Efeu - Die Kulturrundschau

Coup de foudre der Liebe

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2021. Klar werden wir wieder tanzen und die Clubs wieder aufblühen, verspricht WestBam in der SZ. Im Interview mit Monopol erklärt die Modedesignerin Nina Hollein, warum auch ein ethisch korrektes Kleidungsstück tolle Schultern machen sollte. In der taz erinnert Martin Dannecker daran, wie aggressiv die Stimmung war bei der Premiere von Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt" vor fünfzig Jahren. Nicht Fehlerfreiheit sondern hermeneutische Power ist die Voraussetzung für eine gute Übersetzung, erklärt die FAZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2021 finden Sie hier

Bühne

Michael Kohlhaas an der Schaubühne. Foto © Gianmarco Bresadola


An der Berliner Schaubühne haben Simon McBurney und Annabel Arden Kleists "Michael Kohlhaas" als performative Aufführung inszeniert. Das funktioniert erstaunlich gut, meint in der taz Katrin Bettina Müller: "Sechs Lesepulte und Mikrofone sind auf der Bühne aufgereiht. Schon bei den ersten Sätzen fliegen die Worte von Mund zu Mund, ein geteiltes Erzählen, wie auf einem mittelalterlichen Markt. Von der gerechten Empörung zur Rache, die kein Maß mehr kennt, erstreckt sich in der ersten Hälfte der Inszenierung ein großer Spannungsbogen. Das Bühnensetting ist karg, aber eine akustische Kulisse aus Situationen konkretisierenden Geräuschen sorgt für kleine Überraschungsmomente. Mit ihren Schuhabsätzen übernehmen alle den Hufschlag der Pferde, mit Perücken schlüpfen sie sekundenschnell in die Rollen der Junker und Kurfürsten und auch von Martin Luther, die Kohlhaas in seinem Streit begegnen. Dieses skizzierende Spiel in großer Geschwindigkeit" macht der Kritikerin lange Spaß, aber im letzten Drittel wird es dann doch zäh. Dann geht ihr auch die "kompromisslose Selbstgerechtigkeit" des Kohlhaas auf die Nerven.

Nachtkritikerin Gabi Hift ist eigentlich begeistert von der Inszenierung, aber auch sie ist verstört, wie unheimlich ihr der zum selbstgerechten Fanatiker mutierte Michael Kohlhaas am Ende wird: "Das schlimmste ist, dass man spürt: genauso ist die Welt, unbegreiflich, fremd, völlig sinnlos. Man möchte nicht mehr zuhören, der kleinliche Triumph des Kohlhaas, der seine fünf Waisenkinder im Stich lässt, ist nur noch deprimierend, Kleist hingegen scheint sich mit ihm wie ein verlorenes Kind am Herunterschlucken des Zettels zu freuen. Hier wird er so fremd, dass man sein Innenleben nicht mehr nachvollziehen kann. Und McBurney und seine Komplizinnen, die liebenswerten Dealer von Sinnversprechen, sind hier auf verlorenem Posten. Oder einfach zu menschenfreundlich, um für diesen schrecklichsten aller Menschen im letzten Teil eine zwingende Form zu finden."

Im Tagesspiegel sieht Patrick Wildermann das ähnlich. Ein Robin Hood oder Whistleblower sei dieser Kohlhaas nicht: "Dafür sind die rein persönlichen Motive des ambivalenten Helden auf seinem Furor-Feldzug dann doch etwas zu ausgeprägt."

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Stijn Devillés "Frieden, Liebe & Freiheit" in Mainz (FR), "Der Club der toten Dichter" als Open Air Theater bei den Bad Hersfelder Festspielen (nachtkritik), die Uraufführung von Manuela Infantes Stück "Noise" am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik) und Alexander Zeldins Stück "Faith, Hope and Charity" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Literatur

Wie übersetzt man Guillaume Apollinaires Liebesbriefe an Louise de Coligny-Châtillon? Das war die Herausforderung beim "Wettbewerb der Übersetzer" des Deutschen Übersetzerfonds. Marie Luise Knott, die für den Perlentaucher auch eine Lyrikkolumne schreibt, war in der Jury und berichtet in der FAZ von ihren Eindrücken: "Ein erstes Resümee für die Zukunft des literarischen Übersetzens im deutschsprachigen Raum wäre: fehlerfreie Übersetzungen sind eine Fiktion. Was es zuallererst braucht, ist hermeneutische Power, die Originale möglichst eingehend zu studieren und ihnen - und nur ihnen - zu folgen. Die diesjährige Preisträgerin Françoise Sorel führt dies großartig vor. Ihr Einfall des klanglichen Zusammenfügens von 'Lou' und 'Luchs' gleitet zwischen den Sprachen und den Geschlechtern hin und her und holt mit dem deutschen 'Luchs' das 'lux' - das Licht - hinein. Den coup de foudre der Liebe."

Warum schreibt Christine Wunnicke in ihren Romanen eigentlich so oft über Wissenschaftsgeschichte? Das kann die Schriftstellerin im großen Gespräch mit der Literarischen Welt selbst nicht so genau beantworten, aber umso besser weiß sie, warum sie in ihren historischen Novellen und Romane so gut wie nie über Frauen schreibt: "Mir macht es einfach in den allermeisten historischen Situationen keinen Spaß. Mit einer Japanerin im 17. Jahrhundert kann ich wenig anfangen, die ist entweder Geisha oder eingesperrt, aber in jedem Fall unfrei. Da müsste ich entweder etwas historisch Falsches schreiben oder eine Geschichte über Frauenbefreiung. Ich schreibe gern Liebesgeschichten, wie jeder andere Mensch auch" und "so kommen die homoerotischen Geschichten zustande, das ist praktischer. "

Weitere Artikel: Manuel Müller erinnert in der NZZ an das schwierige Verhältnis zwischen Robert Walser und Carl Seelig, der Walsers Vormund war und dessen Nachlass am liebsten zerstört hätte. Philipp Haibach macht für den Freitag einen Abstecher zur Villa Massimo in Rom. Sonja Hartl denkt im CrimeMag über den Krimikanon nach, wer den zusammengestellt hat und was darin fehlt. Im CrimeMag spricht Ulrich Noller mit Anthony J. Quinn. Thomas Wörtche wirft für das CrimeMag einen Blick in postsowjetische Kriminalliteratur. Außerdem übernimmt das CrimeMag ein Gespräch mit Gera Ferreira aus El Pais - alle weiteren Artikel, Essays und Rezensionen des neuen CrimeMags hier. In der Dante-Reihe der FAZ wirft Hubert Spiegel einen Blick auf Dantes Verhältnis zur Sprache. Im Literaturfeature für Dlf Kultur befassen sich Marc Bädorf und Konstantin Schönfelder mit dem Zusammenhang zwischen Tennis und der Literatur.

Besprochen werden unter anderem Christoph Heins "Guldenberg" (Standard), Polina Barskovas "Lebende Bilder" (taz), Viet Thanh Nguyens "Die Idealisten" (CrimeMag), Björn Stephans Debütroman "Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau" (taz), Ingo Schulzes Erzählband "Tasso im Irrenhaus" (Standard), Arnold Stadlers "Am siebten Tag flog ich zurück" (online nachgereicht von der FAZ), John Mairs wiederentdeckter Thriller "Es gibt keine Wiederkehr" aus dem Jahr 1941 (CrimeMag), Audur Ava Ólafsdóttirs "Miss Island" (FR), Katharina Döblers "Dein ist das Reich" (SZ), Georges-Arthur Goldschmidts "Der versperrte Weg" (Literarische Welt) und Julia Rothenburgs "Mond über Beton" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Vor fünfzig Jahren kam Rosa von Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt" ins Fernsehen. Schlagartig waren die Probleme und Ausgrenzungen, mit denen Homosexuelle sich konfrontiert sahen, mitten in die öffentliche Debatte gebracht. Martin Dannecker, der am Drehbuch mitschrieb, erinnert sich in der taz an die überwältigenden Reaktionen: Es "war der Teufel los. Die Diskussion war aggressiv aufgeladen. Es wurde getobt und geschrien und das durchgängig, nachdem der Film gezeigt wurde. Das hat mich schon irritiert, keiner von uns hatte mit dieser Wirkung gerechnet. Aus heutiger Sicht bestehen die Meriten des Films daraus, dass er zur richtigen Zeit das Richtige getan hat. Er hat nicht um Verständnis geworben, sondern die homosexuellen Verhältnisse kritisiert und diese in einen Zusammenhang mit der sozialen Situation der Homosexuellen gebracht. Im Film wird kritisiert und gleichzeitig affirmiert. Das war raffiniert. Der Text kritisiert und das Bild affirmiert an vielen Stellen. Aus den Homophilen sollten Schwule werden."

Weitere Artikel: Verena Lueken erinnert sich in der FAZ wehmütig an ihre Jahre beim Filmfestival in Cannes und sorgt sich melancholisch, ob sich das Festival und das Kino vom Pandemiebruch im letzten Jahr je erholen wird. Und: Keiner plaudert so lange, ausgiebig und enthusiastisch wie Quentin Tarantino - sagenhafte viereinhalb Stunden kann man ihm im Pure Cinema Podcast beim Schwärmen von auf Youtube erhältlichen Public-Domain-Filmen zuhören. Sein absoluter Favorit: die offenbar haarsträubend witzige Komödie "Hi Diddle Diddle" von 1943.



Besprochen werden Kelly Reichardts Neo-Western "First Cow" (Standard, taz), Maria Schraders "Ich bin dein Mensch" (NZZ), "Percy" mit Christopher Walken (SZ) und Shaka Kings Black-Panther-Thriller "Judas and the Black Messiah" (SZ).
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Archiv: Film

Design

"Beuys Dress" aus der Kollektion "Suit Up" der Modedesignerin Nina Hollein. Bild courtesy Nina Hollein; Kunstverein Familie Montez


Silke Hohmann unterhält sich für monopol mit der Modedesignerin Nina Hollein, die ihre neue Kollektion gerade zusammen mit Kunstwerken ihres Bruders, dem Wiener Maler Philipp Schweiger, im Frankfurter Kunstverein Familie Montez zeigt: "Mir ist der Anspruch wichtig, dass der ethische Hintergrund eines Kleidungsstückes richtig und vernünftig ist. Nachhaltigkeit und Upcycling sind enorm relevant. Das ist aber nicht genug für ein starkes Modestatement. Man muss auch eine gewisse Lust und Extravaganz verspüren, die Mode für mich auslösen kann. Deshalb habe ich versucht, besondere Stücke hervorzubringen und den ökologischen Aspekt in etwas ästhetisch Spannendes, Unerwartetes, vielleicht auch Verspieltes zu entwickeln." Das gilt auch für ihr Beuys-Kleid, das mit großen Taschen besetzt ist: "Beuys' Anglerweste ist eine klare Referenz, aber es ist auch ein Kleid, das getragen tolle Schultern macht, ein bisschen wie eine Rüstung."
Archiv: Design

Kunst

Rosa Baba, Pillage of the Sea, bei Ostende. Foto: Beaufort21


Eine gut gelaunte Ursula Scheer besucht für die FAZ die Triennalen in Brügge und an der belgischen Küste, letztere von Heidi Ballet kuratiert: "Der Anspruch an aktuelle Relevanz, den Ballet an ihre Auswahl stellt und vor Ort auf Informationstafeln ausformuliert, ist gewaltig: Es geht um Klimakrise, Kolonialismus und Identität, und das angesichts steigender Meeresspiegel vor Seebädern, die ihren initialen Boom dem für die Kongogräuel verantwortlichen Leopold II. verdanken. In Ostende steht der König noch auf einem Sockel. Nicht weit davon, am Spülsaum des Meeres, hat die deutsch-italienische Künstlerin Rosa Barba Sandsäcke aus Beton nach Art eines Steinstapels aufgeschichtet. 'Pillage of the Sea' wird keinen Schutz bieten an der Erderwärmungsfront. Die Säcke markieren den Wasserstand und tragen Namen gefährdeter Küstenmetropolen: ein gischtumtostes Mahnmal für den drohenden Untergang."

Weiteres: In der FAZ erfreut sich Hubert Spiegel an Rembrandts "Nachtwache", für die das Rijksmuseum die abgeschnittenen Teile rekonstruiert hat. Die Documenta 2022 wird trotz Coronabeschränkungen stattfinden, meldet Birgit Rieger im Tagesspiegel. Bei Monopol kann Saskia Trebing mit einer von Einschränkungen gezeichneten Documenta leben: "Eine Post-Covid-Schau wird sich eher nicht wie vorherige Documenta-Ausgaben mit Gedanken an Wachstum und Besucherrekorde beschäftigen, sondern sich nach ihrer Essenz fragen."

Besprochen werden zwei Ausstellungen in Bonn und Duisburg, die die Beziehung zwischen Wilhelm Lehmbruck und Jospeh Beuys beleuchten (Tsp), die Ausstellung "The Displacement Effect" in der Berliner Galerie Capitain Petzel (taz), die Ausstellung "Pflanzen brechen aus der Erde" in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Ich hasse die Natur" im Schiller-Museum in Weimar (FAZ).
Archiv: Kunst

Musik

DJ Westbam blickt im SZ-Gespräch mehr als nur zuversichtlich in die Zukunft nach der Pandemie: Die Vorstellung, dass das Nachtleben für immer geschädigt sei, hält er "für eine aberwitzige These. Das Gegenteil wird passieren. Durch die erzwungene Abstinenz wird der Wert des Ausgehens und Tanzens höher eingeschätzt werden denn je. ... Die körperliche Nähe wird eine Renaissance erleben. Am Ende interessieren sich Menschen doch nur für eines. Für andere Menschen." Dass er die CDs und Datensticks Vinyl vorzieht und Plattenläden eigentlich nicht sonderlich mag, lässt ihn desweiteren erfrischend quer zum DJ-Mainstream stehen.

Das Schöne an der Ausstellung "Pop Punk Politik. Die 1980er Jahre in München" im Hildebrandhaus in München ist, dass hier nicht nur an der Isar gegen Strauß und Co. pogende Deutschpunkhelden gewürdigt werden, sondern "das Nebeneinander unterschiedlicher Stile, Moden und Weltanschauungen", schreibt Julian Weber in der taz. "Auch Rainald Goetz, Maxim Biller und Thomas Meinecke tauchen auf, Starautoren, die es aus dem 1980er-Subkultur-München längst auf die etablierte bundesweite Bühne gebracht haben." Passend dazu hat der BR sein tolles Feature über "Freizeit '81" wieder online gestellt - ein aus der Münchner Punkszene hervorgegangener Zusammenhang, der mit Spaßaktionen begann, aber für einige im Gefängnis endete.

Außerdem: Christian Schachinger zieht für den Standard jauchzend durch die wieder stattfindenden Wiener Clubnächte. Judith von Sternburg spricht in der FR mit der Dirigentin Giedre Slekyte. Georg Beck schreibt in der NMZ einen Nachruf auf Frederic Rzewski. Harry Nutt (FR), Ueli Bernays (NZZ), Edo Reents (FAZ) und Karl Fluch (Standard) erinnern an den Tod von Jim Morrison vor 50 Jahren.

Besprochen werden das neue Album von Hiatus Kaiyote (ZeitOnline), ein Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich unter Frank Strobel mit dem Filmmusik zu "Ben Hur" (NZZ) und Stefan Römers Klanginstallation "Decon Sound" im Haus der Statistik in Berin (taz).

Und: Das Logbuch Suhrkamp bringt eine neue Folge von Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte". Hier die Playlist:

Archiv: Musik
Stichwörter: Westbam, Clubkultur, 80er, Punk, München