "Wir beobachten, dass das internationale Schweigen und die Gleichgültigkeit der Türkei mehr Stärke verleihen."
Politik
Wann wenn nicht jetzt, sollte eine friedliche Neuordnung in Nahost möglich sein, fragt sich der Historiker Michael Wolffsohn, der in der Welt anhand der demografischen Wirklichkeiten in Nahost sowie der "sowohl ethischen als auch funktionalen Notwendigkeit von Selbst- und Mitbestimmung aller Gruppen" eine föderative Friedensordnung skizziert: "Syrien sollte eine 'Bundesrepublik' werden, bestehend aus drei räumlich klar abgrenzbaren Bundesländern mit Sunniten, Kurden und Alawiten. Eine Bundesrepublik Irak könnte ebenfalls drei räumlich abgrenzbare Bundesländer haben: Kurden im Norden, Sunniten in der Mitte, Schiiten im Süden. Die Bundesrepublik Türkei hätte einen türkischen Groß- und einen kurdischen Klein-Kanton. Das gleiche Modell ließe sich auf eine Bundesrepublik Iran anwenden. Härter zu knacken sind die Nüsse Israel, Palästina (Gaza und Westjordanland) und Jordanien. Als mehrschichtige Einheit sind sie zu betrachten, denn demografisch-räumliche bzw. -geografische Zuordnungen der Kantone/Bundesländer sind nur teilweise möglich, nämlich nur im Gaza-Streifen. Dessen Demografie und Geografie ermöglichen einen rein arabischen Kanton. Die Übergangszeit vom 'Tag danach', also nach diesem Krieg, bis zu dessen Gründung, kann durch internationale Friedenstruppen abgesichert werden."
Ideen

Europa

Wie sich die belarussische Kultur vor allem bei Oppositionellen aus Belarus im Exil gegenüber dem Russischen durchsetzt, schildert Felix Ackermann in der NZZ am Beispiel der Band 'Petlia Pristrastiya' (Schlinge der Leidenschaft), die im Maschinenhaus der Berliner Kulturbrauerei auftrat und ihr jüngstes Album erstmals nicht auf Russisch veröffentlich hat: "Seit dem vollumfänglichen russischen Überfall auf die Ukraine ist der öffentliche Wechsel von Russisch zu Weissrussisch Ausdruck einer kollektiven Bewegung der neuen Diaspora auf der Suche nach kultureller Eigenständigkeit. Diese öffentlich manifestierte Form des Protests ist weit mehr als die Forderung nach einem Ende der Diktatur. Mit der Sprache geht bei den Musikern von 'Schlinge der Leidenschaft' auch ein neues Spiel mit dem musikalischen Erbe der weissrussischen Folklore einher, die vorher kaum eine Spur in ihrem Werk hinterlassen hatte."
Der Sturz Assads ist für Russland eine peinliche Angelegenheit, meint in der taz der Historiker Alexander Friedman. Für die Ukraine, die Weihnachten heftig von Russland bombardiert wurde, bedeute das allerdings nichts Gutes: "Von einer russischen 'Riesenniederlage', möglicherweise der größten außenpolitischen Niederlage seit den 1990er Jahren, will man in Moskau jedenfalls nichts wissen. In Russland spricht man lieber, wie etwa der berüchtigte Politikwissenschaftler Sergej Markow, von einer 'geopolitischen Panne'. Und diese 'Panne', so heißt es, sei zu verkraften - entscheidend sei, die Ukraine 'heim ins Reich' zu holen." Und so "spürt die Ukraine zunehmend die Konsequenzen der russischen Blamage in Syrien. Gereizt, frustriert und bestrebt, die Schmach von Damaskus möglichst schnell zu verdrängen, will Putin seine Stärke und Entschlossenheit nun demonstrieren - und setzt die Zerstörung des Nachbarlandes fort."
Kulturpolitik
Die Idee, statt der "Beratenden Kommission" in strittigen NS-Raubkunstfällen künftig "Schiedsgerichte" einzusetzen, klingt nicht schlecht, aber die Fallen liegen unter anderem im Kleingedruckten, wendet Jörg Häntzschel in der SZ ein: "Auf Druck der Länder Bayern, Sachsen, Nordrhein-Westfallen definiert die Regelung schärfer, was als geraubt gilt und was nicht - und wird daher, darin sind sich viele Fachleute einig, Restitutionen oftmals erschweren. Vertreter der jüdischen Verbände haben das neue Verfahren als 'ersten Schritt hin zu einem Restitutionsgesetz' bezeichnet. Doch dieses Lob war womöglich eher strategischer Natur. Tatsächlich würgt die neue Regelung die notwendige Debatte über ein Gesetz auf Jahre ab. Ein solches Gesetz würde auch Kunst in Privatbesitz umfassen, würde staatliche Entschädigungen unausweichlich machen und würde den Opfern endlich einklagbare Ansprüche geben. All das wird in Deutschland auch 79 Jahre nach Kriegsende offenbar nicht gewollt. Die Kunst zu behalten und mit dem Unrecht zu leben, ist angenehmer."
In der Welt resümiert Marcus Woeller den in diesem Dezember vor dem Berliner Kammergericht fortgeführten Rechtsstreit zwischen dem Architekturtheoretiker und Stadtschloss-Gegner Philipp Oswalt und dem evangelischen Theologen, ehemaligen Verfassungsrichter und Vorsitzenden des Fördervereins Berliner Schloss, Richard Schröder. Konkret geht es um drei Texte, darunter ein Artikel von Oswalt im Tagesspiegel und ein Beitrag von Schröder in der Fördervereins-Publikation Extrablatt, eine erste Gerichtsentscheidung ging zugunsten Oswalts aus, der Schröder und seinem Verein "antisemitische Positionen" vorwarf. "Die Fronten sind verhärtet", konstatiert Woeller. Das Berliner Schloss "stehe nun mal da, man könne es ja nicht abreißen, witzelte Oswalt noch zu Beginn der Verhandlung. Obwohl vorgeblich über Grammatik und Semantik gestritten wurde, ist der Streitgegenstand außergerichtlich doch ein anderer: Es ist eine Atmosphäre der unerbittlichen Ranküne, die dem neohistoristischen Bauwerk in den Betonknochen steckt. Tief empfundene und offen ausgetragene Abscheu macht Schlossgegner wie -fans zu unversöhnlichen Parteien. Rund 75 Jahre nach Ulbricht, der das echte Schloss sprengen ließ, wird die Abrissbirne rhetorisch gesteuert."
In der Welt resümiert Marcus Woeller den in diesem Dezember vor dem Berliner Kammergericht fortgeführten Rechtsstreit zwischen dem Architekturtheoretiker und Stadtschloss-Gegner Philipp Oswalt und dem evangelischen Theologen, ehemaligen Verfassungsrichter und Vorsitzenden des Fördervereins Berliner Schloss, Richard Schröder. Konkret geht es um drei Texte, darunter ein Artikel von Oswalt im Tagesspiegel und ein Beitrag von Schröder in der Fördervereins-Publikation Extrablatt, eine erste Gerichtsentscheidung ging zugunsten Oswalts aus, der Schröder und seinem Verein "antisemitische Positionen" vorwarf. "Die Fronten sind verhärtet", konstatiert Woeller. Das Berliner Schloss "stehe nun mal da, man könne es ja nicht abreißen, witzelte Oswalt noch zu Beginn der Verhandlung. Obwohl vorgeblich über Grammatik und Semantik gestritten wurde, ist der Streitgegenstand außergerichtlich doch ein anderer: Es ist eine Atmosphäre der unerbittlichen Ranküne, die dem neohistoristischen Bauwerk in den Betonknochen steckt. Tief empfundene und offen ausgetragene Abscheu macht Schlossgegner wie -fans zu unversöhnlichen Parteien. Rund 75 Jahre nach Ulbricht, der das echte Schloss sprengen ließ, wird die Abrissbirne rhetorisch gesteuert."
Kulturmarkt
Rettet ausgerechnet TikTok die deutsche Buchbranche, fragen sich Florian Kolf und Michael Scheppe auf den Wirtschaftsseiten des Tagesspiegels. Laut Media Control dürften von den insgesamt 270 Millionen jährlich in Deutschland verkauften Büchern in diesem Jahr 20 Millionen Bücher durch Erwähnungen auf TikTok verkauft worden sein. Aber: "Vom Bücherboom durch Tiktok profitieren vorrangig aber nur die großen Händler, die entsprechenden Platz haben, eigene Regale aufzustellen. 'Da haben wir es mit unseren großen Buchhandlungen leichter, das passende Sortiment in entsprechendem Umfang anzubieten', sagt (Thalia-Chef Ingo) Kretschmar. Der Booktok-Boom hat auch die Arbeit von Verlegern verändert. Grusche Juncker, Mitglied der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Penguin Random House in Deutschland, sagt: 'Wir sehen über den Kanal, welche Themen die junge Zielgruppe bewegen, können darüber neue Autorinnen und Autoren entdecken und auf unsere Bücher aufmerksam machen.'"
Religion
Nicht erst seit der islamische Theologe Mouhanad Khorchide 2010/11 zum Leiter des Zentrums für islamische Theologie der Uni Münster ernannt wurde, setzt er sich wie ein "Berserker" für eine aufklärerisch-humanistische Reform des Islams ein, schreibt Till-R. Stoldt in der Welt. Aber gegen die Macht der Moscheeverbände hierzulande kommt er einfach nicht an, räumte er jetzt bei einer Lesung in Bonns evangelischer Kreuzkirche ein: "Seufzend erwähnte er, auch seine eigenen Studenten seien von seinem Islamverständnis oft nicht überzeugt - womit er wohl untertrieb. Einer Umfrage zufolge fühlen sich über zwei Drittel der Studenten islamischer Theologie hierzulande vom Moscheeverband DITIB vertreten, knapp zwei Drittel von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). ... Beide Verbände stehen Khorchides Ideen denkbar fern. Überspitzt: Sein eigenes Zentrum, die vermeintliche Kaderschmiede der Reformer, scheint feindlich unterwandert. (…) Dass die deutsche Politik radikalen Reformmuslimen wie Khorchide partiell in den Rücken gefallen ist mit ihrer Nähe zu seinen Kontrahenten, darf man in aller Nüchternheit festhalten. Der organisierte deutsche Islam steht zwar mehrheitlich sozusagen 'religiös rechts' von Khorchide. Aber damit haben sich die Regierungen der Republik, vor allem die linken, schulterzuckend arrangiert."
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