9punkt - Die Debattenrundschau

Intuitiv digital

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2021. Nick Cohen erklärt in in thecritic.co.uk, warum er Catherine Beltons Buch "Putin's People" lieber nicht bespricht. Zeit online versucht, die komplett aus dem Ruder gelaufene amerikanische Debatte über "Critical Race Theory" zu resümieren -  amerikanische Bundesstaaten haben Gesetze auf Trump-Linie erlassen, damit sie an Schulen nicht gelehrt wird. Bill Cosby, der von Dutzenden Frauen der Vergewaltigung beschuldigt wurde, ist wegen eines Verfahrensfehlers aus dem Gefängnis entlassen worden - eine Katastrophe für alle Opfer sexueller Gewalt, finden CNN.com und Guardian.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2021 finden Sie hier

Europa

Nein, Nick Cohen bespricht Catherine Beltons Buch "Putin's People" in thecritic.co.uk nicht, er schreibt darüber, warum er es lieber nicht bespricht - aus Angst, wegen angreifbarer Formulierungen verklagt zu werden, denn britische Verlage und Medien werden von Putin-nahen russischen Oligarchen mit einschüchternden und unbezahlbaren Prozessen überzogen, wenn sie über Putins Machtsystem berichten: "'Putin's People' ist nicht nur ein Protokoll über Russlands Verfall und unheimliche Dekadenz. Es ist auch eine treffende Metapher für den Zustand der Redefreiheit im heutigen Großbritannien. In den 1990er Jahren öffnete sich das Vereinigte Königreich für oligarchischen Reichtum aus Russland und der ganzen Welt. Das Ergebnis ist, dass wir in unserem eigenen Land nicht über ein Buch über oligarchischen Reichtum schreiben können, ohne eine Klage vor Gerichten zu riskieren, von denen wir naiverweise annahmen, es seien unsere eigenen. Das Vereinigte Königreich hätte besser daran getan, die Freiheit zu behalten und die Maklerprovisionen für den Verkauf von Mayfair-Immobilien und die Gewinnsteigerungen der Partner in Londoner Anwaltskanzleien zu verlieren." Das erste Opfer der juristischen Kriegsführung Putins war Karen Dawishas Buch "Putin's Kleptocracy", unser Resümee.

Schluss jetzt mit der Baerbock-Debatte, ruft Ulrich Schulte in der taz: "Ihre Fehler sind Lappalien, auch wenn sie von den üblichen Verdächtigen - rechten Trollen im Netz, der Bild-Zeitung, CSU-Generalsekretär Markus Blume - zu angeblichen Skandalen aufgeblasen werden. Jene haben ein Interesse daran, die Maßstäbe verrutschen zu lassen, aber ein bisschen auf die Relevanz schauen sollte man schon. Es ist etwas anderes, ob ein CSU-Verkehrsminister Hunderte Millionen Euro Steuergeld für eine untaugliche Pkw-Maut in den Sand setzt, ob sich Unionsabgeordnete in einer tödlichen Pandemie mit Schutzmasken-Deals die Taschen voll machen oder ob eine Grüne eine fremde Textstelle in ein Buch einbaut."

Paul Ingendaay will sie in der FAZ aber nicht ganz freisprechen und hat mit dem "Plagiatsjäger" Stefan Weber gesprochen. "Vielleicht, so ließe sich anführen, ist Annalena Baerbock als Autorin die Vertreterin einer jüngeren Generation, also intuitiv digital, und benutzt die Suchmaschine anders, ein bisschen wie Barmann und Cocktailshaker zugleich. Weber glaubt das auch. Dieser Typus gebe bei Google ein: 'Klimakrise, Deutschland, Lösungen, Grüne' - und schon purzelten die Treffer heraus. 'Und dann nehmen die Leute die Funde', sagt Weber, 'die ihnen sympathisch sind, kopieren sie heraus und frisieren sie ein bisschen um. Genau das ist die Textherstellungsmethode, gegen die wir heute an der Uni vorgehen müssen.'" Eine ausführliche Presseschau zum Casus in der MDR-Kolumne "Altpapier".
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Kulturpolitik

Der Kurator Bonaventure Ndikung (selbstverständlich ein Unterstützer des Appells der "Initiative Weltoffenheit") wird Chef des Hauses der Kulturen der Welt. Eingesetzt wurde er von Monika Grütters, und das obwohl er ein Kritiker des Humboldt Forums ist. Dabei wird er auch bleiben, sagt er im Gespräch mit Werner Bloch von der FAZ. "Selbstverständlich. Ich sage zum Beispiel nach wie vor: Der Königsthron aus Bamun in Kamerun, der im Ethnologischen Museum zu sehen ist, ist kein preußischer Kulturbesitz. Der gehört dem Volk der Menschen von Bamun. Es gibt keinen preußischen Kulturbesitz aus Afrika."

Ideen

"Unterm Strich fällt die Kosten-Nutzen-Rechnung für das Gendern nicht positiv aus", findet die Kommunikationsdesignerin Dörte Stein in der taz, die die Ideologie des Genderns vor allem in Unis und Institutionen verortet. Für die Bürger ist es dagegen nicht interessant und sogar kontraproduktiv: "Ob man zum Bäcker geht oder zur Bäckerin, zum Arzt, zur Ärztin oder zu* A/Ärzt*in, ist gemeinhin irrelevant. Doch die zunehmende Verdrängung des generischen Maskulinums durch die geschlechtergerechte Sprache zwingt zur Präzisierung und stellt das Geschlecht in den Vordergrund - auch da, wo es eigentlich keine Rolle spielen sollte. Die generische Form ist demgegenüber nicht nur praktischer, sondern auch weniger sexistisch."

Rieke Havertz versucht für Zeit online die komplett aus dem Ruder gelaufene amerikanische Debatte über "Critical Race Theory" zu resümieren. Mehrere amerikanische Bundesstaaten haben voll auf Trump-Linie Gesetze erlassen, damit "Critical Race Theory" nicht gelehrt wird. Bestimmte Behauptungen werden offenbar sogar strafbar! In dem Gesetzestext aus Oklahoma heißt es laut Havertz, dass "kein Lehrer ... die folgenden Konzepte zum Bestandteil eines Kurses machen darf: a) dass eine 'race' oder ein Geschlecht einer anderen 'race' oder einem anderen Geschlecht von vornherein überlegen ist; b) dass ein Individuum aufgrund seiner Hautfarbe oder seines Geschlechts von Natur aus rassistisch, sexistisch oder repressiv ist, ob bewusst oder unbewusst". Havertz kommentiert: "Die Vermittlung der Geschichte der Versklavten im Land, der Bürgerrechtsbewegung und auch der aktuellen Fälle von rassistischer Polizeigewalt und strukturellem Rassismus wird unter diesen Voraussetzungen schwierig."

Außerdem: Cécile Calla und Barbara Peveling werfen in Zeit online einen vergleichenden Blick auf den Feminismus in Deutschland und in Frankreich.
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Gesellschaft

Bill Cosby, der von mehr als fünfzig Frauen der Vergewaltigung beschuldigt worden war, wurde in einem einzigen Fall zu Gefängnis verurteilt. Er hatte zugegeben, der Frau eine einschläfernde Partydroge gegeben zu haben, um sie gefügig zu machen. Nun ist Cosby wegen eines Verfahrensfehlers aus dem Gefängnis entlassen worden. Aber seine Opfer, schreibt der Psychotherapeut John Duffy bei CNN.com, bleiben bestraft: "Die psychischen Folgen sexueller Gewalt sind verheerend. Viele Frauen, mit denen ich arbeite, haben Beziehungsprobleme, können sich nicht auf Intimität einlassen und keinem Mann mehr trauen. In extremen Fällen sind Essstörungen und Suizidgedanken nicht ungewöhnlich. Und klinisch widerstehen all diese Symptome psychologischen Behandlungsversuchen, denn therapeutischen Beziehungen beruhen auf Vertrauen, eine Ressource, die bei Opfern begreiflicher Weise oft fehlt." Für die #MeToo-Bewegung, so Duffy, ist Cosbys Freilassung eine Niederlage.

Auch Moira Donegan schreibt im Guardian über Cosbys Opfer Andrea Constand, deren Klage zu Cosbys Verurteilung geführt hatte, und all die anderen Opfer: "Die Fälle ziehen sich durch Jahrzehnte und ähneln sich auffällig. Einige, wie Constand, nahmen Pillen, von denen Cosby ihnen gesagt hatte, dass sie pflanzliche Stoffe enthalten. Andere wachten irgendwann auf, ohne jede Erinnerung an das, was passiert war, nackt und mit Schmerzen. Mehr als ein Dutzend dieser Frauen sagten in einem Zivilprozess 2004 aus. Weitere gingen im Laufe der Jahre an die Öffentlichkeit, aber Cosbys Karriere und sein Ruf blieben unbeschädigt."

Von Hanau bis Würzburg. Es häufen sich Einzeltäter mit mentalen Problemen, die sich bei extremistischen Diskursen bedienen, ein Muster, schreibt Konrad Litschko in der taz: "In einem im Juni veröffentlichten Report hält Europol fest, dass die europaweit zehn islamistischen Attacken 2020 mit zwölf Toten alle von Einzeltätern verübt wurden - von denen gleich mehrere 'eine Kombination aus extremistischer Ideologie und mentaler Erkrankung' aufwiesen. Die Verhinderung solcher Taten sei sehr schwierig: Denn hier gebe es 'kein klares Profil'. Einige psychisch auffällige Täter würden 'dschihadistisches Verhalten imitieren' - begünstigt durch die weite Verbreitung von islamistischer Propaganda und die mediale Berichterstattung über solche Terrortaten."
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