9punkt - Die Debattenrundschau

Tonnen von dem Zeug

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.11.2018. In der NZZ fürchtet Damiano Cantone, dass Italien zum Paternalismus zurückkehrt: Künftig wird der Staat überwachen, dass niemand sein Bürgergeld für Zigaretten, Alkohol oder Pornos ausgibt. In der FAZ betont die Etnologin Larissa Förster, dass kolonialisierte Gesellschaften den Kunstraub schon immer für Unrecht hielten. Im Guardian fordert auch Simon Jenkins: Gebt den Osterinseln ihre Statue zurück. In der Financial Times fragt Lionel Barber resigniert: Wen interessieren eigentlich noch Scoops?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2018 finden Sie hier

Europa

In der NZZ bedankt sich der Philosoph Damiano Cantone recht schön bei den Cinque Stelle, die ihr Bürgergeld von der rechten Lega haben kapern lassen: Die 780 Euro werden bedürftige Menschen nur unter der Bedingung bekommen, dass sie es nicht für unmoralische Produkte ausgeben: Schluss mit Zigaretten, Pornos, Alkohol. Über Chips und Apps wird der Staat das alles kontrollieren: "Einigen dürfte es gar vernünftig scheinen, weil er wie ein strenger, aber wohlwollender Vater agiert, der seinen Kindern auf die Finger schaut. Schließlich stammt das Geld, das er verteilt, von anderen Bürgern. Und genau das ist der Punkt. Die Regierung tut so, als würde das Geld ihr gehören und nicht den Bürgern, die die Steuern mit ihrem sauer verdienten Geld berappen. Zudem setzt sich der Staat als jene Instanz in Szene, die besser als die Bürger weiß, was ihnen frommt - die Infantilisierung der Gesellschaft, die Silvio Berlusconi einst einleitete, nimmt in Italien die nächste Stufe. Führt sich das Kindlein schlecht auf - nun ja, dann stutzen wir ihm eben die Zuwendungen! So lernt es etwas. Diese Haltung, die der Staat gegenüber Untertanen einnimmt, hat einen Namen: Paternalismus."
Archiv: Europa

Kulturpolitik

Auch die Osterinseln wollen die Statue zurück, die eine britische Fregatte 1868 für Königin Victoria als Souvenir mitnahm: Im Guardian findet Simon Jenkins: "Die erste Antwort auf Rückgabeforderungen ist einfach: Man muss ihr nachgeben. In unseren Kellern stehen Tonnen von dem Zeug. Fairerweise muss man sagen, dass damit damit angefangen wird. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bringt Gesetze für die Rückgabe des afrikanischen Erbes auf den Weg. Das British Museum seinerseits gibt Objekte als permanente Leihgaben zurück. Die Benin-Bronzen gehen nach Nigeria, und das Museum ist bereit, mit den Osterinseln zu reden. Mehr Sorge bereitet die Frage, was die Restitution für die Welt-Museen bedeutet. Sie sin die wahren Erben der Kolonialreiche. Ihre Verteidiger stimmen immer wieder den Kuratoren-Gesang an, dass sie globale Wächter seien, eine Quelle der Forschung, der Ort, an dem Kunst ihren Kontext bekommt. Aber wenn der Kontext wirklich zählt, warum nicht Objekte wie die Lewis- Schachfiguren, das Lindisfarne-Evangeliar und den Parthenon-Fries dahin geben, wo sie urprünglich genossen werden sollten? Das einzige echte Argument der Museen ist, dass Besitz neunzig Prozent des Rechts ausmachen."

Die Berliner Ethnologin Larissa Förster widerspricht in der FAZ vehement der Auffassung, dass die Rückgabe afrikanischer Kunst erst in jüngerer Zeit gefordert wird. Es gibt etliche, noch nicht zu Ende erforschte Beispiele, in denen sich afrikanische Gesellschaften gegen die Enteignung wehrten und eine Rückgabe forderten. Und formal legalistische Argumente will Förster auch nicht gelten lassen: "Es ist bemerkenswert, dass immer, wenn auf die Frage der Legalität zum Zeitpunkt des Erwerbs von Objekten verwiesen wird, nur auf die eigenen historisch gewachsenen Rechtssysteme geblickt und selten nach den historischen Rechtssystemen der 'Anderen' gefragt wird. Es scheint, als würden deren Rechtsvorstellungen noch immer dem Feld der Mythologie oder Religion zugeordnet."

Im Tagesspiegel resümiert Birgit Rieger die bisherige Diskussion um den Bericht von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr zur Restitution afrikanischer Kunst.

Medien

In einer Rede blickt der FT-Chefredakteur Lionel Barber auf die Entwicklung des Finanzjournalismus zurück, der einst durchaus eine ungut geschlossene Gesellschaft war. Heute jedoch überfluten Armeen von PR-Strategen und Ex-Geheimdienstler mit gesteuerten Informationen die Öffentlichkeit, während sich private Märkte dem kritischen Blick entziehen. Der Rest ist Unterhaltung: "Zuerst wurden Börsen ein Zuschauersport, vor allem fürs Kabelfernsehen. Die Live-Kommentierung hat die tiefgründige Berichterstattung ersetzt. Die Jagd nach Klicks hat die Berichte verflacht und Schlagzeilen versimpelt. Das gegenwärtige und zünftige Risiko für die Medien ist, dass sie in Wahnsinnstempo zu Waren werden. Heute liegt die Halbwertzeit eines Scoops zwischen fünf Sekunden und zwei Stunden. Die Tage, in denen die Welt aufwachen würde bei einer welterschütternden Exklusivnachricht auf der Titelseite einer Zeitung sind lange vorbei."

Und David Brooks gibt in der New York Times den Kollegen im Politik-Ressort gleich noch eins mit. Wie wäre es mal wieder, sich mit dem zustand des Landes zu beschäftigen als nur mit den Clowns im Weißen Haus? "Auf jede Schandtat von Donald Trump aufspringen. Seine narzisstische Provokationen in den Mittelpunkt stellen. Jeden Tag Verachtung ausdrücken von der sicheren Warte unseres politischen Silos aus. Das ist ja offenbare das Geschäftsmodell der Nachrichtensender und Online-Medien. Und tatsächlich gibt es ein großes verlässliches Publikum, das sich immer wieder einschaltet, um abgestoßen zu sein und sich Trump überlegen zu fühlen, süchtig nach den täglichen Ritualen moralischer Onanie."

In der NZZ beoabchtet Rainer Stadler, wie der rechte Verleger Christoph Blocher in der Schweiz jetzt auch den Markt der Gratiszeitungen aufmischt.
Anzeige
Archiv: Medien

Geschichte

Mit reichlich Spott belegt Marc Tribelhorn in der NZZ den Generalstreik, mit dem die Arbeiterbewegung vor hundert Jahren auch in der Schweiz die 48-Stunden-Woche, Altersvorsorge und Frauenstimmrecht forderten und der noch heute den Sozialdemokraten und Gewerkschafter am Herzen liegt: "Dabei eignet sich der landesweite Generalstreik vom November 1918 nur bedingt als Erfolgsstory, handelte es sich doch zunächst um die bitterste Niederlage in der Geschichte der schweizerischen Arbeiterschaft."
Archiv: Geschichte

Politik

In der FAZ beobachtet Joseph Croitoru die saudischen Medien, für die jetzt endlich mal Schluss sein soll mit dem Mord an Jamal Khashoggi: Schlimmer als der grausige Mord sei seine politische Instrumentalisierung: "Indes gibt sich das saudische Regime momentan alle Mühe, sich von seiner freundlichen Seite zu zeigen; im Gegenzug huldigen seine loyalen Untertanen ihrem König und seinem Thronfolger seit Tagen in der regierungsnahen Presse mit auffallend vielen Annoncen, in denen sie ihnen enthusiastisch ihre Treue bekunden. Daneben fallen in dem Blatt Al-Riyadh, das in aller Ausführlichkeit über die Rede des Königs berichtete, Suchanzeigen der saudischen Gefängnisbehörde auf, die in mehreren Provinzen dringend große Gebäude mieten will.

Der Wirtschaftswissenschaftler Wladislaw Inosemzew rechnet in der NZZ vor, dass so viele Menschen in Russland von Waldimir Putins Politik profitieren, dass die Chancen auf Reformen schon rein ökonomisch schwinden: Neben der Masse von Beamten sind das vor allem die Mitarbeiter der Geheimdienste, die Silowiki: "Nicht nur, dass diese Gruppe der russischen Bevölkerung zum größten Teil nichts zur wirtschaftlichen oder sozialen Entwicklung des Landes beiträgt, sie stört diese sogar. Um ihre Existenz aufrechtzuerhalten, führen sie immer neue Beschränkungen ein. Deren Überwachung sichert ihren Lohn, die Sanktionierungen bei Nichteinhaltung garantieren korrupten Gewinn. Die Zahl derer, die in diesen Strukturen beschäftigt sind, übersteigt diejenige in Industrieländern bei weitem: Das FBI und die CIA verfügen nur über ein Drittel der Beschäftigten wie der FSB."

In der taz berichtet Barbara Wurm von Karls Schlögels Mosse-Lecture: "Russland-Versteher - Wenn es doch welche gäbe".
Archiv: Politik