Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.11.2024. Die Ukraine und der 7. Oktober bestimmen die Debatten. Joe Biden erlaubt der Ukraine quasi als letzte Amtshandlung den Einsatz weitreichender Raketen, allerdings fragt sich der Militärexperte Greg Melcher im Tagesspiegel, ob der Westen durch seine zögerliche Unterstützung nicht längst schon mit verantwortlich sei für die hohe Zahl ukrainischer Kriegsopfer. Der Schriftsteller Michel Bergmann beschreibt in der FAZ den Mangel an Empathie mit den Juden und Israelis nach dem 7. Oktober. Der Hass auf die Juden, erklärt Eva Illouz ebenfalls in der FAZ, speist sich in seiner heutigen Form aus dem "Ressentiment gegen den Holocaust".
Gestern Abend kam die Meldung, "US-Präsident Joe Biden würde der Ukraine den Einsatz weitreichender Raketen gegen bestimmte Ziele in Russland erlauben", etwa hier in Spiegel online. "Entsprechende Beschränkungen seien aufgehoben worden, hieß es demnach, die Entscheidung sei eine Reaktion auf den Einsatz Tausender nordkoreanischer Soldaten auf russischer Seite."
Zuvor waren die Nachrichten vor allem durch Olaf Scholz' Anruf bei Wladimir Putin dominiert, der nicht überall gut ankam.
No-one will stop Putin with phone calls. The attack last night, one of the biggest in this war, has proved that telephone diplomacy cannot replace real support from the whole West for Ukraine. The next weeks will be decisive, not only for the war itself, but also for our future.
Auch Wladimir Putin hat sich durch Scholz' Anruf nicht einschüchtern lassen, berichtet Dominic Johnson in der taz: "Mit den größten Luftangriffen auf die Ukraine seit langer Zeit hat Russland in der Nacht zum Sonntag seinen Kriegskurs bekräftigt. Pünktlich zum Wintereinbruch kam die Energie-Infrastruktur des ganzen Landes unter Beschuss."
Im Interview mit dem Tagesspiegel kritisiert der amerikanische MilitärexperteGreg Melcher scharf Joe Biden und Europa, deren zögerliche Unterstützung der Ukraine er verantwortlich macht für die hohe Zahl ukrainischer Kriegsopfer. "Der Westen verbietet der Ukraine in gleichem Maße gegen Russland vorzugehen, wie sie selbst angegriffen wird. Aus Angst vor einer möglichen Eskalation. Dabei müsste der Westen ein gewisses Risiko eingehen: Denn wir werden bedroht und müssen uns verteidigen. Aber wir wollen das nicht tun. Die Biden-Administration wollte diesen Krieg nie gewinnen. Sie wollte ihn nur nicht verlieren. Hätte der Westen der ukrainischen Regierung einfach gegeben, worum sie gebeten hatte, und hätte sie machen lassen, wäre der Krieg längst vorbei." In der Welt sekundiert Ibrahim Naber: "Wir müssen aufhören, der Ukraine einen Kampf mit ungleichen Waffen aufzuzwingen. Wir müssen aufhören, uns von Putins Drohungen einschüchtern zu lassen."
Auf Zeit onlineblicktOleksij Makejew, Botschafter der Ukraine in Deutschland, mit einiger Bitterkeit auf die Antikriegsdemo der russischen Opposition, die gestern in Berlin stattfand: "Der ganze verbrecherische Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, der tägliche Terror gegen Zivilisten, das alles wird von Kara-Mursa, Nawalnaja und Jaschin in den bequemen Begriff 'Putins Krieg' gepackt. Das ist nicht unser Krieg, sagen sie, und auf die Frage nach der kollektiven Verantwortung greift Kara-Mursa wütend den Westen an, der Putin so lange toleriert habe. So schließt sich der Kreis. 'Der Westen ist schuld an Russlands Krieg.' Sagt Putin. Sagt Kara-Mursa. Ich wünschte, ich könnte auch sagen, dass das nicht mein Krieg ist. Doch ich kann das nicht ... auch der Mann aus Lwiw, der seine Frau und drei Töchter durch den russischen Terrorangriff verloren hat, wird nicht sagen können, dass das nicht sein Krieg ist. Ebenso wenig die Eltern der 589 ermordeten ukrainischen Kinder. Sie wurden von Russen ermordet, für die Kara-Mursa, Nawalnaja und Jaschin keine Verantwortung übernehmen wollen, die sie aber im Westen vertreten wollen."
In Brasilien tagt der G20-Gipfel. Anna Lehmann skizziert für die taz die Lage der Ukraine in der internationalen Diplomatie, allerdings noch in Unkenntnis der neuesten Meldung: "Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski ist erst gar nicht eingeladen nach Rio, beim letzten Gipfel in Delhi war er immerhin noch zugeschaltet. Aber Brasiliens Präsident Lula da Silva hatte ausdrücklich eine Einladung an Wladimir Putin ausgesprochen - der aber doch nicht selbst kommt, sondern seinen Außenminister schickt. Auch das Thema Ukraine steht nicht explizit als Punkt auf der Tagesordnung. Aus dem Kanzleramt heißt es, dass es trotzdem angesprochen werden müsse. In den Gesprächen, die Olaf Scholz am Rande des Gipfels führe, werde der russische Angriffskrieg eine wichtige Rolle spielen."
Der Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel, ein entschiedener Verteidiger der Ukraine, kommt in einem ganzseitigen Essay in der FAZ nochmal auf die Zeiten der Friedensbewegung zurück und sucht nach Parallelen zu heutigen Debatten. So exotisch das Treiben der Friedensbewegung heute scheint, deren religiöse Aufladung heute fremd wirkt - die Kontinuitäten überwiegen für Wessel: "Dass sich Berlin auch nach 2014 noch rohstoffpolitisch von Moskau abhängig machte und Warnungen aus Warschau und Kiew in den Wind schlug, lag auf der Linie der Politik der Achtzigerjahre. Es war ein geopolitisches Versagen, das zum gegenwärtigen Krieg beigetragen hat. Von Bundeskanzler Olaf Scholz wurde die russische Invasion nur am Anfang, als er das Wort von der 'Zeitenwende' prägte, als fundamentale Gefährdung der europäischen Sicherheit begriffen. Danach behandelte die Regierung sie eher wie einen Regionalkonflikt."
Im Spiegel denkt der PolitologeHerfried Münkler über die weltweite Neuauflage des imperialen Strebens nach, das sich durch die Trump-Wahl noch verstärkt hat, und über die Folgen für Europa: Grundsätzlich gebe es zwei Optionen: "Die Erste ist, enger zusammenzurücken, die Europäische Union zu stärken und dabei sehr viel größere militärische Fähigkeiten aufzubauen. In deren Mittelpunkt muss dann eine eigene europäische nukleare Abschreckungskomponente stehen. Das wird viel Geld kosten und nur durch eine weitreichende Umschichtung der Budgets - und das heißt: Veränderungen im Wohlfahrtsstaat - möglich sein." Das muss man seinen Wählern allerdings verkaufen können. "Die Alternative ist, dass man sich Russland und dessen politischen Erwartungen annähert. Dann erübrigt sich der Aufbau von Fähigkeiten zur Abschreckung des Kreml. Ein solcher geopolitischer Schwenk, auf den die populistisch geführten Länder in Europa schon jetzt hinarbeiten, wird umso leichter fallen, je geringer das transatlantische Handelsvolumen ist - und das wird sinken, wenn Trumps protektionistische Wirtschaftspolitik sich auch gegen die Europäer richtet", ein Szenario, das Münkler den Deutschen durchaus zuzutrauen scheint.
Die ungebrochene Unterstützung des Kriegs durch einen großen Teil der russischen Bevölkerung liegt nicht zuletzt am Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche, die Putins Krieg für "heilig" erklärt hat und als "unvermeidbares Faktum" darstellt, meint in der NZZ der PolitikwissenschaftlerJörg Himmelreich: "Miserable Lebensverhältnisse, wie Revolution, Krieg, Unterdrückung, Okkupation, werden im traditionalistischen Denken der orthodoxen Theologie als göttliches Strafgericht gedeutet: Gott lässt diese Dinge geschehen, um die Menschen für begangene Übel zu strafen und um sie auf den besseren Weg zu führen. Ein solches Erlösungsverständnis führt zu religiösem und von da zu politischem Fatalismus. Es animiert zur leidenschaftslosen Hinnahme des äußeren Geschickes, das ohnehin nicht zu ändern ist. Diese Schicksalsverfallenheit hemmt jeden russisch-orthodoxen Christen in seiner sozialen und politischen Aktivität - und ist unweigerlich auch eine verborgene Ursache für die fatalistische Unterstützung Putins und seines verbrecherischen Krieges."
"Ich bin wieder Jude" ist der Artikel des Drehbuchautors und SchriftstellersMichel Bergmann in der FAZ überschrieben. Mit Verzweiflung konstatiert er, wie allein gelassen sich die Israelis, aber auch die Juden in der Diapora fühlen. Wie Etgar Keret es am Samstag in der taz oder die israelischen DJs, die nicht mehr ins Ausland eingeladen werden, beschreiben (unser Resümee), ist es diese Desolidarisierung, die schmerzt: "Ich habe innerhalb eines Jahres insgesamt fünf E-Mails, Whatsapp-Nachrichten und Telefonanrufe von mitfühlenden nichtjüdischen Freunden und Kollegen bekommen, das war's. Wieso so wenige? Diese Frage treibt mich seit Monaten um. Es gibt einen Erklärungsversuch: Liegt es vielleicht daran, dass die meisten Menschen sich ihre eigene Vernichtung nicht ausdenken können?"
In der Welt ist der niederländische AutorRobert Vuijsje entsetzt über die Krawalle nach dem Fußballspiel zwischen Ajax und Maccabi Tel Aviv in Amsterdam. "Was ich aber noch schmerzhafter finde und auch so traurig und vorhersehbar: wie jede Seite in dieser Diskussion die Juden missbraucht, um ihren eigenen Standpunkt zu vertreten - als ob wir ein Mülleimer wären, in den jeder ungebeten seinen eigenen Müll werfen darf." Auf der einen Seite die Rechtsextremisten um Geert Wilders, "auf der anderen Seite stehen die Menschen, die ich immer als meine Verbündeten angesehen habe. Niederländer unterschiedlicher Herkunft, die behaupten, gegen Rassismus zu sein", letzte Woche jedoch in Amsterdam Jagd auf Juden machten. "Ich selbst trage weiterhin den Davidstern um den Hals. Aber ich bin trotzdem froh, dass meine Kinder nicht jüdisch aussehen."
Eva Illouz hat den Frank-Schirrmacher-Preis erhalten. Die FAZ druckt ihre Dankrede ab, in der sie sich über modernen Opferkult und Identitätspolitik Gedanken macht. Zwar hat Identitätspolitik das Verdienst, "die Opferrolle nicht mehr zu einer Quelle der Scham zu machen", weil die Schande nun beim Täter liegt. Aber etwas ist doch schief gelaufen, und das hat mit dem Holocaust zu tun, dessen Opfer sakralisiert worden seien. Gerade hieraus, so Illouz, entstand "ein Ressentiment gegen den Holocaust", das zum Beispiel James Baldwin in einem berühmten Text zum ersten Mal formulierte. Baldwin bestritt hier, dass die Juden mehr gelitten hätten als die Schwarzen und gestand seinen Hass auf sie ein. "Die Sakralisierung der jüdischen Opfer in der westlichen Kultur warf einen Schatten auf die Anerkennung anderer gefährdeter Gruppen, als ob die Anerkennung von Opfern eine seltene Ressource und damit Gegenstand des Wettbewerbs sei. Baldwins brutal ehrlicher Text ist somit das vernichtendste Zeugnis für das Scheitern der Identitätspolitik und der Opferkultur." Die FAZ druckt auch die Laudatio von Saba-Nur Cheema.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ist der Mensch von Natur aus ein kriegerisches Wesen? Gar nicht, behaupten der EvolutionsbiologeCarel van Schaik und der HistorikerKai Michel, die gerade zusammen mit dem ArchäologenHarald Meller das Buch "Die Evolution der Gewalt" veröffentlicht haben. In der Vorzeit waren unsere Vorfahren sehr friedlich, versichern die beiden im Interview mit der NZZ. "Menschen haben erkannt, dass sie von guten Beziehungen zu anderen Gruppen profitieren. Da sie als mobile Jäger und Sammler lebten, keinen nennenswerten Besitz hatten und die Populationsdichten gering waren, lohnten sich Kriege nicht. Und im Konfliktfall konnte man der Eskalation aus dem Weg gehen", sagt van Schaik. Hinweise auf kollektive Gewalt gab es erst nach der letzten Eiszeit, als sich das Klima stabilisierte und die Menschen sesshaft wurden, erklärt Michel. "Plötzlich hat man etwas zu verlieren, das man beschützen muss. Es bilden sich Clans, und heute stoßen Archäologen wie unser Co-Autor Harald Meller regelmäßig auf Massengräber." Mit der Abschaffung der Sklaverei und des Patriarchats seien wir aber auf gutem Weg zu besseren Zeiten, glauben die beiden.
Der MedienwissenschaftlerStephan Weichertkommt in der taz auf das leidige Thema Medienförderung zurück. Die Ampel hatte hier viel versprochen und am Ende nichts beschlossen: "Angesichts der bevorstehenden Neuwahlen können somit alle bisherigen Fördermaßnahmen der Presse bis auf weiteres als gescheitert gelten." Die Zeitungen hätten gern eine Zustellförderung für ihr Printexemplare gehabt, wodurch praktischer Weise Online-Redaktionen wie etwa der Perlentaucher oder die Krautreporter ausgeschlossen wären. Es gibt aber richtig leckere Modelle der Medienförderung, etwa in Luxemburg, wo paradiesische Zustände zu herrschen scheinen, so Weichert: "Jede Redaktion erhält pauschal eine jährliche 'Innovationshilfe' (226.275 Euro), dazu gibt es einen variablen Förderanteil von 33.941 Euro pro vollzeitbeschäftigtem Redakteur. Bei beiden Beträgen handelt sich - wohlgemerkt - um Zuschüsse." Weichert setzt aber vor allem auf "gemeinnützigen" Journalismus, der im wesentlichen von sich selbst als politisch neutral definierenden Stiftungen wie der Mercator- oder der Schöpflin-Stiftung etwa durch einen "Media Forward Fonds" (MFF, Website) massiv ins Spiel gebracht wird.
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