9punkt - Die Debattenrundschau

Die Zukunft des zerstörten Spitzturms

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.04.2019. Der Mueller-Report ist nun in Gänze zu lesen - und bei weitem nicht ohne Sprengkraft. Unter anderem stellt sich laut thedailybeast.com heraus, dass Julian Assange einen Angestellten der Demokratischen Partei anschwärzte, um seine russischen Quellen zu schützen. Die Irish Times kritisiert den Stillstand in der nordirischen Politik, die die Unruhen in Derry - die zum Tod der Journalistin  Lyra McKee führten - erst möglich machten. Notre Dame soll schnell wieder aufgebaut werden. Aber wie, fragen die Zeitungen. Und dann sind da die Probleme von Leica mit China.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2019 finden Sie hier

Politik

So uninteressant liest sich der Mueller-Report, der nun veröffentlicht ist, offenbar doch nicht. Unter anderem stellt sich heraus, dass Julian Assange nicht nur direkt mit russischen Stellen zusammenarbeitete, um E-Mails der Demokraten zu leaken und damit Donald Trump zu unterstützen, sondern dass er überdies Seth Rich, einen Mitarbeiter der Demokraten, der ermordet worden war, wissentlich für den Leak anschwärzte, um das Augenmerk von den Russen abzulenken, berichtet Kevin Poulsen in einem viel retweeteten Artikel in thedailybeast.com. Assange habe sogar durch Interview-Statements die Verschwörungstheorie unterstützt, dass die Demokraten selbst - in letzter Konsequenz Hillary Clinton - hinter dem Mord steckten: Und "während er skrupellos Rich ins Spiel brachte, um sich selbst oder den russischen Geheimdienst GRU oder beide zu schützen, fuhr Assange fort, mit seinen wirklichen Quellen zu kommunizieren, um den Transfer eines zweiten Wahlleaks vorzubereiten, Material, das der GRU vom Gmail-Konto von John Podesta gestohlen hatte."

Der Mueller-Report ist alles andere als eine Entlastung, schreibt Susan B. Glasser im New Yorker, aber er wird nicht Trumps Präsidentschaft beenden, die sie als eine Präsidentschaft mit Einschränkung schildert: "Gab es Behinderung oder nicht? Was sollen wir von den Aberdutzenden von Kontakten zwischen Trump Wahlkampfteam und russischen Vertretern im Jahr 2016 halten? Es gibt Beweise, aber nicht den 'Nachweis', dass eine Straftat stattgefunden hat, wie uns der Sonderberater sagte. Was hat also stattgefunden? Ohne eine neue Untersuchung gibt, bleibt die Einschränkung bestehen."

In der Jungle World beschreibt die algerische Feministin Naïla Chikhi, wie sich das Leben für die Frauen im Land veränderte, seit 1984 ein an die Scharia angelehntes Familienrecht mit Schlechterstellung der Frau verabschiedet wurde: "Der patriarchale Anspruch der Kontrolle über den Körper der Frau übertrug sich peu à peu vom privaten auch in den öffentlichen Raum. Damit veränderte sich auch das Verhalten der Männer auf den Straßen. Beleidigungen aufgrund unserer Zugehörigkeit zum 'falschen, minderwertigen' Geschlecht bis hin zu sexuellen Belästigungen begleiteten mich und meine Schulfreundinnen täglich auf dem Schulweg." Seit 2005 gebe es Liberalisierungen, schreibt Chikhi auch. Aber sie beobachtet den Debatte um das Kopftuch in Europa mit Entsetzen, denn: "Jedes Kopftuch in Europa schadet dem Freiheitskampf der Frauen in der islamischen Welt."

Diese Geschichte hat auch etwas Komisches. Der Luxuskamera-Hersteller Leica bekommt gravierende Probleme in China, weil in einem Werbevideo die Entstehung des berühmten Fotos des Studenten thematisiert wird, der sich bei den Tienanmen-Protesten vor einen Panzer stellte. Und dieses Thema ist in China bekanntlich absolut tabu. Die Geschichte ist Aufmacher im Wirtschaftsteil der FAZ. Hendrik Ankenbrand  berichtet aus Schanghai: "Rufe nach einem Bann von Leica-Produkten in China wurden laut. Dort verbaut der zweitgrößte Smartphonehersteller der Welt Huawei Leica-Kameras in seinen Geräten, die in der Werbestrategie des Konzerns aus Shenzhen eine bedeutende Rolle spielen. Pikant ist, dass sich Huawei nach Spionagevorwürfen Amerikas in den vergangenen Monaten zunehmend als patriotisches Unternehmen im Systemkampf mit den Vereinigten Staaten positioniert hat." Das Video ist inzwischen fast überall gelöscht, aber online kann man es auf der Website der FAZ noch sehen.
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Gesellschaft

Eindringlich protestiert Simone Schmollack in der taz nochmal gegen die deutsche, von den Kirchen definierte Gesetzeslage zur Sterbehilfe, über die vor dem Bundesverfassungsgericht gerade zwei Tage lang verhandelt wurde: "Der Erfahrung von Mediziner*innen aus Ländern mit legaler Sterbehilfe zufolge sinkt die Selbsttötungsrate, sie steigt nicht, wie hierzulande von manchen befürchtet wird. Und niemand, schon gar nicht Mediziner*innen, Pfleger*innen und Angehörige werden 'einfach so töten', wie Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgommery behauptet. Erwiesen ist auch, dass sich Menschen besser fühlen, wenn sie, statt zu einem Sterbehilfeverein in die Schweiz reisen zu müssen und so den eigenen Tod unmittelbar vor Augen zu haben, ihren Todeszeitpunkt durch eine Spitze selbst bestimmen und auch wieder verschieben zu können."
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Stichwörter: Sterbehilfe, Paragraf 217

Medien

Die NZZ mag von der Republik, einer der wenigen erfolgreichen Gründungen von Internetmedien, auch manchmal hart attackiert worden seien (das Magazin ist ja nur mit bezahltem Abo zu lesen). Ziemlich boshaft liest sich nun jedenfalls René Zeyers kleiner Artikel über die Republik in der NZZ: "Eigentlich die Spiegelung der Weltwoche. Bis hinein ins Personal. Constantin Seibt ist ein Roger Köppel, wenn der mal die Tinte nicht halten kann. Und genauso wie die Weltwoche in weiten Teilen das Weltbild ihrer Leserschaft bestätigt, tut das die Republik auch."
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Stichwörter: Republik.ch

Ideen

Auch auf Deutschland greift das zensorische Verhalten der universitären Linken über, konstatiert Jürgen Kaube im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ und diagnostiziert auf magisches Denken: "Englisch würde man vom 'No platform'-Argument sprechen. Was nicht gefällt, soll erst gar keine Bühne erhalten. Unterstellt werden Ansteckungsgefahr und das Abfärben von Reputation auf die missliebigen Gegner."
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Stichwörter: No Platform

Europa

Politische Analysen zur Lage in Nordirland, wo pünktlich zu Ostern Gewalt verübt wird, gibt es in den britischen Zeitungen nicht so recht. Die Reporterin Lyra McKee wurde in Derry offenbar von einem maskierten New-IRA-Mann bei Aussschreitungen gegen die Polizei getötet. Ihre Kollegin und Freundin Susan McKay schreibt den Nachruf für den Guardian: "Ich bin sicher, sie hätte mit Mitleid auf diese maskierten jungen Männer in Derry geschaut und hätte ihnen gesagt, dass sie nicht nur Feuerwerkskörper und Molotow-Cocktails, sondern ihr Leben wegwerfen. Sie hätte auch die alten Heuchler attackiert, die immer nur junge Leute aussenden, um ihre Schlachten zu schlagen."

Politischer liest sich das Editorial der Irish Times, das auf die seit Monaten in in Nordirland herrschende politische Blockade anspielt: "Die Verantwortung für McKees Tod liegt bei demjenigen, der den Abzug auslöste, bei denen, die ihn und seine Gefährten anleiten oder beeinflussen. Aber der politische Stillstand hat ein Vakuum geschaffen, das ihren Zwecken dient. Die wichtigsten politischen Parteien des Nordens haben zugunsten ihrer eigenen Interessen ihre Verantwortung für die Allgemeinheit und die Gesellschaft vernachlässigt. Das Versagen der politischen Institutionen hat den politischen Fortschritt und eine wirkliche Antwort auf die Hoffnungslosigkeit, die von den Extremisten ausgenutzt wird, gestoppt."

Emmanuel Macron will eine schnelle Wiederherrichtung von Notre Dame. Dann müsste er aber auch große bauliche Veränderungen akzeptieren, schreibt Rudolf Balmer in der taz, der den Religionshistoriker Jean-François Colosimo zitiert: "Er glaubt, schon deshalb sei es vorschnell, wie Macron von ein paar Jahren zu reden. 'Wenn man einen Dachstuhl aus Eichenholz [wie beim zerstörten Original] reparieren will, dauert das sehr viel länger als fünf Jahre. Wenn man dagegen ein Dach mit Stahl und Beton wählt, wie bei der Rekonstruktion der im Ersten Weltkrieg bombardierten und danach wiederaufgebauten Kathedrale von Reims, geht das effektiv viel schneller.'"

Auch Joseph Hanimann berichtet in der SZ von einsetzenden und möglicherweise schwierigen Debatten über die Art der Rekontruktion: "Im Mittelpunkt der Diskussion steht dabei die Zukunft des zerstörten Spitzturms von Viollet-le-Duc aus dem 19. Jahrhundert."

Arno Widmann denkt unterdessen in der Berliner Zeitung über die schmerzhafte Meldung nach, dass es eine bloße zu verhindernde Nachlässigkeit war, die die Katastrophe auslöste: "Die Meldung aber, dass die Ursache des Menetekels der brennenden Kathedrale von Notre-Dame ein Kurzschluss war, erhellte mit einem Schlag unsere wirkliche Situation. Wir mögen in einer Welt von Zwecken leben, die aber sind eingebettet in die Sinnlosigkeit des Ganzen." In der NZZ schreibt Alex Capus über seine Kindheitserinnerungen an Notre Dame: "Kein gebürtiger Pariser ist jemals auf dem Eiffelturm gewesen, keiner würde sich auf Montmartre blicken lassen; diese Orte überlässt man den Touristen... Notre-Dame hingegen kennt jeder. Sie ist das alte, große Herz dieser herrlichen Stadt".
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