Armin Nassehi

Kritik der großen Geste

Anders über gesellschaftliche Transformation nachdenken
Cover: Kritik der großen Geste
C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN 9783406823220
Kartoniert, 224 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Über Transformation wird zumeist mit großer Geste und noch größerer Betroffenheit gesprochen. Ob es um die Bekämpfung des Klimawandels, den Umbau von Staat und Wirtschaft oder die Frage nach der Beendigung von Kriegen geht: Von der Dringlichkeit wird auf die Möglichkeit und Zustimmungsfähigkeit geschlossen, oft mit mahnendem Blick. In Vergessenheit gerät dabei, dass alle Transformation in einer Welt stattfinden muss, die bereits da ist und mit ihren eigenen Mitteln darauf reagiert, unter anderem mit populistischen Gefährdungen der Demokratie. Armin Nassehi fragt, was jenseits der großen Geste zu finden ist: eine Gesellschaft, die anders über Transformation nachdenken muss und am Ende von der Logik kleiner Schritte profitieren wird. Multiple Krisenerfahrung bedeutet: Viele Bedingungen unserer Lebensweise der letzten Jahrzehnte sind fragwürdig geworden, ihre Verletzlichkeit und ihre Voraussetzungen werden immer sichtbarer. Das erzeugt allerorts einen Ruf nach rascher, möglichst umfassender Transformation. Denn:  Eine andere Welt sei möglich, wir müssten sie nur wollen. Aber dieser Triumph des Willens rechnet nicht mit dem Eigensinn, mit der inneren Komplexität und den Widerständen einer Gesellschaft, die eben kein ansprechbares Kollektiv ist. Und sie rechnet nicht mit der populistischen Reaktion auf Krisenerfahrungen. Dabei wird immer deutlicher: Man kann nicht gegen die Gesellschaft transformieren, sondern nur in ihr und mit ihr - und nur mit ihren eigenen Mitteln.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2024

Rezensent Gerald Wagner entdeckt im Buch des Soziologen Armin Nassehi, das dezidiert unakademisch gegen die "große Geste" im Kampf um die Gesellschaft und den Klimawandel anschreibt, am Ende doch eine nicht ganz kleine Geste des Autors selbst. Nassehi nämlich setzt auf die Produktiv- und Transformationskräfte von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, nur eben klimafreundlicher, stellt Wagner fest. Zuvor schreibt der Autor gut soziologisch und umso polemischer gegen den "radikalen Umbau" an, meint Wagner. Dennoch ist der Rezensent froh, dass sich hier mal ein Soziologe ernsthaft mit dem Klimawandel befasst.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 23.07.2024

Einen willkommenen, heilsamen Aufruf zur Zurückhaltung angesichts überhitzter Diskurse hat Armin Nassehi laut Rezensent Martin Tschechne verfasst. Nassehi geht laut Tschechne von der Beobachtung aus, dass oft lauthals ein großes Umdenken von allen gefordert wird, wobei aber häufig unter den Tisch fällt, wie Diskurse faktisch funktionieren. Mit Bezug auf Systemtheorie und Kommunikationswissenschaft stellt Nassehi laut Rezensent dar, dass Diskussionen im öffentlichen Raum stets eine gewisse Trägheit haben, und dass das auch dann der Fall bleibt, wenn, wie beim Klimawandel, die naturwissenschaftlichen Fakten weitgehend gesichert sind. Die Dringlichkeitsrhetorik sorge also nicht dafür, dass dringliche Probleme schnell angegangen werden, oft eher im Gegenteil. Man muss verstehen, wie Diskurse funktionieren, meint Nassehi Tschechne zufolge und das klappt nur, wenn man ihre Eigengesetzlichkeiten begreift. Mehr Aufmerksamkeit für die Komplexität öffentlicher Auseinandersetzung: darauf kommt es Nassehi an, glaubt Tschechne, der dieses Buch für eine sehr sinnvolle Intervention hält.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.07.2024

Rezensent Johan Schloemann findet Arnim Nassehis neues Buch in doppelter Hinsicht "deprimierend". Zum einen hat er das Gefühl, dass der eigentlich so erfrischend realistische Soziologe mit diesem Buch verzweifelt versucht, seine Überzeugungen gegen die immer verhärteteren Diskus-Fronten zu verteidigen und dabei selbst als beliebter Fernseh-Experte irgendwie im Spiel zu bleiben. Zum anderen habe Nassehi in seinem Buch wie immer zwar "einen Punkt", wenn er Bedenken an der gebetsmühlenartigen Forderung nach Transformation (hier: die gänzliche Verabschiedung von fossilen Energien, klärt Schoemann) äußert, bzw. vor allem den "hohen Ton" kritisiert, in dem diese Forderungen stattfinden. Man müsse mit einberechnen, dass die Realität der Leute eben eine andere sei oder zumindest "träge" bezüglich Veränderungen - auch wenn Nassehi die Notwendigkeit nach dieser Veränderung keinesfalls leugne, erkennt Schloemann an. Nur leider bewegt sich das Buch nicht über diesen einen - deprimierenden - Punkt hinaus, der nur in variierter Form wiederholt wird, seufzt Schloemann.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.07.2024

Mit Interesse liest Rezensent Harry Nutt Armin Nassehis neues Buch, beschränkt sich in seiner Kritik jedoch im wesentlichen auf eine Inhaltsangabe. Der Soziologe Nassehi wendet sich zwecks breiterer Lesbarkeit zwar vom akademischen Stil inklusive Fußnotenapparat ab, so Nutt, nicht jedoch von der Gesellschaftstheorie. Im Zentrum steht die Frage, wie gesellschaftliche Gruppen mit Veränderungen umgehen. Nassehi meint, dass Gesellschaft im Allgemeinen zu weiten Teilen aus der Fortführung von Routinen besteht. Populisten versteifen sich dann angesichts von Veränderungen auf identitätspolitische Themen versteifen, die den Problemlagen gar nicht angemessen sind. Aber wie darauf reagieren? Nassehi plädiert dafür, nicht mehr Ideen von gesamtgesellschaftlicher Solidarität nachzuhängen und große politische Ideale zu verfolgen, sondern sich in kleinen Schritten an Veränderungen anzupassen, erklärt Nutt, der nicht sagen kann oder will, ob ihn das überzeugt.

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