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9punkt - Die Debattenrundschau

Im Transit zu leben

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.07.2020. Wann beginnt das Anthropozän, fragt Josef H. Reichholf in der NZZ, mit der Atombombe in Hiroshima oder vielleicht doch eher vor 40.000 Jahren? Überall wird über Denkmäler diskutiert: Statt ständig welche einzureißen, wäre es besser, neue zu bauen, meint Doris Akrap in der taz. Auch Donald Trump griff in seiner gestrigen Rede zum amerikanischen Nationalfeiertag in die Denkmaldebatte ein - und eröffnete laut New York Times einen Kulturkrieg. Der heutige Antirassismus ist extrem selektiv und benennt Missstände ausschließlich, wenn die Schuldigen weiß sind, kritisiert Ahmad Mansour in der taz. Die FAZ macht sich Sorgen um die Frankfurter Buchmesse.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2020 finden Sie hier

Politik

Auch Donald Trump äußert sich zur Debatte um Denkmalstürze. Gestern Abend hielt er zum Nationalfeiertag vor begeisterten Anhängern und der Kulisse des Mount-Rushmore-Monuments eine gespenstische Rede , über die etwa Annie Karni in der New York Times berichtet. Ohne Abstandsregeln in einer Phase der Coronakrise, in der sich in den USA täglich über 50.000 Menschen anstecken, attackierte er einen angeblichen "linksextremen Faschismus" und lieferte eine "polarisierende Botschaft des Kulturkrieges", so Karni, und zitiert: "Unsere Nation wird Zeuge einer erbarmungslosen Kampagne, die darauf abzielt, unsere Geschichte auszulöschen, unsere Helden zu diffamieren, unsere Werte auszulöschen und unsere Kinder zu indoktrinieren. Wütende Mobs versuchen, die Statuen unserer Gründer niederzureißen, unsere heiligsten Denkmäler zu verunstalten und eine Welle von Gewaltverbrechen in unseren Städten auszulösen."
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Kulturmarkt

Die Frankfurter Buchmesse zeigt, wie lang eingeübte Rituale und fest gefügte Institutionen durch die Coronakrise kräftig in Frage gestellt werden - Sandra Kegel dröselt das Choas im Leitartikel für die FAZ auf. Sämtliche großen Konzernverlage werden nicht mit Ständen auf der Messe sein. Bei anderen wichtigen Häusern wie Hanser, Suhrkamp oder Klett-Cotta stehe die Zusage noch aus: "Als wäre dies nicht genug, wurden dieser Tage Pläne publik, wonach die Buchmesse vom nächsten Jahr an gemeinsam mit der Musikmesse und Gaming-Anbietern in einem Kreativfestival nach dem Vorbild des Popkultur-Treffens 'South by Southwest' im texanischen Austin aufgehen sollte. Ein Aufschrei ging durch die Buchbranche, woraufhin die Pressekonferenz, bei der Oberbürgermeister Peter Feldmann die Pläne vorstellen wollte, wieder abgesagt wurde."
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Ideen

Statt nur Denkmäler zu stürzen und damit Orte möglicher Auseinandersetzung aus dem Blickfeld zu nehmen, sollten wir Denkmäler errichten, meint Doris Akrap in der taz. Zum Beispiel für den Beitrag, den die Gastarbeiter in Westdeutschland leisteten. Nur eines ist ihr bisher aufgefallen: "Es handelt sich um einen in Beton gegossenen Ford Transit in Miniaturform, der über und über mit verschnürtem Dachgepäck aus Matratzen, Koffern, Hühnerställen und Waschmaschinen beladen ist und auf einem kleinen Sockel in Bremen steht. Es erinnert an die Sommerreisen der Gastarbeiter*innen in ihre Herkunftsländer. Zwar fuhren viele von ihnen damals gar nicht Ford Transit, sondern Ford Taunus, aber geschenkt. Das damalige Lebensgefühl dieser Menschen - im Transit zu leben - ist mit dem Namen des Kleintransporters einfach perfekt getroffen." Das Denkmal steht in Bremen, hier ein Bild im Weser Kurier.

Der Historiker Wolfgang Reinhard hat in einem großen FAZ-Gespräch neulich (unser Resümee) nahezu alle heutigen Israelklischees in geradezu triumphalem Ton proklamiert - Israel sei ein kolonialistisches Projekt und ein Apartheidregime. Vehement widerspricht heute der Judaist Karl E. Grözinger: "So wie Tötung nicht gleich Mord ist, ist 'Siedlung' nicht gleich Kolonialismus. Von einem Historiker sollte man mehr Differenzierungsvermögen verlangen. Die Motive für den Zionismus sind eben ganz andere als die der britischen East India Company oder der Russia Company und Ähnlichen. Zur Geschichte gehört immer eine Vorgeschichte, anders kann man sie nicht verstehen und missdeutet sie. Und das muss man allen vorwerfen, die nun wieder einmal in einer 'Gelehrtendebatte' und ideologischen Straßenkämpfen die Juden, hier als Staat Israel, als Urgrund allen Übels betrachten."
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Wissenschaft

Wie sinnvoll ist der Begriff des "Anthropozäns"? Und wann genau setzt es ein? Mit der Atombombe in Hiroshima oder eventuell sehr viel früher? Diese Frage stellt Josef H. Reichholf in einem faszinierenden Essay in der NZZ. Er hält eine sehr viel frühere Datierung für plausibel: "Mit dem frühen Eindringen von Menschen in Australien vor mindestens 40.000 Jahren fand dort während der letzten Eiszeit ein großes Artensterben statt. Überhaupt dürfte die gegenwärtig so trockene und feueranfällige Natur Australiens das Werk der Aborigines und nicht allein naturbedingt sein. Offenbar setzten diese gezielt Feuer ein und glichen damit den Mangel an Werkzeugen aus, insbesondere an Distanzwaffen zum Jagen."
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Gesellschaft

Der heutige Antirassismus ist extrem selektiv und benennt Missstände ausschließlich, wenn die Schuldigen weiß sind - das führt zu einem kriminellen Schweigen bei Ungerechtigkeiten in anderen Gesellschaften, legt Ahmad Mansour in der taz dar: "Wer zum Beispiel heute auf die gefährdete Lage von Lesben und Schwulen in muslimischen Ländern und anderen traditionellen Gesellschaften hinweist, in denen homophobe Gesetze und Sitten gelten, wird im postkolonialen Diskurs oft als 'Homonationalist' bezeichnet. Solche Anwürfe sind grotesk. Sie verzerren die Frage, welche Probleme und Rechte auf dem Spiel stehen. Sie verstellen den Blick auf die Realität und verraten diejenigen, die in diesen Ländern um ihre Rechte kämpfen, die verfolgt und inhaftiert oder hingerichtet werden."

Die Berliner Verkehrsbetriebe benennen den U-Bahnhof Mohrenstraße um, meldet die Welt. Der Straßenname ist umstritten, Aktivisten sprechen in Berlin nur noch von "M-Straße": "Aus Verständnis und Respekt für die teils kontroverse Debatte um den Straßennamen habe sich die BVG entschieden, den Begriff 'Mohr' nicht weiter für die Benennung des U-Bahnhofs zu verwenden, teilte das Unternehmen mit. 'Als weltoffenes Unternehmen und einer der größten Arbeitgeber der Hauptstadt lehnt die BVG jegliche Form von Rassismus oder sonstiger Diskriminierung ab', hieß es in einer Mitteilung." Die Station wird künftig Glinkastraße heißen.

Über 500.000 Menschen sind in diesem Jahr aus den Kirchen ausgetreten - ein Rekord. Nur noch knapp die Mehrheit der Deutschen sind Mitglied, und viele davon wissen es nicht einmal, denn es gibt eine Menge Karteileichen, schreibt Herbert Thomsen in hpd.de. Aber "Kirchenaustritte, auch von mehr als einer halben Million in einem Jahr, haben keinen direkten Einfluss auf das Verhältnis von Kirche und Staat, auf die gesellschaftliche Stellung der Kirchen und schon gar nicht auf die Finanzen der Kirchenkonzerne einschließlich ihrer Wohlfahrtsverbände. Bei 12 Milliarden Euro Kirchensteueraufkommen wäre ein Verlust von einer Milliarde Peanuts im Verhältnis zu den circa 150 Milliarden Gesamtumsatz der Kirchenkonzerne." Da es bei Kirchen nicht um den Glauben gehe, hätten sie sich auch im außerkirchlichen Diskurs als eine "quasi-staatliche Institution für Ethik, Moral und Erziehung, Kindergärten, Schulen, Hochschulen" etabliert.
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Europa

Wird aus der Bundeswehr, die seit der Abschaffung der Wehrpflicht nur noch aus Freiwilligen besteht, wieder ein "Staat im Staate"? Die Elitetruppe KSK fiel jedenfalls durch krassen Rechtsextremismus einiger Mitglieder auf. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer will jetzt durchgreifen. Aber Sebastian Erb bezweifelt in der taz, dass das reicht: "Es gibt gute Gründe für Kramp-Karrenbauer, jetzt das KSK in den Mittelpunkt zu rücken. Die Misstände dort sind so eklatant, dass man handeln muss, und die Einheit wirkt einigermaßen überschaubar. Das Problem mit den Staatsfeinden in Uniform reicht jedoch weit darüber hinaus. Verteidigungsministerin und militärische Führung müssen jetzt wirklich durchgreifen. Sie müssen Rechtextremisten schneller als bisher aus der Truppe entfernen. Sie müssen den Korpsgeist bekämpfen, der dafür sorgt, dass Hitlergrüße übersehen und Rechtsrock überhört wird."

Die Wehrbeauftragte des Bundstags, Eva Högl, bringt angesichts des Rechtsextremismus in der Bundeswehr sogar die Wehrpflicht wieder ins Gespräch, meldet unter anderem die SZ und zitiert aus einem Interview Högls in der Funke-Mediengruppe: "Es tut der Bundeswehr jedenfalls sehr gut, wenn ein großer Teil der Gesellschaft eine Zeit lang seinen Dienst leistet. Das erschwert es auch, dass sich Rechtsextremismus in der Truppe breit macht. Ich möchte darüber im nächsten Jahr intensiv diskutieren."
Archiv: Europa